Kulturwissenschaften untersuchen sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens: Gesellschaftliche Strukturen, Institutionen und zwischenmenschliche Beziehungen, Politik, Wirtschaft, Kunst, Literatur und Theater sowie Wissenschaft und Technik. Es interessieren die Vielfalt und der historische Wandel von Kulturen genauso wie die Rolle von Macht und die Herausbildung sozialer, ästhetischer und epistemischer Ordnungen. Dabei gilt es eine Hierarchisierung verschiedener Kulturen und eine Privilegierung der Hoch- gegenüber einer Populärkultur zu vermeiden. Vielmehr werden gerade solche Grenzziehungsprozesse zum Untersuchungsgegenstand, womit eine kritische Reflexion der eigenen Kultur einhergeht, die ein vertieftes Verständnis der Grundlagen unseres Denkens und Handelns ermöglichen soll. Mit einem bedeutungs-, wissens- und symbolorientierten Kulturbegriff wird der Akzent auf die Prozesse gelegt, durch die Gemeinschaften ein Verständnis der Welt bilden, das soziale Strukturen, Wissensformationen und das Selbstbild und Verhalten von Individuen und Gruppen prägt.

In der Entwicklung moderner Kulturen und in der globalen Gegenwart kommt den Wissenschaften eine Schlüsselposition zu. Dies begründet sich nicht allein aus der Wirkmacht technischer Innovationen und wissenschaftlicher Weltdeutungen, sondern folgt ebenso aus der fortlaufenden Verwissenschaftlichung aller praktischen Lebensbereiche und dem damit einhergehenden Austausch zwischen wissenschaftlichem Wissen und anderen Wissensformen. Dieser wechselseitigen Durchdringung von Wissenschaften, Ökonomie, Politik und Alltag in Wissensgesellschaften nimmt sich die Forschung am Seminar für Kulturwissenschaften und Wissenschaftsforschung an. Es werden die Geschichte, Theorie und Praxis von Wissenskulturen untersucht und es wird gefragt, wie wissenschaftliches Wissen materialisiert und medialisiert über ExpertInnenkreise hinaus zirkuliert. Welche Techniken, welche Wertvorstellungen und Wissensinhalte finden den Weg in private, öffentliche, populäre und künstlerische Räume? An welche Objekte, Bilder und Texte sind diese Vorgänge gebunden? Und welches sind die kulturellen Voraussetzungen wissenschaftlicher Arbeit? Dabei interessiert auch, welches Wissen sich nicht verbreitet und warum. Welche Mythen und kulturellen Normen werden transportiert und welche Machtstrukturen werden begründet? Welche Inhalte werden aufgenommen und angewandt, welche stossen hingegen auf Widerstand oder finden gar kein Gehör?

Das Lehrangebot des Seminars für Kulturwissenschaften und Wissenschaftsforschung greift in engem Zusammenhang mit alltäglichen Ereignissen, gesellschaftlichem Wandel und politischer Realität solche Querschnittsfragestellungen auf. Die Komplexität des Phänomens ‚Kultur’ verlangt darüber hinaus die Verknüpfung verschiedener fachlicher Perspektiven. Der Integrierte Studiengang Kulturwissenschaften bietet deshalb schweizweit einzigartig die Möglichkeit eines interdisziplinären Studiums, das sich am gemeinsamen kulturwissenschaftlichen Selbstverständnis der beteiligten Disziplinen – Geschichte, Ethnologie, Soziologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Wissenschaftsforschung, Judaistik und Religionswissenschaft – orientiert. Die Studierenden lernen ihr Fach als kulturwissenschaftliches zu verstehen. Zugleich liegt ein übergreifender Akzent auf den Methoden, Theorien und der Geschichte der transdisziplinären Kulturwissenschaften und auf innovativen kulturwissenschaftlichen Feldern von der Wissensgeschichte über Postcolonial Studies bis zur Medienanalyse.