Mit dem «Choice of Law Dataverse» entsteht eine weltweit einzigartige Plattform, die Transparenz in die Rechtswahl internationaler Verträge bringt. Sie bündelt systematisch globale Rechtsprechung und macht sie für Praxis, Wissenschaft und Justiz frei zugänglich.

Die beiden Projektleitenden Daniel Girsberger, Professor für Schweizerisches und Internationales Privat-, Wirtschafts- und Verfahrensrecht sowie Privatrechtsvergleichung (2. v. r.), und Agatha Brandão (2. v. l.) mit Senior Researcher Rorick Tovar und Anna Ptitsina, wissenschaftliche Mitarbeiterin

Welches Recht gilt für einen internationalen Vertrag? Diese Frage ist zentral für Unternehmen, die grenzüberschreitend tätig sind – und für Gerichte, die Streitigkeiten beurteilen. Mit dem Projekt «Choice of Law Dataverse» (CoLD) wurde eine weltweit einzigartige, frei zugängliche Online-Plattform geschaffen, die genau hier ansetzt.

Das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Projekt wurde von 2023 bis 2026 unter der Leitung von Professor Daniel Girsberger und Agatha Brandão durchgeführt. Beteiligt war ein internationales Team mit Rorick Tovar als Senior Researcher, Anna Ptitsina als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Forschenden unter anderem in Südafrika, Kanada und Indien. Im Zentrum stand der Aufbau einer systematisch strukturierten Datenbank, die nationale Gesetze, Gerichtsentscheide und Schiedssprüche aus über 100 Rechtsordnungen zur sogenannten Rechtswahl in internationalen Wirtschaftsverträgen bündelt und auf Englisch zugänglich macht.

Überführung in ein globales Dataverse

CoLD baut auf einem früheren SNF-Projekt («The Hague Principles and Beyond», 2018–2021) auf. Dieses untersuchte weltweit die Umsetzung der 2015 verabschiedeten «Principles on Choice of Law in International Commercial Contracts» der Haager Konferenz für Internationales Privatrecht. Diese Grundsätze bekräftigen das Recht von Unternehmen, das auf ihren grenzüberschreitenden Vertrag anwendbare Recht frei zu wählen. Das schafft Vorhersehbarkeit und Rechtssicherheit. Die Prinzipien dienen Gerichten als Orientierung, schliessen Gesetzeslücken und beeinflussen Reformen des internationalen Privatrechts – etwa im Zusammenhang mit digitalen Zentralbankwährungen oder Token. «The Hague Principles and Beyond» führte zu detaillierten Berichten über die aktuelle gesetzliche Regelung und Rechtsprechung aus über 100 Rechtsordnungen.

Damit ist aus einer Sammlung wissenschaftlicher Berichte ein dauerhaft nutzbares Dataverse geworden.

Während dieses frühere Projekt die weltweite Rechtslage umfassend analysierte und in Länderberichten dokumentierte, geht CoLD einen entscheidenden Schritt weiter: Die bestehenden Daten wurden aktualisiert, systematisiert und in eine dynamische, frei zugängliche Online-Umgebung überführt. Damit ist aus einer Sammlung wissenschaftlicher Berichte ein dauerhaft nutzbares Dataverse geworden.

Zugang und Nutzen für alle

Die Plattform erlaubt es zum Beispiel, mit wenigen Klicks zu klären, ob und unter welchen Voraussetzungen Gerichte in Australien, China oder Marokko Rechtswahlvereinbarungen anerkennen und welche Grenzen sie ihnen setzen. Sie bietet vergleichbare Länderinformationen, verweist auf nationale Rechtsquellen und Fachliteratur und ermöglicht den direkten Vergleich unterschiedlicher Regelungen. Ein integriertes Analyse-Tool, der sogenannte «Case Analyzer», nutzt künstliche Intelligenz, um relevante Aussagen aus Gerichts- und Schiedsentscheiden rasch zu extrahieren.

CoLD steht unter einer offenen Lizenz (CC BY 4.0) und darf frei genutzt, weiterverbreitet und weiterentwickelt werden – auch kommerziell. Damit leistet das Projekt nicht nur einen wissenschaftlichen, sondern auch einen praktischen Beitrag: Es unterstützt Gerichte, Anwaltschaft, Gesetzgebung und Forschung gleichermassen. Aufgrund seiner Innovationskraft und Aktualität wurde CoLD im November 2025 von den Akademien der Wissenschaften Schweiz mit dem Swiss National Prize for Open Research Data ausgezeichnet.

Ende April nun fand an der Universität Luzern der Abschlussanlass und offizielle Launch statt. Neben einer Demonstration der Plattform und der damit verbundenen Möglichkeiten stand unter anderem eine wissenschaftliche Debatte mit internationalen Expertinnen und Experten zum Thema «Relevanz und Mythen der Parteiautonomie in internationalen Verträgen» auf dem Programm.

www.cold.global


Der Artikel ist im Jahresbericht 2025 der Universität Luzern erschienen.

Nicole Fischer

Co-Kommunikationsbeauftragte an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät