Spaziergangswissenschaft: Das tönt gemütlich, dahinter steckt aber viel Arbeit. Andrea Glauser hat in ihrer Habilitationsschrift das vertikale Bauen in Wien, London und Paris einer soziologischen Analyse unterzogen. Und dabei auch Erkenntnisse für die Schweiz gewonnen.

An der Siedlung Alt-Erlaa im Süden Wiens zeigt sich: Grosssiedlungen am Rande der Stadt sind, anders als häufig behauptet, keineswegs zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. (Bild: Hertha Hurnaus)

Andrea Glauser, «Himmelsstürmer sind wieder in» – so beginnt Ihr Buch «Vertikales Bauen in Europa». Darum untersuchten Sie, wie der Hochhausbau interpretiert wird und welche Bedeutung man ihm zumisst. Sie haben dazu Wien, Paris und London unter die Lupe genommen. Welche Hauptpunkte haben sich in Ihrer Forschung herausgeschält?

Andrea Glauser*: Das Hochhaus hat sich in den letzten rund hundert Jahren weltweit verbreitet und ist Inbegriff einer globalen Architektur. Es wäre jedoch stark verkürzt, diese Verbreitung schlicht mit einer Uniformung von Stadtbildern gleichzusetzen, wie dies häufig gemacht wird. Jede Stadt hat einen eigenen Umgang mit dem aufragenden Bautyp, was sich an Paris, Wien und London gut aufzeigen lässt. Die lokal unterschiedlichen Gebrauchs- und Rezeptionsweisen führen dazu, dass die weltweite Durchsetzung des Hochhauses in paradox anmutender Weise sowohl Angleichung als auch Diversifizierung bedeutet.

Wie unterscheiden sich die drei Städte?

In London ist die Idee vom Hochhaus eng ans Bild der «Global City» gekoppelt; die Türme sollen demonstrieren, dass die Stadt in der Finanzindustrie eine herausragende Rolle spielt, wobei das Konzept der «Global City» eine Art Ersatznarrativ für den nicht mehr vorhandenen Status als «Heart of the Empire» ist. Deshalb sind die hohen Türme mitten in der Stadt erwünscht. Ganz anders in Paris: Dort verbindet man mit den Türmen primär die Befürchtung, dass sie der Schönheit der Stadt schaden könnten. In der französischen Kapitale ist die Vorstellung verbreitet, dass Paris die schönste Stadt der Welt sei, und dies macht sich auch in den Diskussionen über Architektur bemerkbar. Heute werden Hochhäuser ausschliesslich am Stadtrand und in Form von Einzelmonumenten gebaut und von der Stadtregierung als künstlerischer Beitrag zum Stadtbild legitimiert. Das war früher anders: In den 1950er- bis 1970er-Jahren sind in Paris zahlreiche Hochhäuser in den äusseren Arrondissements errichtet worden, um der grassierenden Wohnungsnot entgegenzuwirken. Diese Baupraxis wird heute weithin problematisiert und die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Siedlungen werden stigmatisiert.

Privatdozentin Andrea Glauser, Lehrbeauftragte
am Soziologischen Seminar, im akademischen Jahr 2017/2018 Vertretung der Professur für Soziologische Theorie und Allgemeine Soziologie. (Bild: Nelly Rodriguez)

Wofür stehen die Hochhäuser in Wien?

In Wien hatten sie nie einen solch schlechten Ruf wie in Paris. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und mit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union setzte ein Bauboom ein, es entstand eine richtige Hochhauseuphorie, geprägt von einem Gefühl des Nachholbedarfs. Die neuen Türme sind in Wien vor allem ein Symbol von wiedererlangter Zentralität und Modernität. Zudem werden in Wien, ganz anders als in Paris, auch Hochhäuser früher Bauphasen mehrheitlich positiv wahrgenommen, was unter anderem mit der Bedeutung des «Roten Wiens» zu tun hat. Die Stadt Wien hat in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren intensiv und mit grosser internationaler Resonanz kommunalen Wohnungsbau als Sozialpolitik betrieben. Es entstanden zahlreiche Wohnungen, verknüpft mit Gemeinschaftseinrichtungen, basierend auf innovativen architektonischen Entwürfen und ohne Berührungsängste, auch nach oben zu bauen.

