Der historische Urknall des Glaubens. Betrachtung zu Ostern

 

Eindrucksvoll, finden Sie nicht? Wenn das Licht der Osterkerze zu Beginn des Osterfestes das Dunkel eines Kirchenraumes erhellt. Eine winzige Flamme nur besiegt die Finsternis. Ein Lied greift dieses Bild auf: „So wie die Nacht flieht vor dem Morgen, so zieht die Angst aus dem Sinn! So wächst ein Licht in Dir geborgen, die Kraft zu neuem Beginn!“. - Das ist der Kern der Botschaft von Ostern: Das Leben hat besiegt den Tod. Christus ist wahrhaft auferstanden!

Wäre Jesus nicht auferstanden, fügt Paulus an einer Stelle hinzu, dann wären wir Christinnen und Christen erbärmlicher dran als alle anderen. Denn dann hätten wir in unserem Leben auf Sand gebaut, dann wäre unser Glaube nutzlos, eine Luftbuchung, nichts als Selbstbetrug, das ängstliche Pfeifen im düsteren Wald der Sinnlosigkeit des Seins. Was der Apostel damit andeutet, ist uns Glaubenden durch alle Zeiten hindurch und sogar bis in die Gegenwart hinein nachgesagt worden. „Projektion“ lautet das Stichwort, Selbstbetrug! Christinnen und Christen hätten einfach nur zu viel Angst, der Endlichkeit des Todes tapfer ins Auge zu blicken. Der Vorwurf ist massiv. Dass nämlich mitunter der bloße Wunsch Vater eines Gedankens sein kann, das wissen wir. Sind wir also, wenn wir Ostern feiern, bloß einer traumhaften Idee aufgesessen? Einer Illusion?

Wer so fragt, fragt nach den Grundfundamenten des Glaubens. Kann das im tiefsten Sinne wahr sein, dass der Gekreuzigte lebt? Und dass darum jeder, der glaubt, eine große Zukunft hat – eine Zukunft jenseits der Grenzen des Todes? Das Evangelium behauptet ohne Wenn und Aber, jedoch mit größtem Nachdruck, dass der gekreuzigte Jesus lebt. Doch woran dürfen wir das festmachen? Wie sehen sie aus, die Fundamente unseres Glaubens, die eine so weitreichende Hoffnung allererst begründen könnten? Wenn wir so nachbohren, dann müssen wir uns die Mühe machen, zurückzuschauen. Zurück nach Jerusalem. Dorthin, wo Jesus von Nazareth vor knapp 2000 Jahren wie ein Verbrecher öffentlich hingerichtet wurde. Die Jünger Jesu, seine Begleiter und Freunde hatten sich traurig in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Die Jesus-Bewegung – man kann es gar nicht anders sagen – hatte sich unter dem Kreuz fürs erste erledigt. Wie sollte man denn auch allen Ernstes in einer gekreuzigten Leiche noch den Sohn des lebendigen Gottes erkennen können? Und so wendete man sich ab und ging enttäuscht nach Hause. 

Doch dann, und das ist sozusagen der historische Urknall christlichen Glaubens, geschah etwas gänzlich Unerwartetes. Etwas, das unsere menschliche Vorstellungskraft schlichtweg sprengt. Etwas, das so faszinierend und so unbegreifbar ist, wie Gott selbst faszinierend und unbegreifbar ist. Die Jünger Jesu nämlich, die noch vor wenigen Tagen aus Angst um ihr Leben das Weite suchten, die kommen nun – unabhängig voneinander – nach Jerusalem zurück. Und sie behaupten das Unglaubliche:  Dass der Gekreuzigte lebt. Auf ganz andere, jetzt völlig neue Weise haben sie ihn – wie es im Neuen Testament wörtlich heißt – „gesehen“. Und nichts und niemand kann sie jetzt noch davon abbringen, aller Welt zu sagen: Der Herr ist  auferstanden, der gekreuzigte, der gestorbene und begrabene Jesus lebt. 

An dieser Stelle setzt das ein, was wir Osterglaube nennen. Man kann das Geheimnis von Ostern nämlich im Letzten nicht beweisen - jedenfalls nicht so wie sich eine mathematische Formel beweisen lässt. Die Osterbotschaft entzieht sich schlicht und einfach unserer menschlichen Vorstellungskraft. Ich kann zwar bestimmte Indizien für die Glaubwürdigkeit der Osterbotschaft benennen. Sie lassen den christlichen Osterglauben eben nicht erscheinen wie an den Haaren herbeigezogen. Trotzdem: Einen unumstößlichen, etwa naturwissenschaftlich fixierbaren Beweis der Auferstehung Jesu im eigentlichen Sinn, den bekomme ich nicht. Aber das ist auch kein Wunder, denn Ostern hat von seinem Kern her mit Gott zu tun. Wann immer aber Gott ins Spiel kommt, kann ich meine naturwissenschaftlichen Beweise bei Seite packen. Ich kann mich Gott nicht anders nähern als glaubend, hoffend und vertrauend. Denn wenn ich meinte, ich könne ihn vermessen, wiegen, ablichten oder gar beweisen, dann wäre Gott nicht mehr Gott, sondern der Spielball meiner Gedanken. Gott ist aber immer größer! ER ist absolutes Geheimnis. 

Ganz am Ende geht es doch eigentlich nur um diese eine Frage: Was traue ich dem Gott, an den ich glaube, denn eigentlich zu? Wo Du den Schritt hin zu diesem Glauben wagst, wo Du dem Zeugnis der Osterbotschaft vertraust, ihm Glauben schenkst, da verändert, ja da weitet sich Dein Horizont:

Die Freude, die Du in Deinem Leben verspürst, die wird plötzlich echt, weil sie ein Fundament bekommt, einen wirklich tragfähigen Grund. Die Liebe, die Dir entgegengebracht wird oder die Du selbst anderen Menschen schenkst, die wirkt dann plötzlich nicht mehr einfach sinnlos. Im Licht von Ostern ist jede Liebe eingebettet in die größere Liebe dessen, der will, dass Du das Leben hast. Und dass Deine Hoffnung und Sehnsucht, alles was Du in Deinem Leben Gutes gewollt und getan hast, ja dass Deine Liebe eines nahen oder fernen Tages nicht einfach im Nichts verpufft, sondern dass sie bleibt und dass sie Früchte bringt. Aber auch die Traurigkeit, die Dir vielleicht zu schaffen macht. Die Begegnung mit Trauer und Leid, mit den kleinen und den großen Abschieden des Lebens: Das alles muss Dich nicht bleibend niederdrücken oder mit Angst erfüllen. Der Tod hat nur das vorletzte Wort. Das letzte Wort aber hat Gott selbst. Und dieses Wort, das Gott gesprochen hat, ist das Wort einer Liebe zu uns Menschen, die wirklich stärker ist als der Tod.

Das Licht der Osterkerze erhellt das Dunkel eines Raumes. Eine kleine Flamme besiegt die Finsternis. Das ist nicht sehr wahrscheinlich, und trotzdem ist es wahr. Wo Du das Licht der Osternacht in Dein Leben hineinscheinen lässt, da wird es hell. Da bekommt Dein Leben Zukunft. Das ist vielleicht auch nicht sehr wahrscheinlich, aber trotzdem ist es wahr. Denn: wie die Nacht flieht vor dem Morgen, so zieht die Angst aus dem Sinn,so wächst ein Licht in Dir geborgen, die Kraft zum neuen Beginn.

(Der Text erscheint in der Wochenzeitschrift „Sonntag“)