Aufschlüsse erhalten zur Frömmigkeit und zum Alltag in kirchlichen Frauengemeinschaften, aber auch zur Veränderung von Religiosität in der Nachkriegszeit: Dies ist das Ziel eines SNF-Projekts in der Theologie.

Projektleiter Prof. Dr. Markus Ries mit seinen beiden Forschungsmitarbeiterinnen Dr. Esther Vorburger-Bossart (r.) und Martina Blättler.

Das im April 2015 gestartete Projekt "Diakonissen und Ordensschwestern im 20. Jahrhundert in der Schweiz" an der Theologischen Fakultät setzt sich mit Lebensgeschichten von Kongregationsschwestern und Diakonissen in dieser Zeit auseinander. Ziel ist die alltags- und frömmigkeitsgeschichtliche Erhebung von Informationen zum Leben religiöser Frauen in evangelischen und katholischen Gemeinschaften und – darauf aufbauend – die Formulierung biografie-, frauen- und religionsgeschichtlicher Gesamtsichten.

Als Arbeitsgrundlage dienen mithilfe leitfadengesteuerter Interviews erhobene Daten. In einer gross angelegten Kampagne werden mehrere Dutzend Diakonissen und Schwestern befragt, deren Wirkungszeit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fiel. Bei den Interviews geht es um die Beurteilung des persönlichen Werdegangs, um die Erfahrungen des Gemeinschaftslebens, um die Veränderung der gesellschaftlichen und kirchlichen Rahmenbedingungen, um die verschiedenen Aspekte individueller und kollektiver Frömmigkeit sowie um die Wahrnehmung von Aufgaben in Schulen, Krankenpflegeeinrichtungen und in der Sozialarbeit. Die Auswertungen werden es erlauben, Konsequenzen von Entkonfessionalisierung und Entkirchlichung sowie die dadurch hervorgerufene verstärkte Binnenorientierung aus religionsgeschichtlicher Perspektive zu beschreiben und zu verstehen.

Anschluss an frühere Forschung

Das Team besteht aus fünf Personen: Dr. Esther Vorburger-Bossart, Martina Blättler, Valeria Sogne, Pasquale Catena und Prof. Dr. Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte. Die Arbeit ist auf drei Jahre angelegt, die Gehälter der Mitarbeitenden und die Reisespesen werden vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) bezahlt. Die Fragestellung entstand aus der Bearbeitung eines vorausgegangenen, in den Jahren 2010 bis 2013 durchgeführten Projektes zum Thema "Religiöse Frauengemeinschaften in der Ostschweiz im 20. Jahrhundert". In diesem Rahmen waren die sozialen und karitativen Aktivitäten von Frauen in Gemeinschaften und Kongregationen dargestellt und in Beziehung zu den gesellschaftlichen Verhältnissen und zu deren Entwicklung untersucht worden. Es ergaben sich vielfältige Aufschlüsse zu den Zusammenhängen zwischen sozialem Engagement und spezifisch weiblichen Identitäten im Bereich des Religiösen.

Die Arbeit an diesem ersten kulturgeschichtlich ausgerichteten Projekt machte deutlich, dass die Auswertung schriftlicher Überlieferungen gute Voraussetzungen schafft, um institutionelle Aspekte der Gemeinschaften und die Entwicklung ihrer religiösen Profile zu beschreiben, dass sie aber nicht ausreicht für die Bearbeitung subjekt- und alltagsgeschichtlicher Fragestellungen. Um Identitätsprofile biografisch zu erfassen und zu vergleichen, erwies es sich vielmehr als notwendig, anhand von "oral history" weitere Quellen zu erschliessen und Informationen zu beschaffen, welche die aus schriftlichen Überlieferungen gewonnenen Erkenntnisse in einem beträchtlichen Masse zu ergänzen versprechen. Da die meisten religiösen Gemeinschaften seit mehreren Jahrzehnten schrumpfen und sich sukzessive aus den angestammten Aktivitätsfeldern zurückziehen, stellt sich eine Überalterung ein. Auf diese Weise verringert sich die Zahl der erreichbaren Zeitzeuginnen von Jahr zu Jahr, sodass Interviews der genannten Art nur noch während eines beschränkten Zeitraums stattfinden können.

Herausforderungen bei der Durchführung

Von total 80 geplanten Gesprächen sind im ersten Arbeitsjahr zwei Drittel geführt und schriftlich erfasst worden. Einbezogen wurden grössere Gemeinschaften mit Sitz in Menzingen, Basel, Ilanz, Uzwil, Cham, Baldegg, Ingenbohl, Luzern, Riehen, Zollikerberg und Oberägeri. Die Kontaktaufnahmen verliefen sehr unterschiedlich – generell war die Gewinnung von Interviewpartnerinnen in katholischen Gemeinschaften anspruchsvoller als in evangelischen. Die Organisation der Gesprächstermine erwies sich angesichts der notwendigen Rücksichtnahme auf äussere Lebensbedingungen in vielen Fällen als unerwartet kompliziert.

Als Nächstes steht die Auswertung der gewonnenen Daten und ihrer Interpretation mittels Sequenzanalysen an. Die Ergebnisse lassen vielseitige Aufschlüsse zur individuellen Frömmigkeit und zur Gestaltung des Alltagslebens in kirchlichen Frauengemeinschaften erwarten, vor allem aber auch zur Veränderung von Religiosität in der Nachkriegszeit.


Quelle: Jahresbericht der Universität Luzern 2015, Juni 2016, S. 20–22.
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Siehe auch Artikel in uniluAKTUELL, das Magazin der Universität Luzern, Ausgabe 51, April 2015, S. 9.
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