Leo Valentin Theissing untersucht am Ethnologischen Seminar, wie LGBTIQA+-Eltern ihren Familienalltag erleben. Als trans Wissenschaftler*in bringt dey auch eine persönliche Perspektive in die Forschung ein.

Leo Valentin Theissing in einer der Pergolen auf dem Pausenplatz des Uni/PH-Gebäudes. (Bild: Roberto Conciatori)

«Queere Familien in der Schweiz»: Leo Valentin Theissing forscht in diesem Projekt mit und verfasst hier eine Doktorarbeit mit dem Fokus «trans Elternschaft». Ziel der von Carole Ammann geleiteten Studie ist es, herauszufinden, wie LGBTIQA+-Eltern ihre Elternschaft und ihren Familienalltag erleben und welche Herausforderungen und Bedürfnisse sie in einer Gesellschaft haben, die in erster Linie auf heteronormative Familien ausgerichtet ist (siehe Box unten).

Nähe: Stärke und Herausforderung

Doch wie forscht man über ein Thema, das auch Teil der eigenen Erfahrung ist? Leo Theissing ist selbst trans und sieht darin vor allem Vorteile: «Ich habe bei trans Teilnehmenden einen Vertrauensvorschuss.» Die Geschichte der Forschung zu trans Personen sei lange von Vorurteilen, Pathologisierung und sogar körperlicher Gewalt geprägt gewesen. Inzwischen hätten sich die Zustände verbessert. Dennoch bestünde weiterhin Verbesserungspotenzial in der Forschung über trans Personen. «Wer einmal in einem Interview schlecht behandelt wurde, überlegt es sich ein nächstes Mal zweimal, zuzusagen», meint Leo Theissing.

Vor diesem Hintergrund sieht es Theissing als Vorteil, selbst Teil der LGBTIQA+-Community zu sein. Die Teilnehmenden würden darauf vertrauen, dass dey andere trans Personen respektvoll behandelt. Gleichzeitig bringt Leo Theissing die Sensibilität dafür mit, was es beispielsweise bedeutet, gegenüber der eigenen Familie nicht geoutet zu sein. Entsprechend sorgfältig gestaltet dey die Anonymisierung der Teilnehmenden.

Die sogenannte Insiderforschung kann aber auch Nachteile haben: Wenn Forschende und Teilnehmende ähnliche Erfahrungen teilen, können wichtige Details unausgesprochen bleiben. «Sowohl ich als auch die Teilnehmenden sehen manchmal etwas als selbstverständlich an. So könnte Information verloren gehen», erklärt Leo Theissing. Um solche blinden Flecken zu vermeiden, fragt dey bewusst auch bei vermeintlich Offensichtlichem nach.

Es macht mich emotional, Erfahrungen von Personen zu hören, die Diskriminierung erfahren haben.
Leo Valentin Theissing
Forschungsmitarbeiter*in

Wie nah Leo Theissing die Forschung geht, zeigt die Erinnerung an ein Interview mit einem trans Vater. «Es war für mich wirklich sehr schön, dieses Gespräch zu führen, weil ich spüren konnte, wie viel Freude respektive trans joy ihm seine Rolle als Vater bringt.» Die Geschichte hatte jedoch auch eine Kehrseite: So schilderte der trans Vater Leo Theissing, wie der Prozess damals verlief, als er seinen Geschlechtseintrag geändert hatte. Er war damals der erste trans Mann im Kanton und musste nach der alten Regelung mit dem Antrag vor Gericht. Der Richter bewilligte ihm die Änderung, mit dem Kommentar, dass er den Geschlechtseintrag wieder rückgängig machen müsse, sollte er später einmal Kinder haben wollen. Dieser Kommentar traf ihn hart. Jahrelang konnte er sich deshalb nicht vorstellen, überhaupt Vater werden zu wollen. Für Theissing sind solche Erfahrungsgeschichten bewegend. «Es macht mich emotional, Erfahrungen von Personen zu hören, die solche Diskriminierung erfahren haben», sagt Leo Theissing. Die Nähe zum Thema bedeutet deshalb nicht nur Vertrauen und Verständnis. Sie bedeutet auch, Freude und Schmerz besonders intensiv mitzuerleben.

Abbildung der Vielfalt

Die Studie selbst ist noch nicht abgeschlossen. Dennoch zeichnen sich bereits erste Erkenntnisse ab. Über 800 Personen haben an der Umfrage des Forschungsprojekts teilgenommen. Besonders aus der Queer-Community erhielt das Forschungsteam viel positives Feedback. «Viele Teilnehmende haben sich sehr darüber gefreut, dass sie ihre komplexen Familienkonstellationen in der Umfrage angemessen abbilden konnten», erklärt Leo Theissing. In anderen Erhebungen fehle dafür oft die Möglichkeit.

