Erwartete Vorteile in der Berufswelt statt Steuerbefreiung, grenzenlose Fächerauswahl statt limitiertes Angebot, angenehmer Einführungstag statt brutales Initiationsritual: Beim Start des Studiums hat sich über die Jahrhunderte einiges verändert.

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Mitte September hat wieder ein neues Semester begonnen: Viele Maturandinnen und Maturanden haben sich entschieden, ein Studium aufzunehmen – an der Universität Luzern oder anderswo. Das Wort «studieren» entstammt dem Lateinischen «studere» und lässt sich mit «sich bemühen» übersetzen. Ansporn mfür diese Bemühungen bilden unterschiedliche Ziele. Für die angehenden Schweizer Studierenden msind gemäss einer Erhebung des Bundesamts für Statistik das «Interesse am Fach» sowie «die antizipierten Arbeitsmarkt- und Einkommenschancen» die ausschlaggebenden Faktoren für die Wahl eines Studienfachs.

Die Auswahlmöglichkeiten sind beinahe grenzenlos. Gemäss einer Auflistung von swissuniversities, der Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen, gibt es für alle, die sich für einen Bachelorstudiengang an einer einheimischen Universität interessieren, insgesamt 571 Auswahlmöglichkeiten. Zu wählen gilt es die Institution und das Fach. Hinzu kommt, dass viele Studiengänge auch die Wahl eines Nebenfachs oder gar mehrerer Nebenfächer zulassen. Die Kombinationsmöglichkeiten scheinen für heutige Studierende grenzenlos.

Die älteste Universität der Schweiz ist die 1460 gegründete Universität Basel. Damals waren die Motive für die Einschreibung an der Universität teilweise noch unabhängig vom angestrebten beruflichen Werdegang. So gab es etliche Immatrikulierte, die sich einschrieben, um von der Steuerbefreiung und anderen mit der Einschreibung verbundenen Vorteilen profitieren zu können. Entsprechend waren nicht alle Immatrikulierten auch tatsächlich Studierende. Diejenigen, die sich für ein Studium interessierten, hatten bei weitem keine 571 Optionen. Zum einen konnten sie nicht zwischen mehreren inländischen Institutionen auswählen. Zum anderen war die Fächerwahl auf vier Fakultäten begrenzt, die nur wenige Studiengänge anboten: die Artistenfakultät (heutige Philosophische Fakultät) sowie die Fakultäten der Theologen, Juristen und Mediziner.

Die angehenden Studierenden mussten sich Hörner aufsetzen, die ihnen auf brutale Weise abgeschlagen wurden.

Auch die heutige Einschreibung für ein Studium unterscheidet sich stark von jener im 15. und 16. Jahrhundert. Während heute die Immatrikulation bürokratischer Natur ist und der Einführungstag den angehenden Studierenden keine Bauchschmerzen bereitet, gestaltete sich das Aufnahmeritual im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit um einiges unangenehmer. Um die Studierenden zu Fleiss, Gehorsam und Tugendhaftigkeit zu ermahnen, wurde das brachiale Ritual der Deposition eingeführt. Die angehenden Studierenden mussten sich künstliche Hörner aufsetzen und bestimmte Kleidungsstücke und Accessoires wie etwa Ochsenhäute oder künstliche Tierzähne tragen. Die Hörner und anderen Gegenstände wurden ihnen im Rahmen des Initiationsrituals vom sogenannten Depositor auf brutale Weise abgeschlagen. Heute finden solche Rituale an den Schweizer Universitäten zum Glück nicht mehr statt und lediglich Sprichworte wie «sich die Hörner abstossen» erinnern die heutigen Studierenden an die Qualen, die ihre Urahnen über sich ergehen lassen mussten, um an der Universität aufgenommen zu werden.

Wie die Ausführungen zeigen, ist der heutige Studienbeginn nicht mehr mit jenem aus früheren Zeiten vergleichbar. Geblieben ist die Möglichkeit, viel Neues zu lernen, denn wie einst Ralph Emerson sagte: «Ausbildung heisst, das zu lernen, von dem du nicht einmal wusstest, dass du es nicht wusstest.»

Melanie Häner

Melanie Häner

wissenschaftliche Assistentin und Doktorandin bei Christoph A. Schaltegger, Professor für Ökonomie. In ihrem Dissertationsprojekt untersucht sie am Beispiel der Universität Basel von 1460 bis heute, ob und inwiefern das Bildungsniveau und die soziale Stellung über die Generationen hinweg «weitervererbt» werden können.
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