Die Philosophin Magdalena Hoffmann beschäftigt sich unter anderem intensiv mit der antiken Ethik. Im Interview erklärt sie, was in dieser als gutes Leben galt und wieso diese jahrhundertealten Ideen nach wie vor relevant für uns sind.
Magdalena Hoffmann, was war in der antiken Ethik mit einem guten Leben gemeint?
Magdalena Hoffmann: Der Tugendbegriff ist für die antike Ethik zentral. Gemäss Aristoteles (384–322 v. Chr.) besteht das gute Leben darin, dass man sowohl seine charakterlichen wie auch seine intellektuellen Fähigkeiten zur Exzellenz entwickelt, und zwar indem man sich in tugendhaftem Handeln übt. Einer der für mich attraktivsten Aspekte des antiken Verständnisses ist, dass ein gutes Leben ein tätiges Leben ist. Das gute Leben stösst uns nicht zu – wir sind keine passiven Konsumentinnen und Konsumenten unseres Lebens. Ein aktives, gutes Leben besteht darin, dass man sich selbst um die eigene Verfassung in ethischer Hinsicht kümmert.
Können Sie ein konkretes Beispiel für eine tugendhafte Handlung geben?

Tugendhaft zu handeln bedeutet, dass man in Situationen die gefragte Eigenschaft besonders gut oder vortrefflich ausübt. Wenn ich zum Beispiel mutig bin, zeigt sich das darin, dass ich mit meiner Angst so umzugehen weiss, dass ich mich traue, Widerworte zu geben, wenn ich sehe, dass in einer bestimmten Situation Unrecht geschieht. Dabei ist wichtig, dass ich wirklich durch diesen Mut motiviert bin. Es darf nicht darum gehen, dass ich mich beispielsweise besonders gut darstellen möchte.
Warum fasziniert die antike Ethik, besonders diejenige der Stoiker, bis heute?
Einer der Gründe für die heutige Faszination für die antike Ethik ist, dass sie die Frage nach dem guten Leben so sehr ins Zentrum rückt. Besonders reizvoll ist dabei der grosse Optimismus, der damit verbunden ist: die Vorstellung, dass wir unsere Seele mit konkreten Übungen bewusst formen können, um diesen Zustand zu erreichen. Diese stoischen Übungen können ein hilfreiches Korrektiv für unseren sehr chaotischen und galoppierenden Geist sein. Sie fordern uns heraus, zu überprüfen, ob unser Verständnis der Welt und die Bedeutung, die wir Gütern beimessen, wirklich notwendig und richtig sind. Damit kann eine gewisse innere Freiheit einhergehen.
Ein zentrales Beispiel hierfür ist eine bekannte Idee von Epiktet (zirka 50–138 n. Chr.): Man soll unterscheiden zwischen dem, was dem eigenen Einflussbereich unterliegt, und dem, was man nicht in der Hand hat (siehe dazu das zweite Zitat in der Sammlung in der Box unten). Wenn uns etwa jemand beleidigt, dann haben wir es gemäss Epiktet in unserer Hand, ob wir uns darüber aufregen. Diese Übung verspricht uns Resilienz und auch Kontrolle über uns selbst, um uns damit ein Stück weit unantastbarer zu machen. Doch nicht immer wird die Stoa zu den richtigen Zwecken eingesetzt.
Wie meinen Sie das?
Die Unterscheidung, die Epiktet trifft, wird bisweilen so eingesetzt, dass man zum Teil systematische oder strukturelle Probleme komplett individualisiert, indem man sagt, wir müssten erst mal alle auf unseren eigenen Einflussbereich schauen. Das ist aber erstens nicht das, was die Stoa lehrt, und zweitens wird damit ein Narrativ befördert, das von der Verantwortung gegenüber anderen übermässig entlastet. Armut oder ausbeuterische Arbeitsbedingungen sind beispielsweise Probleme grösseren Ausmasses; man wird den Betroffenen nicht gerecht, wenn man nur eine andere innere Haltung dazu empfiehlt.
Glück und Moral waren in der Antike sehr eng verbunden. Das ist in vielen zeitgenössischen ethischen Theorien weniger der Fall.
Worin liegen die Unterschiede zu unserer heutigen Vorstellung eines guten Lebens?
Die verschiedenen Theorien der antiken Ethik gehen alle davon aus, dass das gute Leben eine Art Zustand der Glückseligkeit ist. Gemeint ist damit aber nicht Glück in unserem heutigen Verständnis, also kein euphorisches Glücksgefühl, sondern ein Erfüllungsglück, das vor allem in der Vollendung der menschlichen Natur besteht. Glück und Moral waren in der Antike sehr eng verbunden. Das ist in vielen zeitgenössischen ethischen Theorien weniger der Fall. Heute fokussieren wir uns mehr auf die Bewertung von Handlungen und weniger auf die Bewertung des moralischen Charakters.