In der Nachkriegszeit haben sich Architekten immer wieder auf diese «Tradition» berufen, vor allem Harry Glück beim Bau der Siedlung Alt-Erlaa – einem Projekt des sozialen Wohnungsbaus in Form einer Satellitenstadt, die in den 1970er- und 1980er-Jahren im Süden Wiens errichtet wurde. Diese Siedlung ist vor allem bekannt für ihre Schwimmbäder auf den Dächern, die zahlreichen weiteren Begegnungsräume und allgemein ihre «Bewohnerfreundlichkeit». Sie erfreut sich grosser Beliebtheit und macht deutlich, was (auch) im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus möglich ist. Grosssiedlungen am Rande der Stadt sind, anders als häufig behauptet, keineswegs zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

Welche Erkenntnisse haben Sie für die Schweiz gewonnen?

Auch hierzulande ist das Hochhaus ja ein wichtiges Thema. Ja, auch wenn in der konkreten Baupraxis eher Zurückhaltung vorherrscht, haben mittlerweile nahezu alle Städte Hochhauskonzepte ausgearbeitet. Auffallend ist, dass in der Schweiz das vertikale Bauen vor allem als Mittel gegen die Zersiedlung diskutiert wird. Es lässt sich jedoch mit dem Hochhausbau nicht ohne weiteres verdichten. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Ausnützungsziffern der Grundstücke baurechtlich fixiert sind. Es gibt Bestrebungen, solche Bestimmungen aufzuweichen. Aber in der aktuellen Situation hat das Argument der Verdichtung häufig rein legitimatorischen Charakter – ohne zu halten, was es verspricht. Eine zweite Haupterkenntnis ist, dass neben der Verdichtungsfrage häufig einseitig über Visuelles gestritten wird.

«Hochhausprojekte sind meist stark geprägt durch Kapitalinteressen. Ich stelle da auch eine gewisse schizophrene Haltung fest.»
Soziologin Andrea Glauser

Ist das nicht verständlich, schliesslich prägen Türme das Stadtbild?

Das stimmt, dennoch ist es nicht das einzige Kriterium, ob eine Stadt lebenswert und urban im Sinne von gestaltbar ist. Die Frage der Nutzung wird häufig ausgeklammert.

Weil ohnehin meist teure Büros, vielleicht noch mit einer exklusiven Bar auf dem Dach, entstehen. Hochhäuser sind nur etwas für zahlungskräftige Kundinnen und Kunden …

Diese fatalistische Haltung herrscht heute tatsächlich über weite Strecken vor. Hochhausprojekte sind meist stark geprägt durch Kapitalinteressen. Ich stelle da auch eine gewisse schizophrene Haltung fest, die allerdings typisch ist für unsere Zeit: Hochhäuser sollen künstlerischen Ansprüchen genügen, weshalb nicht selten Stararchitekten beauftragt werden. Gleichzeitig haben diese Bauten auch eine ausgeprägte, wenn auch keineswegs immer «rationale» ökonomische Logik, was dazu führt, dass die Nutzung sehr einseitig ist.

Liegt das wegen der hohen Kosten nicht in der Natur der Sache?

Es wird häufig – nicht zuletzt auch in der Stadtplanung – behauptet, dass es «halt» nicht anders gehe, aber dieses Argument ist zu hinterfragen. Bei solch auffälligen Bauten besteht auch ein öffentliches Interesse. Darum sollte mehr möglich sein als ein kommerzialisierter Zugang zur Dachterrasse. Zudem ist eine einseitige Nutzung durch Büros, Hotels und Luxuswohnungen schlicht langweilig. Es wäre wichtig, dass sich die Debatten vermehrt auch um andere Nutzungen sowie Finanzierungsformen drehen und so Möglichkeitsräume erweitert werden.

