Ein Forschungsprojekt an der Universität Luzern untersucht, wie sozioökonomische Belastungen mit psychischer Gesundheit zusammenhängen und welche Rolle psychologische Flexibilität dabei spielt. Zum Welttag für psychische Gesundheit geben die Projektbeteiligten Einblick in die aktuellen Forschungsergebnisse.

(Bild: Nils Wenzler)

Der Welttag für psychische Gesundheit, der jeweils am 10. Oktober stattfindet, bietet Anlass, die Einflussfaktoren für psychisches Wohlbefinden näher zu betrachten. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der Lehrstühle für Klinische Psychologie (Professor Andrew Gloster) und für Gesundheits- und Sozialpolitik (Assistenzprofessor David Weisstanner) untersucht, wie sozioökonomische Faktoren und deren subjektive Wahrnehmung mit psychischer Belastung zusammenhängen. Unterstützt wird das Projekt durch die universitäre Stelle für Forschungsförderung.

Einfluss von Lebensbedingungen

Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Beeinträchtigungen weltweit. Im Jahr 2023 war etwa jede siebte Person von einer psychischen Erkrankung betroffen. Neben psychologischen und biologischen Faktoren kommt auch den Lebensbedingungen eine wichtige Rolle für die psychische Gesundheit zu. Menschen mit geringerem Einkommen, niedrigerem Bildungsstand oder unsicheren Arbeitsverhältnissen sind Studien zufolge häufiger von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen betroffen. Wer nicht weiss, wie die nächste Rechnung bezahlt werden soll oder aufgrund mehrerer Jobs kaum noch am sozialen Leben teilnehmen kann, ist dadurch ausgeprägten Belastungen ausgesetzt.

Sozioökonomische Bedingungen wirken nicht nur über direkte Belastungen, sondern auch über psychosoziale Prozesse. So kann Einkommensungleichheit beeinflussen, wie Menschen ihre eigene wirtschaftliche Position im Vergleich zu anderen wahrnehmen. Dies kann Gefühle von Benachteiligung und Ausgrenzung begünstigen sowie zu einem Rückzug aus sozialen Beziehungen führen und damit Folgen für die psychische Gesundheit haben. Um solche Zusammenhänge zu verstehen, müssen die gesellschaftspolitische, die soziale und die individuell-psychologische Ebene zusammengedacht werden. 

Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass Personen, die ihr Haushaltseinkommen im Vergleich zu anderen als niedriger einschätzen, im Durchschnitt häufiger über depressive, Angst- und Stresssymptome berichten.

Das Forschungsprojekt «INCOM» (Perceived Inequality, Social Connection, and Mental Health) untersucht, wie tatsächliche und wahrgenommene Einkommensungleichheit, die wahrgenommene eigene Einkommensposition und soziale Unterstützung mit psychischer Belastung zusammenhängen. Dafür wurden in einer Online-Umfrage rund 2000 Erwachsene repräsentativ für die Schweizer Bevölkerung befragt. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass Personen, die ihr Haushaltseinkommen im Vergleich zu anderen als niedriger einschätzen, im Durchschnitt häufiger über depressive, Angst- und Stresssymptome berichten. Soziale Unterstützung kann diesen Zusammenhang teilweise abfedern und erweist sich damit als Ressource. Dies steht im Einklang mit früherer Forschung zur Bedeutung von sozialen Beziehungen für die psychische Gesundheit.

Schützende Wirkung psychologischer Flexibilität

Neben sozialer Unterstützung untersucht das Projekt eine weitere mögliche Ressource: psychologische Flexibilität. Damit ist die Fähigkeit gemeint, bewusst im Moment zu sein und sich auf eine Art und Weise zu verhalten, welche es ermöglicht, eigene Werte zu verfolgen. Dazu gehört es, wenn nötig, schwierige Gedanken und Emotionen offen anzunehmen, damit man im Einklang mit den eigenen Werten handeln kann. Psychologische Flexibilität gilt als grundlegender Aspekt der psychischen Gesundheit und steht mit höherem Wohlbefinden und weniger psychischer Belastung in Zusammenhang. 

Die Ergebnisse weisen auf eine schützende Rolle psychologischer Flexibilität hin. Menschen mit hoher psychologischer Flexibilität berichten selbst bei niedrig wahrgenommener Einkommensposition über weniger depressive, Angst- und Stresssymptome.

Psychologische Flexibilität könnte damit ein Ansatzpunkt sein, um Menschen im Umgang mit sozioökonomischen Belastungen zu unterstützen. Aus der Interventionsforschung wissen wir bereits, dass sich psychologische Flexibilität gezielt fördern lässt. Sie ersetzt jedoch nicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die solche Handlungsspielräume erst ermöglichen. Deshalb braucht es interdisziplinäre Zusammenarbeit, um das Zusammenspiel von Lebensbedingungen, sozialen Beziehungen und psychologischen Prozessen zu verstehen und daraus wirksame Ansätze zu entwickeln.

Foto Stella Brogna

Stella Brogna

Projektkoordinatorin INCOM-Studie, Wissenschaftliche Assistentin, Doktorandin und Psychotherapeutin i. A. an der Professur für Klinische Psychologie; MSc
www.unilu.ch/stella-brogna

Foto Andrew Gloster

Andrew Gloster

Projektleiter INCOM-Studie, Professor für Klinische Psychologie, Studiengangleiter der Weiterbildung in Prozessbasierter Psychotherapie, Co-Leiter Psychotherapeutische Praxisstelle; Prof. Dr.
www.unilu.ch/andrew-gloster

Foto David Weisstanner

David Weisstanner

Projektleiter INCOM-Studie, Assistenzprofessor für Health and Social Policy, Co-Leiter Center for Health, Policy and Economics; Ass.-Prof. Dr.
www.unilu.ch/david-weisstanner