Bibelzitate, Musiknoten und Gedichte: Auswendig gelernt wird schon seit Jahrhunderten. Campus-Bloggerin Lina Kunz findet, dass es an der Zeit ist, diese Praxis hinter sich zu lassen – zumindest fast.

Frau in konzentrierter Pose mit Buch über dem Kopf, symbolhaft fürs Auswendiglernen
Bild: istock.com/Deagreez

Im letzten Herbstsemester brach das, was man intrinsische Motivation nennt, wie eine Welle über mich herein. Ich befand mich in der idealen Symbiose aus Wissbegierde, genügend Zeit und einer verdammt guten Vorlesung. Dann rückte der Leistungsnachweis näher und es hiess: auswendig lernen! Meine Prüfungsangst nahm überhand, ich verlor den Überblick und die zuvor ideale Symbiose erlitt Schiffbruch.

Meta-Ultra-was?

Zwei Wochen später, ich hatte die Prüfung gerade hinter mir, sass ich in der Küche und massierte mein verspanntes Schulterblatt. In der anderen Hand hielt ich die Zusammenfassung, die mein Freund für seine Geologieprüfung auswendig lernen musste. «Ein Granulit-Peridotit hat Magnesium- Granat und Olivin-Mineralien drin. Und er ist ein Meta-Ultrabasika und gehört zur Eklogit-Fazies.» Ich nickte, er lag richtig. Die Situation hingegen empfand ich als grundverkehrt. Worin liegt der Nutzen, all diese abstrakten Wörter richtig aneinanderreihen zu können, um sie dann, eine Woche später, wieder zu vergessen? Und selbst wenn mein Freund alle Facts zum Granulit-Peridotit etwas länger in seinem Kopf behalten würde – sein Smartphone tat dies auch.

In einer Zeit, in der jede und jeder künstliche Intelligenz mit sich in der Hosentasche herumträgt, die ihr oder ihm alles Wissen dieser Welt verzapfen kann, in der Fliessbandarbeit in der Wirtschaft fast vollständig der Vergangenheit angehört, ist auch das Auswendiglernen passé. Wir sollten an den Universitäten lernen, mutiger zu sein, anstatt nachzuplappern, was wir gelernt haben. Wir sollten selber Wissen generieren, anstatt einfach nur das zu glauben, was schon vor uns da war. In unserer Welt braucht es nicht noch mehr egoistische Einzelkämpferinnen und -kämpfer, die nach dem Motto «Me, Myself and my Zusammenfassung» ihre Tage verbraten, sondern wir brauchen soziale Gruppenmenschen, die gemeinsam arbeiten, um sich den grossen Aufgaben unserer Zeit zu stellen. Goethe beim

Warten auf den Bus

Wilhelm von Humboldt, ein preussischer Gelehrter, der im 18. und 19. Jahrhundert lebte, war ein grosser Fan vom Auswendiglernen. Er füllte seine einsamen und langweiligen Stunden mit dem Aufsagen von Versen, die er zuvor fleissig gepaukt hatte. Mit dieser Praxis des Memorierens kann ich mich hingegen sehr gut anfreunden. Dann kann ich endlich mal mein Smartphone zuhause lassen und dafür leise an der Bushaltestelle Goethe zitieren.

Lina Kunz

Bachelorstudentin der Kulturwissenschaften mit Major Soziologie

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