Denken Sie, dass unsere Gesellschaft heute ein tugendhaftes Leben führt? Oder haben das die Leute in der Antike besser gemacht?
Ein Vergleich ist schwierig, weil die Haltung mit der entsprechenden Motivation zusammenhängt, und die Motivation entzieht sich der Beurteilung von aussen. Dennoch würde ich sagen, dass sich viele Menschen nicht um diese Art der charakterlichen Exzellenz kümmern oder sich davon nicht angesprochen fühlen. Für sie ist Glück ein Konzept, das nicht zwingend etwas mit Moral zu tun hat. Aber letztlich ist die Frage, wie tugendhaft wir derzeit sind, eine, die nur interdisziplinär beantwortet werden kann.
In einer Vortragstrilogie sprechen Sie neben dem guten Leben auch über das gute Altern und Sterben. Altern verbinden viele eher mit etwas Negativem …
Die Betrachtung des Alters war schon in der Antike von Ambivalenz geprägt: Einerseits gestand man dem Alter Erfahrung zu, auf der anderen Seite wurden Ältere eher als missgünstig und anstrengend beschrieben. Tatsächlich gibt es aber viele positive Aspekte des Alterns. Die Philosophie der Lebensphasen besagt, dass jede Lebensphase – Kindheit, Jugend, das erwachsene Alter und das hohe Alter – ihre eigenen Güter hat. Dem Alter werden typischerweise Erfahrung, Gelassenheit, eine bessere Urteilskraft und ein Blick für das Wesentliche zugesprochen.
Gut zu altern bedeutet meines Erachtens, das Erlebte in Erkenntnis umzusetzen.
Wie altert man gut?
Gut zu altern bedeutet meines Erachtens, das Erlebte in Erkenntnis umzusetzen. Aus dem Erlebten erwachsen im besten Falle Lebenserfahrung und so etwas wie Weisheit. Ein weiterer wichtiger Schritt ist, dass man den Mut findet, sich von Dingen zu lösen, die einen früher belastet haben oder denen man zu viel Bedeutung beigemessen hat. Dadurch kommt man mehr bei sich selbst an. Ausserdem kann man die bestehenden Beziehungen zu Gleichaltrigen, aber auch zu jüngeren Generationen, bewusster wahrnehmen und mehr wertschätzen. Da gibt es sehr vieles, was man zutage treten lassen kann.
Die Angst vor dem eigenen Tod ist verbreitet. Wie kann man diese ein wenig verringern?
Viele Menschen haben zunehmend eine starke Vorstellung von dem, was es heisst, «gut zu sterben». Einerseits ist das gut, sich Gedanken darüber zu machen, was es für einen selbst bedeutet, gut zu sterben. Andererseits birgt das die Gefahr, dass man eine sehr fixe Idee dieses guten Sterbens bekommt und sich unter Druck setzt, genau auf diese Weise sterben zu müssen. Dessen ungeachtet ist es hilfreich, sich das Faktum der eigenen Sterblichkeit vor Augen zu führen. Das kann helfen, die Gegenwart stärker wahrzunehmen und sich gut um die eigene Seele zu kümmern, sodass wir an dem Tag, an dem wir sterben, in guter seelischer Verfassung und frei von Reue sind.
Am 29. Oktober hält Magdalena Hoffmann im Pflegeheim «pflegimuri» in Muri (AG) den letzten Vortrag ihrer Trilogie «Gut sterben – Gelungener Abschied». Mehr Infos: www.pflegimuri.ch/vortrags-trilogie
Antike Gedanken zum guten Leben
«Mit denjenigen nun, die das Glück mit der Tugend oder einer bestimmten Art der Tugend gleichsetzen, ist unsere Erklärung im Einklang.»
Aristoteles, «Nikomachische Ethik», Buch I, Kap. 9
«Über das eine gebieten wir, über das andere nicht. Wir gebieten über unser Begreifen, unsern Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden, und, mit einem Wort, über alles, was von uns ausgeht; nicht gebieten wir über unsern Körper, unsern Besitz, unser Ansehen, unsere Machtstellung, und, mit einem Wort, über alles, was nicht von uns ausgeht.»
Epiktet, «Handbüchlein der Moral»
«Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge.»
Epiktet, «Handbüchlein der Moral»
«Vor dem Alter habe ich dafür gesorgt, gut zu leben, im Alter dafür, gut zu sterben; gut zu sterben bedeutet aber, gern zu sterben.»
Seneca, «Briefe über Ethik an Lucilius», Brief 61
«Die Lebenskunst ist der Kunst eines Ringers ähnlicher als der Kunst eines Tänzers, insofern sie auf die Schläge und die nicht vorhersehbaren Ereignisse vorbereitet ist und fest dasteht, ohne zu wanken.»
Marc Aurel, «Wege zu sich selbst», Buch 7, 61

