Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) vergibt einen Doc.CH-Beitrag an Meret Eliezer. Dies, um sie beim Verfassen ihrer Dissertation zum Werk des Dichters Paul Celan an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zu unterstützen. 

Meret Eliezer.

«Ich freue mich, mich beruflich ganz meinem eigenen Forschungsprojekt widmen zu können, und hoffe, entscheidende Impulse für meinen persönlichen Denkweg und für mein zukünftiges wissenschaftliches Arbeiten zu erhalten.» Das sagt Meret Eliezer, die seit dem vergangenen Februar bei Verena Lenzen, Professorin für Judaistik / Christlich-Jüdisches Gespräch und Leiterin des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) an der Universität Luzern, ihre Doktorarbeit schreibt. Ihre Forschungen zum Schweigen im Werk des jüdischen Lyrikers Paul Celan (1920–1970) sollen im Frühjahr 2018 abgeschlossen werden.

Total 37 Gesuche

Ein entscheidendes finanzielles Fundament während dieser Zeit bietet der Doc.CH-Beitrag, den die 33-Jährige in diesem Sommer vom SNF im Rahmen eines zweistufigen Evaluationsverfahrens zugesprochen bekommen hat. Es handelt sich dabei um ein Förderinstrument für aussichtsreiche junge Forschende, die an einer Schweizer Universität während eines Zeitraums von zwei bis vier Jahren eine Dissertation zu einem selbstgewählten Thema im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften verfassen wollen. Meret Eliezer, die nach einem Masterstudium in Evangelisch-Reformierter Theologie an der Universität Bern ein einjähriges Lernvikariat absolvierte, war eine von total 37 Gesuchstellenden aus den Geisteswissenschaften. Von diesen erhielten schliesslich 12 einen Doc.CH-Beitrag. (Aus den Sozialwissenschaften gingen 29 Gesuche ein; ebenfalls 12 wurde entsprochen.)

Es handelt sich um die erste Dissertation an der Universität Luzern, die mit einem Doc.CH-Beitrag finanziert ist. Entsprechend erfreut zeigt sich Martin Baumann, Prorektor Forschung und ordentlicher Professor für Religionswissenschaft an der Universität Luzern: «Der Doc.CH-Beitrag gilt schweizweit als Auszeichnung und schafft hervorragende Möglichkeiten zur Ausarbeitung eines anspruchsvollen Dissertationsthemas.» Der nächste Eingabetermin für Gesuche an den SNF ist am 10. März 2015.

Shoah als weitreichende Zäsur

Das geförderte Dissertationsprojekt trägt den Titel «‹Erinnern als Abwesenheit› – Topographien des Schweigens im Werk des jüdischen Dichters Paul Celan (1920–1970)». Meret Eliezer führt dazu aus: «Die Literatur hat sich seit jeher für das aus unterschiedlichen Gründen öffentlich nicht Kommunizierte oder schwer Kommunizierbare interessiert und sich für die vielfältigen Formen des Schweigens sensibel gezeigt.» In Folge der Deutung der Shoah als weit über die beiden Weltkriege hinausreichender Einschnitt, sei die sogenannte «deutsch-jüdische Lyrik nach 1945» zum Tiefpunkt der Sprachkrise der Moderne geworden. «Immer wieder hat sich Paul Celan an den Ort seiner Herkunft erinnert, an die einst blühende Kulturlandschaft Bukowina und seinen Geburtsort, das damals rumänische Czernowitz, nach dem Krieg auf Landkarten kaum noch auffindbar», so Eliezer. Die Verlusterfahrungen im Schatten des nationalsozialistischen Terrors – das Wissen um den Tod der Eltern und das mehrfache Exil – hätten Erinnern, Existenz und Sprache des deutschsprachigen Lyrikers zeitlebens geprägt.

Masterarbeit zu Imre Kertész

Meret Eliezer absolvierte ein Erasmus-Masterstudienjahr am Department for Literature, Theology and the Arts an der University of Glasgow. Bereits in ihrer Masterarbeit zum Werk des ungarischen Nobelpreisträgers Imre Kertész (*1929), der als Jugendlicher die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebte, hat sich die Doktorandin eingehend mit Fragen an den Grenzen der Sprache beschäftigt. «Die wissenschaftliche Weiterarbeit am facettenreichen Themengebiet der Sprachproblematik, zunächst am Motiv des Schweigens, ist für mich seither nicht mehr wegzudenken.»

In ihrem Forschungsprojekt will Eliezer «die Vielgestaltigkeit des Schweigen-Phänomens in Celans Werk erschliessen und den Einfluss der jüdischen Tradition auf das Motiv des Schweigens und dessen sprachlichen Gestalten erhellen». Denn Celans Erinnern (bzw. Eingedenken), so die Doc.CH-Beitragsempfängerin, vollziehe sich an der Grenze zum Schweigen und stehe im Zeichen einer höchst gebrochenen jüdischen Gedenk- und Sprachtradition.

 

Quelle: uniluAKTUELL, das Magazin der Universität Luzern, Ausgabe 48, September 2014.
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