Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Universität Luzern, Theologin bei der Cityseelsorge St. Gallen, Mutter von drei Kindern: Ann-Katrin Gässlein ist vielfältig engagiert – ihre Erfahrungen, Praxis und Wissenschaft befruchten sich.

Bild Ann-Katrin Gaesslein
«Wir können auf die Studierenden eingehen und sie ganz anders begleiten als an einer grossen Universität»: Ann-Katrin Gässlein, Wissenschaftliche Assistentin an der Theologischen Fakultät, hier an ihrem Wohnort St. Gallen. (Bild: Lorena La Spada)

Vorlesungen, Team-Meetings und sogar Diplomfeiern: Wie das vergangene Jahr gezeigt hat, gibt es kaum eine Veranstaltung, die nicht als Video-Konferenz durchgeführt werden kann. Was für Universitäten und Unternehmen gilt, ist bei der Kirche nicht anders: Auch sie hat im Zuge der Pandemie verstärkt auf digitale Tools gesetzt. Welche Vor- und Nachteile diese mit sich bringen, weiss Ann-Katrin Gässlein aus erster Hand. Als Mitarbeiterin der Cityseelsorge St. Gallen war sie bei der Entwicklung von «Zoom»- und «WhatsApp»-Gottesdiensten involviert. «Solche Formate bieten grosse Chancen», ist sie überzeugt. Damit ein Online-Gottesdienst funktioniert, müssen laut Gässlein jedoch gewisse Regeln beachtet werden. So sollten die digital Mitfeiernden wenn immer möglich in den Gottesdienst eingebunden werden. «Die Mitwirkung ist Kernelement jedes Gottesdienstes.» Rituale wie das gemeinsame Anzünden einer Kerze, das Vorlesen biblischer Texte oder Gebete können laut Gässlein zu einem erfolgreichen digitalen Gottesdienst beitragen. Auch sie selbst partizipiert regelmässig als Sängerin an kirchlichen Online-Veranstaltungen.

Viele wertvolle Erfahrungen gesammelt

Nebst ihrer Arbeit bei der Citypastoral St. Gallen, wo sie für das Ressort Kultur und Bildung zuständig ist, ist Ann-Katrin Gässlein seit 2018 als Wissenschaftliche Assistentin an der Professur für Liturgiewissenschaft tätig. Bevor sie nach Luzern kam, war sie unter anderem als leitende Redaktorin bei der katholischen Zeitschrift «forumKirche», bei Caritas Schweiz sowie beim Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen tätig. Die 40-Jährige glaubt nicht, dass sie sich «zu spät» für die Wissenschaft entschieden habe. Im Gegenteil. «In den elf Jahren, die ich ausserhalb des universitären Betriebs tätig war, konnte ich viele wertvolle Erfahrungen sammeln. Diese helfen mir heute, auch in herausfordernden Situationen Ruhe zu bewahren.» Gerade in Sachen Projektmanagement sowie im Umgang mit den unterschiedlichsten Kunden und Kulturen profitiere sie von ihren bisherigen Tätigkeiten.

Das Feiern des Geheimnisses Gott kann man nicht rein intelektuell abhandeln.
Ann-Katrin Gässlein

Die Universität Luzern kennt Gässlein indes schon einiges länger. Als sie 2013 von dem neu angebotenen Theologie-Fernstudium erfuhr, zögerte sie nicht lange. Das Studium, das sie 2017 mit der Masterarbeit bei Professor Peter G. Kirchschläger abschloss, hat sie als «wunderbare und auch intensive Zeit» in Erinnerung. «Ich fand toll, wie persönlich man hier begleitet wird.» Die überschaubare Grösse mache es möglich, die Kommilitonen und auch die Dozierenden wirklich kennenzulernen. Das schätze sie auch heute noch. «Wir können auf die Studierenden eingehen und sie ganz anders begleiten als an einer grossen Universität.» Trotz aller Freude über ihre Tätigkeit in Luzern hat Gässlein auch Wünsche für die Zukunft. Sie ist überzeugt: «Der rein kognitive Austausch ist für die Liturgiewissenschaft nicht genug. Das Thema Religion kann man vielleicht intellektuell abhandeln, nicht aber das Feiern des Geheimnisses Gottes.» In der Cityseelsorge St. Gallen führen Gässlein und ihr Team vor Sitzungen deshalb regelmässig eine kurze Andacht durch. «Ich würde es schön finden, wenn das an der Uni mit den Studierenden künftig ebenfalls möglich wäre.»

