Das Forschungsprojekt «Senses of Being» zeigt, wie die Philosophie über religiöse Grenzen hinweg als gemeinsame Denkplattform wirken kann. Anhand der mittelalterlichen Aristoteles-Rezeption wird deutlich, dass christliche, jüdische und muslimische Traditionen miteinander verflochten sind.

Mit dem durch den Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekt «Senses of Being» hat Professor Giovanni Ventimiglia einen grundlegenden Begriff der Philosophie neu ins Gespräch gebracht: das «Sein». Über mehrere Jahre hinweg untersuchte er mit seinem Team die mittelalterliche Rezeption von Aristoteles' «Metaphysik» in der lateinischen und arabisch-persischen Tradition und arbeitete heraus, wie christliche und muslimische Denker die aristotelische Seinslehre interpretierten und weiterentwickelten. Im Sommer 2025 konnte die Studie erfolgreich abgeschlossen werden, und die Ergebnisse wurden an einer internationalen Konferenz in Luzern präsentiert.
Giovanni Ventimiglia, warum ist die Frage nach den Bedeutungen des Seins auch nach 2400 Jahren noch relevant?
Giovanni Ventimiglia: Darf ich provokativ antworten? In gewissem Sinne ist diese Frage heute nicht relevant, so wie auch Shakespeares Frage «To be or not to be?» heute nicht relevant ist. Solche Fragen sind nicht relevant, also nutzlos, aber sie sind menschlich. Wenn man sich nur mit relevanten Fragen beschäftigen sollte, würden wir archäologische Stätten, Bibliotheken mit Literatur- und Philosophiebüchern, Museen – all diese nutzlosen Dinge – dem Erdboden gleichmachen und nur Waffen herstellen, die leider immer sehr nützlich sind. In unserer Forschungsgruppe beschäftigen wir uns mit nutzlosen typischen menschlichen Fragen.
In unserer Forschungsgruppe beschäftigen wir uns mit nutzlosen typischen menschlichen Fragen.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie in den vier Jahren Forschung gewonnen haben?
Eine Entdeckung ist, dass Avicenna und Averroes dieselbe Autorität wie Aristoteles für Thomas von Aquin hatten. Und eine weitere: Mit «Ja» zu antworten bedeutet zu sagen: «Was ich zuvor gesagt habe, ist wahr», oder einfach: «Was ich zuvor gesagt habe, ist». Stellen wir uns einen einfachen Dialog vor: «Ich liebe dich.» – «Meinst du das ernst?» – «Ja.» Dieses Ja bezieht sich auf den ersten Satz und bedeutet: «Was ich vorhin gesagt habe, nämlich, dass ich dich liebe, ist wahr.» Oder, wie die alten Griechen oder die Lateiner sagten: «Dass ich dich liebe, ist (est).» Es ist kein Zufall, dass das «Ja» (si) in einigen Sprachen wie Italienisch, Spanisch und Portugiesisch von «sic est», «so ist es», stammt.
Darf ich Sie fragen, wozu das alles dient?
Zum Beispiel dazu, Fake News zu analysieren: Eine Fake News ist wie ein Aussagesatz, etwa «Ich liebe dich», bei dem diejenige Person, die ihn ausspricht, nicht beabsichtigt, mit «Ja» zu antworten, wenn man sie fragen würde: «Meinst du das ernst?» Also ist dieses «Ich liebe dich» fake!
Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zeigten sich zwischen den christlichen, muslimischen und jüdischen Interpretationen – und was bedeutet das für den Dialog heute?
Es zeigten sich keine Unterschiede, die auf die verschiedenen Religionen zurückzuführen wären. Es gab lediglich eine kontinuierliche Entwicklung von Kommentaren zu Aristoteles auf Arabisch und Latein, wobei die lateinischen Kommentare ohne Weiteres die arabischen übernahmen, sobald sie übersetzt waren. Wir haben somit eine weitere Bestätigung erhalten, dass die Philosophie eine gemeinsame Plattform war, die den interkulturellen und interreligiösen Dialog förderte. Und daher kann sie das auch heute sein.
Auf der abschliessenden internationalen Konferenz wurden Texte in verschiedenen Sprachen kommentiert und diskutiert, vom Altgriechischen über das Lateinische bis hin zum Arabischen und Hebräischen. Warum war das wichtig?
Weil Texte zunächst in ihrer Originalsprache gelesen werden müssen und nicht nur auf Deutsch oder auf Englisch, wie das vielfach gemacht wird. In unserem Fall war es wichtig, diese Texte in ihrer Originalsprache zu lesen, um die Übersetzungen besser zu verstehen. Manchmal sind Übersetzungen Verrat. Aber es ist ein sehr bedeutungsvoller Verrat – gewissermassen ein nicht sündhafter Verrat.
Die Forschung führt dazu, viele Dinge zu entdecken, macht aber zugleich bewusst, dass es noch viele weitere Dinge zu entdecken gibt.
Wie geht es weiter?
Abgesehen von einer umfangreichen bevorstehenden Veröffentlichung der Ergebnisse planen wir, ein weiteres Forschungsprojekt zu konzipieren. Die Forschung führt dazu, viele Dinge zu entdecken, macht aber zugleich bewusst, dass es noch viele weitere Dinge zu entdecken gibt. Deshalb entfacht sie umso mehr den Wunsch, weiterzuforschen.
Hat die Beschäftigung mit unterschiedlichen Denktraditionen Ihren eigenen Blick verändert?
Wir hatten vor Beginn der Forschung keinen vorgefertigten eigenen Blick; im Gegenteil, wir waren neugierig, die Dinge aus der Perspektive des Anderen zu sehen. Dennoch hat die Erfahrung, gemeinsam – Perser, Araber, Juden, Christen – an den Dingen zu arbeiten, die wir lieben, unser Herz verändert: Früher schätzten wir einander nur, jetzt haben wir einander lieb.
Das Interview ist im Jahresbericht 2025 der Universität Luzern erschienen.