Nicht nur für Spitzensportler, nicht nur Physio, Optimierungsbedarf auch in der Schweiz: Im Zusammenhang mit Rehabilitation gibt es viele Missverständnisse. Zeit, Fakten sprechen zu lassen und die wichtige Rolle für ein gesundes Altwerden aufzuzeigen.

Carla Sabariego, Weltgesundheitsorganisation (WHO) – Rehabilitation – gesundes Altern: Dies sind drei der Eckpfeiler Ihres Schaffens. Wie hängt dies alles miteinander zusammen?

Carla Sabariego: Ich beschäftige mich mit gesundem Altern, und zwar speziell damit, was mit Mitteln der Rehabilitation dafür getan werden kann. Rehabilitation ist – neben Gesundheitsförderung, Prävention, Behandlung und Palliativversorgung – eine von insgesamt fünf Bereichen der Gesundheitsversorgung, die gemäss der WHO essenziell sind.

Und was die WHO anbelangt, besteht eine starke Vernetzung mit Luzern …

Carla Sabariego, Assistenz­professorin für Rehabilitation und Gesundes Altern. Es handelt sich um eine Brücken­professur zwischen der Universität Luzern und der Schweizer Paraplegiker-Forschung. Diese wird bis Ende 2025 zur Hälfte von der Velux Stiftung finanziert.

Ja, genau, wir betreiben am Departement Gesundheits­wissenschaften und Medizin seit 2018 das «Center for Rehabilitation in Global Health Systems», dessen Co-Direktorin ich bin. Es handelt sich um eines von weltweit nur wenigen offiziellen WHO-Kollaborations­zentren für Rehabilitation, auch ist es das einzige WHO Kollaborations­zentrum in der Zentralschweiz.

Die WHO hat vor fünf Jahren einen «Call for Action», also einen Weckruf, hinsichtlich Rehabilitation lanciert. Ist es um die Reha so schlecht bestellt?

Ja, es besteht diesbezüglich ein grosses Ver­besserungs­potenzial, gerade bei älteren Menschen und solchen mit chronischen Erkrankungen. Dies war zwar schon länger bekannt, allerdings nicht, in welchem Ausmass Rehabilitation gebraucht wird, da Daten gänzlich oder aber valable Daten fehlten und teils nach wie vor fehlen – eine regelrechte «BlackBox». So wurde und wird in diversen Ländern nicht systematisch erhoben, wie stark Rehabilitation im dortigen Gesundheitssystem verankert ist.

Auch in Ländern wie der Schweiz besteht in Sachen Rehabilitation Luft nach oben.
Carla Sabariego

Weiss man inzwischen Genaueres?

Ja, zum Beispiel, dass in gewissen Ländern mit niedrigem, aber auch in einigen mit mittlerem Einkommen ein grosser Teil der Bevölkerung nicht diejenige Rehabilitation-Versorgung erhält, die sie eigentlich benötigte. Das hat sich durch Corona noch akzentuiert, vor allem bei Personen, die lang hospitalisiert waren. Auch in Ländern wie der Schweiz, und das sind sich viele nicht bewusst, besteht Luft nach oben (siehe Box, unten).

Gemäss einer vor zwei Jahren publizierten Hochrechnung gibt es weltweit 2,4 Milliarden Menschen, deren Gesundheit von Rehabilitation profitiert respektive profitieren würde – Tendenz steigend. Warum?

Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen nehmen chronische Erkrankungen – etwa Diabetes oder Krebs – sehr stark zu, sogar mehr als übertragbare Krankheiten. Zum anderen werden die Menschen immer älter, und damit kommt es automatisch zu mehr Problemen in der Funktionsfähigkeit.

Was ist damit gemeint?

