Für Sahra Lobina gibt es nichts Schöneres, als Quellen zu entdecken und sich in diese zu vertiefen. Die Geschichts-Doktorandin empfindet Forschung als etwas Aufregendes – auch wenn dahinter viel staubtrockene Arbeit steckt.

Quellengestützt: Sahra Lobina im Staatsarchiv Luzern mit Ratsprotokollen aus dem 16. Jahrhundert. (Bild: Philipp Schmidli)

Gewalt an Frauen im Krieg erhielt dieses Jahr vermehrt Aufmerksamkeit. Der Friedensnobelpreis wurde an zwei Personen verliehen, die sich mit diesem Thema intensiv auseinandersetzen. Auch Sahra Lobina erforscht in ihrem Dissertationsprojekt mögliche Zusammenhänge von Krieg und Geschlechterrollen. Dabei taucht sie ins Luzern des 16. Jahrhunderts ein, wo Solddienst und katholische Reformbewegungen Geschlechterbeziehungen zu einem brisanten Thema machten. «Direkte Parallelen zur Gegenwart ziehe ich keine», sagt die 33-Jährige. «Aber selbstverständlich hat mein historischer Fokus aktuelle Ursachen.»

Geweckt wurde das Interesse der Luzernerin im Rahmen der Beschäftigung mit der amerikanischen Intervention in Afghanistan seit 2001. «Dort ging es stark um aufgeladene Rollenbilder.» So war etwa die Rede davon, die Frauen von ihren Burkas zu befreien und die Emanzipation mit Bomben dorthin
zu bringen. Gleichzeitig habe die Diskussion um amerikanische Soldatinnen stattgefunden, die in alle Bereiche des Militärs integriert werden wollten, also auch in Kampfhandlungen. Hinzu kamen die Soldatenmütter, die sich im Fernsehen zuhause mit USA-Fahnen abbilden liessen. «Die ganze Palette an unterschiedlichen Bildern, was und wo der Platz von Frauen im Krieg sein soll, wurde sichtbar.» So auch das Stereotyp, dass der Mann in den Krieg ausziehe, um die Frau zu beschützen – obwohl afghanische Frauen als Selbstmordattentäterinnen unterwegs waren und auch Soldatinnen an der Front mitkämpften. «Deshalb fing mich das Thema an zu interessieren.» Es sei doch bemerkenswert, dass Frauen, die sich mit Bomben in die Luft sprengen oder Bomben abwerfen, als passiv und schutzbedürftig dargestellt wurden. «Offenbar ist dieses Stereotyp so wichtig, dass es auch in einer solchen Situation eine Funktion erfüllt.»

Jesuiten und die Geselligkeit der Frauen

Gleichzeit beschäftigte sich Sahra Lobina mit Luzern im 16. Jahrhundert. Diesbezüglich stolperte sie über eine Passage aus der Jesuitenchronik, welche sie aufmerksam werden liess: Die Jesuiten sollten sich vor der Geselligkeit der Frauen hüten, hiess es. Weil viele Männer als Söldner weg waren, seien die Frauen zu oft allein. «Da wurde ich hellhörig und fragte mich, welche Konsequenzen dies für die Familien, Pfarreien und den Stadtstaat hatte.» Denn in der katholischen Gegenreformation wurde die Unauflöslichkeit der Ehe hochgehalten. «Gleichzeitig waren viele Männer im Solddienstgeschäft tätig, was auch im Sinne der Stadt war. Aber beides ging nicht zusammen.» Viele Männer kehrten lange nicht zurück, blieben jedoch genau wie ihre Frauen an ihre Ehe gebunden. Ging zuhause das Geld aus, hätten die Familien laut Gesetz an den Ort des kämpfenden Mannes geschickt werden müssen. Stattdessen wurde eine erste institutionalisierte Armenfürsorge eingeführt, die sich auch um die Familien von Söldnern kümmerte. «So wurde diese Bestimmung umgangen », sagt die Historikerin.

