Menschen sind bequem und handeln oft irrational: Genau das nützt das sogenannte Nudging aus – etwa zugunsten ökologischen Verhaltens, indem Drucker standardmässig auf Schwarz-Weiss eingestellt sind. Ein bestechender Ansatz, der aber auch Gefahren birgt, sagt Rechtsprofessor Klaus Mathis.

(Bild: istock.com/Angelika)

Klaus Mathis, welche Stupser spielen in Ihrem Alltag eine Rolle?

Klaus Mathis: Die gibt es Tag für Tag. Einen Stupser bekomme ich nur schon, wenn am Morgen die Sonne aufgeht. Das motiviert mich, aufzustehen. Man wird ständig geschubst. Das tun Sie jetzt als Journalist auch, wenn Sie mir Fragen stellen. Mit der Art und Weise, wie diese formuliert sind, lenken Sie mich – bewusst oder unbewusst – ein wenig in die Richtung, wie ich antworten soll.

Sie beschäftigen sich mit Nudging, das eigentlich mit Schubsen übersetzt wird. Warum ist Ihnen Stupsen lieber?

Stupsen ist sanfter, feiner. Das trifft es besser. Wenn beispielsweise in der Cafeteria an der Kasse die Früchte auf Augenhöhe platziert sind, dann werde ich sanft dazu verleitet, eine Frucht zu kaufen, die gesund ist. Kein Zwang, kein ökonomischer Anreiz. Nur ein kleiner Stupser.

Nudging ist eine Methode. Um was geht es dabei eigentlich?

Der Hintergrund stammt aus der Verhaltensökonomie. Das ökonomische Modell des Homo oeconomicus geht von drei Annahmen aus: dass der Mensch rational handelt, immer seinen eigenen Nutzen berücksichtigt und seine Willenskraft unbegrenzt ist. Hier setzt die Kritik der Verhaltensökonomie an, wobei vor allem die Rationalitätsannahme durch zahlreiche empirische Untersuchungen in Frage gestellt wird. In diesem Zusammenhang unterscheidet der israelisch-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman zwei Denksysteme: den intuitiven und den rationalen Denkmodus. Letzterer erfordert Anstrengung und Zeit, weshalb er oft aus Bequemlichkeit oder Zeitnot vernachlässigt wird. Genau da setzen Richard Thaler und Cass Sunstein an, die den Begriff «Nudge» geprägt haben. Ihre Überlegung ist, dass sich der Mensch teilweise nicht rational verhält und dabei von seinem persönlichen Optimum abweicht.

Klaus Mathis, Ordinarius für Öffentliches Recht, Recht der nachhaltigen Wirtschaft und Rechtsphilosophie; Mitbegründer und Geschäftsleiter des Center for Law and Sustainability (CLS) und Direktor von lucernaiuris

Soll Nudging dazu führen, dass die Menschen rationaler denken?

Nein, aber Nudging soll Menschen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Sie sollen gestupst werden und so dahin kommen, wo sie mit einer rationalen Entscheidung hingelangt wären. Es geht letztlich darum, Entscheidungsarchitekturen zu verändern. Ein Stück weit nützt man auch die Trägheit aus, etwa bei Default-Einstellungen. Wenn ein Drucker in einem Büro standardmässig auf schwarz-weiss und doppelseitig drucken eingestellt ist, werden die meisten Nutzer diese sparsame Druckweise verwenden. Dies weil es ihnen zu umständlich ist, die Druckereinstellungen manuell zu ändern. Da sich die Leute immer dagegen entscheiden können und kein Zwang angewendet wird, handelt es sich um einen «libertären», das heisst weichen Paternalismus.

Es schafft also einen Anreiz, sich anders zu verhalten?

Man muss unterscheiden zwischen Anreizen und Stupsern. Die CO2-Abgabe ist ein Anreiz, da er über das Portemonnaie geht. Anreize können negativ, aber auch positiv sein. Ein Bauer erhält beispielsweise mehr Direktzahlungen, wenn er in Seenähe weniger Gülle ausbringt. Oder die Autoversicherung wird günstiger, wenn ich lange unfallfrei fahre. Aber auch Nudging lenkt das Verhalten.

Gibt es da nicht Parallelen?

Auf jeden Fall. Nudges sind nützliche Ergänzungen oder Alternativen zu klassischen Anreizsystemen. Das sieht man gut am Beispiel Rauchen, wo beides zum Einsatz kommt: Die Preise von Zigaretten sind so hoch, dass ein Anreiz gesetzt wird, sie nicht zu kaufen. Gleichzeitig wird mit abstossenden Bildern auf der Packung versucht, vom Rauchen abzuschrecken. Geld und Gewissen, sozusagen.

Kann man mit Nudging die Menschen zu ökologischem Verhalten bewegen?

