Yves Spühler hat ein Semester an der Bilkent Üniversitesi in Ankara verbracht. Der 27-jährige Masterstudent der Politischen Ökonomie warnt vor einer einseitig negativen Sichtweise auf das Land; an der Austausch-Uni hätte er sich indes mehr Möglichkeiten zur Selbstständigkeit gewünscht.

Yves Spühler bei einem Ausflug in die rund vier Autostunden von Ankara entfernte Region Kappadokien, die durch ihre einzigartigen Felsformationen bekannt ist.

Yves Spühler, was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie mit nach Hause genommen haben?

Yves Spühler: Ich hatte die Möglichkeit, Vorlesungen mit Studierenden aus Teilen der Welt zu besuchen, mit denen man sonst nicht so einfach in Berührung kommt. Als Brücke zwischen Ost und West ist Ankara ein Schmelztiegel für Menschen aus dem arabischen, persischen und zentralasiatischen Raum sowie aus dem Balkan. Es hat mir wieder einmal gezeigt, dass wir Menschen letztlich alle gleich sind.

Was hat Sie an der Gastgeber-Universität am meisten überrascht?

Sicherlich die Grösse. Die Bilkent-Universität ist mit 20 Quadratkilometern fast so gross wie das Gemeindegebiet der Stadt Luzern. Auf dem Campus gibt es Restaurants und Cafés, eine Apotheke sowie eine Krankenstation.

Wie war die Wohnsituation?

Die Universität stellt Austauschstudierenden 2er-Zimmer in den Wohnheimen auf dem Campus gratis zur Verfügung. Einzelzimmer gibt es auch, doch diese kosten. Die Feedbacks der anderen Studierenden waren durchs Band positiv. Die Unterkünfte sind gut ausgestattet, und wenn man auf dem Campus wohnt, ist es einfacher, an den diversen Aktivitäten teilzunehmen. Ich allerdings habe mir ein günstiges Zimmer in der Innenstadt gesucht, was aber dringend lokale Kenntnisse voraussetzt.

Und diese hatten Sie?

Ja, ich hatte bereits zuvor in der Türkei gelebt. Sonst hätten mich die Ratschläge, vorsichtig zu sein, bestimmt verängstigt. Ich habe den Alltag in Ankara als sehr sicher wahrgenommen. Generell scheint mir, dass man Medienberichten nicht immer Glauben schenken kann und das Leben in der Türkei viel positiver ist, als wir uns das vorstellen. Generell unterscheidet sich die Kultur in den Grossstädten nicht stark von derjenigen in anderen europäischen Städten. Kleine Unterschiede sind immer wieder festzustellen, diese können aber ohne Kulturschock überwunden werden.

«Apropos Gaumenfreuden: Ich habe mich in türkischen Wein verliebt und ein paar Flaschen heimgebracht.»
Yves Spühler, Masterstudent der Politischen Ökonomie

Welche Lehrveranstaltung hinterliess einen bleibenden Eindruck bei Ihnen?

Besonders «Democracy, Development and Human Rights» und «Issues in Turkish Economy» fand ich sehr spannend. Es hat mir gezeigt, dass in der heutigen Türkei kritisches Denken durchaus möglich ist. Zudem wurde mir bei den Seminardiskussionen bewusst, dass unser Denken in Europa sehr stark innerhalb einer «Bubble» stattfindet.

Was würden Sie am liebsten an die Universität Luzern importieren, und was schätzen Sie hier nun mehr denn je?

An der Bilkent-Universität gibt es Hunderte von Clubs, in denen engagierte Studierende ihren Interessen nachgehen. Ich fände es wünschenswert, mehr solche Studierendeninitiativen in Luzern zu sehen. Im Gegenzug ist die Selbstständigkeit im Studium hier viel höher. Die Kurse in Ankara haben mich mit den vielen Hausaufgaben, Tests und Zwischenprüfungen stark an meine Kanti-Zeit erinnert.

Was erwies sich als einfacher als gedacht?

Die administrativen Angelegenheiten wie Visum sowie Kurs- und Prüfungsanmeldungen. Die Termine sind zwar oftmals kurzfristig und die Abläufe intransparent, das Ganze war aber ohne grosse Probleme zu meistern.

Wen oder was haben Sie während Ihres Aufenthalts am meisten vermisst?

Die Natur. In Luzern haben wir unfassbares Glück, See, Berge und Wälder in unmittelbarer Nähe zu haben. Ankara ist eine Stadt mit fünf Millionen Einwohnern auf 1000 Metern über Meer mitten im kargen, braunen anatolischen Hochland. Einfach mal an einem Samstag in die Natur zu gehen, ist nicht möglich, da sind längere Fahrten nötig.

Wie schmeckte das Essen in der Mensa?

Vorzüglich! Es gibt verschiedene Mensen, wo man für umgerechnet einen Franken – die Lebenskosten sind generell sehr niedrig – zwischen verschiedenen türkischen und internationalen Menüs, einem riesigen Salatbüffet und Fast Food auswählen kann. Apropos Gaumenfreuden: Ich habe mich in türkischen Wein verliebt und ein paar Flaschen heimgebracht. Ich besuchte während meines Aufenthalts einige Weingüter; besonders die Region Izmir ist hierfür ein Reisetipp.

Andrea Leardi
Outgoing Mobility Coordinator

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