Luzern im Zeichen der Wissenschaftskommunikation
Im Luzerner Neubad hat die «ScienceComm 26», der Schweizer Jahreskongress der Wissenschaftskommunikation, stattgefunden. Unter dem Motto «Check» ging es um Wahrheit, Vertrauen und die Rolle der Wissenschaft in einer turbulenten Welt. Die Universität Luzern war als Partnerin beteiligt.
Am Anlass vom 9. September tauschte sich eine Vielzahl von Fachpersonen aus Wissenschaft und Kommunikation darüber aus, wie wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich vermittelt, eingeordnet und kritisch überprüft werden können. Veranstaltet von der gemeinnützigen Stiftung Science et Cité, war die Universität Luzern Partnerin der diesjährigen Austragung, die erstmals in Luzern stattfand. Das Engagement der Universität geht einher mit ihrem Bekenntnis zur Stärkung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft (siehe frühere Newsmeldung). Rektor Prof. Dr. Martin Hartmann sowie Prof. Dr. Sara Rubinelli und Prof. Dr. Peter G. Kirchschläger brachten sich mit eigenen Inputs in das Programm ein und leisteten damit einen Beitrag zur Diskussion rund um zeitgemässe Wissenschaftskommunikation. Ebenfalls war die Universität massgebend an der Erarbeitung und Durchführung des Rahmenprogramms beteiligt.
Vertrauen durch Transparenz und Dialog
Martin Hartmann sprach in seiner Keynote zum Thema «Warum Wissenschaft Skepsis verdient und die Rolle der Wissenschaftskommunikation». Zum einen, so der Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie, sei es aus verschiedenen Gründen legitim, wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen. Dies allerdings müsse mit geeigneten Argumenten erfolgen – pauschale Zurückweisung und Skepsis allein reiche nicht aus. Zum anderen sei es wichtig, Wissenschaft und ihre Prozesse verständlich und transparent zu kommunizieren, um Akzeptanz und Vertrauen in der breiten Bevölkerung zu stärken. Ebenfalls gelte es in der Forschung, auch nicht spezialisiertem Wissen genügend Stellenwert einzuräumen. So sei etwa bei der Antibabypille den Berichten von Anwenderinnen über Nebenwirkungen lange nicht das angebrachte Gehör geschenkt und ihr Erfahrungswissen entsprechend ungenügend in der Forschung berücksichtigt worden. Gelange man in solchen Fällen vermehrt zu einer Art Partnerschaftsmodell und nehme die Stimmen aus der Bevölkerung ernst, könnten sich solche punktuellen Öffnungen positiv auf die Wahrnehmung von Wissenschaft auswirken, so Hartmann.
Notwendigkeit guten Storytellings
In ihrem Vortrag «Die Sirenen und das Paradoxon der Anziehungskraft in der Wissenschaftskommunikation» bezog sich Sara Rubinelli auf ein antikes Epos von Homer, das in diesen Tagen dank einer neuen Verfilmung wieder viel Beachtung findet: die «Odyssee». Sara Rubinelli, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Fakultät für Gesundheitswissen und Medizin, zog dabei eine Parallele zwischen dem verführerischen Gesang der Sirenen – die Odysseus allumfassendes Wissen versprachen – und dem heutigen allgegenwärtigen Versprechen vom leicht zugänglichen, unbegrenzten Wissen. Die enorme Attraktivität dieser immer lauter werdenden und personalisierteren Sirenengesänge, so Rubinelli, sei eine der grossen Herausforderungen für die Wissenschaft. Wenn wir ein Gegengewicht setzen wollten, dann könnten wir den Menschen nicht einfach Wachs in die Ohren stopfen, damit sie die Lockrufe der Influencerinnen und Influencer nicht hörten, sondern wir müssten selbst attraktive Geschichten erzählen. Denn, so betonte Rubinelli, Storytelling sei nicht der Gegner der Evidenz, Klarheit nicht der Widersacher der Komplexität und Emotion nicht der Gegenpart des Verstandes. Bei alldem solle die Wissenschaft nie aufhören, auf die Gesellschaft zu hören und mit ihr zu sprechen.
KI ohne sozial-emotionale Intelligenz
Peter G. Kirchschläger, Professor für Theologische Ethik, sprach zum Thema «Was kann Wissenschaftskommunikation gegen Manipulation durch sogenannte «KI» tun? Eine ethische Analyse». Er erläuterte konkrete Handlungsmöglichkeiten, beispielsweise, dass Ethik und Technologie von Anfang an zusammengedacht werden müssten. Er schlug vor, statt von KI treffender von datenbasierten Systemen (DS) zu sprechen. Denn solche Systeme könnten zwar etwa hinsichtlich logischer Schlussfolgerungen «intelligent» sein, verfügten aber nicht über soziale oder emotionale Intelligenz. Er veranschaulichte dies am Beispiel eines Pflegeroboters, der einen weinenden Patienten zwar trösten, aber genauso gut schlagen könnte – je nachdem, was ihm antrainiert wurde. Es sei dem Roboter nicht einmal egal, wenn er dabei etwas ethisch Verwerfliches tue, erklärte Kirchschläger. Zudem formulierte er die Forderung nach einer menschenrechtsbasierten globalen Regulierung von DS und deren Durchsetzung durch die Schaffung einer Internationalen Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) bei der UNO. Denn Menschenrechte, so der Ethiker, schützen die freie Forschung und fördern Vielfalt, die beide wichtige Voraussetzungen für Innovation seien.
Orientierung in der Informationsflut
Die Beiträge an der «ScienceComm 26» machen deutlich: Wissenschaftskommunikation bedeutet weit mehr, als Forschungsergebnisse weiterzugeben. Gerade in einer Zeit, in der Informationen jederzeit verfügbar sind und sich Falschinformationen schnell verbreiten können, wird es immer wichtiger, Quellen zu prüfen, Zusammenhänge zu verstehen und wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich zu vermitteln.
Am Vorabend, 8. September, wurde das Neubad am öffentlichen und kostenlos besuchbaren Rahmenprogramm zum Treffpunkt für alle, die ihr Wissen gerne auf die Probe stellen. Beim gemeinsam von der Universität Luzern und Science et Cité erarbeiteten Quiz «Hey checksch?» konnten sich die Teilnehmenden in verschiedenen Wissensgebieten messen. Moderatorin Julia Steiner führte spielerisch, unterhaltsam und mit dem einen oder anderen überraschenden Aha-Moment durch den Abend. Über 100 Personen nahmen am Quiz teil und stellten sich zum Beispiel der Frage, ob Kühe wirklich Magnete im Magen haben. (Auflösung: Ja, das können sie tatsächlich: durch das Einsetzen eines sogenannten Käfigmagneten im Netzmagen. Damit wird verhindert, dass mit der Nahrung etwaige aufgenommene metallische Fremdkörper im Körper zu Verletzungen führen.)
