Warum Sursee bei der Digitalisierung der Landwirtschaft vorne mitspielt

Prof. Dr. Daniel Speich Chassé ist Professor für Globalgeschichte an der Universität Luzern und Leiter des Masterstudiengangs Global Studies. In seinem Beitrag «die Region ist ziemlich bemerkenswert» vom 19.3.2026 für die Surseer Woche befasst er sich mit der Wirtschaftsgeschichte Sursees.

Foto Daniel Speich
Prof. Dr. Daniel Speich Chassé
Cartoon aus der Alumni-Zeitung der Bauernschule Hohenrain von 1988

Prof. Speich, Sie sprechen von einem «kleinen Silicon Valley» in Sursee. Ist das eine zugespitzte Metapher oder ähnelt Sursees Entwicklung tatsächlich den klassischen Innovationsdynamiken?

Interessanterweise ist die Entwicklung Sursees tatsächlich eng verbunden mit der Digitalisierung der Landwirtschaft. Mich fasziniert der digitale Wandel in der Landwirtschaft bereits seit einigen Jahren, denn die Landwirtschaft wird gern als unmodern stigmatisiert. Die umfangreiche Quellenlage zum digitalen Wandel in der Landwirtschaft widerlegt das. Bereits in den 1980ern setzt in der Landwirtschaft ein digitaler Wandel ein: Dazu zählen etwa der automatisierte Stall sowie Precision Farming, bei dem mithilfe von Geolokalisierung Unkraut gezielt erkannt und anschliessend von Robotern entfernt wird, sodass auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verzichtet werden kann.

Ich begann mich auch mit den Ausbildungsstätten für Betriebsleitende und BäuerInnen zu beschäftigen. Die alten Lehrpläne zeigen, dass diese bereits anfangs 1980er Jahre Maschinenschreiben und Informatik vermittelten. Das leuchtet ein, denn wer einen Hof führt, profitiert von Netzverbindungen für Wetterdaten, Marktdaten und Preisentwicklungen.

In diesem Zusammenhang stiess ich auch auf die Firma Agro-Data (heute Bison Group), eine Tochtergesellschaft der Fenaco. Sie wurde 1983 in Sursee gegründet und bot IT-Dienstleistungen für Landwirtschaftsbetriebe an. In der Folge entstanden weitere Unternehmen, sodass sich in diesem Bereich ein Innovationscluster entwickelte.
Bemerkenswert ist dabei, dass ich in meiner Forschung kaum Hinweise auf gezieltes Standortmarketing oder eine explizite Förderpolitik des Kantons Luzern fand, die auf die Entwicklung eines solchen Clusters in Sursee abzielte, im Gegensatz zum Kanton Zug, der sich aktiv als «Crypto Valley» positionierte. Dass sich diese Entwicklung gerade in Sursee herausbildete, hängt wohl auch mit dem Standort Luzern zusammen, der eine starke landwirtschaftliche Prägung aufweist.

Warum entwickelte sich diese Innovationsdynamik gerade in Sursee und nicht etwa in Willisau oder Ruswil, wo ähnliche geographische und soziokulturelle Ausgangslagen vorherrschten? 

Nach meinen Forschungen nimmt der Standort Sursee im Bereich der Digitalisierung der Landwirtschaft eine besondere Stellung ein. Warum sich diese Entwicklung gerade dort und nicht etwa in Willisau durchgesetzt hat, konnte ich bisher nicht abschliessend klären.

Mein Zugang zum Thema erfolgte über die Lehrpläne der landwirtschaftlichen Schulen, diese prägen den gesamten Kanton Luzern. Gleichzeitig zeigen sich strukturelle Unterschiede zwischen den Regionen und Gemeinden: Im Entlebuch standen landwirtschaftliche Verarbeitungsbetriebe wie Käsereien im Vordergrund, während in Regionen wie Sursee, Willisau oder auch in Teilen des Kantons Uri allgemeinere Fragen der Betriebsführung stärker gewichtet wurden. Diese regionalen Unterschiede könnten einen Teil der unterschiedlichen Entwicklungen erklären.

