Am 1. Juni 2016 wird der längste Eisenbahntunnel der Welt eröffnet. Vor lauter Technik-Faszination droht ins Abseits zu geraten, dass ein kultur- und sozialwissenschaftlicher Blick auf den Gotthard ebenso spannend ist. Ein neues Buch der Universität Luzern schafft Abhilfe.

Foto Boris Previsic
Prof. Dr. Boris Previsic, SNF-Förderprofessor für Literatur- und Kulturwissenschaften.

Boris Previsic, mit 57 Kilometern der längste und mit bis zu 2300 Metern der tiefste Eisenbahntunnel: Der Gotthard-Basistunnel ist ein Bauwerk der Superlative …

Boris Previsic: Ja, im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung stehen die Weltrekorde – zwei mehr in der notabene auch bereits davor rekordträchtigen Geschichte des Gotthards. Den ersten Zugang stellt daher zweifellos die Technik dar, was auch auf der Hand liegt: Die Vorstellung, mit 275 km/h durch den Tunnel zu rasen, wie es das Bild unten mit seiner Bewegungsunschärfe plastisch erfahrbar macht, berührt jede und jeden.

Tempo 275, 410 Meter lange Tunnelbohrmaschine, Ausbruchmaterial von 28,2 Millionen Tonnen – generell jagt eine Zahl die andere. Stimmig dazu: Auf der Gottardo2016-Website findet sich ein sekundengenauer Countdown bis zur Eröffnung.

Dabei handelt es sich um eine der Komponenten, mit denen der "Jahrhundertbau" als Inbegriff von Perfektion in Szene gesetzt wird. Mit seiner Laservermessung jedes Details etabliert sich der Tunnel als sakraler Raum. Gleichzeitig wird die Präzision mit dem nationalen Selbstverständnis – und der erwünschten Fremdwahrnehmung – verknüpft, wie sich auch am Slogan "Durch und durch die Schweiz" illustrieren lässt.

Hier kommen die Kulturwissenschaften ins Spiel …

Diese sind gefordert, Erklärungsansätze für solche diskursiven Phänomene zu geben. Und zwar weniger als akademisch definierter Fachbereich, sondern im Sinne eines spezifischen analysierenden Blicks auf die Gesellschaft, welche ihre Gegenstände inszeniert. Entsprechend ist der Zugang, der für die Ringvorlesung im letzten Herbstsemester zum Thema und für den nun daraus entstandenen Sammelband auch bewusst interdisziplinär gewählt und schliesst politologische, ästhetische, historische sowie literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven mit ein.

Testfahrt mit Höchstgeschwindigkeit durch die Multifunktionsstelle Faido, Teil des Gotthard-Basistunnels. (Bild: Lars Dietrich)

Als Titel der Ringvorlesung und auch des Buches haben Sie "Gotthardfantasien" gewählt – wäre "Mythos Gotthard" nicht naheliegender gewesen?

Von einem populären Standpunkt aus betrachtet vielleicht schon, aber "Mythos" schien mir in diesem Zusammenhang nicht geeignet, da zu eng gefasst: Mythen weisen immer ein klares historisches Datum auf, so auch im Fall des Gotthards. Dahinter stecken massive Konstruktionsleistungen und Gegennarrative, die es zu entdecken gilt.

Erzählen Sie mehr dazu.

Der Mythos vom Massiv als Zentrum und Identität der Schweiz wird im langen 19. Jahrhundert der Nationenbildung populär gemacht. Dies zum einen auf dem Hintergrund technischer Errungenschaften; die Eröffnung des übrigens massgeblich von Deutschland und Frankreich finanzierten Gotthardtunnels war 1882. Zum anderen wurde das Schweizer Nationalverständnis im öffentlichen Bewusstsein verankert, nachdem die Wunden des Sonderbundkriegs 1847 in der Innerschweiz allmählich vernarbt waren. Nicht zufällig erfolgte die Inszenierung von Schillerstein und Tellskapelle 1860 bzw. 1880. Auf diesem Nährboden wurde der Gedanke vom Gotthard als Réduit und Rückzugsort in den 1930er-Jahren im Zuge der geistigen Landesverteidigung zunehmend festgezurrt. Dem Philosophen Hans Blumenberg zufolge begünstigen Bedrohungsängste die Bildung moderner Mythen – und auch deren Fortbestehen: Dass sich der Gotthard-Mythos auch nach 1945 so lange halten konnte, dürfte mit dem Kalten Krieg zu erklären sein. Damit musste selbst die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg lange nicht aufgearbeitet werden.

