Als Brückenprofessorin bewegt sich Nora Fritschi täglich zwischen Spital und Universität. In Klinik, Forschung und Lehre setzt sie sich dafür ein, dass neue Erkenntnisse direkt aus der Praxis entstehen und wieder in diese zurückfliessen.

Montag: Forschung am Kinderspital Zentralschweiz in Luzern. Dienstag und Mittwoch: Klinikalltag am Kinderspital Zentralschweiz. Donnerstag und Freitag: Lehre, Meetings und Forschung an der Universität Luzern. Im Gespräch mit Nora Fritschi wird schnell klar: Ihre Rolle ist genau das – eine Brücke zwischen Uni und Spital.
Dass ihr Weg eines Tages in die Medizin führen würde, stand für die Tochter einer Pflegefachfrau früh fest: «Meine Laufbahn war schon in der Primarschulzeit von Faszination für den Körper, Krankheiten und den Spitalbetrieb geleitet», erzählt sie. Auch dass sie heute mit Kindern arbeitet, überrascht sie nicht. Als langjähriges Mitglied und Trainerin in einem Turnverein spielte die Arbeit mit Kindern in ihrem Leben schon immer eine wichtige Rolle. Besonders schätzt sie die unmittelbare Art von Kindern: «Sie leben im Moment und machen sich weniger Gedanken über gestern oder morgen.» Diese Haltung bringe Frische und Leichtigkeit in den Alltag.
Pädiatrie: ein besonderes Feld
Per August 2024 wurde Nora Fritschi zur Assistenzprofessorin für personenzentrierte Medizin des Kindes- und Jugendalters mit Tenure-Track berufen. Es handelt sich um die erste Professur mit diesem Profil in der Schweiz. Die sogenannte Brückenprofessur ist
am Kinderspital Zentralschweiz und an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin der Universität Luzern angesiedelt. Seit 2024 ist sie Oberärztin am Kinderspital Zentralschweiz. Warum es eine solche Brückenfunktion braucht, die in Praxis und Forschung auf Kinder und Jugendliche fokussiert, ist für Fritschi sonnenklar: «In vielen Bereichen ist der Wissensstand in der Pädiatrie noch begrenzt. Finanzierung und Forschungsinteresse sind oft geringer als in anderen Disziplinen.» Ihre Professur sei deshalb auch eine Anerkennung dafür, dass es Forschung mit Fokus auf Kinder brauche.
In vielen Bereichen ist der Wissensstand in der Pädiatrie noch begrenzt. Finanzierung und Forschungsinteresse sind oft geringer als in anderen Disziplinen.
Fritschis Forschungsschwerpunkt liegt auf Infektionskrankheiten und der Prävention durch Impfungen bei Kindern und Jugendlichen. Dafür nutzt sie unter anderem Daten, die im Zuge des klinischen Dokumentationsprozesses entstehen – sogenannte Routinedaten –, und digitale Tools, um Krankheiten besser zu erkennen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in die medizinische Praxis zu bringen. Am Zentrum für Klinische Forschung des Luzerner Kantonsspitals, einem Institut der Universität Luzern mit externer Trägerschaft, ist sie zudem Leiterin für Dataintegration und -translation. Ziel dieser Arbeit ist es, klinische Daten besser nutzbar zu machen. Diese sind für Nora Fritschis Forschung zentral, beispielsweise im Bereich der Impfungen. «Da es keine nationale Datenbank gibt, in der Impfungen flächendeckend und systematisch registriert werden, existieren viele blinde Flecken», erklärt die Assistenzprofessorin. Man wisse beispielsweise oft nicht genau, wie hoch die Durchimpfungsrate bei besonders vulnerablen Kindern sei oder welche Faktoren die Impfmotivation beeinflussten.
Gerade in der pädiatrischen Forschung gibt es besondere Herausforderungen. Kinder gelten als besonders schützenswerte Bevölkerungsgruppe. Experimentelle Therapien lassen sich deshalb nicht im gleichen Umfang testen wie bei Erwachsenen. «Kinder kann man nicht fünfmal pieksen und ihnen vier Röhrchen Blut abnehmen», sagt Fritschi. «Deshalb braucht es Forschung, die möglichst eng an der klinischen Routine orientiert ist.»
Wertvolle Daten aus der Spitalpraxis
Um invasive Eingriffe zu vermeiden, arbeitet Nora Fritschi vor allem mit Routinedaten. «Im Klinikalltag entstehen täglich grosse Mengen an Daten», erklärt sie. «Wenn diese korrekt aufbereitet, zugänglich gemacht und genutzt werden, können sie helfen, wichtige Forschungsfragen zu beantworten.» Für Fritschi ist deshalb klar, dass Klinik und Forschung eng miteinander verbunden sein müssen: «Die Ideen für die Forschung müssen aus der Klinik kommen. Sonst ist Forschung eine Insel, die nichts mit der Klinik zu tun hat.» Viele Abläufe im Spital erfolgten aus Gewohnheit, ohne dass sie immer wieder aufs Neue hinterfragt würden. Genau hier könne Forschung neue Perspektiven eröffnen, und umgekehrt könne die klinische Praxis wichtige Impulse für wissenschaftliche Fragestellungen liefern.
Die Gesundheitswissenschaften bringen neue Perspektiven aus unterschiedlichen Disziplinen ein und stellen andere Fragen.
Aktuell arbeitet sie an einem Projekt zur Digitalisierung des Impfbüchleins mit künstlicher Intelligenz. Ziel ist es, Impfdaten automatisch auszulesen und strukturiert verfügbar zu machen. So lassen sich Impfverläufe systematisch analysieren und in der Praxis besser nutzen. In einem ersten Projekt untersucht das Team derzeit die Impfabdeckung bei chronisch kranken Kindern.
Balance in Beruf und Alltag
Die Brücke zwischen verschiedenen Rollen schlägt Nora Fritschi auch im Privatleben. Als Mutter einer bald zweijährigen Tochter spielt das Thema Balance auch ausserhalb der Arbeit eine wichtige Rolle. Was sie im Alltag motiviert, bringt sie einfach auf den Punkt: «Es ist eine Kombination aus dem Streben nach Gesundheit, dem guten Leben und der Suche nach etwas Sinnhaftem.» Gesundheit und die Natur seien in ihrem Leben schon immer zentrale Bezugspunkte gewesen. Die Faszination für den Körper und die Natur prägt auch ihren Alltag: Sie fährt möglichst mit dem Velo oder dem Zug zur Arbeit, hat kein Auto und versucht, nachhaltig zu leben.
Balance findet Nora Fritschi aber auch in ihrer Brückenprofessur. Besonders schätzt sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit an der Uni Luzern. An der Fakultät treffen unterschiedliche Perspektiven aufeinander. Gerade der Austausch mit den Gesundheitswissenschaften eröffne neue Blickwinkel. «Medizin betrachtet oft nur eine Facette des Gesundheitssystems», erklärt Fritschi. «Die Gesundheitswissenschaften bringen neue Perspektiven aus unterschiedlichen Disziplinen ein und stellen andere Fragen.» Genau diese Verbindung von klinischer Erfahrung, Forschung und unterschiedlichen Disziplinen mache ihre Arbeit so spannend und bilde die Grundlage für Innovationen in der Medizin.