Boris Previšic und Christine Abbt haben eine SNF-Förderungsprofessur an der Universität Luzern erhalten. Für ihn geht ein grosser Wunsch in Erfüllung – und sie freut sich auf ein Klima, das Forschung über den Tellerrand hinaus gedeihen lässt. 

Mit einem selbst zusammengestellten Team ein eigenes Forschungsprojekt durchführen: Das machen die begehrten Förderungsprofessuren des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) mit ihrer auf vier Jahre aufgeteilten Unterstützung von durchschnittlich 1,45 Millionen Franken möglich. Dabei können die hoch qualifizierten jungen Forschenden selbst bestimmen, an welcher Hochschule sie ihr Projekt ansiedeln wollen.

Lob für Studiengang 

Will in seinem Projekt Musik und Literatur vereinen: Boris Previšic. (Bild: Nils Fisch)

Dass bei Boris Previšic und Christine Abbt, die den Zuspruch vom SNF in diesem Frühjahr erhalten haben, die Wahl auf Luzern gefallen ist, kommt nicht von ungefähr. So sagt Previšic, Privatdozent für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft am Deutschen Seminar Basel und Konzertflötist: "Die Universität Luzern ist noch jung und überschaubar. Man läuft nicht Gefahr, in einem Grossbetrieb unterzugehen, sondern kann eigene Akzente setzen." Genau das hat der 42-Jährige mit seinem "'Stimmung' und 'Polyphonie'. Musikalische Paradigmen in Literatur und Kultur" betitelten Projekt vor. "Damit kann ich meine beiden Leidenschaften – einerseits für die Musik, andererseits für die Literatur – endlich auf einen Nenner bringen", so der dreifache Familienvater. "Das war immer meine Vision; jetzt geht einer meiner grössten Wünsche in Erfüllung." Das Forschungsvorhaben ist bei den Kulturwissenschaften angesiedelt, ein "mit dem fakultätsübergreifenden Studiengang in Lehre und Forschung höchst innovatives und dynamisches Fach".

Mit Postdoc Laure Spaltenstein und Doktorand Silvan Moosmüller möchte Boris Previšic "konzeptuelle Transfers zwischen Musik, Literatur und weiteren Wissensfeldern im Jahrhundert der Aufklärung und diese in aktuellen Diskursen des 21. Jahrhunderts untersuchen". Dabei sind nicht nur Kooperationen innerhalb des Wissenschaftsbetriebes, sondern auch mit dem Lucerne Festival vorgesehen. So oder so dürfte es nur schon aufgrund des Standorts von Previšics neuer Wirkungsstätte an Inspiration nicht mangeln, wenn es mit seiner Förderungsprofessur Anfang 2015 losgeht. Denn, so ahnt der Kulturwissenschaftler bereits jetzt: "Ist es nicht schön, als Universität reflektierender Resonanzraum zu sein – so direkt hinter dem KKL?"

"Dezidiert interdisziplinär" 

Möchte "Fremd- und Vieltuerei" positiv aufladen: Christine Abbt. (Bild: Florian Spengler)

Auch für Christine Abbt, Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten, gibt es gute Gründe, dass sie sich für Luzern als Gastinstitution entschieden hat: "Die Prägung der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ist innerhalb der Schweiz aussergewöhnlich", erklärt die 1974 geborene, promovierte Philosophin, die an ihrer Habilitationsschrift zum Thema «Vergessen» arbeitet. "Es gibt kaum eine andere Universität, die so viele Forschende und Dozierende umfasst, welche dezidiert interdisziplinär arbeiten und kulturtheoretische Fragestellungen ins Zentrum rücken." Entsprechend freue sie sich darauf, ihre eigenen Forschungen in diesem Kontext vornehmen und in die Lehre einbringen zu können.

Abbts im Frühjahr 2015 startendes Forschungsprojekt an der Universität Luzern trägt den Titel "'Fremd- und Vieltuerei'. Zur Verwirklichung demokratischer Freiheit in Formen des Nicht-Identischen". Darin untersucht sie – ausgehend von Texten von Denis Diderot – die Bedeutung des Fremden für die Möglichkeit der Verwirklichung demokratischer Freiheit. Das auf eine deutsche Platon-Übersetzung zurückgehende Begriffspaar Fremd- und Vieltuerei erfährt im Projekt entgegen einer langen andersgearteten Tradition eine positive Aufladung. Christine Abbt führt dazu aus: "Sich von den Perspektiven und Belangen Anderer und sogar jedes Anderen involvieren zu lassen und nicht auszuschliessen, dass auch noch das Geringste, was einem Anderen passiert, etwas mit einem selbst zu tun haben könnte, werden als grundlegend für die Verwirklichung von Freiheit erachtet, die innerhalb demokratischer Verhältnisse immer auch die Verwirklichung der Freiheit des Anderen mit einbezieht." Wer neben Abbt im Projektteam sein wird, ist noch nicht bestimmt. 

Bestehende Professur verlängert 

Prof. Dr. André Bächtiger.

Zusätzlich zu den beiden neuen Förderungsprofessuren an der Universität Luzern ist die seit 2010 bestehende von Prof. Dr. André Bächtiger mit seinen beiden Forschungsmitarbeitern Simon Beste und Dominik Wyss um zwei Jahre verlängert worden. Das am Politikwissenschaftlichen Seminar angesiedelte Projekt «Deliberative Reforms in the Political System» des 42-Jährigen besteht aus drei eng miteinander verknüpften Teilen: "Noble Politics" befasst sich mit Konzepten repräsentativer Politik im Zeitalter von politischer Polarisierung und Mediatisierung. Bei "Optimale Deliberation" geht es um optimale Kommunikationsformate, institutionelle Spielregeln und ihre Wirkungen auf Meinungsbildung, Wissen und die Akzeptabilität von Entscheiden. Dazu kommt Bächtigers Projekt des nationalen Forschungsschwerpunkts NCCR Democracy (siehe Beitrag zum Thema). Im Vordergrund steht dabei die Frage, welche Demokratiemodelle von Bürgerinnen und Bürgern unter welchen Bedingungen bevorzugt werden.

André Bächtiger möchte die Verlängerung nutzen, um die Teilprojekte zu einem "kohärenten Entwurf für eine neue Vision demokratischer Politik im 21. Jahrhundert zusammenzuführen". Auch hat er vor, zwei zusätzliche Buchprojekte zu vollenden.

 

Quelle: uniluAKTUELL, das Magazin der Universität Luzern, Ausgabe 47, Mai 2014.
Artikel als pdf downloaden