Nach einem Schlaganfall kann ein visuell-räumlicher Neglect den Alltag von Betroffenen stark einschränken und die Rehabilitation erschweren. Eine Studie des Luzerner Kantonsspitals und der Universität zeigt nun das Potenzial der Video-Okulografie für die Diagnose auf.

Dario Cazzoli, Erstautor der im April 2025 im Fachmagazin «Stroke» publizierten Studie und ausserordentlicher Professor für Neuropsychologie (Mitte), mit Thomas Nyffeler, Professor für Medizinische Wissenschaften, und Brigitte C. Kaufmann, Projektleiterin SNF Ambizione. Bei Cazzoli und Nyffeler handelt es sich um Brückenprofessuren zwischen der Universität Luzern und dem Luzerner Kantonsspital.

Der visuell-räumliche Neglect gehört zu den folgenreichsten, oftmals unterschätzten Defiziten nach einem Schlaganfall. Die in der Klinik für Neurologie und Neurorehabilitation des Luzerner Kantonsspitals durchgeführte Studie «Incidence of Visuospatial Neglect in Acute Stroke» zeigt das Potenzial einer für die Diagnose besonders geeigneten und schonenden Methode auf. Die Arbeit von Dario Cazzoli mit Thomas Nyffeler, Brigitte C. Kaufmann und weiteren Mitwirkenden liefert robuste Daten zu Häufigkeit und Risikofaktoren von Neglect und unterstreicht die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit.

Dario Cazzoli, was passiert im Alltag von Betroffenen?

Dario Cazzoli: Menschen mit Neglect nehmen eine Seite ihrer Umwelt – häufig die linke Seite nach einem Hirnschlag der rechten Hirnhälfte – kaum oder gar nicht wahr. So stossen sie beispielsweise gegen Dinge, essen nur von einer Tellerhälfte oder beachten Menschen auf dieser Seite nicht. Dabei handelt es sich um eine Störung der Aufmerksamkeit: Die Vernachlässigung dieser Raumhälfte findet statt, obwohl die Patientinnen und Patienten die Reize grundsätzlich sehen, hören und spüren können.

Warum ist Neglect prognostisch so relevant?

Weil dieser die Erholung stark bremst und den Alltag tiefgreifend beeinflusst. Betroffene profitieren oft weniger von der Neuro-Reha, weil sie eine Seite ihres Körpers oder ihrer Umgebung vernachlässigen und Übungen, Hilfsmittel oder Sicherheitsregeln nicht vollständig nutzen. Das Risiko für Stürze, Verletzungen oder Fehler ist höher – deshalb braucht es oft mehr Unterstützung und Aufsicht. Alltägliche Aktivitäten wie Anziehen, Essen, Kochen oder sich Orientieren fallen schwerer, was die Unabhängigkeit deutlich einschränken kann, selbst wenn andere kognitiven oder motorischen Funktionen erhalten sind oder gut zurückkommen.

Professor Dario Cazzoli bei der Durchführung einer Video-Okulografie am Luzerner Kantonsspital. (Bild: Luzerner Kantonsspital)

Ihr Ansatz nutzt die Video-Okulografie …

So können wir messen, wie lange Menschen auf Alltagsbilder schauen und wohin ihr Blick geht – also ihre Augenbewegungen, Blickrichtungen und ob sie eine Seite des Raumes systematisch weniger oder gar nicht betrachten. In früheren Studien erkannten wir, dass dies gut mit Vernachlässigungen bei Alltagsaktivitäten korreliert und dass diese somit zuverlässiger erkannt werden können als mit Papier-und-Bleistift-Testverfahren. Da die visuelle Erkundung eines Bildes eine spontane, intuitive Aktivität ist, kann die Video-Okulografie beispielsweise auch bei Patienten mit Sprachstörungen eingesetzt werden, für die Testanweisungen schwieriger sind, und bei Patientinnen mit motorischen Störungen aufgrund des Hirnschlags. Wir setzen die Video-Okulografie bereits regelmässig ein – uns sind andere Kliniken im In- und Ausland bekannt, die damit ebenfalls bereits arbeiten oder gerade bei der Einführung sind.

Welche Effekte hat ein frühes Erkennen für die Therapie?

Ein besonderer Aspekt unserer Studie war, dass wir die Messungen sehr früh, innerhalb von 72 Stunden nach dem Schlaganfall, durchgeführt haben. Dies zeigt einerseits, dass die Video-Okulografie deutlich häufiger eingesetzt werden kann als herkömmliche Methoden. Andererseits besteht die Hoffnung, dass die frühzeitige Erkennung von Neglect die Einleitung spezifischer Trainingsmassnahmen am Krankenbett ermöglicht: Die Literatur liefert Hinweise darauf, dass ein solcher früherer Beginn die für Neglect-Patienten typischen längeren Neurorehabilitationszeiten verkürzen könnte.

Die Neurorehabilitation ist ein Paradebeispiel für die Wichtigkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit verschiedener Professionen.
Dario Cazzoli
Ausserordentlicher Professor für Neuropsychologie

Was zeigt dieses Projekt über die Stärke des Standorts Luzern und warum ist diese Art von interdisziplinärer Forschung strategisch wichtig?

Die Studie ist ein gutes Beispiel dafür, wie am Standort Luzern – unter anderem im Rahmen der Brückenprofessuren zwischen der Universität und dem Kantonsspital – klinische Praxis, moderne Messtechnologie und Forschung eng miteinander verbunden werden können. Innovative Methoden wie die Video-Okulografie wurden mithilfe von Patientinnen und Patienten entwickelt, die an klinischen Studien teilnahmen, und können anschliessend direkt im Versorgungsalltag umgesetzt werden. Die Neurorehabilitation ist ein Paradebeispiel für die Wichtigkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit verschiedener Professionen, die sowohl in der Patientenversorgung als auch in der Forschung erlebt wird. Interdisziplinäre Ansätze führen zu einer besseren Neurorehabilitation und zu praxistauglichen Ergebnissen in der Forschung, also zu diagnostischen und therapeutischen Ansätzen, die nicht nur im Labor funktionieren, sondern auch einen konkreten Einfluss haben können.
 

Der vorgestellte Aufsatz ist Open Access abrufbar.
 

Das Interview ist im Jahresbericht 2025 der Universität Luzern erschienen.

Anne-Diane Deprez

Verantwortliche Kommunikation und Marketing an der Fakultät für Verhaltenswissenschaften und Psychologie