Sie arbeiten sehr häufig mit Zahlen und Daten. Was zeigen diese über die Entwicklung Sursees, was reine Erzählungen übersehen würden? 

Ich bin kein Statistiker und arbeite nicht mit komplexen Regressionsmodellen. Ich nutze Zahlen im zeitlichen Vergleich. Es sind simple quantitative Darstellungen, aber die Erkenntnisse daraus sind essenziell.  Für die Geschichte Sursees heisst das: Zahlen helfen, Dynamiken nachzuvollziehen, sei es im Vergleich der Bevölkerungsdichte, des Emissionsausstosses, oder des Bruttoinlandprodukts. Zahlen für sich ergeben aber noch keine historischen Erkenntnisse.

Der Knackpunkt ist die «numeral literacy». Eine sinnvolle Nutzung der Zahlen setzt eine richtige Einordnung voraus: Das plötzliche Wachstum einer Stadt bedeutet nicht zwingend, dass diese viele neue Einwohnerinnen und Einwohner angezogen hat. Möglicherweise wurde lediglich eine Gemeinde eingemeindet. 

Sie haben ein breites Forschungsinteresse: von afrikanischer Geschichte über historische Weltgesellschaftssoziologie bis hin zur Wirtschaftsgeschichte, um nur einige Ihrer Forschungsschwerpunkte zu nennen. Wie reiht sich der Beitrag zu Sursee darin ein? 

Mein übergeordnetes Forschungsinteresse sind Verflechtungen im lokalen und globalen Raum. Dieses Interesse untersuche ich anhand verschiedener Themenfelder. Der Beitrag zu Sursee reiht sich genau darin ein. Auf lokaler Ebene bilden sich auf kleinstem Raum strukturelle Unterschiede, trotz oder gerade wegen interregionalen Abhängigkeiten und föderalen Staatsstrukturen: Auf engstem Raum treffen konfessionelle, wirtschaftliche und regionale Gegensätze aufeinander und bleiben dennoch politisch verbunden. Und das nicht nur auf der lokalen, sondern auch auf der globalen Ebene: Die Schweiz ist eine sehr kleine Einheit in der Welt, die auf ihre Aussenbeziehung angewiesen ist. Diese Verflechtungen prägen alle Nationalstaaten, sie durchdringen alle Bereiche unseres Lebens. Denken Sie an die Klimageschichte. Oder wenn wir weiter in die Vergangenheit zurückblicken: das Söldnerwesen.

Zum Schluss: Die Diskussion um die «10-Millionen-Schweiz» prägt aktuell viele Debatten. Sie pendeln seit Jahren zwischen Zürich und Luzern und beobachten die Entwicklung des Mittellands. Was bedeutet das für Regionen wie Sursee?

Eine klare Prognose lässt sich nicht machen. Es gibt in der Raumplanung den Trend, das Luzerner Mittelland als urbanen Raum zu verstehen mit vielen Parks und Erholungsräumen und darin liegt Sursee relativ zentral.  Ferner liegt Sursee mit einem Autobahnanschluss verkehrsgünstig.  Deshalb nehme ich an, dass sich Sursee auch in Zukunft in diese Richtung entwickeln wird, denn die modernen Einflussfaktoren wie der digitale Wandel, verändern diese Ausgangslage nicht wirklich. Transportvolumen und Verkehr nehmen nämlich weiterhin exponentiell zu. Deshalb sind verkehrstechnisch gut angebundene Orte sehr beliebt.

Was ich mir wünschen würde, gerade unter dem Schlagwort «10-Millionen-Schweiz», wäre eine höhere Priorisierung der Raumplanung: Ich pendle seit 15 Jahren von Zürich nach Luzern und beobachte, wie Zug und Baar immer schneller zusammenwachsen. Ich hoffe deshalb, dass gerade angesichts dieser Verdichtung die Raumnutzung klug organisiert wird.

Dieser Artikel wurde von Chantal Hüsler, Masterstudentin in Global Studies, verfasst.