Modegeschichte ist auch Körpergeschichte. An einem Hüftpolster aus dem 18. Jahrhundert zeigt sich beispielhaft, wie Mode gesellschaftliche Erwartungen direkt in den Körper einschreibt.

Auf den ersten Blick wirkt das Hüftpolster aus der Sammlung des Museums Luzern unscheinbar: ein blaues Leinenkissen, gefüllt mit Watte und verstärkt mit Eisen. Doch im 18. Jahrhundert formte ein solches Polster nicht nur die Silhouette – es formte gesellschaftliche Ordnung. Unter mehreren Stoffschichten verborgen, blieb es unsichtbar und war dennoch wirkungsmächtig. Es verbreiterte die Hüften, liess die Taille schmaler erscheinen und erzeugte zusammen mit dem Korsett jene Figur, die dem damaligen Ideal von Weiblichkeit, Tugend und Fruchtbarkeit entsprach. Die Mode dieser Zeit orientierte sich stark am französischen Hof. Silhouetten aus Versailles, etwa jene Marie-Antoinettes, galten europaweit als stilbildend. Auch städtische Eliten in Luzern übernahmen diese Ästhetik.
Mode als soziale Grammatik
Kleidung wurde zur Sprache der Zugehörigkeit: Wer sich nach höfischem Vorbild kleidete, zeigte, dass man es sich leisten konnte. Wie die Modehistorikerin Aileen Ribeiro aufgezeigt hat, waren Eingriffe in die Körperform mehr als Dekor: Sie kommunizierten Klasse, Geschlecht und Moral. Ein Hüftpolster signalisierte auch, dass seine Trägerin nicht für körperliche Arbeit vorgesehen war – zu sperrig, zu eng, zu unbequem. Historisch lässt sich die Silhouette bis zu höfischen Unterbauten wie dem ausladenden Reifrock (Pannier) zurückverfolgen. Aus diesen Gestellen entwickelten sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts alltagstauglichere, seitlich betonte Polsterformen, die unter dem Rock verschwanden, aber die öffentliche Wirkung der Trägerin steuerten. Das Unsichtbare wurde so zum entscheidenden Teil der Inszenierung: Nicht das Objekt selbst, sondern die durch es erzeugte Form wurde gesehen – und sozial gelesen.
Nicht das Objekt selbst, sondern die durch es erzeugte Form wurde gesehen – und sozial gelesen.
Das Hüftpolster, das heute im Museum Luzern ausgestellt ist, stammt aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und gehörte zur privaten Textilsammlung der Familie Meyer-am Rhyn, einer bedeutenden Sammlerfamilie der Region. Eine kleine Metallplakette mit der Abkürzung «MaRhy», die am Hüftpolster angebracht ist, verweist noch heute auf diese Herkunft; 1998 wurde das Stück restauriert. Seine Materialität erzählt ebenfalls Geschichte: Das kräftige Blau der Leinen deutet darauf hin, dass selbst Unterkleidung farblich auf die übrige Garderobe abgestimmt sein konnte. Konstruktion und Trageweise machen deutlich, wie präzise an der Silhouette gearbeitet wurde: Bänder fixierten das Polster am Bauch und an den Oberschenkeln, darüber lagen mehrere Schichten Stoff in Form weiter Röcke. Sichtbar war es nicht, wohl aber seine Wirkung im Umriss.
Auf Kosten der Bewegung
Breite Hüften galten im 18. Jahrhundert als Zeichen weiblicher Repräsentationsfähigkeit. In Patrizierfamilien war es die Aufgabe der Frauen, die Familie nach aussen zu verkörpern: durch Haltung, Auftreten und eine Erscheinung, die Wohlstand und Sittsamkeit ausstrahlte. Porträts zeigen, wie bewusst diese Inszenierung war – auch in Luzern, wo Patrizierinnen, darunter Angehörige der Familie am Rhyn, mit betonter Hüftpartie dargestellt wurden. Auffällig ist dabei die geschlechtliche Asymmetrie: Während Männerkleidung in vielen Kontexten beweglicher wurde, blieb Frauenmode aufwendig und kontrollierend. Der geformte Körper verlangte einen geformten Gang; Aufrichtung und Langsamkeit wurden zur eingeübten Haltung.
Neben der ästhetischen und sozialen Bedeutung verweist das Hüftpolster auf eine intime Praxis: seine Herstellung. Polster wurden meist individuell direkt am Körper angepasst, mit Stoffresten oder Watte gefüllt und häufig von Schneidern gefertigt. Wie die Kulturhistorikerin Gabriele Mentges betont, ist Mode eine kulturelle Technik, die Körperbilder aktiv hervorbringt. Genau das wird am Hüftpolster greifbar: Das Vermessen, Anlegen und Nachjustieren körpernaher Kleidung brachte Nähe zwischen Schneider und Kundin mit sich – und diese Nähe war moralisch aufgeladen. Zeitgenössische Stimmen – von satirischen Zeichnungen bis zu medizinischen und moralischen Traktaten – kritisierten zudem immer wieder, dass solche Modepraktiken den Körper deformierten, die Bewegungsfreiheit einschränkten und Frauen stärker an Repräsentation als an Handlung banden. Am Ende des 18. Jahrhunderts geriet die opulente Hüftsilhouette ausser Mode. Leichtere Stoffe, hohe Taillen und ein an der Antike orientiertes Ideal setzten sich durch. Der Wandel verlief schrittweise, doch das Prinzip blieb: Der Körper soll geformt werden, um einem Ideal zu entsprechen. Ein Ideal, das bis jetzt besteht. Heute geschieht das mit Shapewear, Fitnessprogrammen oder ästhetischen Eingriffen – neue Mittel, alte Fragen.
Als Museumsobjekt ist das Hüftpolster daher weit mehr als ein modisches Relikt. Es macht sichtbar, wie eng Kleidung, Weiblichkeit und gesellschaftliche Ordnung miteinander verwoben waren und sind. Es erinnert daran, dass der Körper immer auch kulturell gestaltet wurde – und dass Mode verführerisch, normierend und kontrollierend wirken kann.
HINWEIS
Es handelt sich hierbei um die Kurzfassung eines Texts, der im Rahmen des Seminars «Sachen machen: Dinge als Quellen der Kulturanalyse» von Marianne Sommer, Professorin für Kulturwissenschaften, realisiert wurde. Es handelt sich beim Seminar um eine Kooperation mit dem Museum Luzern. Originalversion mit weiteren Informationen
Weitere in diesem Seminar entstandene Beiträge:
Andrea Arnold: «Der Schnapshund»
Jennifer De Biasio: «Pater Beats Elixir»
Robin Graf: «Ein ‹Zigaretten-Diener› als Zeuge»
Kathrin Hiltmann: «Dem Erhalt der Luzerner Krebse auf der Spur»