Seit mehr als 25 Jahren ist Helena Jeppesen-Spuhler (60) für die Fastenaktion tätig. Ihr Engagement für Menschenrechte und kirchliche Reformen haben sie gelehrt, trotz langsamen Prozessen dranzubleiben.
Helena Jeppesen-Spuhler, Sie waren bei der Fastenaktion (ehem. Fastenopfer) über 20 Jahre lang Programmverantwortliche für die Philippinen und gesamtasiatische Projekte. Wie sah diese Arbeit aus?
Helena Jeppesen-Spuhler: In dieser Funktion konnte ich regelmässig Projekte besuchen. Das heisst, ich war in den Dörfern, an den Küsten, auf den Feldern und auch im Austausch mit den indigenen Gemeinschaften. Die Fastenaktion hat das Privileg, sehr nahe an den Projekten und Partnerorganisationen zu sein, darunter auch kirchliche Organisationen, die wiederum nah bei den Menschen sind.
Was haben Sie in Ihrer humanitären Arbeit über Menschen gelernt?
Es ist zentral, den Menschen ganz an der Basis zuzuhören und nie über sie hinweg zu entscheiden. Es geht um Empowerment: Die Menschen vor Ort sollen selbst Pläne machen, Projekte vorschlagen und gegenüber NGOs und Hilfswerken sagen können, was sie wirklich brauchen. Diese Ermächtigung zu ermöglichen, war für mich sehr schön. Diese Arbeit vor Ort werde ich sehr vermissen, weil ich seit diesem Jahr nicht mehr Programmverantwortliche bin.
In welcher Position sind Sie nun bei der Fastenaktion tätig?
Ich bin im Stab der Direktion zuständig für Kooperationen mit kirchlichen Netzwerken im In- und Ausland. Dabei komme ich mit einem breiten und diversen Feld von Akteuren in Kontakt. Gerade im Bereich der Menschenrechte gibt es weltweit eine beträchtliche Anzahl von kirchlichen Organisationen. Einige sind von Ordensleuten getragen, zum Beispiel den Franziskanerinnen und Franziskanern. Der Einsatz dieser Gemeinschaften ist beachtlich und wird etwa auch von der UNO sehr geschätzt.
Es ist zentral, den Menschen ganz an der Basis zuzuhören und nie über sie hinweg zu entscheiden.
Nebst Ihrer humanitären Arbeit setzten Sie sich stark für innerkirchliche Reformen ein. Papst Franziskus berief Sie als eine der ersten Frauen in der Geschichte der katholischen Kirche als Stimmberechtigte zur Weltsynode 2023/24 nach Rom. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie diesen Ruf erhielten?
Zuerst konnte ich es gar nicht glauben – gerade weil ich mich im Vorfeld sehr pointiert feministisch und klar progressiv für Kirchenreformen geäussert hatte. Ich dachte, wenn jemand im vatikanischen Staatssekretariat meinen Namen googelt, ist es unmöglich, dass ich es bis nach Rom schaffe.
Warum fiel die Wahl schliesslich trotzdem auf Sie?
Ich denke, man wollte Frauen ernennen, die weltkirchliche und internationale Erfahrung haben und den synodalen Prozess gut kennen. Durch die Amazonien-Synode, meine Arbeit bei Fastenaktion und Erfahrungen in verschiedenen Teilen der Welt brachte ich gute Voraussetzungen mit.
Humanitäres Engagement und Kirchenreform haben eines gemeinsam: Wandel braucht einen langen Atem. Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn der Fortschritt langsam ist?
Tatsächlich werde ich oft gefragt, woher ich für die Kirchenreform Hoffnung nehme. Die Antwort: aus der Menschenrechtsarbeit. Dort lernt man, in langen Prozessen dranzubleiben. Trotz Rückschlägen, sei es in der Arbeit für Klimagerechtigkeit oder Menschenrechte, bleiben wir dran. Mit Partnerorganisationen aus den Philippinen etwa haben wir jahrelang auf eine Resolution im Menschenrechtsrat hingearbeitet. Als sie eingereicht wurde, war das ein grosser Erfolg.
Sie haben in Luzern die Ausbildung zur diplomierten Katechetin absolviert. Was haben Sie aus Ihrem Studium am Religionspädagogischen Institut der Theologischen Fakultät für Ihren späteren Werdegang mitgenommen?
Etwas ganz Einfaches: sich immer zu überlegen, was man vermitteln will, wem man es vermitteln will – Eltern, Kindern, Lehrpersonen oder aber Fachpersonen? – und wie man es vermitteln will. Das sind Fragen, die man sich in der Religionspädagogik immer wieder stellt, die aber auch während meines ganzen Berufslebens hilfreich geblieben sind.
Wichtig finde ich, dass Studierende mit Zuversicht und Hoffnung unterwegs sind.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ob bei Kirchenreform oder Menschenrechtsarbeit: Man kommuniziert anders, wenn man am Menschenrechtsrat in Genf mit Leuten redet, als wenn man mit einer indigenen Gemeinschaft auf den Philippinen spricht. Man muss sich immer überlegen, wie man das, was man sagen möchte, so vermittelt, dass es beim Gegenüber ankommt.
Was möchten Sie jungen Menschen mitgeben, die derzeit an der Universität Luzern studieren?
Wichtig finde ich, dass Studierende mit Zuversicht und Hoffnung unterwegs sind, unabhängig davon, was sie studieren. Sie sollen erkennen: Diese Welt können wir mitgestalten. Und sie dürfen sich selbst als Akteurinnen und Akteure in Veränderungsprozessen sehen.
Sie sind für Ihr Engagement als «Alumna des Jahres 2025» ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Diese Auszeichnung bedeutet mir viel. Die Ausbildung liegt zwar schon einige Jahre zurück, aber ich bleibe mit der Theologischen Fakultät und der Universität weiterhin verbunden, sowohl durch die Fastenaktion als auch durch mein kirchenpolitisches Engagement. Ich fühle mich der Universität verpflichtet und unterstütze sie gerne, wo ich etwas beitragen kann.
