Wie haben sich die Begriffe Haus und Familie im Laufe der Jahrhunderte verändert und welche Rollen spielen dabei soziale Praktiken? Diesen Fragen geht ein Sinergia-Projekt mit Luzerner Beteiligung nach.

Bauernfamilie mit Dienstboten vor dem Hof um 1920 in Hüttau (Österreich). (Bild: Besitz von M. Promegger, Hüttau)

Für das Geschichtsprojekt "Doing House and Family. Material Culture, Social Space and Knowledge in Transition 1700–1850" sind soziale Praktiken rund um Haus und Familie, die einst alltäglich waren, von grundlegender Bedeutung. Wie veränderten sie sich diese über die Jahrhunderte und welcher Bedeutungswandel von Begriffen ging mit damit einher? Das Projekt wurde im Rahmen des Programms Sinergia des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) (siehe Kontextelement) von der Universität Bern zusammen mit den Universitäten Basel, Lausanne und Luzern lanciert. Es ist in drei Teilbereiche gegliedert, die wiederum zwei bis drei Dissertationsarbeiten von Doktorandinnen und Doktoranden umfassen. Die Forschung hat 2015 begonnen und läuft bis 2017. Zeit für einen Einblick.

Wechselbeziehungen und Netzwerke erforschen
Prof. Dr. Jon Mathieu, Titularprofessor für Geschichte mit Schwerpunkt Neuzeit, ist Leiter der Luzerner Delegation im Sinergia-Projekt. In diesem Rahmen forscht er unter anderem zur Familiengeschichte des 17. bis 19. Jahrhunderts und betreut die Dissertationsarbeiten zweier Doktorandinnen. Die Arbeit von Anne Schillig im Bereich "Material Culture and Consumption" verbindet Haus- und Sozialgeschichte. Sie geht von der Annahme aus, dass Haus und Familie zueinander in Wechselwirkung stehen. Anhand der umfassenden Schweizer Bauernhausforschung, deren Anfänge in einigen Kantonen bis in die 1930er-Jahre zurückgehen und die als Quelle lange vernachlässigt wurde, untersucht Schillig die materiellen Aspekte des Wohnens im 18. und 19. Jahrhundert. Unter diese Kategorie fallen im Grunde alle Objekte um das Haus und natürlich das Wohngebäude selbst. Behausungen funktionieren dabei als Indikator für Veränderungen von Haushaltsformen und Familienbeziehungen. Wie beeinflussten sich Haus und Familie gegenseitig? Wie veränderte diese Wechselwirkung das Zusammenleben von Familien? Für Anne Schillig sind vor allem Objekte wie Türen, Fenster, Wände oder Öfen von Interesse, weil diese Lebenszeiten überdauern können und trotzdem verändert werden. Beispielsweise veränderten sich Räume im 19. Jahrhunderts zunehmend, indem zusätzliche Wände eingezogen wurden – ein Indiz für das Bedürfnis der Bewohnerinnen und Bewohner nach mehr Intimsphäre.

Die zweite Dissertationsarbeit, verfasst von Dunja Bulinsky im Bereich "Knowledge Production and Communication", betrachtet die sozialen Nahbeziehungen des Zürcher Universalgelehrten Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733), der als Begründer der Schweizer Naturforschung gilt. Dieser hat seiner Nachwelt ein sehr umfangreiches Werk hinterlassen, auf seinem Grabstein steht denn auch: "Nicht dem Alter, sondern der Arbeit erlegen". Die hohe Produktivität dürfte aber nicht ausschliesslich die Leistung einer einzelnen Person gewesen sein. Bulinsky geht davon aus, dass der Austausch mit Personen aus Familie und Nachbarschaft von grossem Stellenwert für den Arbeitsoutput waren. Das Projekt mit netzwerktheoretischem Bezug fragt nach den Praktiken des Gelehrtennetzwerks und nach Veränderungen in Scheuchzers Sozialbeziehungen.

