Eine Personalchefin, die Physiotherapeutin war und Soziologie studiert hat? Warum nicht, findet Esther Tremp, die zwar Lohntabellen und Administratives im Griff haben muss, aber vor allem eines im Fokus hat: die Menschen und wie sie miteinander funktionieren.

Esther Tremp in ihrem Büro an einem Tisch, dahinter unscharf eine Mitarbeiterin

«Ich bin ein Produkt des Hauses», sagt Esther Tremp und schaut um sich. In der Mensa sitzen da und dort ein paar Studentinnen und trinken Kaffee. Noch dauert es etwas bis zum Ansturm zur Mittagszeit, deshalb bleibt Zeit für ein ruhiges Gespräch. Die gebürtige Urnerin und Wahlluzernerin gehörte 2001 zu den ersten, die hier Soziologie studierten. «Für mich war von Anfang an klar, dass ich nicht in der Wissenschaft, sondern im Personalbereich arbeiten wollte.» Warum aber dann gerade dieses Studium? Tremp zuckt mit den Schultern. «Eigentlich reiner Selbstzweck.» Das Fachgebiet hatte es ihr angetan: zu untersuchen, wie Gesellschaft funktioniert und wie Menschen miteinander umgehen. Als sie anfing, war sie bereits 37. Vorher arbeitete sie zehn Jahre als Physiotherapeutin mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung.

Seit gut sieben Jahren leitet sie den Personaldienst der Universität mit ihren total über 800 Angestellten. Nach dem Studium war sie fünf Jahre in der Privatwirtschaft tätig und machte berufsbegleitend den HR-Fachausweis.

Gute Denkschule

Die Menschen sind es, die sie interessieren. Darum war sie Physiotherapeutin, darum die Soziologie und darum heute das Personalwesen. Ihre universitäre Bildung kann sie für ihren HR-Alltag gut gebrauchen, wenn auch nicht direkt. «Das Studium hat meine Art zu denken geprägt, es hat mir neue Welten eröffnet.» Esther Tremp hat gelernt zu abstrahieren, mithilfe der soziologischen Systemtheorie abzuleiten, wie eine Gesellschaft funktioniert. «Es war vor allem eine gute Denkschule.»

«Wir bieten den Professorinnen und Professoren eine Führungsunterstützung.»
Esther Tremp, Leiterin Personaldienst

Ihr Studium hilft ihr auch zu verstehen, wie das Seminarwesen oder die Fakultäten aufgebaut sind. Die Universität funktioniere aus HR-Sicht ganz anders als ein privatwirtschaftliches Unternehmen. In letzterem wächst eine Person gemäss ihren Neigungen und Fähigkeiten in eine Führungsposition hinein. An der Universität hingegen seien Professorinnen und Professoren nicht in dieser Rolle, weil sie besonders gute Führungsqualitäten hätten. «Bei ihnen geht es um Fachwissen, um Kreativität und um Forschungsinhalte.» Das braucht es, denn die Forschung benötigt Freiräume, um sich zu entfalten. Professorinnen und Professoren seien in gewissem Sinne nicht «berufssozialisiert» worden. Esther Tremp muss schmunzeln, als sie diesen Satz ausspricht. «Sie haben ihre Stärken in der Lehre und in der Forschung, plötzlich stehen sie aber in einer Vorgesetztenrolle.»

Das ist der Moment, bei dem der Personaldienst helfen kann. «Wir unterstützen oder entlasten sie als HR-Verantwortliche. Wir halten ihnen auch, wenn möglich, den Rücken frei, damit sie sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können.» Der Personaldienst stellt den Professorinnen und Professoren auch diverse Instrumente zur Verfügung, etwa Unterlagen zu Führungsthemen. «Wir erinnern sie zum Beispiel auch daran, wenn wieder Gespräche mit den Mitarbeitenden geführt werden müssen», erklärt Tremp. «Vereinfacht gesagt bieten wir eine Führungsunterstützung.»

Esther Tremp im Gespräch mit einer Mitarbeiterin

Dynamisches Umfeld

Esther Tremp sind sechs Personen unterstellt. Sie legt Wert auf ein gut funktionierendes Team, Vertrauen, Selbstverantwortung und Verlässlichkeit sind ihr wichtig. Alle arbeiten in demselben offenen Raum. «Wir hören einander telefonieren, sehen, was die anderen tun. Es herrscht eine angenehme, offene
Atmosphäre. Es wird auch gelacht. Für mich ist ein guter Teamgeist zentral.»