Ein Stück weit schon. Etwa bei elektronischen Geräten, die automatisch nach einer gewissen Zeit in den Energiesparmodus wechseln. Oder bei Stromanbietern, die den Strom aus erneuerbarer Energie als Standardtarif anbieten. Wenn ich den günstigeren Tarif mit nicht erneuerbarer Energie will, muss ich mich aktiv darum bemühen.

Ist das nicht eine Bevormundung?

Diese Frage stellt sich in der Tat. Beim Beispiel der Voreinstellungen von technischen Geräten merken die Leute oft nicht, dass sie gestupst werden, also kann man von einer Manipulation sprechen. Gerade im kommerziellen Bereich gibt es problematische Beispiele. Etwa da, wo mein Telefonabonnement automatisch verlängert wird, wenn ich nicht rechtzeitig kündige. Oder in einem Supermarkt, in dem die teuren Produkte bewusst im Vordergrund platziert sind. Das zeigt: Nicht überall, wo gestupst wird, ist es im Interesse der Person. In der Privatwirtschaft geht es oft darum, mit solchen Stupsern die Interessen des Geschäfts zu befriedigen und nicht diejenigen der Kundin, des Kunden. Ein Vorgehen, das manipulativ sein kann, wenn man es nicht durchschaut.

Gemäss der Organspende-Initiative soll neu eine vermutete Zustimmung gelten. Aus ethischer und rechtlicher Sicht sehe ich das als problematisch an.
Rechtsprofessor Klaus Mathis

Die Idee ist bestechend, wenn es um das gesellschaftliche Gemeinwohl geht: das Verhalten der Menschen auf freiwilliger Basis in gewisse Bahnen zu lenken. Darauf setzt auch die kürzlich eingereichte Initiative zur Organspende. Dem Organmangel soll begegnet werden, indem Verstorbene automatisch zu Organspendern werden, wenn sie zu Lebzeiten nicht aktiv etwas dagegen unternommen haben. Wie sehen Sie dieses Beispiel von Nudging?

Das Ziel ist, mehr Spenderorgane zu haben. Das ist per se nicht unbedingt im Interesse der Spendenden. Hier geht es um das Wohl der Gesellschaft. Bisher musste ich aktiv zustimmen, neu soll eine vermutete Zustimmung gelten. Aus ethischer und rechtlicher Sicht sehe ich das als problematisch an. Es unterminiert das Selbstbestimmungsrecht. Gewisse Leute, die schlecht informiert sind oder sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen wollen, werden möglicherweise überrumpelt – der Stupser wird so zum Rempler. Dass die Initiative eine öffentliche Diskussion anstösst, finde ich jedoch positiv. In diesem Sinn stellt sie einen erwünschten Nudge dar. Auch wenn sie abgelehnt wird, führt sie dazu, dass über das Thema Organspenden breit diskutiert wird. Das allein könnte zu mehr Organspenden führen.

Wo ist es generell sinnvoll, Nudging einzusetzen, wo weniger?

Insgesamt halte ich Nudging für ein weiteres Mittel im Werkzeugkasten der gesellschaftlichen Verhaltenssteuerung. Neben Verboten, Geboten und Anreizen ist es eine sehr milde Methode, die punktuell eingesetzt werden kann. Eine milde Massnahme, die aber nicht überall sinnvoll und wirksam ist. Bei der zweiten Säule der Altersvorsorge etwa wäre eine freiwillige Lösung, um die Leute zum Sparen zu animieren, wohl zu wenig wirksam. Viele Menschen würden wahrscheinlich den aktuellen Genuss höher bewerten als die Vorsorge für das Alter. Deshalb ist die zweite Säule bei uns obligatorisch. Hier wenden wir also einen harten Paternalismus an. Dafür ist Nudging an anderen Orten sinnvoll, gerade im Bereich Ökologie ist es ein interessanter Ansatz, der, insbesondere in Kombination mit anderen Regulierungsinstrumenten, auch einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten kann.

Das Stupsen soll zu gesünderem, umweltfreundlicherem und generell «besserem» Verhalten führen: Sind wir so unvernünftig, dass wir das brauchen?

Eine Frage, die ich mir manchmal auch stelle. Mit solchen Mitteln nimmt man den Menschen die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen. Werden die Leute immer zu «richtigem» Verhalten gestupst, hat das auch etwas Langweiliges. Es ist spannend, Fehler zu machen und das Irrationale zu erleben. Das macht doch auch Spass und verleiht dem Leben eine gewisse Würze. In wen verliebe ich mich? Ist es die Person, die rational am besten zu mir passt? Vielleicht ist es ja gerade das Wechselspiel zwischen zuweilen unvernünftigen Entscheidungen und dem Klügerwerden durch diese Fehler, was unser Leben so interessant macht.