Bei der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz IHZ kann Yves Spühler (34) bis heute auf wichtige Grundlagen aus seinem Studium zurückgreifen. Berufseinsteigenden rät er, schon früh Praxiserfahrung zu sammeln.

Bekennt mit seinen magenta Alumni-Socken Farbe: Yves Spühler, Leiter Wirtschaftspolitik und Ökonomie bei der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz IHZ, in der Luzerner Altstadt, wo diese ihren Sitz hat. (Bild: Roberto Conciatori)

Yves Spühler, welchem Zweck dient die IHZ?

Yves Spühler: Es handelt sich um einen Wirtschaftsverband für die Kantone Luzern, Obwalden, Nidwalden, Schwyz und Uri. Ein Teil unserer Arbeit betrifft Exportdienstleistungen für Unternehmen, etwa Ursprungsnachweise oder Beratung im internationalen Handel. Daneben gibt es das klassische Verbandswesen mit Netzwerken, Veranstaltungen und Interessenvertretung.

Was beinhaltet Ihre Tätigkeit als Leiter des Bereichs Wirtschaftspolitik und Ökonomie bei der IHZ?

Meine Arbeit ist im Wesentlichen dreigeteilt: Erstens analysiere ich die konjunkturelle Lage der Zentralschweizer Wirtschaft. Zweitens vertreten wir bei Vernehmlassungen und politischen Geschäften die Interessen unserer Mitgliedsunternehmen. Drittens begleiten wir wirtschaftspolitische Abstimmungsvorlagen kommunikativ und organisatorisch.

Welche Kompetenzen braucht es an dieser Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Kommunikation?

Interdisziplinarität ist zentral. Man muss wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen, politische Prozesse einordnen können und auch juristische Grundlagen mitbringen. Es geht oft darum, Dinge miteinander zu verbinden und Entwicklungen richtig einzuordnen.

Sie haben an der Universität Luzern Politische Ökonomie studiert. Inwiefern hilft Ihnen dieses Studium noch heute im Beruf?

Wenn es ein Studium gibt, das meinem heutigen Job nahekommt, dann ist es Politische Ökonomie. Ich brauche heute nicht nur volkswirtschaftliche Modelle, sondern ein Verständnis dafür, wie wirtschaftliche und politische Systeme zusammenhängen. Ich kann also Wissen aus dem Studium direkt bei meiner täglichen Arbeit anwenden. Heute noch greife ich auf Bücher aus dem Studium zurück.

Der wichtigste Tipp ist klar: bereits während des Studiums einer ausseruniversitären Tätigkeit nachgehen.
Yves Spühler

Wie sah der Weg zu Ihrem heutigen Beruf aus?

Nach dem Bachelor habe ich ein Hochschulpraktikum an der Schweizer Botschaft in Ankara gemacht. Danach begann ich den Master in Lausanne, arbeitete parallel und sammelte praktische Erfahrungen in der Privatwirtschaft. Später kam ein Praktikum im Bereich Wettbewerbs- und Wirtschaftspolitik dazu. Mein Werdegang zeigt auch: Viele Wege können zu einem bestimmten Beruf führen. Wichtig ist es, offen zu bleiben und Erfahrungen zu sammeln.

Was würden Sie Studierenden für den Berufseinstieg raten?

Der wichtigste Tipp ist klar: bereits während des Studiums einer ausseruniversitären Tätigkeit nachzugehen. Sei es bei einem Nebenjob, einem Praktikum oder dem Engagement in einem Verein, einem Verband oder einer politischen Partei. Es muss keine perfekte Karriereplanung sein, aber das alles hilft enorm. Man sammelt Kontakte, versteht Arbeitszusammenhänge besser und kommt mit Berufen in Kontakt, die man vorher vielleicht gar nicht gekannt hat.

Und was wäre ein weiterer wichtiger Rat?

Man sollte den Berufseinstieg mit einer gewissen Demut angehen. Direkt nach dem Studium im Traumjob zu landen, mit viel Verantwortung und einem sehr hohen Lohn, ist schlicht nicht realistisch. Wer in den Arbeitsmarkt eintritt, beginnt oft bei null, was gleichzeitig aber auch eine Chance ist: Wenn man bereit ist, sich zu entwickeln, kann man schnell vorankommen. Dabei gilt es aber zu akzeptieren, dass Karriere meistens ein Weg ist und kein Sprung.

Gerade in der Industrie entstehen viele anspruchsvolle und interessante Tätigkeiten – eine Branche, die viele Studierende nicht auf dem Radar haben.

Welche Branchen bieten in der Zentralschweiz besonders interessante Perspektiven für junge Fachkräfte?

Rein auf Produktivitätsstatistiken bezogen, sticht vor allem die Pharmaindustrie heraus. Weiter wäre die industrielle Produktion in der Zentralschweiz zu erwähnen, die technologisch sehr innovativ und international stark vernetzt ist. Gerade in der Industrie entstehen viele anspruchsvolle und interessante Tätigkeiten – eine Branche, die viele Studierende nicht auf dem Radar haben.

Spüren die Unternehmen in der Region aktuell den Fachkräftemangel?

In der Zentralschweiz bestand lange Zeit eine praktische Vollbeschäftigung. Heute sprechen wir weniger von einem generellen Arbeitskräftemangel, sondern eher von einem Fachkräftemangel in bestimmten Berufen. Dies trifft etwa besonders auf technische Berufe und spezialisierte Fachkräfte zu wie etwa im Gesundheitswesen.

Bei Ihrer Arbeit beschäftigen Sie sich auch mit internationalen Entwicklungen. Wie stark wirken sich geopolitische Spannungen auf die Zentralschweizer Wirtschaft aus?

Ein wichtiger Faktor ist aktuell die Unsicherheit. Viele Unternehmen in der Zentralschweiz produzieren Investitionsgüter wie Maschinen oder industrielle Anlagen. Wenn Unternehmen weltweit unsicher sind, investieren sie weniger. Das spürt unsere Industrie besonders stark. Die Gesamtwirtschaft bleibt jedoch vergleichsweise stabil. 

Politisches Engagement ist in Ihrem Beruf von grosser Bedeutung. Wie kommt man eigentlich in die Politik? 

Das politische System der Schweiz bietet viele Möglichkeiten zur Mitwirkung – das ist ein grosses Privileg. Sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen können sich relativ einfach einbringen, etwa über Parteien, Verbände oder Organisationen. Gerade in der Zentralschweiz sind die Wege kurz und man kann sich schnell an politischen Diskussionen und Entscheidungsprozessen beteiligen.

«Politische Ökonomie» ist mittlerweile als Spezialisierung des Masters in Wirtschaftswissenschaften studierbar.

Roxane Bründler

Lead Marketing bei der Abacus Business Solutions AG, Vorstandsmitglied der ALUMNI Organisation