Dr. Lisa Katharin Schmalzried

Während menschliche Schönheit ein omnipräsentes Thema unserer Gesellschaft ist, schenkt die zeitgenössische Ästhetik diesem Thema kaum Beachtung. Um das Thema philosophisch (wieder) zu beleben, stellt das Habilitationsprojekt die Frage, ob es eine spezifisch menschliche Schönheit gibt. Anders formuliert, macht es für die Analyse eines Geschmacksurteils („x ist schön“) einen Unterschied, wenn das Objekt des Geschmacksurteils („x“) ein Mensch ist, und, wenn ja, welchen?

Die meisten philosophischen Theorien der Schönheit erklären die Schönheit eines Menschen nicht anders als die Schönheit eines Kunstwerkes, einer Landschaft oder eines Tieres. Dennoch gibt es Gründe, die für eine Sonderstellung menschlicher Schönheit sprechen und die Fragestellung des Habilitationsprojekts motivieren. Zum einen scheint menschliche Schönheit in einem besonders engen Zusammenhang mit sexueller Anziehungskraft zu stehen und ruft häufig Begehren und Liebe hervor. Zum Zweiten gibt es empirisch fundierte objektive Attraktivitätsmerkmale für die Schönheit eines Menschen. Und zum Dritten ist sowohl im Alltag als auch in der philosophischen Debatte immer wieder von innerer Schönheit die Rede, d.i. der Schönheit eines menschlichen Charakters.

Um die Frage, ob es eine spezifisch menschliche Schönheit gibt, zu beantworten, betrachtet das Habilitationsprojekt drei mögliche Sichtweisen auf menschliche Schönheit: eine körperzentrierte, eine dualistische und eine charakter-expressionistische Theorie. Laut dem körperzentrierten Ansatz spielt allein das physische Erscheinungsbild eines Menschen für dessen Schönheit eine Rolle. Die empirische Attraktivitätsforschung deutet dies so, dass ein Mensch schön ist, wenn er physisch sehr attraktiv ist. Physische Attraktivität wiederum lässt sich weitestgehend über objektive Attraktivitätsmerkmale entschlüsseln. Gemäß der dualistischen Theorie gibt es neben der physischen, äußeren Schönheit auch eine innere, charakterliche Schönheit. Häufig wird innere Schönheit über moralische bzw. tugendhafte Charaktereigenschaften erklärt. Unsere vortheoretischen Intuitionen werden jedoch besser erfasst, erklärt man innere Schönheit über freundschafts-relevante Charaktereigenschaften.

Ziel des Habilitationsprojektes ist es für eine charakter-expressionistische Theorie zu argumentieren. Eine charakter-expressionistische Theorie hebt die strikte Trennung zwischen physischer und charakterlicher Schönheit auf. Vielmehr verweist sie darauf, dass das Erscheinungsbild eines Menschen nicht nur von physischen Faktoren bestimmt wird, sondern auch durch den sichtbaren Ausdruck seines Charakters bzw. durch das, was wir als sichtbaren Ausdruck deuten. Aufbauend auf der körperzentrierten und dualistischen Theorie wird argumentiert, dass ein schöner Mensch nicht nur physisch schön, d.i. physisch attraktiv im Sinne der Attraktivitätsforschung, ist, sondern auch sichtbare Zeichen eines schönen Charakters zeigt, d.i. eines Charakters, den wir uns von guten Freunden wünschen. Solch eine „schöner Charakter“-expressionistische Theorie kann zwei scheinbar widersprüchliche Intuitionen erklären, nämlich wie Schönheit nicht unter die Haut gehen kann und dennoch von innen kommt.