Irgendetwas ist anders geworden mit dem Mittelalter. Die älteren historiographischen Narrative hatten die tausend Jahre zwischen Gregor von Tours und der Entdeckung Amerikas vor allem als Material für Abstammungsgeschichten benutzt, für konfessionelle und nationale Identitätspolitik. Seit seiner romantischen Aufladung an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ist das Mittelalter auch ein Paradox: Aufregend fremd, aber gleichzeitig Wurzel des "Eigenen" – ein Reservoir für die Bedürfnisse nach Alterität und Authentischem. Von kaum einem Zeitalter hat die Moderne deshalb so lustvoll geträumt wie vom Mittelalter, von Rittern und Bürgern, Klöstern und Bauern.

Mittelaltergeschichte hat deswegen immer von der Gegenwart ihrer Erforscher gehandelt. Aber was geschieht mit dem Rückspiegel Mittelalter im 21. Jahrhundert?