Wie geht es Menschen, die in ihrer Kindheit Krebs hatten? Damit beschäftigt sich Gisela Michel, Professorin für Gesundheits- und Sozialverhalten. Das Schönste an ihrer Arbeit: Ihre Forschung findet direkte Anwendung in der Behandlung.

Gisela Michel vor einer farbigen Kletterwand
Tätig in der Krebsforschung: Gisela Michel, Professorin für Gesundheits- und Sozialverhalten. (Bild: Philipp Schmidli)

Eigentlich sei sie eher ein ruhiger Typ, jemand, der mehr zuhöre als selbst spreche. «Geht es um Forschung, an der ich beteiligt bin, dann äussere ich mich aber sehr gerne», sagt Gisela Michel und lächelt leicht verlegen. Nein, die Professorin ist keine, die um jeden Preis im Rampenlicht stehen muss. Ihr geht es um Inhalte, nicht um persönliche Eitelkeiten.

Und die 47-Jährige gibt zu, dass ihr Forschung Spass macht, dass sie sich gerne inhaltlich vom Hundertsten ins Tausendste bewegt, weil sich stets neue Fragen stellen, neue Details ans Licht kommen und sie leidenschaftlich gerne nach Antworten sucht. «Mit jeder Frage, die man beantwortet, stellen sich zehn neue. So lerne ich ständig neue Dinge und finde Antworten. Das ist faszinierend.»

Doppelbelastung der Grosseltern

Ihr Hauptaugenmerk in der Forschung liegt auf der Verbesserung der Nachsorge nach Krebs im Kindesalter. Zurzeit befasst sich Gisela Michel etwa mit den Auswirkungen auf Grosseltern ehemaliger Patientinnen und Patienten. «Wie sind sie involviert in der Zeit, in der ihr Enkelkind in Behandlung ist, wie unterstützen sie die Eltern, wie betroffen sind sie selbst? Das sind einige der Fragen, die wir stellen», erzählt sie. Oft seien Grosseltern gleich doppelt belastet, da sie sich sowohl um die Enkel als auch um die eigenen Kinder sorgen, denen es schlecht gehe.

Glücklicherweise können heute die meisten Patienten, die im Kindesalter an Krebs erkranken, geheilt werden. Aber viele leiden danach an Spätfolgen wie Herzkreislauferkrankungen, hormonellen Problemen oder Zweittumoren, die etwa durch Chemo- und Radiotherapie verursacht werden. Michel interessiert sich als Psychologin vor allem für die psychosozialen Aspekte. «Viele ehemalige Patienten haben Angststörungen, Depressionen oder andere psychische Probleme.» Häufig ist etwa chronische Müdigkeit, was im Erwerbsleben zu starken Beeinträchtigungen führen kann. «Oft geht es ehemaligen Patienten lange gut, dann, mit 30, wenn man eine Familie gründen will, stellen sich plötzlich schwierige Fragen: Kann ich überhaupt Kinder haben, werden diese auch Krebs bekommen?»

«Die psychischen Probleme der sogenannten Survivors werden noch zu wenig genau angeschaut.»
Gisela Michel

In verschiedenen Forschungsprojekten hilft Gisela Michel mit, die Organisation der Nachsorge zu verbessern und deutlicher zwischen medizinischen, psychologischen und sozialen Problemen zu unterscheiden. «Im Moment sind wir im Rahmen des EU-Projekts ‹PanCareFollowUp› dabei, die Nachsorge genau zu untersuchen. In vier Kliniken haben wir so die Nachsorge neu aufgebaut.» Dabei werde geschaut, welche Behandlungen und Therapien für wen sinnvoll sind. Eine Erkenntnis, die für Gisela Michel zentral ist: «Die psychischen Probleme der sogenannten Survivors werden noch zu wenig genau angeschaut.» Dabei seien diese oft belastender als etwa ein medizinisches Leiden. «Viele Betroffene wissen noch zu wenig genau, wie und wo sie Hilfe bekommen.»

