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Miniatur zu den Gebeten des Wochenfestes aus dem Dresdner Machsor (Gebetbuch für jüdische Festtage), um 1290, Eßlingen; Schreiber: Re'uben, Schüler von Meir von Rothenburg. Mose empfängt aus Gottes Hand die beiden Tafeln und gibt sie an seinen jugendlichen Nachfolger Josua weiter. Das Volk Israel nimmt die Tora mit flehenden Gesten an. Im Lied des Mainzer Dichters Simon ben Isaak ben Abun († um 1015), dessen Incipit ’âdôn ’immnanî in der unteren Bildhälfte zitiert wird, rühmt sich die Tora (= Weisheit), schon bei der Schöpfung Gott als Plan gedient zu haben (vgl. Spr 8,22–30; Genesis Rabba I,1): "Der Herr hat mich gepflegt, / neben sich wohnen lassen, / dem Menschen mich verliehen, / der Ewige hat mich geschaffen..."

Quelle: Die Regensburger Bilderbibel / für Papst Benedikt XVI. / Hg. v. Christoph Dohmen. Stuttgart, 2006, S. 39.

Verdichtetes Sinnpotenzial des vielstimmigen alttestamentlichen Kanons

Im Kanon der Bibel Israels bzw. des christlichen Alten Testaments ist das Glaubenszeugnis niedergelegt, welches von der jüdischen und der christlichen Theologie eine jeweils spezifische Entfaltung erfahren hat. Das verdichtete Sinnpotenzial des vielstimmigen alttestamentlichen Kanons vermag Impulse zu setzen, die zu einer den Herausforderungen heutiger Zeit angemessenen Weiterentwicklung theologischer Konzeptionen und praktischer Handlungskonzepte drängen. Exegese des Alten Testaments leistet so ihren genuinen Beitrag zu einer wissenschaftlich fundierten Theologie, "die sich als zukunftsorientierte Reflexion des christlichen Glaubens in Geschichte und Gegenwart versteht" (Leitbild der Theologischen Fakultät Luzern).

Synchrone und diachrone Bestimmung des textuellen Profils

Unter Text versteht Clemens Knobloch "auslegungsbedürftige soziale Zeichengebilde", Robert-Alain de Beaugrande und Wolfgang Dressler sprechen von "kommunikativen Ereignissen", welche die "Parameter der Interpretation" (Umberto Eco) bereitstellen. Für die Analyse eines jeden Textes ist die von Charles William Morris 1938 erstmals eingeführte Unterscheidung nach den drei semiotischen Beschreibungsebenen der Syntax (Form, Zeichen), der Semantik (Bedeutung, Inhalt) und der Pragmatik (das vom Text ausgelöste Handeln) grundlegend. Auf der Basis dieses theoretischen Ansatzes ist das textuelle Profil einer literarischen Einheit zu bestimmen (z. B. hinsichtlich Kohärenz, räumlichen und zeitlichen Relationen, Inferenzziehung, Intentionalität, Informativität, Literarizität). Ein biblischer Text ist darüber hinaus in seiner kontextuellen kanonischen Formation und aufgrund seiner intertextuellen Bezüge zu anderen kanonischen Texten zu erfassen (Christoph Dohmens Konzept einer "biblischen Auslegung", Georg Steins). Da die Texte des Alten Testaments als Traditionsliteratur einen langen Wachstumsprozess durchlaufen haben, bevor sie in ihrer Endgestalt von der Glaubensgemeinschaft in den Kanon aufgenommen worden sind, ist eine synchrone Analyse mit der gebotenen Vorsicht diachron zu reflektieren (Erich Zenger, Ulrich Berges). Im günstigen Fall kann es gelingen, von der Autorfiguration auf den Kreis der realen Autorinnen und Autoren zu schließen (Barbara Schmitz). Der Instanz der rezipierenden Lesenden ist deshalb besondere Beachtung zuzuerkennen, weil erst durch sie Sinn produziert wird. "Weder die Textwelt noch die Leserwelt dürfen vernachlässigt werden, sondern sind in ein kommunikatives Beziehungsverhältnis zu setzen" (Alexander Weihs).

Relationaler Pluralismus der Methoden

Die Pluralität der literarischen und poetischen Texte des Alten Testaments verlangt methodisch einen "relationalen Pluralismus, in dem sich ergänzende Methoden und Zugangsweisen sinnvoll aufeinander bezogen werden" (Christoph Dohmen). Gerade die sich im Prozess der Tradierung vollziehende Verdichtung (Mehrfachcodierung) verleiht diesen Texten eine unerschöpfliche semantische Offenheit, welche eine Vielzahl von Interpretationen befördert und entgegen einer Fixierung des Sinns ein synthetisches, multiperspektivisches Interpretieren geradezu fordert (Sabina Becker). Daher bedarf alttestamentliche Exegese notwendig eines Pluralismus an Methoden und Zugängen, z. B. literaturwissenschaftlich, kanonisch, historisch-kritisch, sozialgeschichtlich, archäologisch, feministisch, befreiungstheologisch, tiefenpsychologisch, soziologisch, kulturanthropologisch, existenzial. 

