Als Koch lernte Luca Schnieper die Gastrowelt kennen. Der von Leistung und Konkurrenzdenken geprägte Berufsalltag schärfte seinen kritischen Blick – nicht zuletzt deshalb studiert er heute Kulturwissenschaften.

Luca Schnieper. (Bild: Philipp Schmidli)

Für das Gespräch schlägt Luca Schnieper das Café des Kunstmuseums im KKL Luzern vor. Bis vor einem Jahr arbeitete er hier Teilzeit als Barista und steht auch jetzt noch einzelne Tage hinter der Theke. Seit rund einem Jahr ist Schnieper zudem in einem 30-Prozent-Pen­sum als studentische Hilfskraft tätig. Er studiert momentan im sechsten Semester Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Geschichte. Weil der 34-Jährige alles selbst finanziert und zwischen 40 und 50 Prozent arbeitet, dauert es wohl noch weitere drei Jahre bis zum Abschluss. «Das sind vielleicht die grössten Schwierigkeiten: die Finanzen und das Verständnis für meine Situation», sagt Luca Schnieper. Denn: «Während Gleichaltrige vielfach schon länger in ihrem angestammten Beruf angekommen sind und zum Teil bereits eine Familie gegründet haben, lebe ich mit einem Kollegen in einer WG und muss mit relativ wenig Geld auskommen.» 

Digitale Kunst und Gamen 

Wie herausfordernd ist das? «Es ist knackig, aber es geht», meint Schnieper. Einmal im Jahr leiste er sich eine Woche Carferien, mehr liege nicht drin. «Zum Glück bin ich früher mit meinen Eltern viel gereist. So habe ich schon einiges von der Welt gesehen und vermisse das nicht so sehr.» In Restaurants oder in den Ausgang geht er praktisch nie, das sei für ihn sowieso kein grosses Bedürfnis mehr, versichert er. Seine Hobbys sind relativ kostengünstig, die Freizeit verbringt er gerne zu Hause. Schon als Kind sei er ein Gamer gewesen und habe viel gelesen, das tue er auch heute noch, meint er. Zudem beschäftigt er sich mit digitaler Kunst. «Ich nehme bestehende Fotografien und bearbeite diese mittels verschiedener Programme.»

«Aktuell beschäftige ich mich mit der Sozialisierung von Männlichkeitsbildern.»
Luca Schnieper

Ein typischer Nerd? Luca Schnieper schmunzelt. «Ich treffe mich auch ab und zu mit Kollegen auf ein Bier. Ansonsten unternehme ich Spaziergänge und gehe an kulturelle Anlässe. Kürzlich war ich zum Beispiel im Luzerner Neubad an einer Lesung einer Autorin, die ein Buch über Sexarbeit verfasst hat.» Geschlechterthemen interessieren ihn auch im Studium. Im Master möchte er einen Schwerpunkt auf Gender Studies legen. «Aktuell beschäftige ich mich mit der Sozialisierung von Männlichkeitsbildern», erzählt Schnieper. Es gehe unter anderem um den Einfluss der sozialen Medien auf jüngere Männer. «Das antifeministische Netzwerk Manosphere erlangt eine immer grössere Reichweite und übt einen negativen Einfluss auch auf die Politisierung junger Männer aus.» Was für Gründe sieht er für diese Entwicklung? Nachdem sich der Feminismus in den letzten Jahren stark entwickelt habe, führe dies bei einigen Männern zu einer Verunsicherung, vielen fehle es an einem positiven Männerbild, sagt Luca Schnieper. «Deshalb greifen vor allem Männer mit wenig emotionaler Reife auf alte Muster zurück.» 