Verbesserung der Hilfsangebote

Durch ihre Forschung möchte Michel helfen, dass das Bewusstsein und das Hilfsangebot für die psychosozialen Aspekte der Nachsorge bei Krebspatientinnen und -patienten verbessert werden. Im Februar fand eine von Elternorganisationen ins Leben gerufene Survivor-Tagung statt, bei der sie Resultate aus ihrer Forschung vorstellte. «Wir wiesen auch darauf hin, dass ehemalige Patienten mit ihren Problemen nicht allein sind, wenn sie etwa mit Depressionen zu kämpfen haben.» Gisela Michel betont, dass sie mit ihrer Forschung von Anfang an jeweils mit Kinderonkologen und Patienten zusammenarbeitet. «Unsere Resultate fliessen am Schluss auch bei der Umsetzung von Massnahmen direkt mit ein. Zum Beispiel kann die Nachsorge in einer Art organisiert werden, dass sie sowohl den Bedürfnissen der ehemaligen Patienten als auch denjenigen der behandelnden Ärztinnen entspricht.» Das sei einer der Punkte, die sie besonders schätze. «Wir betreiben nicht Grundlagenforschung, die irgendwo in einer Schublade verschwindet, sondern können direkt etwas bewirken. Das ist sehr befriedigend.»

Nebst der Forschung ist Gisela Michel in der Lehre tätig. Sie betreut die Studentinnen und Studenten, die den Master in Health Science machen. Wie sehr mag sie, die nicht so gerne im Mittelpunkt steht, die Vorlesungen? Sie schmunzelt. Das mache durchaus Spass, wenn die Studierenden gut mitmachten. Wenn nicht, räumt sie ein, sei es manchmal «harzig», und gibt zu, dass ihr Herz schon stark für die Forschung schlage.

Die Professur von Gisela Michel ist auf Anfang Jahr verstetigt worden, zudem nimmt sie seit letztem Herbst am «High Potential University Leaders Identity & Skills Training Program» für Professorinnen mit hohem Führungspotenzial teil. Was bedeuten ihr diese Anerkennungen? Es sei mit 47 Jahren das erste Mal, dass sie eine unbefristete Tätigkeit habe. «Ich fing mit der Dissertation an, dann bekam ich Gelder vom Nationalfonds, um für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen. Nun hatte ich die zeitlich befristete Professur in Luzern.» Gestört habe sie das nie, aber jetzt empfinde sie es trotzdem als beruhigend.

Gisela Michel am Klettern
Passionierte Kletterin: Gisela Michel. (Bild: Philipp Schmidli)

Fast immer Frauen im Team

Dass sie am Programm für die Förderung weiblicher Führungspersonen teilnehmen darf, freut sie. «Wir lernen, wie wir Forschungsprojekte aufgleisen. Aber wie man Menschen führt, ist in der akademischen Welt eigentlich nie ein Thema.» Beim Geschlechterthema muss sie schmunzeln. «Es ist lustig, aber seit meiner Dissertation habe ich fast immer ausschliesslich mit Frauen gearbeitet. Offenbar liegt das an meinem Fachgebiet; ich hätte natürlich nichts gegen einen Mann in meinem Team.»

Gisela Michel ist Mutter zweier Kinder, die neun und elf Jahre alt sind. Da sie in ihrer Arbeit viel mit krebskranken Kindern zu tun hat, braucht es manchmal etwas «professionelle Distanz», um nicht bei jedem kleinen Gebrechen ihrer Sprösslinge gleich ans Schlimmste zu denken. Aber sie habe ja beim Pendeln Zeit, um abzuschalten, meint sie. Obwohl sie im Zug eigentlich immer arbeite. Zusammen mit ihrem Partner und den Kindern wohnt sie in Bern. Ihr Mann ist ebenfalls Wissenschaftler, an der Universität Bern; er arbeitet 60, sie 80 Prozent. Donnerstag- und Freitagnachmittag sind bei ihr für die Kinder reserviert. Die Hausarbeit teilen sich die beiden auf. Die gebürtige Stanserin nimmt zusammen mit ihrer Familie jedes Jahr am Luzerner Stadtlauf teil. «Luzern hat nicht nur eine tolle Uni, sondern ist auch eine sehr schöne Stadt.» Die Familie ist aber nicht nur am Stadtlauf ziemlich sportlich unterwegs. «Wir verbringen jeweils vier Abende pro Woche in einer Kletterhalle und die Ferien am Fels.»

Dies tönt nach einem vollgestopften Alltag. Gisela Michel nickt, manchmal sei es schon etwas viel. Aber bisher hätten sie das ganz gut hingekriegt, findet sie. Es komme zum Beispiel kaum vor, dass beide gleichzeitig an internationale Kongresse reisen müssten. Vorletztes Jahr ging es nicht anders: Beide mussten nach Japan. «Da haben wir halt die Kinder mitgenommen und die Reise mit Ferien verbunden – das war wunderbar.»

unilu.ch/gisela-michel

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