Blick auf den Distrikt «City of London»: Die Türme sollen demonstrieren, dass die Stadt in der Finanzindustrie eine herausragende Rolle spielt. (Bild: istock.com/ultraforma)

Wie sind Sie bei Ihrer Forschung vorgegangen?

Ich bin erstmal während eines Jahres sehr viel zu Fuss unterwegs gewesen. Dabei wandte ich die Methode der Promenadelogie oder Spaziergangswissenschaft an: Ich habe mir ein Bild von der gebauten Form der Stadt und den charakteristischen Sichtbeziehungen verschafft. Dann führte ich Gespräche mit Stadtplanerinnen, Denkmalpflegern, Architekten und Stadtforscherinnen durch und habe Dokumente wie Baugesetze, Hochhausleitbilder, politische Positionspapiere und Medienberichte analysiert. Es ging mir darum zu erfahren, wie in den Städten Wien, London und Paris Experten die Hochhausfrage wahrnehmen und prägen und welches Bild vom vertikalen Bauen in den politischen Diskussionen vorherrschend ist. Schliesslich habe ich die gewonnenen Erkenntnisse zu Stadtporträts zusammengefügt. Mein Ansatz war es, zu verstehen, was da passiert, und die Unterschiede zwischen den Städten nachvollziehbar zu machen. Es ging darum, Reflexionswissen zu erstellen.

Ist Ihre Arbeit eine Handlungsanleitung für Stadtplanerinnen und -planer?

Nein, aber das Buch soll zum Reflektieren anregen, was auch für die Praxis wichtig ist. Etwa, wenn es darum geht, Scheuklappen loszuwerden.

Scheuklappen?

Die Beobachtungsfelder der Akteurinnen und Akteure vor allem aus der Stadtplanung sind bei allen drei von mir untersuchten Städten bemerkenswert
eng gesteckt. Es herrschen eingeschliffene Blickrichtungen vor mit Bezugnahmen, die scheinbar selbstverständlich sind und kaum begründet oder hinterfragt werden. Das heisst: Jede Stadt vergleicht sich nur mit einigen wenigen anderen Metropolen, Akteure in Paris beispielsweise schauen (fast) immer nur nach London. Dabei könnte ein erweiterter Blick gerade auch auf Baupraktiken ausserhalb Europas inspirierend und lehrreich sein. Es herrscht generell ein sehr enger Fokus vor, wenn es um das vertikale Bauen geht. Das ist mehrheitlich auch in der Schweiz so.

Was ist das Soziologische an Ihrer Analyse?

Jedes Bauen eröffnet Handlungsmöglichkeiten, aber es bedeutet auch eine Limitierung. Ein Bau bleibt meist jahrzehntelang bestehen und prägt unser soziales Leben auf vielfältige Weise mit. Deshalb ist es besonders relevant, Architektur (auch) aus soziologischer Perspektive zu untersuchen. Ich setzte meinen Fokus auf die vorherrschenden Stadtbilder – die zeit- und stadtspezifischen Vorstellungen, die dem Bau von Hochhäusern an unterschiedlichen Orten zugrunde liegen und für das Verständnis dessen, weshalb wo welche Türme (nicht) in den Himmel wachsen, unerlässlich sind. Zudem kann man durch die Auseinandersetzung mit Hochhausdebatten einiges über die jeweilige Stadt sowie über aktuell wirksame Gesellschaftsbilder lernen.

* Andrea Glauser habilitierte sich 2017 an der Universität Luzern. Ihre Habilitationsschrift «Vertikales Bauen in Europa. Eine soziologische Analyse» (externer Link) erschien kürzlich im Verlag Campus, Frankfurt am Main.

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