Prägende Erfahrungen 

Solche gesellschaftlichen Themen haben ihn auch schon vor dem Studium beschäftigt. Während seiner Lehre und später, als er drei Jahre in der Küche eines Luzerner Hotels arbeitete, beobachtete er, wie unterschiedlich sich die beiden Geschlechter verhalten und wie verschieden ihre Leistung bewertet wurde. «Männer definierten sich stark über ihre Leistung. Überstunden zu leisten, gehörte einfach dazu. Wenn im Gegenzug eine Frau eine Schwäche zeigte, hiess es, dass sie halt eine Frau sei. Solche Sichtweisen haben mich stets irritiert, weil ich selbst meine Leistung nicht in den Vordergrund stelle.» 

Die Zeit im Gastrogewerbe sei insgesamt sehr spannend gewesen, sagt Luca Schnieper. Aber es herrsche in dieser eingeschworenen Gemeinschaft eine – mit allen Vor- und Nachteilen – spezielle Atmosphäre. Sich zu profilieren, sei nie so sein Ding gewesen, deshalb habe er immer schon gewusst, dass er beruflich noch andere Wege beschreiten wolle. «Ich merkte früh, dass ich nicht so recht in diese Welt passe.» Schliesslich kündigte er und arbeitete drei Jahre als Quereinsteiger im Büro eines Unternehmens, wo er für Offerten zuständig war. Auch die zahlenlastige Businesswelt war nicht das, was ihn auf Dauer begeisterte. Und so begann er, Philosophiebücher zu lesen und nach Antworten auf seine Lebensfragen zu suchen. «Was will ich überhaupt im Leben, was macht mich glücklich? Solche Fragen trieben mich um», erzählt Luca Schnieper. Je mehr er von Camus, Sartre oder Seneca las, desto mehr interessierten ihn die Themen. In einer Psychotherapiesitzung entstand schliesslich der Wunsch nach einem Studium.

«Wichtig ist und war auch, dass ich immer auf ein gutes Umfeld, Eltern und Freunde, zählen konnte.»
Luca Schnieper

Langer Weg bis zur Uni 

In der Berufsberatung erfuhr Schnieper, wie lange dieser Weg werden würde. Dies auch, zumal er über keine Berufsmatura verfügte, die das Ganze kürzer gemacht hätte (einjähriger Passerelle-Lehrgang). Davon abschrecken liess er sich jedoch nicht. So absolvierte er den dreieinhalb Jahre dauernden Gymnasialen Lehrgang an der Maturitätsschule für Erwachsene Luzern (MSE). «Der Aufwand war enorm», erinnert er sich. Auch in dieser Zeit arbeitete er nebenbei. «Wichtig ist und war auch, dass ich immer auf ein gutes Umfeld, Eltern und Freunde, zählen konnte.» 

Die erste Zeit an der Universität war nicht einfach: «Ich bin der Erste in meiner Familie, der studierte, und musste mich als ehemaliger Büezer in diesem Kosmos erst mal zurechtfinden», erinnert er sich. Heute ist er bestens integriert, pflegt rege Kontakte zu anderen Studierenden und ist überzeugt, am richtigen Ort zu sein. «Die Kulturwissenschaften ermöglichen mir es, ein breites Bild rund um gesellschaftliche Dynamiken zu erhalten. Nicht nur historisch, soziologisch oder philosophisch, sondern in einem interdisziplinären Setting. Dieser ganzheitliche Ansatz fasziniert mich.» Die Arbeit als studentische Hilfskraft für Professorin Marianne Sommer am Seminar für Kulturwissenschaften und Wissenschaftsforschung empfindet er dabei als Bereicherung und Ergänzung zum Studium. «Ich kann von Literaturrecherchen über Bildrechtsabklärungen bis zur Semesterorganisation unterschiedlichste Aufgaben übernehmen, was die Arbeit sehr spannend macht.» 

Trotz bescheidenem WG-Leben und einem Spagat zwischen Studium und Broterwerb: Luca Schnieper ist zufrieden mit seinem Dasein als spätberufener Student. «Endlich kann ich das machen, was mich wirklich interessiert.»