Studienreise nach Krakau: jüdische Geschichte und Gegenwart erkunden

Eine fünftägige Studienreise führte eine Gruppe von Luzerner Studierenden nach Krakau, wo sie sich mit der polnisch-jüdischen Geschichte und Gegenwart beschäftigten. Die Exkursion wurde von Prof. Dr. Mariusz Kalczewiak vorbereitet und geleitet.

Vom 8. bis 12. Juni 2026 nahm eine Gruppe von Studierenden an einer Studienreise nach Krakau teil, um die polnisch-jüdische Geschichte und Gegenwart zu erkunden. Im Mittelpunkt standen die reiche Geschichte der Juden in Krakau, der Holocaust in Krakau und Galizien sowie lokale Erinnerungsinitiativen. Die Exkursion wurde von Prof. Dr. Mariusz Kalczewiak, Professor für Jewish Studies an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, vorbereitet und geleitet.

Polen war vor dem Holocaust das wichtigste jüdische Zentrum Europas. Rund 3,5 Millionen Juden lebten dort, und in Großstädten wie Warschau oder Krakau machte die jüdische Bevölkerung zwischen 25 und 35 Prozent der Einwohner aus. Das jüdische Leben war von großer sozialer, politischer, sprachlicher und religiöser Vielfalt geprägt. Die Studienreise nach Krakau bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, Einblicke in diese durch den Holocaust weitgehend zerstörten Lebenswelten der polnischen Juden zu gewinnen.

Zugleich bot die Exkursion Gelegenheit, sich mit den vielfältigen Formen der Erinnerungskultur in Polen auseinanderzusetzen. Seit den 1990er Jahren erlebt das Land eine europaweit bemerkenswerte Blüte von Erinnerungsinitiativen. Zahlreiche jüdische Museen und Dutzende Denkmäler wurden in den letzten dreissig Jahren gegründet bzw. errichtet.  Am ersten Tag besuchten die Studierenden das private Galicia Jewish Museum und lernten dessen pädagogische Ansätze kennen. Im Mittelpunkt standen dabei unter anderem der Umgang mit dem vernachlässigten jüdischen Architekturerbe, etwa Synagogen in Kleinstädten, in denen heute keine jüdischen Gemeinden mehr existieren. Im Anschluss nahmen die Teilnehmenden an zwei Stadtrundgängen teil und setzten sich mit der besonderen Geschichte Krakaus als jüdisches Zentrum seit dem Mittelalter auseinander. Besichtigt wurden unter anderem nahezu 500 Jahre alte Synagogen sowie der Alte Jüdische Friedhof. Dabei wurden auch die historischen Beziehungen sowie die Spannungen zwischen jüdischer und christlicher Bevölkerung thematisiert.

Ein zentraler Bestandteil der Studienreise war die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Holocaust. Am dritten Tag besuchte die Gruppe die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Das etwa 70 Kilometer westlich von Krakau gelegene Vernichtungslager war der Ort der Ermordung von rund einer Million europäischer Juden. Die eindrückliche Führung durch die Anlage, in der Menschen gefoltert und in Gaskammern ermordet wurden, stand in starkem Kontrast zum heutigen Massentourismus an der Gedenkstätte. Angesichts von jährlich mehr als zwei Millionen Besucherinnen und Besuchern stellen sich grundlegende Fragen nach einem angemessenen und würdigen Umgang mit Orten nationalsozialistischer Verbrechen.

Darüber hinaus besichtigte die Gruppe den Stadtteil Podgórze, in dem die deutsche Besatzungsmacht ein Ghetto für die jüdische Bevölkerung Krakaus errichtet hatte. Zudem bestand die Möglichkeit, die berühmte Schindler-Fabrik sowie das ehemalige Arbeits- und Konzentrationslager Plaszow zu besuchen, wo derzeit ein neues Museum entsteht. Vor Ort erhielten die Studierenden Einblicke in die Arbeit der entstehenden Gedenkstätte KL Plaszow, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit den Interessen der Anwohnerinnen und Anwohner, die in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Lagergeländes leben. Dies führte zu intensiven Diskussionen darüber, was es bedeutet, in direkter Nachbarschaft eines ehemaligen Konzentrationslagers zu wohnen, und wie sich die Erinnerung an die Ermordeten mit dem alltäglichen Leben der heutigen Bevölkerung vereinbaren lässt.

Den Abschluss der Exkursion bildete ein Vortrag von Dr. Edyta Gawron (Jagiellonen-Universität Krakau) zum zeitgenössischen jüdischen Leben in Krakau. Darüber hinaus besuchte die Gruppe das Jewish Community Center und erhielt Einblicke in dessen vielfältige Aktivitäten, darunter einen jüdischen Kindergarten und einen Seniorenclub. Obwohl die jüdische Gemeinde Krakaus heute vergleichsweise klein ist, ist es ihr seit den 1990er Jahren gelungen, stabile Institutionen aufzubauen, die die jüdische Kontinuität in der Stadt sichern und fördern.