Aspekte altorientalischer Religionsgeschichte

Die unterschiedlichen Konzeptionen der Vorstellung von Gott in den Büchen Genesis und Exodus können über die Synthese verschiedener regionaler Traditionen plausibel gemacht werden: die lokal gebundene offizielle Verehrung des syrisch-kanaanäischen Hochgottes El, die von Familienclans privat verehrten persönlichen Schutzgottheiten und der von der Großgruppe Israel übernommene midianitische Gebirgsgott JHWH (z. B. Rainer Albertz, Herbert Donner, Martin Leuenberger). Dem Dialog mit den Erkenntnissen archäologischer Forschung kommt hierbei besonderes Gewicht zu (z. B. Angelika Berlejung, Christian Frevel, Othmar Keel, Christoph Uehlinger). Die am Ende eines lange andauernden integrierenden und dissoziierenden Prozesses stehenden Spezifika israelitischen Glaubens (wie z. B. das Fremdgott- und das Kultbildverbot) implizieren eine scharfe Abgrenzung, welche teils mit rhetorisch-literarischer Aggressivität propagiert und in einigen Fällen auch mit physischer Gewalt durchgesetzt wurde (z. B. Reform Joschijas). Der namentlich von Jan Assmann angestoßenen Debatte um die sog. "Mosaische Unterscheidung" ist insofern recht zu geben, als das Gewaltpotenzial vieler alt- und neutestamentlicher Texte kritisch zu reflektieren und durch kultur- und religionsgeschichtliche Einordnung zu relativieren ist. 

Gender-faire Exegese

Sowohl das methodische Vorgehen als auch die erforschten Ergebnisse von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sind durch ihr jeweiliges Geschlechterverständnis geprägt. In ihrem Plädoyer für eine gender-faire Exegese konnte z. B. Irmtraud Fischer aufzeigen, dass sich in der exegetischen Tradition androzendrische Tendenzen finden ("Gender-Blindheit"). "Ein gender-fairer Forschungsansatz, der das Geschlecht als exegetische Kategorie reflektiert, ermöglicht die Wahrnehmung der Abweichung von den Gendervorstellungen beider Geschlechter. Er schafft aber auch die Voraussetzungen dafür, Männer- wie Frauentexte als Einheit wahrzunehmen und die dichotomische Auslegungstradition zu verlassen" (I. Fischer). So ist z. B. in den Abaraham-Sara-Erzählungen bemerkenswert, dass Abrahams ägyptische Magd Hagar gewürdigt wird, "Gott zu sehen" (Gen 16,13). 

Interdisziplinarität: Neues Testament – Judaistik – Ethik

Gerade neuere Studien machen deutlich, dass die Gruppe der "Christianer" in ihrer Theologie und Tradition vom Judentum zunächst nahezu ununterscheidbar und der pharisäische Jude Paulus ein "Hebräer von Hebräern" geblieben war (z. B. Michael Theobald, Markus Tiwald). Auf der Basis der Bibel Israels bildete sich die zweifache Auslegungsgeschichte des Judentums und des Christentums heraus. Das breite Spektrum originärer theologischer Topoi wie z. B. Schöpfung, Ebenbildlichkeit, ein befreiender und verzeihender Gott, Erwählung, (verschriftete) Offenbarung, Bund wurde mit den Heiligen Schriften der Bibel Israels in grundlegender Weise konzipiert. Christliche Exegese und Theologie kann nur in dem Bewusstsein getrieben werden, dass das spätere Christentum die größere Hälfte seiner zweigeteilten und zweieinen Heiligen Schrift (Christoph Dohmen, Erich Zenger) von seinen älteren Schwestern und Brüdern übernommen hat – und damit die basalen theologischen Topoi. Viel zu lange verstellte die fast 2000 Jahre andauernde antijudaistische und antisemitische Haltung des christlichen Abendlandes den Blick auf die eigene theologische Herkunft. In Kooperation mit der Exegese des Neuen Testaments und der Judaistik gilt es, die überkommenen Verwerfungen zu überwinden, das gemeinsame theologische Erbe zu würdigen und für die heutige Zeit fruchtbar zu machen. Die in den Rang der göttlichen Offenbarung gehobenen Rechtskorpora der Tora haben weltweit großen Einfluss auf das ethische Bewusstsein ausgeübt, sodass sich hier Verbindungen zu ethischen Fragekomplexen ergeben.