Die Debatte um Kirchenräume ist mehr als eine Frage von Erhalt oder Umnutzung. Sie fordert dazu heraus, Begegnung neu zu denken – theologisch, gesellschaftlich und räumlich.

«Kirche im Quartier – Räume für Menschen»: So lautet das Motto des MaiHof – Pfarrei St. Josef in Luzern. Der Kirchensaal MaiHof wird seit 2013 als einer der ersten in der Schweiz erweitert genutzt, unter anderem auch für Konzerte. (Bild: Katholische Kirchgemeinde Luzern)

Wer durch die Städte und Dörfer des Kantons Luzern geht, begegnet auf Schritt und Tritt Kirchen, Kapellen oder Klosteranlagen. Diese prägen Ortsbilder, markieren Zentren und Übergänge und geben Quartieren und Gemeinden ein Gesicht. Oft nimmt man sie kaum noch bewusst wahr – bis sich plötzlich die Frage stellt, wie es mit ihnen weitergehen soll.

Dass Kirchenräume im Laufe der Geschichte ihre Nutzung verändert haben, ist nichts Neues. Auch in unserer Region lassen sich solche Wandlungen nachzeichnen: Klöster wurden zu Schulen, Sakralräume zu Bibliotheken oder zu Versammlungsorten. Diese Veränderungen erzählen nicht vom Verschwinden des Christentums, sondern von seiner engen Verflechtung mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Neu ist jedoch die Situation, in der sich immer mehr Kirchgemeinden heute befinden: Sinkende Mitgliederzahlen, knappe finanzielle Ressourcen und steigende Unterhaltskosten zwingen dazu, über die Zukunft kirchlicher Gebäude grundlegend nachzudenken. 

Kirchen sind keine neutralen Räume. Sie sind Träger von Erinnerungen, von religiöser Praxis und von kultureller Bedeutung.

Dabei geht es um weit mehr als um Immobilienfragen. Kirchen sind keine neutralen Räume. Sie sind Träger von Erinnerungen, von religiöser Praxis und von kultureller Bedeutung. Gerade im Kanton Luzern, wo Kirchen oft zentral gelegen und fest im Alltag der Bevölkerung verankert sind, werden sie als Teil des gemeinsamen Erbes wahrgenommen – auch von Menschen, die sich selbst kaum als kirchlich verstehen. Entsprechend sensibel reagieren viele, wenn über Schliessung, Umnutzung oder Verkauf diskutiert wird. Zugleich zeigt sich eine Spannung, die kaum zu übersehen ist: Ein Kirchenraum, der nur noch an wenigen Stunden in der Woche genutzt wird, steht im Widerspruch zu seinem ursprünglichen Auftrag. Leere Bänke und verschlossene Türen werden schnell als Zeichen des Rückzugs gelesen. Dabei gehört es zum Selbstverständnis christlicher Kirche, präsent zu sein, sich zu zeigen und Begegnung zu ermöglichen.

Begegnung muss jedoch nicht immer neu erfunden werden. Oft liegt sie näher, als man denkt. Offene Kirchen, niederschwellige Führungen, stille Räume für Menschen auf der Durchreise oder Angebote, die liturgisches Geschehen verständlich machen, können viel bewirken – ohne dass bauliche Eingriffe nötig sind. Solche Formen der Öffnung lassen sich an zahlreichen Orten der Zentralschweiz beobachten, etwa dort, wo Freiwillige Besucherinnen und Besucher willkommen heissen oder Kirchen bewusst als Orte der Ruhe im hektischen Alltag verstanden werden.

Sorgfältige Abklärungen und Dialog

Natürlich ist Öffnung kein Selbstläufer. Wo Kirchenräume – und dazu gehören unterschiedliche Immobilien: Kirchen, Kapellen, aber auch Pfarrhäuser oder Gemeindezentren – stärker genutzt werden, entstehen neue Herausforderungen. Fragen des Denkmalschutzes, des respektvollen Umgangs oder der Abgrenzung zwischen liturgischem Raum und touristischem Interesse müssen sorgfältig ausgehandelt werden. Die jüngsten Erfahrungen zeigen, dass Kirchen mit diesen Aufgaben nicht alleingelassen werden dürfen. Sie sind auf den Dialog mit Behörden, Nachbarschaften und der Zivilgesellschaft angewiesen. Gleichzeitig sollten sie selbstbewusst das Heft in die Hand nehmen und nicht warten, bis es zu spät ist. Dabei lohnt sich auch ein Blick über den eigenen Tellerrand. In anderen Regionen Europas sind Kirchenumnutzungen weiter fortgeschritten – mit inspirierenden, aber auch warnenden Beispielen. Sie machen deutlich, dass jede Lösung orts- und kontextabhängig ist. Was in einer Grossstadt funktioniert, lässt sich nicht ohne Weiteres auf eine ländliche Gemeinde übertragen. An dem einen Ort kann eine ökumenische Nutzung des Sakralraums eine gute Lösung darstellen, an einem anderen mag zuerst das Gemeindezentrum für eine Zusammenarbeit mit einem lokalen Kulturzentrum, einer Bibliothek oder einer diakonischen Einrichtung eine Option darstellen.

Kirchenräume öffnen heisst, Verantwortung zu übernehmen.

Gerade deshalb ist es wichtig, frühzeitig ins Gespräch zu kommen. Solange noch Handlungsspielraum besteht, können Kirchgemeinden klären, wofür ihre Räume stehen sollen und welche Formen von Begegnung sie ermöglichen möchten. Diese Auseinandersetzung ist nicht nur organisatorisch, sondern zutiefst theologischer Natur: Sie berührt die Frage, wie Kirche heute in einer pluralen Gesellschaft präsent sein will. Kirchenräume öffnen heisst, Verantwortung zu übernehmen: für das eigene Erbe, für die Menschen vor Ort und für kommende Generationen. Es bedeutet, sich dem Wandel zu stellen, ohne vorschnell Abschied nehmen zu müssen. Vielleicht liegt gerade darin eine Chance: dass Kirchenräume auch in Zukunft Orte bleiben, an denen Menschen innehalten, einander begegnen und Sinnfragen Raum bekommen.

Datenbank zu Kirchenumnutzungen in der Schweiz

Foto Ann-Katrin Gaesslein

Ann-Katrin Gässlein

Lehrstuhlvertreterin an der Professur für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät und Herausgeberin des aktuellen Sammelbands «KirchenRaum: Begegnung neu denken» (Theologischer Verlag Zürich) (siehe «Neuerscheinungen»-Newsmeldung).

www.unilu.ch/ann-katrin-gaesslein