Keine Vorbehalte wegen Zweitjob

In den vergangenen Jahren ist bei Ann-Katrin Gässlein nicht nur in beruflicher Hinsicht viel passiert. Mittlerweile ist sie Mutter von drei Kindern. Es gelingt der St. Gallerin, ihr Familienleben und ihre Jobs unter einen Hut zu bringen. Während es anderswo nicht gerne gesehen werde, wenn Assistierende noch weiteren Tätigkeiten nachgehen, sei in Luzern das Gegenteil der Fall. «Professorin Birgit Jeggle-Merz begrüsst es, dass ich einen zweiten Job habe. So erhalte ich zum Beispiel immer wieder die Möglichkeit, meine Erfahrungen aus der Pastoralpraxis in die Arbeit an der Uni einzubinden.» Als Wissenschaftliche Assistentin unterstützt Gässlein das feste Lehrangebot. Darüber hinaus ist sie an Konferenzen und Fachtagungen involviert. Viel Zeit investiert sie zudem in ihre Dissertation, bei der sie sich mit multi- und interreligiösen Feierformen auseinandersetzt. Seit dem Sommer 2019 besuchte und analysierte sie zahlreiche gemischt-religiöse Feiern. Im nächsten Frühjahr will sie ihre Arbeit abschliessen.

Es geht darum, für Freiheit einzustehen, für soziales Engagement, für die Natur.

Natürlich spielt die Religion bei Ann-Katrin Gässlein auch zu Hause eine Rolle – wenn auch nicht in dem Ausmass, in dem man es vielleicht vermuten würde. «Mein Mann ist nicht religiös.» Sie versucht, ihre Kinder behutsam an das Thema heranzuführen. «Ich will ihnen nichts aufzwingen. Aber sie sollen lernen, dass Ostern mehr bedeutet als nur Schokohasen.» Auch sie lernte das schon früh. Ihre Mutter war Religionslehrerin, Gässlein selbst war Ministrantin und sang schon als Mädchen im Kirchenchor. «Zudem war mein Grossonkel Priester. Das Thema Religion war also immer präsent.» Und sorgte für Gesprächsstoff. «In unserer Familie wurde immer viel diskutiert.» Für Ann-Katrin Gässlein ist es stets wichtig, auch andere Meinungen zu akzeptieren. Sie weiss: «Religiöse Menschen können für nicht-religiöse Menschen bisweilen anstrengend sein.» Dennoch ist die Theologin überzeugt, dass es katholische Werte gibt, für die es sich lohnt einzustehen. «Vielfalt in der Einheit, das ist für eine Religionsgemeinschaft kein schlechtes Programm. Katholisch zu sein und zu bleiben, lehrt Toleranz und Durchhaltevermögen – und braucht heute auch kritischen Widerspruchsgeist.» Auch für die Gesellschaft könne die Mitgliedschaft in der Kirche viel bewirken: «Es geht darum, für die Freiheit einzustehen, für soziales Engagement, für die Natur.» Bei diesem Prozess könne auch die Kirche einen Beitrag leisten.

Neben ihren anspruchsvollen Jobs und der Familie bleibt Ann-Katrin Gässlein nicht viel Zeit für weitere Hobbys. Diese vermisst sie aber auch nicht. «Meine Familie erdet mich und gibt mir Kraft.» Da kann der berufliche Alltag noch so hektisch oder herausfordernd sein: Wenn sie mit ihren Kindern zu Mittag isst oder sich nach Feierabend über deren Leben austauscht, tritt alles andere in den Hintergrund. Und dann ist da natürlich noch Gott. Wie sie genau zu diesem steht, wie und in welchem Rahmen sie ihre Gebete spricht, möchte Ann-Katrin Gässlein im Interview nicht verraten. Lieber zitiert sie den spätantikenTheologen und Philosophen Augustinus: «Wer singt, betet doppelt.»

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