Auf dieser Seite finden Sie Informationen zur Ausrichtung der Judaistik in Luzern.

Was ist Judaistik?

Judaistik: Die Wissenschaft vom Judentum

Judaistik ist die wissenschaftliche Erforschung des Judentums. Das Judentum wird dabei in seiner Eigenständigkeit als kulturelle, religiöse und soziale Grösse wahrgenommen. "Wissenschaft des Judentums", schrieb Ismar Elbogen 1930, "ist die Wissenschaft vom lebendigen, im Strom der Entwicklung stehenden Judentum als soziologischer und geschichtlicher Einheit; sie hat als solche alle Erscheinungs- und Betätigungsformen des Judentums aller Zeiten und Länder zu studieren und darzustellen."

Das Fach Judaistik vermittelt die Vielfalt und den Reichtum der jüdischen Überlieferung von der biblischen und der rabbinischen Zeit bis zur Moderne. Die Studierenden beschäftigen sich mit der Kultur, Geschichte, Religion, Ethik, Literatur und Philosophie des Judentums sowie mit seinen Sprachen von der Antike bis zur Gegenwart. Sie interpretieren jüdische oder das Judentum betreffende Texte, befassen sich mit Selbst- und Fremdwahrnehmungen von Juden und Jüdinnen im Laufe ihrer Geschichte oder setzen sich mit ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage auseinander. Sie werden in das jüdische Recht eingeführt und untersuchen die gegenseitigen Einflüsse zwischen der jüdischen Bevölkerung und ihrer jeweiligen Umwelt.

Judaistik: Interdisziplinär und vielseitig

Judaistik hat zu fast jedem universitären Fach einen Bezug. Eine enge Verknüpfung besteht mit anderen geisteswissenschaftlichen, ferner mit theologischen und rechtswissenschaftlichen Disziplinen. Judaistik lässt sich deshalb mit allen geisteswissenschaftlichen Fächern wie beispielsweise Geschichte, Religionswissenschaft, Philosophie, Soziologie oder Literatur- und Kulturwissenschaften sowie mit Theologie oder Jurisprudenz kombinieren. 

Judaistik: Zwischen Tradition und Innovation

Als universitäre Disziplin ist die Judaistik jung. Im 19. Jahrhundert entstand im Gefolge der Emanzipation der Juden in jüdischen Kreisen eine "Wissenschaft des Judentums". Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Fach Judaistik an europäischen und amerikanischen Universitäten als eigenständiges Fach entwickelt. 

Luzern war die erste Hochschule in der Schweiz, die Judaistik 1971 als universitäres Fach eingeführt hat. 1981 wurde das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) gegründet. Gründer sowie Leiter des Institutes während 19 Jahren war Prof. em. Dr. Clemens Thoma. Am 1. Oktober 2001 hat Prof. Dr. Verena Lenzen die Professur für Judaistik und Theologie / Christlich-Jüdisches Gespräch sowie die Leitung des IJCF übernommen. 
Neben dem IJCF besteht in Basel seit Herbst 1999 ein Institut für jüdische Studien (Basel), seit 2005 an der Universität Bern eine Interfakultäre Forschungsstelle für Judaistik, heute Institut für Judaistik (Bern) genannt, und seit 2006 an der Universität Lausanne eine ordentliche Professur für die Geschichte der Juden und des Judentums (Lausanne).

Schwerpunkte in Forschung und Lehre

Die Schwerpunkte in Forschung und Lehre im Luzerner Institut für Jüdisch-Christliche Forschung bilden neben den grundlegenden Einführungen in die Kultur, Religion, Liturgie und Geschichte des Judentums folgende Themenbereiche: 

Jüdische Ethik

Was beinhaltet jüdisches Ethos von der biblischen Zeit bis hin zur Moderne? Anhand von Quellen aus verschiedenen Epochen werden grundlegende Fragen der jüdischen Ethik und aktuelle Diskussionen der interreligiösen Ethik, der feministischen Ethik und Themen der Medizinethik vom Lebensanfang bis zum Lebensende behandelt. 

