"Agora": Ethnologie im Dialog

Forschung geschieht im Elfenbeinturm, fernab von Gesellschaft und Öffentlichkeit: Diese verkürzte Sichtweise hält sich bisweilen hartnäckig. Zwei über das Förderinstrument Agora finanzierte Projekte räumen mit derartigen Vorstellungen auf. 

Ein Bunong-Junge, der bei der Reisernte hilft. Dieselben Körbe werden zum Anschauen und Anfassen ins Schulzimmer mitgenommen. Das Bild entstand 2013 durch Projektmitarbeiter Neth Prak in Kambodscha.

 

"Sozialwissenschaften im Klassenzimmer – am Beispiel der Bunong, einem indigenen Volk im 21. Jahrhundert": An diesem auf zwei Jahre angelegten Projekt arbeitet zurzeit die promovierte Ethnologin Esther Leemann, wissenschaftliche Mitarbeiterin von Professor Jürg Helbling an der Universität Luzern. Nach "Swiss Muslim Youth and Civic Key Persons" (siehe Kontextelement unten) ist es das zweite Projekt an der Universität Luzern, das mit einem Agora-Beitrag gefördert wird. Es handelt sich dabei um ein im Jahr 2012 vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) ins Leben gerufenes Instrument, um Projekte, die speziell auf den Dialog von Forschenden und Gesellschaft abzielen, finanziell zu unterstützen.

Esther Leemann, welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrem Projekt?
Wir wollen Schulkindern im Alter von 6 bis 15 Jahren die Arbeitsweise von Ethnologen und die Bedeutung sozialanthropologischer Untersuchungsergebnisse näherbringen. Ein spezieller Ansporn dazu ist die Beobachtung, dass Kinder und Jugendliche Wissenschaft leider allzu oft mit Naturwissenschaft gleichsetzen – die Sozialwissenschaften sind bis anhin untervertreten in der Wissenschaftsvermittlung für Schulkinder.

"Bedeutung sozialanthropologischer Untersuchungsergebnisse": Das tönt komplex, selbst für Erwachsene …
Selbstverständlich wird die Materie je nach Alter der Kinder entsprechend pädagogisch und didaktisch aufbereitet. Zur Veranschaulichung dient das im vergangenen Jahr abgeschlossene Forschungsprojekt über die Bunong. Bei diesem war ich als Projektleiterin involviert.

Erzählen Sie mehr über die Bunong.
Es handelt sich dabei um ein indigenes Volk im Grenzgebiet der beiden Länder Kambodscha und Vietnam. In Kambodscha leben rund 30'000 Bunong, in Vietnam rund 90'000, dort nennt man sie Mnong. Die Bunong betreiben Schwendbau, ein traditionelles Anbausystem in den Tropen, bei dem periodisch ein Stück Wald gerodet, kontrolliert abgebrannt und schliesslich bebaut wird.

Dr. Esther Leemann.

Warum eignet sich gerade die Forschung über dieses Volk dafür, um in geeigneter Weise zu illustrieren, was Ethnologinnen und Ethnologen tun – und vielleicht auch, was das Potenzial dieser Disziplin ausmacht?
Die Bunong sind derzeit mit dem Verlust von Land- und Waldressourcen konfrontiert: Unter fragwürdigen Bedingungen eignen sich Investoren und Konzerne Land für Kautschukplantagen an. Die Landraub-Thematik ist ein gutes Beispiel für die vielfältigen aktuellen globalen Fragen, mit denen sich Sozialanthropologen beschäftigen. Die Art der Forschung, die wir bei den Bunong machten, soll mit dem Agora-Projekt verständlich, bedeutungsvoll und faszinierend für die Schülerinnen und Schüler werden.

Sie sind ja Ethnologin, keine Pädagogin – wie muss man sich die Umsetzung des Projekts konkret vorstellen?
Ich arbeite mit dem aus neun Personen bestehenden Kern-Lehrerteam der Gesamtschule Unterstrass in Zürich zusammen. Es handelt sich dabei um eine private Tagesschule, die in enger Verbindung zur Pädagogischen Hochschule Zürich steht und für ihren innovativen Ansatz bekannt ist. Auf der Basis der Erkenntnisse aus dem Bunong-Projekt und in Zusammenarbeit mit mir entwickeln die Lehrerinnen und Lehrer Unterrichtsmaterialien und -einheiten, die im Klassenzimmer getestet werden. Geplant ist, dass diese später in Schulen in der ganzen Deutschschweiz zur Anwendung kommen können. Der Austausch mit den Lehrpersonen ist enorm spannend.

Lassen Sie uns einmal gedanklich an möglichen Lektionen teilhaben. Was würde man da beispielsweise zu sehen bekommen?
Generell kann gesagt werden, dass die Schülerinnen und Schüler, ausgehend von ihrem eigenen Lebensalltag, Einblick in das Leben der Bunong erhalten. Vor allem die jüngeren Schulkinder brauchen Identifikationsfiguren, um in den fremden Lebensalltag eintauchen zu können. Wir bringen die zu vermittelnden Themen daher konsequent mit Bunong-Kindern in Verbindung. Es kommen ganz unterschiedliche Medien zum Einsatz: Fotografien, Videos, Texte, Musik und das Telefonieren via Internet, das einen persönlichen Kontakt mit Gleichaltrigen vor Ort ermöglicht.

In welchem Schulfach wird das Thema vermittelt?
Mehrheitlich im "Mensch und Umwelt"-Unterricht. Dort werden die Kinder auch mit sozialwissenschaftlichen Methoden vertraut gemacht: So führen sie beispielsweise ein Forschungstagebuch, machen "teilnehmende Beobachtung" und kleine Interviews. Aber auch in Fächern wie Werken fliesst der Stoff ein: Dort erlernen die Schülerinnen und Schüler das Korben – und zwar vom eigenhändigen Beschaffen der Weidenzweige bis zum fertigen Produkt. Durch die konkrete Erfahrung des gesamten Produktionsprozesses wird auch für jüngere Kinder besser nachvollziehbar, was es für die Bunong heissen mag, wenn die benötigten Materialien plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen, weil ihr Wald wegen Kautschukplantagen abgeholzt wurde.

Wann kann der Unterricht als gelungen bezeichnet werden?
Zum einen, wenn damit das Interesse an Forschung und an Themen der Sozialwissenschaft geweckt werden kann. Zum anderen, wenn es gelingen sollte, den Kindern eine Sicht auf die Bunong und generell auf indigene Völker und Menschen der sogenannten "Dritten Welt" auf den Weg zu geben, die frei von den üblichen Klischees ist.

Zum Beispiel?
Sehr ausgeprägt und leider nach wie vor in aktuellen Lehrmitteln zu finden ist ein Defizit- und Opferdenken nach dem Muster: "Im Gegensatz zu uns Schweizerinnen und Schweizern sind diese Menschen halt einfach arm und rückständig – wir wissen, wie die Welt funktioniert, und müssen ihnen helfen." Wie ich bei meinen beiden eigenen Kindern beobachten kann, werden solche Stereotypen sehr früh gebildet. Damit wird später eine unvoreingenommene Betrachtungsweise verhindert, was gravierend ist. Diesbezüglich müsste noch viel mehr Sensibilisierungsarbeit in den Schulen geleistet werden – auch bei Lehrpersonen. Etwas in dieser Stossrichtung könnte ich mir durchaus als mögliches Anschlussprojekt vorstellen. 

 

Quelle: uniluAKTUELL, das Magazin der Universität Luzern, Ausgabe 50, Februar 2015.
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