Diese Forschungslücke hat strukturelle Gründe: So orientieren sich viele Familienstudien sich an Haushalten. Das heisst, nur Personen, die zusammenwohnen, werden darin abgebildet. Gerade in queeren Familien und Co-Parenting-Konstellationen (d. h. die Eltern sind Personen, die zusammen ein Kind haben und manchmal Freund*innen sind, manchmal eine romantische oder sexuelle Beziehung führen) entspricht das jedoch nicht immer der gelebten Realität. Zudem werden sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität in vielen Datenerhebungen gar nicht oder nicht im Detail abgefragt. So bleibt die Vielfalt queerer Familien häufig unsichtbar.

Ein weiteres Thema, das sich in den bisherigen Auswertungen zeigt, ist, dass viele queere Eltern, etwa am Arbeitsplatz, mit sehr intimen Fragen zu ihrer Familienplanung konfrontiert werden. «Die Neugier ist verständlich», meint Leo Theissing. Gleichzeitig könne es für viele unangenehm und belastend sein, immer wieder sehr intime Aspekte der eigenen Familienplanung erklären zu müssen. Denn für viele queere Eltern ist dies ein sehr langwieriger und emotional schwieriger Prozess.

Die Forschungsergebnisse sollen nebst dem akademischen Publikum auch die breite Öffentlichkeit und die Politik erreichen.

Für Leo Theissing liegt das eigentliche Problem weniger in der Neugier einzelner Menschen als im fehlenden gesellschaftlichen Wissen über unterschiedliche Familienformen. Die Verantwortung für die Aufklärungsarbeit lande oft bei denjenigen, die selbst betroffen seien. «Daher freue ich mich sehr auf die Veröffentlichung unseres Forschungsberichts, der nebst dem akademischen Publikum auch die breite Öffentlichkeit und die Politik erreichen soll.» Der Bericht mit Zwischenergebnissen wird in diesem Sommer veröffentlicht. Dey möchte mit diesem Forschungsprojekt einen Beitrag zu politischen Diskussionen, wie z. B. bezüglich der Vereinfachung der Stiefkindadoption, leisten. «Wie werden diese Verfahren von queeren Eltern erlebt? Wie sehen die Bedürfnisse aus? Was sind Hindernisse? Für diese Fragen aus aktuellen gesellschaftlichen Debatten möchten wir einen wissenschaftlichen Anhaltpunkt liefern», sagt Theissing.

Die Forschung zu Regenbogenfamilien ist für Leo Theissing jedoch nicht nur für queere Menschen von Bedeutung. Sie kann auch dazu anregen, bestehende Familienmodelle neu zu denken. «Ich finde es auf einer persönlichen Ebene sehr spannend, verschiedene Familienmodelle kennenzulernen, und es ist schön zu sehen, wie Elternschaft auch beispielsweise in Mehrelternkonstellationen möglich ist.»

Besonders beeindruckt hat Leo Theissing ein Gespräch mit einer Familie, die ein Co-Parenting-Familienmodell hat. «Die Eltern erzählten mir, wie sie zu gleichen Teilen Carearbeit leisten, bedürfnisorientiert kommunizieren und pragmatische Lösungen für alltägliche Konflikte suchen», sagt dey. «Davon können sich auch viele andere Familien oder Paare ausserhalb von Regenbogenfamilien und der LGBTIQA+-Community etwas abschauen.»

www.unilu.ch/leo-theissing

Anstelle der binären Pronomen «sie» oder «er» werden in diesem Beitrag genderneutrale Pronomen benutzt, und zwar diejenigen, die Leo Valentin Theissing verwendet: «dey» für Nominativ und Akkusativ, «denen» für Dativ und «deren» für Genitiv. Mehr Infos
 

Ambizione-Forschungsprojekt

Bei «GBTIQ+ Parents and Single Fathers in Switzerland. Parenting Outside Hegemonic Family Norms» (deutscher Arbeitstitel: «Queere Familien in der Schweiz») handelt es sich um ein sogenanntes Ambizione-Projekt unter der Leitung Carole Ammann. In diesem Rahmen fördert der Schweizerische Nationalfonds (SNF) aussichtsreiche Postdoc-Forschende, die mit den zugesprochenen Mitteln – hier: 875'000 Franken – ein selbstständig geplantes Projekt an einer Schweizer Hochschule ihrer Wahl durchführen, verwalten und leiten können. Frühere Newsmeldung zur Zusprache

Die Studie ist als Mixed-Methods-Studie angelegt. Es gelangen also verschiedene Methoden zum Einsatz: Umfrage, Interviews, teilnehmende Beobachtung und kreative Methoden. Im Juli veröffentlicht das Forschungsteam die Ergebnisse der Umfragen, die ein Teilprojekt darstellen. Bei Leo Theissings Doktorarbeit handelt es sich ebenfalls um ein Teilprojekt. Für diese hat dey zur Vertiefung der Umfrageergebnisse Interviews mit trans und nicht-binären Eltern geführt.