Jüdisch-christlicher Dialog

Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen beiden Religionen werden aus judaistischer, theologischer, ethischer und kulturwissenschaftlicher Sicht erörtert. Als umfassendes historisches Phänomen ist das jüdisch-christliche Gespräch ein Ereignis der Neuzeit. Der lange Weg zu einer Begegnung von Judentum und Christentum wird in einer Geschichte des Dialogs beschrieben. Die Bereitschaft zur jüdisch-christlichen Verständigung bezeichnete der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk als das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts. 

Moderne jüdische Geschichte und Kulturgeschichte

Neben Einführungen in die jüdische Literatur- und Zeitgeschichte verschiedener Epochen bildet die moderne Geschichte des Judentums einen Forschungsschwerpunkt. Sie ist gekennzeichnet durch die Auflösung traditioneller jüdischer Lebenswelten, wie sie seit dem Ausgang der Antike bis in die frühe Neuzeit kontinuierlich bestanden haben. Diese Prozesse nachzuzeichnen ist ebenso Aufgabe der jüdischen Geschichte und Kulturgeschichte wie die Auswirkungen von Schoa und der Gründung des Staates Israel nach dem Zweiten Weltkrieg aufzuzeigen. Jüdische Geschichte und Kulturgeschichte ist dabei einerseits aus ihren eigenen Deutungsmustern heraus zu verstehen und andererseits in Bezug zu setzen zur allgemeinen Geschichte. 

Jüdisches Recht – Halacha

"Das jüdische Gesetz", schrieb Abraham J. Heschel, "ist in gewissem Sinn eine ´Wissenschaft des Handelns´." Das Leben von praktizierenden Jüdinnen und Juden richtet sich nach der Halacha. Nicht nur die Bedeutung des jüdischen Religionsgesetzes im Leben der Juden und seine historische Entwicklung, sondern auch Stellungnahmen der Halacha zu aktuellen Fragen sowie ihre Bedeutung im modernen Staat Israel werden thematisiert. 

Judentum und Islam

Jahrhundertelang lebte der grössere und produktivere Teil der Juden unter islamischer Herrschaft. Der moderne Staat Israel ist von Staaten umgeben, deren Bevölkerung mehrheitlich muslimisch ist. Im Zentrum stehen Fragen nach der gegenseitigen Wahrnehmung von Juden und Muslimen in Vergangenheit und Gegenwart sowie nach den Lebensbedingungen und der Geistesgeschichte der Juden und Jüdinnen in der islamischen Welt. 

Berufsperspektiven

Das Studium der Judaistik qualifiziert für eine Vielzahl beruflicher Tätigkeiten. Judaistinnen und Judaisten sind häufig in öffentlichen und privaten Institutionen im Bereich Kultur tätig, etwa in der Erwachsenenbildung und Journalistik, in Verlagen, Bibliotheken, Archiven, Museen oder bei Medien. 

Modernhebräisch

Das IJCF bietet Modernhebräischkurse auf drei Niveaus an. Die Kurse umfassen zwei Semesterwochenstunden während 6 Semestern. In den ersten beiden Jahren werden die Grundlagen der modernhebräischen Sprache vermittelt (Modernhebräisch I und II). Modernhebräisch III beinhaltet in auf Hebräisch geführten Gesprächen und Diskussionen über kurze zeitgenössische modernhebräische Texte (Zeitung, Lyrik usw.) eine Auseinandersetzung mit der israelischen Gegenwart, Geschichte, Literatur und Kultur.

Das IJCF arbeitet im Bereich des Hebräischunterrichts eng mit der Rothberg International School der Hebräischen Universität Jerusalem zusammen. Es werden dieselben Lehrmittel und Methoden verwendet. Die Prüfungen am IJCF messen sich am Standard derjenigen der Hebräischen Universität. Dadurch soll der Eintritt von Studierenden des IJCF in die Sprachkurse der Hebräischen Universität erleichtert werden. 

Flyer Modernhebräisch 2012