Alle menschlichen Gesellschaften kennen Begriffe für soziale Objekte, die sie als Fremde identifizieren. Eine nach wie vor sehr produktive soziologische Deutung bietet Georg Simmels «Exkurs über den Fremden».

aufgehäufte verschiedenfarbige Gewürze aus aller Welt
(Bild: istock.com/Dimitr1ch)

Historisch hat eine Vielzahl von Figuren und Modellen des Fremdseins existiert: Der Fremde ist beispielsweise ein Gast, der sich auf die «Gesetze der Gastfreundschaft» zu verlassen versucht, aber zugleich deren zeitliche Limitationen – oft ist Gastfreundschaft auf wenige Tage begrenzt – kennt; er ist ein Besucher, der keinen einheimischen Gastgeber hat, aber sich den «Einheimischen zum Verkehr anbietet» (Kant) und auf dauernde Bleibe hofft; er ist als äusserer Fremder tangential mit der Gesellschaft verknüpft, aber nahe den territorialen Grenzen des Systems eine Quelle dauerhafter Beunruhigung; er ist ein aus einzelnen Kontakten bekannter Barbar oder Wilder, der eine unverständliche Sprache spricht, mit dem die Einheimischen einen kommuText: Rudolf Stichweh nikativen Austausch nicht für möglich halten; er ist ein Flüchtling oder Asylsuchender, der vor erfahrener Verfolgung flieht.

«Heute kommen, morgen bleiben»

Aus diesen historischen Figuren des Fremdseins wählt Georg Simmel (1858– 1918) in seinem «Exkurs über den Fremden» («Soziologie», Kap. IX; 1908) die geduldete Besucherin, den geduldeten Besucher aus: Sein Fremder ist derjenige, der «heute kommt und morgen bleibt», er verkörpert die Rolle, für die die englische Sprache ein eigenes Wort besitzt: Sojourner. Dieser Fremde hat starke Motive für sein Verweilen dort, wo er sich als ein Fremder aufhält. Er wird ein Mitglied der Gruppe, in der er lebt. Aber es bleibt in dieser Zugehörigkeit das Moment der Fremdheit dauerhaft präsent. Der Fremde ist von den Einheimischen unterschieden, er verbindet in sich Nähe und Ferne.

Der Simmel’sche Fremde ist prototypisch ein Händler, und als Händler findet er deshalb einen Platz in einem anderen Kulturkreis, weil er Produkte einbringt, die anderswo erzeugt worden sind, also ihrerseits fremd sind. Warum gibt es für diese Produkte überhaupt einen Bedarf, wo doch der neue Kulturkreis bisher ohne sie ausgekommen ist? Genau darin besteht die Leistung des Fremden bei Simmel: dass er der Kombinatorik dessen, was bisher in einem Kulturkreis die Summe aller Bedarfe war, etwas Neues hinzufügt und für dieses Neue einen Bedarf erzeugt. Wenn der Händler dies einmal getan hat, können er und andere Fremde dies immer wieder tun, und in genau diesem Sinn spricht Simmel von «unbegrenzten Kombinationen», die möglich werden, wenn die Präsenz des Fremden akzeptiert worden ist. Die Bedeutung des Fremden als Händler besteht also in «Erweiterungen» und «Neuerschliessungen», zu denen der einheimische «Urproduzent» strukturell nicht fähig ist.

Der Fremde ist bei Georg Simmel der prototypische Träger einer gesellschaftlichen Moderne.

Simmel verbindet dieses Argument mit dem Begriff der Intelligenz, und daran wird deutlich, dass er eine dem Fremden als Fremden eigene «bewegliche» Intelligenz meint, die weit über die wirtschaftliche Sphäre hinausreicht und auch in beliebigen anderen Sphären der Gesellschaft wirksam werden kann. Der Fremde ist der prototypische Träger einer gesellschaftlichen Moderne, die darin besteht, dass alle gesellschaftlichen Bestände neu kombiniert werden können und dies immer wieder in jeweils anderer Form wiederholt werden kann, also unbegrenzte Kombinatorik ist.

