Pandabären wecken Sympathien. Doch ihr Weg nach Westberlin war untrennbar mit den Spannungen des Kalten Kriegs verbunden – gleichzeitig zeigt der Fall, wie ein Zoodirektor Aussenpolitik mitgestaltete.

Spezielle Annäherung: Im Rahmen einer buchstäblichen «Panda-Diplomatie» verschenkte China Pandas an mehrere Länder; hier zwei der Tiere in einem Zoo in Washington 1972. Die Praxis besteht noch heute, inzwischen werden die Pandas aber nur noch verliehen. (Bild: Smithsonian Institution Archives-96-1378: Giant Pandas come to the National Zoological Park, 16. April 1972)

Am 5. November 1980 zog das erste Panda-Pärchen in den Westberliner Zoo ein. Unter grossem Medieninteresse begrüssten Bundeskanzler Helmut Schmidt und seine Frau Hannelore zusammen mit dem stolzen Zoodirektor Heinz-Georg Klös die Tiere – ein Geschenk der chinesischen Regierung. Mit dem Geschenk wollte die Volksrepublik ihre diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zur Bundesrepublik festigen.

Peking – Bonn – Moskau

Panda-Geschenke konnten den Eindruck harmonischer Beziehungen erwecken und dabei über erhebliche aussenpolitische Spannungen hinwegtäuschen. Tatsächlich war das Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und Westdeutschland in den 1970er-Jahren konfliktreicher, als es rückblickend erscheint. Während Peking sich nach dem Bruch mit der Sowjetunion neu orientierte, setzte Bonn im Rahmen seiner «Neuen Ostpolitik» auf eine Annäherung an Moskau als strategischen Schritt zur Vorbereitung einer späteren Überwindung der deutschen Teilung. Peking reagierte mit scharfer Polemik gegen die westdeutsche Entspannungspolitik und hielt Distanz. Umgekehrt scheute die Bundesregierung jede diplomatische Nähe, die Moskau als Affront hätte deuten können.

Aufmerksam verfolgte der Zoodirektor die aussenpolitische Lage und griff eine Einladung nach Peking in einem Schreiben an Schmidt sofort auf.
Britta-Marie Schenk

Dass die Pandas dennoch 1980 nach Westberlin kamen, war keine lineare Erfolgsgeschichte. Rückschläge, Verzögerungen und Konkurrenz zwischen westdeutschen Zoos prägten den Prozess. Eine zentrale Rolle spielte der Westberliner Zoodirektor Klös, der die Idee des Panda-Geschenks frühzeitig auf die politische Ebene brachte. Er wandte sich wiederholt an den jeweiligen Bundeskanzler und die Ministerien – ein ungewöhnlicher Schritt für einen Akteur ausserhalb des diplomatischen Dienstes. Nachdem Klös unter Willy Brandt erfolglos geblieben war, eröffnete sich mit dem Amtsantritt Helmut Schmidts 1974 eine neue Chance. Aufmerksam verfolgte der Zoodirektor die aussenpolitische Lage und griff eine Einladung nach Peking in einem Schreiben an Schmidt sofort auf: «Wie ich der Presse entnahm, hat der Stellvertretende Aussenminister der Volksrepublik China Sie zu einem Besuch nach Peking eingeladen [...].» Klös wusste, dass Panda-Geschenke häufig an hochrangige Staatsbesuche gekoppelt waren, und argumentierte gezielt mit Beispielen: Andere westliche Staaten wie die USA, Japan oder Grossbritannien hätten auf diesem Wege bereits Pandabären erhalten.

Initiativen jenseits der Ministerien

Die Regierung Schmidt blieb jedoch vorsichtig. Allerdings entwickelte sich neben einer zurückhaltenden Bundespolitik eine zweite Dynamik: Auf regionaler Ebene intensivierten Lokalpolitiker und -politikerinnen sowie Unternehmen ihre Beziehungen zu China. Diese Kontakte verliefen unterhalb des sowjetischen Radars. So entstanden zwei parallele aussenpolitische Ansätze: eine vorsichtige, symbolisch zurückhaltende Linie auf Bundesebene und eine wirtschaftlich orientierte, pragmatische Annäherung im föderalen Raum. Umso bemerkenswerter ist es, dass ausgerechnet ein Zoodirektor mitten im sensiblen Gefüge des Kalten Krieges als diplomatischer Akteur auftrat. Zwar entschied allein die chinesische Regierung über das Geschenk, doch Heinz-Georg Klös trieb den Prozess entscheidend voran. Er nahm Kontakt zu den klassischen Akteuren der Diplomatie auf, liess sich von aussenpolitischen Rückschlägen wie dem ausgebliebenen Chinabesuch Brandts nicht entmutigen und brachte sein Anliegen auch beim nächsten Bundeskanzler vor. Klös griff auf sein Wissen über Panda-Geschenke an andere Länder zurück, berief sich auf historische Beispiele, intensivierte seine Korrespondenz mit den klassischen Diplomaten und Diplomatinnen und hielt persönlichen Kontakt zur Kanzlergattin, die als Tierfreundin galt. Als Nichtdiplomat setzte er eine Entwicklung in Gange, die bis dahin nur Diplomaten und Diplomatinnen vorbehalten war.

Der Fall zeigt, dass Panda-Diplomatie mehr war als blosse Symbolpolitik. Sie entstand im Zusammenspiel von staatlichen Strategien und zivilgesellschaftlicher Initiative. Gerade das beharrliche Engagement des Zoodirektors macht sichtbar, dass auch Akteure ausserhalb der klassischen Diplomatie diplomatische Prozesse anstossen und mitgestalten konnten. Und Klös’ nie nachlassender Einsatz bewirkte noch etwas anderes: Sobald feststand, dass die Bundesrepublik ein Panda-Pärchen erhält, war klar, wo es leben würde – im Westberliner Zoo.

Langfassung des Beitrags in der aktuellen Ausgabe des Magazins «cache»: https://cache.ch/diplomatieingesellschaft

Britta-Marie Schenk

Britta-Marie Schenk

Professorin für Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts
unilu.ch/brittamarie-schenk