Im Forschungsprojekt «The Microcomputer as a Medium of Transformation in Europe, 1980–2000», das im Rahmen eines SNSF Starting Grants realisiert wird, untersucht Assistenzprofessor Gleb Albert und sein Team, wie das Aufkommen der Heimcomputer tiefgreifende soziale, wirtschaftliche und politische Umbrüche in Europa einleitete.

Gleb Albert, Projektleiter und SNF-Assistenzprofessor für Neuste Allgemeine und Osteuropäische Geschichte (2. v. r.), mit den Doktorierenden Milka Lehner (l.) und David Betzing sowie Hilfsassistentin Jennifer De Biasio

Smartphones, digitale Plattformen und Tech-Konzerne prägen unseren Alltag. Ihren Ursprung hat die digitale Gegenwart jedoch in den 1980er-Jahren, als erschwingliche Computer in private Haushalte einzogen. Wie die Ära der Heimcomputer tiefgreifende Umbrüche in Europa einleitete, steht im Zentrum des Projekts «The Microcomputer as a Medium of Transformation in Europe, 1980–2000», das im Rahmen eines SNSF Starting Grants realisiert wird. Assistenzprofessor Gleb Albert untersucht mit seinem Team in drei Teilstudien, wie sich aus Hobby-Tüftlern eine Generation von Unternehmern entwickelte, die Bedeutung von Gaming-Subkulturen sowie die Rolle der Computer vor und während der Belagerung Sarajevos.

Gleb Albert, was hat Ihr Interesse an der Computergeschichte geweckt?

Gleb Albert: Ich war schon Computerfan, bevor ich Historiker wurde. Meinen ersten Rechner fand ich nach der Schule zufällig auf dem Sperrmüll – und er funktionierte sogar. Für das Projekt stützen wir uns allerdings nicht auf persönliche Erinnerungen, sondern auf Presseberichte, Archivmaterialien (unter anderem KGB- und Stasi-Akten), Interviews und umfassende digitale Datenbestände.

Viele der heutigen Tech-Milliardäre wurden durch diese Heimcomputer-Zeit geprägt.
Gleb Albert
SNF-Assistenzprofessor für Neuste Allgemeine und Osteuropäische Geschichte

Was passierte mit Europa, als Computer in die Haushalte einzogen?

In den 1980er-Jahren waren Computer nicht länger grosse Metallschränke hinter Fabrik- und Universitätsmauern, sondern für die Bevölkerung verfügbar. Dies zog Abertausende Hobby-Tüftler und Computer-Enthusiastinnen an, von denen viele ihr Hobby zum Beruf machen wollten. Der Computer wurde so zum Medium und Motor eines unternehmerischen Zeitgeistes, der mit Thatcher einsetzte. Die Entwicklungen traten in West- und Osteuropa auf und veranschaulichten gesamteuropäische Transformationsprozesse. Und: Viele der heutigen Tech-Milliardäre wurden durch diese Heimcomputer-Zeit geprägt.

Das zweite Projekt untersucht die Gaming-Subkulturen der 1990er- und 2000er-Jahre. Was existiert davon heute noch?

David Betzing: Sie waren die Vorläufer der heutigen Internet- und Gaming-Kultur. Insbesondere die LAN-Szene war ein Massenphänomen, das für Hunderttausende Deutsche prägend war. LAN-Partys sind heute zwar selten, aber sie bildeten den Übergang zur digitalen Vergemeinschaftung und machten E-Sport bekannt.

Spiele waren eine Möglichkeit, junge Menschen an Computer heranzuführen und die Wirtschaft zu fördern.
David Betzing
Doktorand

Gab es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland?

In der DDR gab es durch Import- und Exportverbote ins Land zu wenig Soft- und Hardware und damit eine Hobby-Spielentwickler-Szene. Gleichzeitig war die staatliche Sicht auf Spiele positiver als in anderen Ländern: Spiele waren eine Möglichkeit, junge Menschen an Computer heranzuführen und die Wirtschaft zu fördern. Für Westdeutschland bin ich noch in der Forschungsphase.

Widmen wir uns Sarajevo: Die Stadt wurde ab 1992 vier Jahre lang belagert und beschossen. Warum spielten Computer in dieser Extremsituation eine zentrale Rolle?

Milka Lehner: Der Computer gewann eine andere Bedeutung. Es herrschte eine Kommunikationsblockade, und die Massenmedien wurden zum Sprachrohr der Kriegsakteure. Während vorher vor allem Computerenthusiasten programmierten und spielten, stellte ab 1992 der Computer die einzige Möglichkeit dar, relativ schnell über die Konfliktgrenzen zu kommunizieren. Dies war vor der Massenverfügbarkeit des Internets und sehr ressourcenintensiv.

Wie sah diese Vernetzung aus?

Ins Ausland konnte telefoniert werden, wenn auch sehr eingeschränkt. Mit externer Hilfe wurden Netzwerke über Telefonleitungen installiert. Mit einem Computer und Modem konnte man sich einwählen, Vermisste suchen, unabhängigen Journalismus betreiben oder einfach Kontakt zur Aussenwelt halten. Diese «Mailboxen» wurden auch von westlichen Medien genutzt.
 

Das Forschungsprojekt läuft noch bis Mitte 2028. Doch schon jetzt zeigt sich, wie vielfältig Heimcomputer die Geschichte prägten: als Motor für ein neues Unternehmertum, als Basis neuer Subkulturen und als zentrales Kommunikations- und Organisationsinstrument im Krieg. Das Projekt trägt wesentlich zum Verständnis der europäischen Transformationsgeschichte bei und macht deutlich, wie eng die Computergeschichte mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umbrüchen verflochten ist. Damit schliesst das Team eine wichtige Lücke in der europäischen Geschichte.
 

Das Interview ist im Jahresbericht 2025 der Universität Luzern erschienen.

Mirjam Wishart

Mitarbeiterin Wissenstransfer und Öffentlichkeitsarbeit an der Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät