Sandra Bärnreuther, Assistenzprofessorin für Ethnologie, fragt – Margit Wasmaier-Sailer, Professorin für Fundamentaltheologie, antwortet.

(Bild: ©istock.com/Bohdan Bevz)

Zu Beginn der Pandemie hörte man oft die Klage, dass die Religionen kaum etwas von sich hören liessen. In den Medien wurde dies als Zeichen mangelnder Gesellschaftsfähigkeit gewertet. Ich denke, dies greift zu kurz. Denn wie die Verschwörungstheorien – auch innerhalb der Religionen – gezeigt haben, ist die schnelle Antwort nicht immer die beste. Religiöse Menschen hat die Pandemie ebenso verunsichert wie Menschen ohne religiösen Hintergrund. Etwa ein Jahr nach Beginn der Pandemie lagen dann zahlreiche Veröffentlichungen vor – auch die Theologische Fakultät der Universität Luzern hat Ende 2021 in einem Gemeinschaftsprojekt mit der Theologischen Hochschule Chur einen Band zur Pandemie herausgegeben (Michael Durst/ Margit Wasmaier-Sailer (Hrsg.): Plagen – Seuchen – Pandemien. Herder, Freiburg/Basel/ Wien).

In den verschiedenen Religionen – ich kann das zumindest für Christentum, Judentum und Islam sagen – stand der Schutz von Leben und Gesundheit klar an erster Stelle, auch wenn immer wieder auf das Recht zur freien Religionsausübung hingewiesen wurde. Entsprechend wurden die staatlichen Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie voll und ganz mitgetragen. Rechtskonservative Kreise bildeten eine Ausnahme – dort zweifelte man die medizinischen Massnahmen an und schreckte teilweise auch nicht vor abergläubischen Praktiken zurück. Die meisten Menschen vertrauten jedoch dem Urteil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Immer wieder sensibilisierten die Angehörigen der verschiedenen Religionen zudem für die Situation derjenigen, die auf der Strecke zu bleiben drohten: Sterbende, Alleinstehende, Kinder und Jugendliche, alte Menschen oder psychisch kranke Menschen. An vielen Orten entstanden auf diese Weise solidarische Aktionen, etwa die, dass junge Menschen für ältere Menschen die Einkäufe erledigten.

Was die religiösen Praktiken im engen Sinn betrifft, so entwickelten die religiösen Institutionen schon bald digitale Formate für ihre liturgischen Feiern. In einer Katastrophensituation ist die Bedeutung von Spiritualität nicht zu unterschätzen: Das Gebet ist eine Quelle von Hoffnung, durch die man den Alltag besser meistern kann, und stiftet inmitten von Isolation und Quarantäne Gemeinschaft. Gerade für die katholische Kirche, die ohnehin eine schwere Krise durchlebt, war die Pandemie aber auch eine Zäsur: Es war nicht klar, wie viele Menschen nach dem Ende der Pandemie die Gottesdienste noch besuchen würden. Der Theologe Klaus von Stosch hat dies in seinem Aufsatz «Die Corona-Krise als Lernfeld für Kirche und Systematische Theologie» (S. 239–247) so kommentiert: «Schon lange entscheiden Menschen selbst, ob sie in die Kirche gehen und welche spirituellen Angebote sie nutzen. Doch durften sie genau dies auf einmal mit dem Segen der Kirche tun.»

Foto Margit Wasmaier

Margit Wasmaier-Sailer

Professorin für Fundamentaltheologie
unilu.ch/margit-wasmaier