«Es gab zu jener Zeit keine ledigen Mütter, nur vaterlose Kinder.»
Sahra Lobina, Doktorandin und Assistentin am Historischen Seminar

Interessant sei auch, dass Frauen, deren Ehemänner tot waren, ihrer Kinder «entledigt» wurden. Die Kinder wurden in der Verwandtschaft des Vaters verteilt, damit die Frau wieder für sich selbst sorgen konnte: «Es gab zu jener Zeit keine ledigen Mütter, nur vaterlose Kinder», so Lobina. Die Vorstellung, dass das Kind zur Mutter gehöre, war damals in dieser Form nicht vorhanden. Erst später wurde die Kinderfrage zur Sache der Mütter erklärt. «Ich finde es faszinierend, wenn man Dinge verständlich machen kann, indem man ihnen ihre Selbstverständlichkeit nimmt.» Es sei bemerkenswert, dass vieles, was heute als natürlich vorausgesetzt werde, sich als menschengemacht herausstellt. «Das ist angesichts der heutigen Debatte rund um sogenannt ‹unvollständige Familien› als Armutsrisiko spannend.»

Rekrutenschule als Lebensschule

Der Solddienst im 16. Jahrhundert war für die wenigsten Söldner finanziell einträglich. Weshalb war er trotzdem attraktiv? Vielleicht wegen einer entsprechenden Propaganda? Die Metapher, dass sich Männlichkeit in erster Linie durch Kampffähigkeit manifestiere, sei heute immer noch prägend; so werde die Rekrutenschule gemeinhin als Lebensschule bezeichnet.

Das Dissertationsprojekt wird an der Universität Luzern von Geschichtsprofessor Valentin Groebner betreut, als Zweitgutachterin konnte Professorin Patricia Purtschert vom Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Universität Bern gewonnen werden. Sahra Lobina, die bereits ihr Masterstudium (Kulturwissenschaft mit Major Geschichte) in Luzern abgelegt hat, spricht konzentriert und wohlüberlegt. Geschichte hat für sie nichts Verstaubtes. «Vergangenheit ist an und für sich spannend und interessiert viele Leute.» Dies zeige sich beispielsweise immer wieder am Publikum der Frauenstadtrundgänge in Luzern, aber eigentlich auch am Verein selbst: Nebst (angehenden) Historikerinnen seien hier auch Frauen mit einem ganz anderen Hintergrund engagiert. «Geschichte erzählen macht genauso viel Spass, wie diese zu erforschen: Es ist immer wieder verblüffend, wo einem etwas bekannt vorkommt und was vollkommen fremd und unverständlich erscheint.» Forschen bedeutet für die Historikerin Abenteuer. «Es hat viel mit Adrenalin zu tun. Es gibt nichts Befriedigenderes, als Quellen aufzustöbern.»

Lehren und lernen

Nicht nur die Forschung, auch das Unterrichten macht ihr Spass. Sahra Lobina arbeitet als wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance von Professor Valentin Groebner; in dieser Funktion wird man auch zur Dozentin. Zurzeit führt sie eine Lehrveranstaltung über die «Knochenarbeit» der Geschichte durch, in der es darum geht, aus Gräbern, Testamenten oder Leichenpredigten etwas über die Lebenden zu erfahren. «Lehren ist herausfordernd. Papier ist geduldig, Studierende sehr viel weniger», sagt sie und lacht. Wie bringt sie Lehre und Forschung zusammen? Im letzten Semester hatte sie keine Lehrveranstaltungen und konnte sich mehr auf ihre Dissertation konzentrieren. Dieses Semester ist es umgekehrt. Sahra Lobina mag das Vielseitige. Sie sei nicht nur Wissenschaftlerin, sondern habe sich bewusst für eine Assistenzstelle mit einem breiten Aufgabenbereich entschieden. Nebst Forschung, Lehre und Fachstudienberatung umfasst dieser auch Engagements in der Selbstverwaltung der Uni. Das ist alles zeitaufwendig, aber auch sehr lehrreich: Es fördert Pragmatismus und ergebnisorientierte Planung. Und handfeste Ergebnisse schätzt die dreifache Mutter.

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