Erfinden der eigenen Rolle

Bezeichnend ist, dass Simmel den Fremden als «Supernumerarius» in den neuen Kultur- und Wirtschaftskreis eintreten sieht. Im Unterschied zu der Deutung des amerikanischen Soziologen Irwin D. Rinder (1958), der fünfzig Jahre nach Simmel von vorhandenen gesellschaftlichen Statuslücken spricht, die Positionen für Fremde öffnen, weil diese Positionen mit Einheimischen nicht besetzt werden können, tritt der Supernumerarius in einen Kulturund Wirtschaftskreis ein, in dem alle Positionen vergeben sind. Also muss der Supernumerarius seine eigene Rolle erst erfinden, indem er der Gesellschaft intelligente Kombinationen aufdrängt, die es zuvor nicht gab. Es entsteht in Simmels Essay eine interessante Begriffskette von Kombinatorik, Intelligenz und Beweglichkeit, die dem Fremden eine zentrale Stellung in der Genese von Modernität zuweist.

In diese Begriffskette reiht sich die These der Objektivität des Fremden ein. Diese These der Objektivität ist, wie Simmel sagt, «ein andrer Ausdruck für diese Konstellation» eines Fremden, der von den Einheimischen durch seine Beweglichkeit und Abwesenheit von «organischen Verbindungen» unterschieden ist. Und die Objektivität des Fremden wird von Simmel als Freiheit verstanden, als Freiheit von der Bindung an alle traditionellen Verbindlichkeiten, die dem Einheimischen nicht gegeben ist, aber dem Fremden jenes freie Verfügen über eine Kombinatorik von Möglichkeiten erlaubt, das sein Beitrag zur Evolution von Gesellschaft ist. Der Fremde hat keine Vorgegebenheiten zu verteidigen, er kann die Bestände in experimenteller Weise neu arrangieren.

Ausweitung der Vergleichshorizonte

Schliesslich ist Allgemeinheit hinzuzufügen, das letzte Moment in Simmels Begriffskette. Die Erfahrung des Fremden ist für die Einheimischen die, dass sie mit dem Fremden sehr allgemeine Eigenschaften teilen, die vielen, vielleicht allen Menschen eigen sind. Im Kontrast dazu treten die Gemeinsamkeiten der Einheimischen miteinander als Spezifika – und nicht als Selbstverständlichkeiten – hervor, denen eine emotionale Bindungskraft zuwächst, die aber in das Licht von Alternativen gerückt werden, weil auf der Basis von Allgemeinheiten ausser den historisch entstandenen Spezifika andere Institutionen denkbar werden, die man vergleichen kann. Die Einheimischen wissen dank des Fremden, dass sie eine spezifische «Kultur» haben und dass ihre Kultur nur eine der möglichen Kulturen ist. Diese Ausweitung der Vergleichshorizonte ist eine Veränderung, die man der Erfahrung mit dem Fremden und den Erfahrungsqualitäten, die er einbringt, verdankt.

Gekürzte und überarbeitete Fassung des Aufsatzes «Der Fremde», erschienen in dem von Hans-Peter Müller und Tilman Reitz herausgegebenen «Simmel-Handbuch» (Berlin 2018)

Foto Rudolf Stichweh

Rudolf Stichweh

Professor für Theorie der modernen Gesellschaft, Universität Bonn, und ständiger Gastprofessor an der Kulturund Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Universität Luzern. 2003–2012 Professor für Soziologische Theorie und Allgemeine Soziologie in Luzern; 2006–2010 Rektor. 2010 erschien von ihm das Buch «Der Fremde. Studien zu Soziologie und Sozialgeschichte».
unilu.ch/rudolf-stichweh

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