Welche Leistungen vollbringen Geisteswissenschaften? Ein Kooperationsprojekt zwischen den Universitäten Luzern und Freiburg geht dieser Frage am Beispiel der Theologie auf den Grund. 

Co-Projektleiter Wolfgang Schatz und Forschungsmitarbeiterin Dr. Silvia Martens.

Die Zeiten, als akademische Forschung im Elfenbeinturm fernab jeder gesellschaftlichen Realität stattfand, sind lange vorbei. Die Stärken und Schwächen einzelner Disziplinen und Universitäten werden öffentlich diskutiert; ein objektiver Leistungsvergleich, national wie international, wird gefordert. Hochschulrankings und die Evaluation von Lehre und Forschung sind im hochschulpolitischen Alltag gegenwärtig. Diesen zunehmend stärker werdenden Legitimationsdruck verspüren auch die Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Theologie ist hiervon noch stärker betroffen als andere Fächer.

Informationswert bis jetzt mangelhaft

Die meisten Rankingstudien verwenden auf bibliometrischen Massen basierende Indikatoren, um die Wirkung (impact) der Forschung auf die wissenschaftliche Gemeinschaft zu erfassen. Wenngleich dies im Allgemeinen für verschiedene Bereiche der exakten und der Naturwissenschaften angemessen erscheint, so sind diese Indikatoren nur bedingt in der Lage, die Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften umfassend abzubilden. Zwar vermögen sie es, bestimmte Ausschnitte des Leistungsspektrums innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu erfassen. Die Bedeutung der Forschung ausserhalb der Akademie, also etwa der Einfluss auf gesellschaftliche, politische oder kulturelle Fragen und Entscheidungen, wird in diesen Instrumenten aber kaum berücksichtigt. Der Informationswert der üblichen Messinstrumente muss insofern als mangelhaft beurteilt werden.

Aus diesem Grund stiess die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS) mit dem Programm "Mesurer les Performances de la recherche" (2008–2011) die Diskussion um Instrumente für die Messung und den Vergleich von Forschungsleistungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften in der Schweiz an. Die Bemühungen, den Universitäten geeignete Instrumente zur Messung von Forschungsleistungen sowie für einen Vergleich auf internationaler Ebene zur Verfügung zu stellen, werden derzeit im Nachfolgeprogramm "Performances de la recherche en sciences humaines et sociales" (2013–2016) fortgesetzt. Die Instrumente sollen verschiedenen Aspekten der Forschung und den kulturellen und sprachlichen Besonderheiten der Fachbereiche Rechnung tragen und es somit vermögen, die Forschung der Disziplinen differenziert darzustellen. Auf diese Weise soll zugleich einer pauschalen Bewertungspraxis, vereinfachenden Darstellungsweisen und einer daraus folgenden systematischen Fehlwahrnehmung der Disziplinen, welche unter Umständen auch negative wissenschaftspolitische Auswirkung haben kann, entgegengewirkt werden.

Übertragung auf weitere Disziplinen

Im Rahmen des aktuellen Programms fördert die CRUS ein Kooperationsprojekt zwischen der Universität Luzern und der Universität Freiburg zu den Forschungsleistungen der theologischen Fakultäten in der Schweiz. Von Luzerner Seite beteiligt sind als Co-Projektleiter Dr. Wolfgang Schatz, Leiter Akademische Dienste, und als Forschungsmitarbeiterin Dr. Silvia Martens. Ziel der Initiative "Ressourcen-basiertes Instrument zur Abbildung geisteswissenschaftlicher Forschung am Beispiel der Theologie" ist die adäquate Abbildung, Sichtbarmachung und Positionierung der Forschung in der Theologie als eine exemplarische Disziplin für die Geisteswissenschaften. Die ausgeprägte disziplinäre Segmentierung der Theologie lässt erwarten, dass die Studie wertvolle Einsichten hinsichtlich verschiedener Fachbereiche (etwa Philosophie, Geschichte, Altertumswissenschaften, Sozialwissenschaften) generieren wird und das entwickelte Analyseinstrument zur Erfassung der theologischen Forschung in angepasster Form auf weitere Geisteswissenschaften übertragen werden kann.

Um verschiedene Aspekte theologischer Forschung adäquat einbeziehen und die spezifische Wertschöpfung der Theologie auch über die wissenschaftliche Gemeinschaft hinaus untersuchen zu können, erfolgt ein grosser Teil der Datenerhebung in Kooperation mit den theologischen Fakultäten bzw. ihren Forschenden. In den kommenden Monaten werden zunächst Experteninterviews und Diskussionsgruppen mit ihnen durchgeführt, um wesentliche Charakteristiken der Forschungskultur in der Theologie (und ihren verschiedenen Subdisziplinen) darstellen und Qualitätskriterien für theologische Forschung herausarbeiten zu können. Im weiteren Verlauf des Projektes sollen diverse forschungsrelevante Daten erhoben und ein Analyseinstrument zur Abbildung der Forschungsleistungen entwickelt werden. Dieses Instrument zur Beschreibung theologischer Forschungsleistungen soll von der wissenschaftlichen Gemeinschaft der Theologen getragen und ihren Bedürfnissen und Interessen gerecht werden.

Die Initiative birgt für die Forschenden in der Theologie die Chance, die öffentliche Sichtbarkeit ihrer Forschung zu erhöhen und bereits vorhandene implizite Qualitätskriterien in der Theologie zu explizieren und zu systematisieren.

 

Quelle: uniluAKTUELL, das Magazin der Universität Luzern, Ausgabe 45, November 2013
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Forschung messen: siehe zu diesem Thema auch das Interview in uniluAKTUELL 40, Oktober 2012

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