Der Begriff der Funktionsfähigkeit ist Ausdruck eines ganzheitlichen Verständnisses von Gesundheit: Es werden nicht gesundheitliche Probleme isoliert betrachtet, vielmehr gerät das Zusammenspiel von gesundheitlicher Beeinträchtigung, Individuum und Umwelt in den Blick. So ist die medizinische Behandlung der zunehmenden körperlichen Gebrechen im Alter essenziell – gleichzeitig braucht es Unterstützung, um die möglichst lange Teilhabe an der Gesellschaft und das Meistern von Aktivitäten des täglichen Lebens zu ermöglichen. Dies beispielsweise durch gezielte Krankengymnastik oder Hilfsmittel wie Rollatoren.

Sie haben vorhin gesagt, dass rund jede dritte Person auf der Welt Rehabilitation benötigt. Das beisst sich enorm mit der landläufigen Vorstellung, dass Reha einzig mit Spitzensport zu tun habe. Ein verunfallter Athlet, der mit einem Theraband Übungen macht …

Bei diesem Bild gibt es gleich zwei Missverständnisse: Zum einen handelt es sich keineswegs nur um ganz kleine Gruppen – wie etwa die genannten Spitzensportlerinnen oder Menschen mit Behinderung –, die auf Rehabilitation angewiesen sind. Zum anderen hat Rehabilitation zwar auf jeden Fall mit Physiotherapie zu tun, das ist aber noch nicht die ganze Geschichte.

Sondern?

Rehabilitation ist respektive sollte ein multiprofessionelles Unterfangen sein, also unter Beteiligung von Fachleuten verschiedener Professionen erfolgen – neben Ärztinnen und Krankenpflegern etwa Physio-, Ergo- und Sprachtherapeutinnen oder Psychologen. Auch sollen die Ziele des oder der Betroffenen besonders berücksichtigt werden: So können zwei Menschen nach einem Schlaganfall exakt dieselben Einschränkungen haben, aber die Rehabilitation ist idealerweise, je nach ihrer persönlichen Situation und was ihnen im Leben wichtig ist, unterschiedlich auszugestalten. Dies nennt man personen­zentrierte Behandlung: Die Person, und nicht eine Krankheit, steht im Fokus der Behandlung.

Rehabilitation ist respektive sollte ein multiprofessionelles Unterfangen sein, also unter Beteiligung von Fachleuten verschiedener Professionen erfolgen.

Eine massgeschneiderte Lösung für jede und jeden: Das tönt nach eklatant hohen Kosten …

Ein weiteres Missverständnis – im Gegenteil sind die Kosten im Vergleich niedrig, gerade nachhaltig gedacht und mit einer Gesamtkosten­rechnung vor Augen. So reicht, verbunden mit Rehabilitation, je nachdem im Idealfall eine ambulante Behandlung, und falls doch stationäre Aufenthalte vonnöten sind, können diese verkürzt werden, wenn man bereits im Spital mit der Reha beginnt. Auf ältere Menschen bezogen, sind diese durch entsprechende Massnahmen beispielsweise länger in der Lage, ihren Alltag selbstständig zu meistern, und der Eintritt in ein Alters- oder Pflegeheim kann später erfolgen. Das spart viele Kosten.

Ausgewiesener Bedarf und diverse Vorteile: Was kann getan werden, um die Rehabilitation im Gesundheitssystem überhaupt oder aber besser zu verankern?

Es ist momentan einiges in Bewegung. Genau dies will nämlich die WHO mittels einer Resolution erwirken, die 2023 verabschiedet werden soll. Es handelt sich um einen ersten Schritt, um die Mitgliedsstaaten zu verpflichten, mehr in Sachen Rehabilitation zu tun. Die Unterzeichnung wäre ein klarer Appell an die jeweiligen Landesregierungen.

Inwiefern?

So erhielten diese einen klaren gesundheitspolitischen Auftrag von der weltweit bedeutendsten Gesundheitsinstitution. Via die Resolution wird unter anderem die Einsetzung einer speziell für die Rehabilitation zuständigen Fachperson im Gesundheitsministerium, in der Schweiz also am Bundesamt für Gesundheit, empfohlen. Dies würde tatsächlich viel bringen, um Rehabilitation dauerhaft auf dem Radar zu haben und besser zu verankern.