Auch ins russische kulturelle Gedächtnis hat sich der Gotthard eingeschrieben: Reiterstandbild (1999) von General Suworow auf dem Pass. (Bild: Chriusha, Wikimedia Commons)

Boris Previsic, Sie bezeichnen den von Ihnen herausgegebenen Band als "Blütenlese" – stellen Sie doch ein paar dieser "Blüten" und deren Stossrichtung vor.

Grundsätzlich macht die Vielfalt der fast dreissig Beiträge, davon mehrere von Angehörigen der Universität Luzern, das Gesamtbouquet aus. So zeigt zum Beispiel der Historiker Daniel Speich Chassé anhand von Eisenbahnführern der Jahrhundertwende das veränderte Dispositiv der Landschaftswahrnehmung vor dem Hintergrund der plötzlichen Beschleunigung der Reisegeschwindigkeit auf. Der Alpenhistoriker Jon Mathieu wiederum unterstreicht, wie unterschiedlich die zeitgenössische Innen- und Aussenperspektive auf die Alpen und insbesondere auf den Gotthard und damit wiederum auf die Schweiz als Exportprodukt ausfallen können.

Gemeinhin ist vom «Tor zum Süden» die Rede. Doch das ist ja alles eine Frage der Perspektive …

Exakt, deshalb kommt im Aufsatz von Marco Marcacci, Redaktor bei der Zeitschrift "Archivio Storico Ticinese", die oft vernachlässigte Tessiner Sicht zur Sprache. Und der in Sarajevo geborene Tessiner Politikwissenschaftler Nenad Stojanovic illustriert, von der eigenen Biografie ausgehend, wie der Gotthard als naturgesetzte Grenzlinie gleichwohl – jedenfalls, was den Eishockeyclub Ambrì-Piotta anbelangt – Integration im Inland ermöglicht. Erhellend fällt auch der Blick nach Osten aus: So befasst sich die Slavistin Anna Hodel mit einem Berg in Montenegro, der ähnlich mythisch aufgeladen ist wie der Gotthard, und der Osteuropa-Historiker Frithjof Benjamin Schenk verweist auf Bezüge des Gotthards zum russischen kulturellen Gedächtnis im Zusammenhang mit Suworows Feldzug. Zudem analysiert der Zeithistoriker Damir Skenderovic erstmals die Vereinnahmung des Gotthard-Mythos durch die neue Rechte vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart.

Cover des Buchs "Gotthardfantasien".

In Ihrem eigenen Beitrag beschäftigen Sie sich mit dem ureigenen Hort der Fantasie, der Literatur …

Es geht mir darum aufzuzeigen, dass Autorinnen und Autoren nach 1945 mit ihren literarischen Werken auf imaginativer Ebene immer wieder Gegenkonstruktionen zum vorherrschenden Gotthard- Mythos erarbeitet haben. Im Kinderbuch "Mein Name ist Eugen" (1955) von Klaus Schädelin etwa, das zurzeit als Musical ein Revival erlebt, wird auf subversive Art Klamauk mit den historischen Fakten betrieben. Und dies, da aus dem Mund von Kindern als Protagonisten kommend, quasi auf legitime Weise. "Die künstliche Mutter" (1982) von Hermann Burger geht einen Schritt weiter und betreibt eine regelrechte Um- und Neuschreibung: In seinem Roman reist ein geschasster Privatdozent zum Gotthard, da er sich in der dortigen unterirdischen Stollenklinik Heilung von seinem Mutterkomplex erhofft. Dies soll gelingen, wie er vernimmt, weil der Gotthard im Grunde weiblich sei und in der Hospizkapelle im Geheimen der "Mätresse Goda" gehuldigt werde. Hinzu kommt, dass die Klinik in Burgers Fiktion auf österreichischem Reichsboden liegt, wodurch der Gotthard seines urschweizerischen Nimbus beraubt wird.

