W. G. Sebald (1944–2001), seine Entwicklung vom Literaturwissenschaftler zum Schriftsteller und seine eigenwillige Wahrnehmung vom Judentum: Damit beschäftigt sich ein Forschungsprojekt zwischen den Universitäten Luzern und Jerusalem.

Prof. Dr. Verena Lenzen und Prof. Dr. Jakob Hessing.

Schlagen wir das Inhaltsverzeichnis der ersten Fischer-Taschenbuchausgabe von W. G. Sebalds Prosaband "Die Ausgewanderten" aus dem Jahr 1994 auf, so verspricht uns die Seite 356 Informationen "Über den Autor". Aber es ist ein leeres Versprechen, denn wir sind bereits auf eben dieser, der letzten Seite des Buches angelangt, wo wir die Titel der vier langen Erzählungen lesen, die die Namen der Exulanten tragen; die Person des Verfassers indessen tritt hinter ihnen unsichtbar zurück. Dass Sebalds Autorenvermerk in den späteren Ausgaben gestrichen wurde, verrät ein Missverständnis der Editoren, die seine kunstvollen Vexierspiele verkennen. Diese zeigen sich in einem ironischen Augenzwinkern, in Gefühlen von Schwindel, Schwindeln und Verschwinden oder in Sehstörungen wie Sinnestäuschungen und führen uns nicht nur die Grenzen der Wahrnehmung vor Augen, sondern auch die epistemologische Zweideutigkeit von Fakt und Fiktion, Authentizität und Wahrheit, Vergessen und Erinnern.

Aura des unheimlich Geheimnishaften

Selbst die 75 Kästen von Sebalds Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar (D) verbergen die persönliche Seite des Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers, und es ist offenbar diese Aura des unheimlich Geheimnishaften, die im Einklang mit jenem sanft fliessenden «Sebald-Sound» eine magische Anziehungskraft auf gewisse Forschende sowie auf Leserinnen und Leser ausübt. Sebald, der seine ungeliebten wagnerisch-germanischen Vornamen Winfried Georg als Initialen abkürzte und sich von Freunden und Familie Max nennen liess, wurde am 18. Mai 1944 in Wertach im Allgäu (D) geboren und wanderte nach dem Studium der Germanistik und Anglistik an den Universitäten Freiburg im Breisgau und Fribourg 1966 nach England aus, wo er seit 1970 an der University of East Anglia in Norwich unterrichtete, ab 1988 als Professor für Europäische Literatur. Seine Hinwendung zur Schriftstellertätigkeit wurde 1976 nicht zuletzt durch ein Wiedersehen mit seinem Oberstorfer Schulkameraden, dem Maler Jan Peter Tripp, motiviert, wo ihn der Gedanke streifte, dass er "auch gern einmal etwas anderes tun würde als Vorlesungen zu halten und Seminare".

Im Übrigen war Sebald bei seinen Studierenden und Kollegen ein hochgeschätzter Universitätslehrer, der sich nach Margaret Thatchers Wahlerfolg 1979 vehement gegen den Untergang der Geisteswissenschaften an den Universitäten, die Entmündigung der Dozierenden und die Vernichtung der Restbestände akademischer Freiheit wehrte. 