Auch hinsichtlich der Kostenfrage ist weitere Forschung vonnöten, dies vor allem, um die Vorteile von Rehabilitation für die Gesellschaft aufzuzeigen.

Und was sonst noch?

Wie bereits gesagt: Es braucht Daten, Daten und nochmals Daten, die erhoben und ausgewertet werden wollen. Wer braucht Rehabilitation? In welchem Umfang? Und was die Schweiz anbelangt, nicht nur nationale, sondern auch kantonale, damit auf allen Ebenen faktenbasiert gehandelt werden kann. Teils sind ja auch bereits Daten vorhanden, aber sie werden von den Entscheidungsträgerinnen und -trägern oft noch zu wenig im Hinblick auf Rehabilitation genutzt. Auch hinsichtlich der Kostenfrage ist weitere Forschung vonnöten, dies vor allem, um die Vorteile von Rehabilitation für die Gesellschaft aufzuzeigen. Mit solchen Aspekten befasst sich meine Kollegin am Departement, Diana Pacheco Barzallo, ebenfalls Assistenzprofessorin für Rehabilitation und Gesundes Altern.

Es gibt somit in Luzern seit 2021, als Sie beide berufen wurden, einen Rehabilitations-Schwerpunkt, der sich ständig weiterentwickelt …

Ja, es handelt sich – neben Gesundheitswissenschaften und Gesundheitspolitik sowie Medizin – um einen der drei Fachbereiche am Departement, und zwar in enger Zusammenarbeit mit der Schweizer Paraplegiker-Forschung in Nottwil. Das alles ist nicht selbstverständlich, zumal es in der Schweiz bislang nur wenige ordentliche Professuren für Rehabilitation gibt. Diesbezüglich setzen wir hier in Luzern einen klaren Fokus, auch in der Lehre: So erhalten die Studierenden unserer humanmedizinischen Ausbildung unter anderem wertvolle Einblicke in die Thematik im Bereich der Querschnittlähmung direkt vor Ort in Nottwil, und Rehabilitation ist auch ein wichtiger Teil der Lehre in den Gesundheitswissenschaften.

Rehabilitation in der Schweiz

19 Herausforderungen hinsichtlich der Rehabilitation in der Schweiz, von denen acht als äusserst wichtig angesehen werden: Dies ist das Resultat einer Studie von Adrian Andrea Flavio Spiess, Dimitrios Skempes, Jerome Bickenbach und Gerold Stucki vom Departement Gesundheitswissenschaften und Medizin an der Universität Luzern und von der Schweizer Paraplegiker-Forschung. Die Basis dafür bilden Interviews mit Schlüsselpersonen aus dem Bereich der Rehabilitation. An einem späteren Workshop mit Fachleuten fand eine Verfeinerung und Priorisierung statt mit dem Ziel, hinsichtlich der Festlegung der Herausforderungen einen Konsens zu erzielen.

Als am dringlichsten erachtet wurden die Erarbeitung einer nationalen Strategie und die Bewältigung von Problemen im Tarifsystem, die Verbesserung der interprofessionellen Zusammenarbeit, die Stärkung der akademischen Ausbildung und die Integration der Rehabilitation in nationale Gesundheitspläne wie die «Nationale Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten» (NCD) oder die «Gesundheitspolitische Strategie des Bundesrats». Den Autoren zufolge zeigt die Studie, dass die Verwirklichung der Vision einer im Gesundheitssystem integrierten Rehabilitation eine Anstrengung ist, die es erfordert, dass sich die Beteiligten auf eine langfristige politische Strategie und einen Aktionsplan einigen, um Hindernisse beim Zugang zur Rehabilitation zu beseitigen.

Die Befunde wurden im März 2022 unter dem Titel «Exploration of Current Challenges in Rehabilitation from the Perspective of Healthcare Professionals. Switzerland as a Case in Point» im wissenschaftlichen Journal «Health Policy» veröffentlicht.