Haus in soziales Netz eingebettet
Wohnformen der Vormoderne stehen in deutlichem Gegensatz zu privaten, in sich geschlossenen Haushalten, die man heute als vorherrschende Art des Wohnens kennt. Jon Mathieu verdeutlicht diese Differenz am Begriff "offenes Haus", der von Joachim Eibach, Sprecher des Sinergia-Projekts, geprägt wurde. Die Bezeichnung meint die enge Verbundenheit des Hauses mit dem unmittelbaren Umfeld in der frühen Neuzeit. Die Nachbarschaft und die Strasse stellten grundlegende soziale Bestandteile des Hauses dar und liessen die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre verschwimmen. Die Eigenheiten des Hauses legten eine kontinuierliche Interaktion mit den Nachbarinnen und Nachbarn nahe; Türen von Wohnungen innerhalb eines Hauses standen meist offen und wurden auch in der Nacht nicht abgeriegelt. Interaktion innerhalb der Nachbarschaft kam die Funktion von sozialer Integration, Hilfeleistungen und sozialer Kontrolle zu, war aber keineswegs konfliktfrei. An diesem Beispiel wird die Transformation des Hausbegriffs ersichtlich, auch wenn die Umbrüche noch genauer erforscht und periodisiert werden müssen.

"Grenzverschiebung von Begriffen ist ein Thema, das in unserem Projekt immer wieder auftaucht", erläutert Mathieu. Für den Bedeutungswandel des Familienbegriffs fügt er dabei das Beispiel des "ganzen Hauses" an. Das Konzept stammt vom deutschen Historiker Wilhelm Heinrich Riehl und bezeichnet eine vormoderne Familienform. Damals beinhaltete die Familie nebst dem "Pater familias", also dem männlichen Familienoberhaupt, sowie Frau und Kindern auch Verwandte und Dienstpersonal. Der Terminus lässt erkennen, wie nah sich Familie und Haus standen. "Heute hört man ja oft, dass die Familie im Vergleich zu früher an Stellenwert verloren habe", so Mathieu. "Aber vielleicht wird sie auch einfach flexibler betrachtet". Dies spricht dafür, dass der Familienbegriff keinesfalls statisch ist. Praktiken, die Familie konstituieren, haben sich über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart stetig verändert und werden das auch in Zukunft noch tun. Was für die Familie aber seit jeher gilt: Sie fügt sich nicht einfach den Bedingungen ihrer Umwelt, sondern wirkt auch aktiv auf sie ein. Unter anderem ein Umstand, zu dem das Luzerner Forschungsteam Erkenntnisse liefern will.

Sinergia: interdisziplinäre Forschungsplattform

Bei Sinergia handelt es sich um ein Programm des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Es bietet eine Plattform für kollaborative und zugleich interdisziplinäre Vorhaben, die durch Zusammenarbeit von Forschungsgruppen verschiedener Schweizer Universitäten entstehen. Der SNF fördert "Doing House and Family" über den Zeitraum von 2015 bis 2017 mit fast 2 Millionen Franken. Der Forschungszusammenschluss besteht aus Prof. Dr. Claudia Opitz-Belakhal (Universität Basel), Prof. Dr. Joachim Eibach (Universität Bern, Hauptleiter), PD Dr. Sandro Guzzi-Heeb (Universität Lausanne) und Prof. Dr. Jon Mathieu (Universität Luzern) mit ihren Doktorandinnen und Doktoranden und respektive wissenschaftlichen Mitarbeitenden.

"Doing House" stellt das vierte Sinergia-Projekt mit Beteiligung der Universität Luzern dar. Kürzlich zu Ende gegangen ist "Die Schweiz im Ersten Weltkrieg: Transnationale Perspektiven auf einen Kleinstaat im totalen Krieg" unter der Luzerner Leitung von Prof. Dr. Aram Mattioli, Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Neueste Zeit. Schon früher abgeschlossen wurden "Grundlagen guten Justizmanagments in der Schweiz" (2012–2015) von Prof. Dr. Michele Luminati, Ordinarius für Rechtsgeschichte, Juristische Zeitgeschichte und "Policy Evaluation in the Swiss Political System – Roots and Fruits" (2013–2015) von Prof. Dr. Andreas Balthasar, Titularprofessor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Schweizer Politik und Politikevaluation.


Quelle: Fokus Forschung, 21. Oktober 2016

Auch publiziert in: uniluAKTUELL, das Magazin der Universität Luzern, Ausgabe 57, Dezember 2016, S. 12–13.
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