Ein Kruzifix in der Luzerner Peterskapelle zeigt den menschlichen Körper in drastischer Verletzlichkeit. Seine wechselvolle Geschichte erzählt davon, wie religiöse Bilder über Jahrhunderte inszeniert, verändert und gedeutet wurden.

Geschundener und gemarterter Körper: Blick auf das Kruzifix in der Luzerner Peterskapelle. (Bild: Roberto Conciatori)
Früherer Zustand mit Dornenkrone und Gloriole. (Bild: Luzerner Denkmalpflege)
(Mit-)leid und (mit-)leiden: Fusspartie des Kruzifixes. (Bild: Roberto Conciatori)

In der christlichen Religions- und Kulturgeschichte gibt es sehr vielfältige Gestaltungen von Kruzifixen. Während beispielsweise romanische manchmal königliche Christus-Figuren mit herrschaftlichem Gewand zeigen, sind gotische oftmals mit anderen Akzenten versehen: Sie präsentieren den Körper von Jesus schwach, geschunden, gemartert – manchmal sogar krank und entstellt, wie etwa auf dem bekannten Isenheimer Altar von Matthias Grünewald aus dem 16. Jahrhundert. In den Augen der Betrachtenden sollte so compassion, also Mitleid, hervorgerufen werden.

Ein hochmittelalterliches gotisches Kruzifix – und zudem ein lebensgrosses – beherbergt in unserer Universitätsstadt Luzern die Peterskapelle. Sie ist Namensgeberin der Kapellbrücke, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet. Gemäss Adolf Reinle, dem 2006 verstorbenen Kenner der lokalen Kunstgeschichte, stammt besagtes Kruzifix aus dem 14. Jahrhundert. Es sei die älteste Plastik, die heute in Luzern erhalten sei. Der uns an der Nordwand der Kapelle präsentierte Korpus ist auch deswegen aussergewöhnlich, weil er ursprünglich, wiederum laut Reinle, an ein Ast- bzw. Gabelkreuz angebracht war und schon viel erlebt hat. Wir wissen aber gar nicht so viel von diesem Dreinagelkruzifix. 

Tiefpunkt an Hoffnung geknüpft

Fest steht: Das Leiden des exponierten Körpers wird, auch mit all dem Blut, recht intensiv vor Augen geführt. Aus einer christlich-theologischen Sicht könnte hervorgehoben werden, dass damit vermittelt wird, dass Gott keineswegs nur gross, (all)mächtig und unnahbar ist, sondern in seiner Inkarnation, in der Fleischwerdung, an einen veritablen menschlichen Tiefpunkt gelangte. Die Kreuzigung stellte – nicht nur zur Zeit Jesu – ein sadistisches und häufig praktiziertes, höchst grausames Ritual der römischen Besatzungsmacht dar. In der christlichen Perspektive sind nicht nur deswegen jeweils die Auferstehung und die Überwindung dieses körperlichen Abgrundes immer mitzubedenken. Die Hoffnung besteht, dass Tiefpunkte wie diese im Leben stets überwunden werden können, dass die Gewalt und der Tod also nicht siegen!

Der Korpus des Kreuzes in der Peterskapelle hat einen langen Weg hinter sich: Reinle vermutet, dass das Objekt, ursprünglich wohl aus der Hofkirche St. Leodegar stammend, im Rahmen der Stadtwerdung und einer städtischen Ausdifferenzierung – man verlangte nach einem eigenen städtischen Kultort unabhängig von der Stiftskirche St. Leodegar – in die Peterskapelle gelangte. Auffällig ist, dass das Kreuz später an verschiedenen Stellen angebracht wurde. Daneben lässt sich beobachten, dass das Kruzifix unterschiedlich bearbeitet und inszeniert wurde. Das Erscheinungsbild des Körpers änderte sich im Laufe der Geschichte. Die heutige Figur ist der Versuch einer ursprünglichen Freilegung einer Originalgestalt; bei der letzten Restauration wurden Dornenkrone und Heiligenschein weggelassen.

Anstössige Dreidimensionalität

Wenn auch über die Zeit also sehr unterschiedlich akzentuiert, wurde das Kruzifix niemals ganz aus der Kapelle entfernt. Zu altehrwürdig ist es wohl. Und ohne Zweifel hat es vielen Menschen als Gegenstand der Frömmigkeit in Notlagen, Verzweiflung und Trauer wertvollen Beistand geboten. Die emotionale Seite von Objekten darf nicht vernachlässigt werden, selbst wenn spirituelle Kraftquellen meistens eher im Verborgenen liegen und in geschichtlichen Zugriffen nur tastend erahnt werden können. Zu erwähnen ist schliesslich, dass Körperdarstellungen am Kreuz sich in der christlichen Kulturgeschichte nicht nur unterschiedlich umgesetzt sahen, sondern dass es sie zu Beginn des Christentums gar nicht gab. Zudem hat diese Form der Materialisierung stets Widerspruch und Ablehnung erfahren. Das Kreuz ist anstössig, das dreidimensionale Kruzifix noch mehr.

Das Christentum könnte sich also ebenfalls anderer Symbole bedienen und tut es auch. Es möge an dieser Stelle genügen, auf die monastisch-mystische sowie romantisch geprägte Herz-Jesu-Frömmigkeit zu verweisen. Das Herz als Zentralsymbol des Christentums? Das Kruzifix hat sich im christlichen Raum in der Frömmigkeitspraxis dann doch durchgesetzt, wie Ulrich Köpf in seiner «Theologischen Realenzyklopädie» festhält. Denn es bringt wohl vieles auf den Punkt. Gerade der leidende Körper ist dabei zentral, seine Vulnerabilität, seine Hinfälligkeit. Weder sich aber mit dem Leiden abzufinden noch dabei – hoffnungslos – stehen zu bleiben, intendieren Kruzifixe wie jenes in der Peterskapelle. Es geht stets um einen Realismus, der das Leiden nicht ausblendet, dieses «Mehr der Hoffnung» sowie den positiven Ausblick. In der Präsentation der Körperlichkeit erweist sich dazu, dass das Christentum keine reine Religion des Buchstabens und der Schrift ist, sondern auch und insbesondere eine Körperreligion. Konkretes, das Leben und Menschen wie Jesus von Nazareth stehen in dessen primärem Blickfeld. Das leidvoll Ächzende, das aber zur Erlösung kommt, wird dabei nicht vernachlässigt.

Elegant, schlank und sportlich ist die besagte Gestalt in der Peterskapelle eigentlich, abgesehen von der Kolorierung und der drastischen Rippenpartie, nicht völlig unangenehm. Mit dem bekannten Lendenschurz wird die stets anstössige Nacktheit gezielt vermieden. Das geneigte Haupt blickt uns von oben an, die Augen des Sterbenden scheinen ein klein wenig weit geöffnet und bieten vorgenannten positiven Ausblick. Der Körper distanziert sich etwas vom Kreuz. Es lohnt sich, die Kapelle zu besuchen, das Kruzifix zu betrachten und sich ein eigenes Bild zu machen!

David Neuhold hatte die Peterskapelle im vergangenen Mai als Ort für seine Antrittsvorlesung gewählt. Das Thema lautete «Texte, Objekte und Räume – Perspektiven auf eine Kirchengeschichte in Luzern»; einen Schwerpunkt der Vorlesung bildete das erwähnte Kruzifix.

Foto David Neuhold

David Neuhold

Professor für Kirchengeschichte
www.unilu.ch/david-neuhold