Kafka als Begleiter in die eigene Prosa

Wie aber hat sich der Wandel vom Literaturwissenschaftler zum Autor Sebald vollzogen? In einem gemeinsamen Forschungsprojekt, gefördert von der Michael Kohn-Stiftung in Zürich, sind Jakob Hessing, Professor für Deutsche Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem, und Verena Lenzen, Professorin für Judaistik an der Universität Luzern, dieser Frage nachgegangen. "Sebalds Blick" (2014) lautet der Titel ihres für 2014 geplanten Buches, das ihre Reflexionen und Ergebnisse bündelt. In Analysen seiner frühen Arbeiten zu Carl Sternheim und Alfred Döblin werden zunächst die Schreibweisen sichtbar, gegen die sich Sebald abzugrenzen suchte; dann sind exemplarisch einige seiner Essays über die Autoren zu lesen, denen seine Sympathie gehörte: Alexander Kluge, Peter Handke, Joseph Roth. Am tiefsten aber hat ihn Franz Kafka berührt, und am Ende des ersten Teils wird deutlich, wie dieser Sebald auf seinem Weg in die eigene Prosa begleitet. Im Blick auf Sebalds späte Werke "Die Ausgewanderten" (1992) und "Austerlitz" (2001) interessiert vor allem die Darstellung des Holocaust im Rahmen seines katastrophischen Geschichtsbildes und der Lebensgeschichten von Überlebenden. Im Mittelpunkt stehen hier die Biografien und Schriften von Jean Améry, H. G. Adler und Primo Levi sowie die Tatorte der Gewaltgeschichte von Brüssel bis Breendonk (BE). Als Erzähler und Zuhörer der Zeugen vermittelt Sebald jüdische Leiderfahrungen im 20. Jahrhundert. Wie eine «Spinne im Schädel» verwebt er Texte und Bilder, vor allem Fotografien, zu einer literarischen Bricolage, die eine tangentielle Annäherung eines nicht jüdischen Autors an jüdische Zeugnisse ermöglicht und ein transgenerationelles Gedächtnis an den Holocaust eröffnet, im Eingedenken an die Toten.

Schon früh stehen Sebalds Schriften im Zeichen des Saturn und der Ahnung eines nahen Todes, von dem er im Oktober 2001, bei seiner letzten Lesung in New York, mit ironisch lächelnden Augen als "looming horizon" spricht. Zwei Monate später, am 14. Dezember, stirbt W. G. Sebald 57-jährig infolge eines Herzinfarktes bei einem Autounfall.

Spiegel der deutsch-jüdischen Geschichte

In einem Interview im Jahr 2000 beklagte W. G. Sebald die wissenschaftliche Berührungsangst gegenüber Biografien. Anlässlich des 100. Geburtstages des jüdischen Religionsphilosophen und Schriftstellers Schalom Ben-Chorin (1913–1999) schrieb Verena Lenzen eine Biografie über den Jerusalemer Religionsphilosophen, die im Juli 2013 in der Reihe "Jüdische Miniaturen" in Berlin erschien. Das Leben Ben-Chorins ist ein Spiegel der deutsch-jüdischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, dokumentiert es doch in einem Zeitraffer die Stationen von der Assimilation hin zur Orthodoxie, zum Zionismus und zum Aufbau des Reformjudentums in Israel sowie die Entwicklung des jüdisch-christlichen Gesprächs über 50 Jahre. Die interessantesten Seiten dieser Vita sind vielleicht die unbekannten, die Ben-Chorin als jungen Dichter des Exils, als Journalist der deutschsprachigen Presse im vorstaatlichen Israel und als prophetischen Pionier und Einzelkämpfer der interreligiösen Verständigung im damaligen Palästina zeigen.

Die Geschichte des Fachs Judaistik seit 1971 und des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) seit 1981 in Luzern ist der Ausgangspunkt des Sammelbandes "Das Studium des Judentums und die jüdisch-christliche Begegnung", den Verena Lenzen unter der Mitarbeit von Stefan Heinzmann und Denis Maier im August 2013 herausgegeben hat. Er vereinigt die Beiträge des IJCF-Jubiläumssymposiums und erläutert die Geschichte der Wissenschaft des Judentums sowie die Vielfalt der Jüdischen Studien. Die Autorinnen und Autoren sind dem Institut durch Gastprofessuren und Vorträge verbunden: Anne Birkenhauer, Michael Brenner, Dan Diner, Jakob Hessing, David Rosen, Günter Stemberger und Moshe Zuckermann beleuchten das Judentum als Religion und Kultur aus historischer, soziologischer, theologischer, literaturwissenschaftlicher und philologischer Sicht. In interdisziplinärer Offenheit widmet sich die Judaistik dem Studium der jüdischen Lebenswelten in allen Epochen. Das Studium des Judentums ist Voraussetzung für den jüdisch-christlichen Dialog und für eine erneuerte Theologie im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils. Als humanistische Disziplin im Kampf gegen Vorurteile besitzt die Judaistik Modellcharakter und bietet sich an als Prototyp für die aktuelle Frage nach der universitären Vermittlung des Islam.

 

Quelle: Jahresbericht der Universität Luzern 2013, Juni 2014.
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