Das Alltagsgeschäft beschäftigt sie nur zu einem kleinen Teil – um Aufgaben wie das Bearbeiten von Verträgen oder Administratives kümmert sie sich eher selten. Der grössere Teil ihres Alltags besteht daraus, Gespräche zu führen, zu beraten, Projekte zu leiten oder zu begleiten. Viel zu tun gibt es immer. Schliesslich gilt es, rund 550 Mitarbeitende und über 300 Lehrbeauftragte mit Kleinpensen zu betreuen und zu «verwalten». «Die Fluktuation ist an einer Universität sehr gross, weil Lehrende und Forschende meist zeitlich befristet tätig sind.» Deshalb gibt es ständig Ein- und Austritte sowie Mutationen. «Unser Umfeld ist sehr dynamisch.» Der Personaldienst muss dafür sorgen, dass die Löhne rechtzeitig ausbezahlt, IT-Systeme eingeführt, Weiterbildungen organisiert, Statistiken erstellt oder Berechnungen für Forschungsprojekte getätigt werden.

Konsens, aber nicht um jeden Preis

Spannend sei die Vielfalt ihrer Tätigkeit, betont Esther Tremp. Ein Lieblingsbereich ist die Personalgewinnung. «Der Schlüssel zu unserer Arbeit.» Nebst der fachlichen Kompetenz spielen vor allem die Persönlichkeit und die sozialen Kompetenzen eine immer wichtigere Rolle bei Neuanstellungen. Der Personaldienst kommt unter anderem bei der Vorselektion zum Einsatz, zudem werden Bewerbungen mit dem Stellenprofil verglichen. Der «technische» Teil ihres Berufs – Lohntabellen, Statistiken etc. – sei zwar wichtig, den gelte es natürlich zu beherrschen, findet Tremp. Aber das allein sei ihr zu wenig. «Ich könnte zum Beispiel nicht in einem Finanzinstitut arbeiten.» Ihr Hauptinteresse liegt beim Menschen und wie er mit anderen zusammen funktioniert. Die grösste Befriedigung bei der Arbeit erfährt sie, wenn sie es schafft, aus einer Konfliktsituation heraus eine Lösung zu finden. «Wichtig ist, dass alle rechtzeitig zusammensitzen und die Probleme angesprochen werden.»

Ist sie eine, die immer den Konsens sucht? Jein, meint sie und lacht. «Nicht um jeden Preis. Aber ich finde, man sollte den Konflikten nicht einfach aus dem Weg gehen, sie holen uns sowieso immer ein.» Dafür wählt sie manchmal auch klare Worte, um die Dinge beim Namen zu nennen.

«Ich bin jemand, der den Praxisbezug braucht.»

Genuss hat hohen Stellenwert

Auch privat mag Esther Tremp ehrliche Worte. Beziehung sei Arbeit und kein Zustand. «Man muss immer wieder investieren und dabei sich selber spüren.» Sie lebt zusammen mit ihrem Mann in Luzern. Die drei Kinder sind inzwischen ausgeflogen. Sie liebt es, zusammen mit ihrem Partner am kulturellen Leben teilzuhaben – Musik, Theater, Literatur, Film. Auch das Bergwandern hat es ihr angetan. Und das gemeinsame Kochen. «Wir pflegen ein Sozialleben, in dem der Genuss einen hohen Stellenwert hat.» Sowohl privat wie auch beruflich faszinieren Esther Tremp Leute mit einer besonderen Intelligenz. Sie mag Menschen mit Ecken und Kanten, die nonkonform sind. «Um in der Forschung tätig zu sein, ist es nötig, sich vom Alltäglichen zu lösen und den Kopf frei zu haben – solche Charaktere faszinieren mich.» Wäre sie selber auch gerne ein forschender Freigeist geworden? Sie schüttelt den Kopf. «Ich bin jemand, der den Praxisbezug braucht. Ich bevorzuge den Knochenjob mit den Menschen.»

unilu.ch/personal

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