Neben wissenschaftlichen – aber auch essayistischen – Beiträgen zum Thema finden sich im Sammelband auch literarische. Mit dem Wissen, dass Sie sich neben der Literatur wissenschaftlich und praktisch mit Musik auseinandersetzen, erstaunt das zwar nicht komplett, aber zumindest unüblich ist es doch. Warum dieser Entscheid?

Wie soeben aufgezeigt, schafft Literatur Möglichkeitsräume, die einen engen Bezug zu Realitätskonstruktionen auf- und damit auch auf denkbare Zukunftsszenarien vorausweisen. Es handelt sich um ein Erkenntnisinstrument, gleichberechtigt zu wissenschaftlichen und zu anderen Formen des Schreibens. Für mich persönlich stellt Literatur die dichteste Beschreibung dar, um weiterführende und zukunftsweisende Assoziationen freizulegen. Daher bin ich sehr froh, im Buch im Sinne von literarischen Einwürfen acht eigens für diesen Zweck verfasste Gotthard-Texte von Schriftstellerinnen und Schriftstellern – u.a. von Arno Camenisch [siehe Kontext-Element unten], Nora Gomringer, Peter Weber und Matteo Terzaghi – publizieren zu können.

Boris Previsic (Hrsg.): Gotthardfantasien. Eine Blütenlese aus Wissenschaft und Literatur. Baden 2016. ISBN 978-3-03919-388-2

Arno Camenisch: "Über den Gotthard"

DIPLOMFEIER KSF IN LUZERN
Arno Camenisch bei einem Auftritt an der Universität Luzern im März 2016. (Bild: Markus Forte)

Vom Gotthard weiss ich nur, dass ein geheimer Stollen von Airolo bis auf den Pass führt, knapp zwei Meter hoch, steil und feucht und breit wie eine Kuh, dass die Brieftauben auf die andere Seite vom Gotthard gefahren und losgelassen werden, und wenn sie den Weg zurück finden, sie gut genug sind, dass im Sommer die Rekruten in den Hügeln um den Pass herumliegen, die Tage abwarten und den Frauen nachhängen, dass die Soldaten sich im Winter die Hände mit Melkfett einreiben, bevor sie die Lederhandschuhe anziehen und das zweite Paar Handschuhe darüber, dass wir auf dem Weg in den Süden einen Kaffee im Hospiz auf dem Pass tranken und dass vor dem Hospiz die Fahnen im Winde wehen und eine davon die Urner Fahne ist, dass es auf dem Gotthard manchmal auch im Sommer schneit, dass nach dem langen Winter der Mazzacauras* von Norden her über den Pass zieht, dass die Füsiliere ihre Panzerfäuste in den Seitentälern vom Gotthardmassiv abfeuern und dass sie danach die steilen Hänge nach Schiessmüll durchstreifen, dass in den Stollen um das Gotthardmassiv die Jugendlichen zwischen Weihnachten und Neujahr ihre Rockkonzerte spielen, wenn die Maschinen stillstehen, und dass zuunterst in den Stollen stets der Franz mit seinem Crêpes-Stand steht, dass der Gotthard mir manchmal fremd ist wie der Mond und dass ich, seit sie nicht mehr ist, nur noch durch den Tunnel bin.

*Mazzacauras bedeutet wörtlich übersetzt Geissentöter und steht für einen kalten, eisigen Frühlingsnordwind.

Arno Camenisch (*1978) stammt aus Tavanasa in Graubünden. Er schreibt auf Sursilvan und Deutsch und erhielt 2012 für «Ustrinkata» den Schweizer Literaturpreis. "Über den Gotthard" ist sein literarischer Beitrag zum Buch "Gotthardfantasien".


Quelle: uniluAKTUELL, das Magazin der Universität Luzern, Ausgabe 55, Mai 2016, S. 1–3.
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