Lage

Die Synagoge, flankiert von Nachbargebäuden der Via Carlo Maderno.
Die Front der Synagoge – im Hintergrund die Dominikaner-Basilica Sacro Cuore.

Kräftiges Sonnenlicht blinkt auf sanften Wellen des Lago di Lugano. Unser Weg führt jedoch weg vom Ufer in Richtung des Stadtviertels Molino Nuovo. Wir begeben uns in die belebte Via Camunzio. Danach halten wir uns immer geradeaus und überqueren den Corso Pestalozzi, bis nach rund 300 Metern die Via Carlo Maderno folgt. Nach einigen Wohnblöcken fällt linkerhand, leicht zurückversetzt von der Strasse, ein Gebäude mit hohen Bogenfenstern auf. Es besteht aus zwei miteinander verbundenen Kuben die von flachen Walmdächern bedeckt sind. Zwei Palmen an der rechten Ecke der Gebäudefront verleihen dem Gebäude dennoch ein gewisses Tessiner Ambiente. 

Über dem Eingang ist eine schwarze, reliefartige Aufschrift mit hebräischen Buchstaben zu erkennen, gleich darüber zwei Tafeln, ebenfalls mit hebräischen Lettern und eine Krone tragend – die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten, Hinweis auf die hier gepflegte mosaische Tradition. Rechts des Eingangs sehen wir zwei schlanke, fast die gesamte Gebäudefront durchziehende Rundbogenfenster, die oben der Davidstern (hebräisch: Magen David) ziert. Dasselbe Symbol erkennen wir auf beiden Flügeln der hölzernen Eingangstüre. Kein Zweifel, wir befinden uns vor der Synagoge der Comunità Israelita Lugano. 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Über der Eingangstür zur Synagoge sind die 10 Gebote symbolisiert.
Der Davidstern, ein zentrales Symbol für das Judentum, ziert unter anderem die Fensterbögen.

In den Anfängen feierte die Gemeinde ihren Gottesdienst in Gebetssälen, die 1915 über einem Restaurant der Einkaufsstrasse Via Nassa eingerichtet wurden. Die Gemeinde vergrösserte sich im Ersten und Zweiten Weltkrieg durch Flüchtlinge mit orthodoxem Hintergrund aus Galizien und anderen Teilen Osteuropas.

Als die Gemeinde 1950 rund 50 Haushalte zählte, begann man mit der Planung einer grösseren Synagoge. Die Mitglieder trugen finanziell nach ihren Möglichkeiten zum Projekt bei, und so konnte Mitte der 50er Jahre an der Via Maderno ein Grundstück mit bestehender Villa gekauft werden. Als Architekt wurde Daniele Moroni, 1952-1956 beratender Architekt der Luganeser Baubehörde und Mitglied der Denkmalpflege, beauftragt. Danach sei es «reibungslos zum Bau der Synagoge gekommen», erinnert sich Gemeindeglied Elio Bollag.

Die Villa selbst wurde in Schulzimmer und Büros umgebaut. Ein zweiter Kubus wurde angebaut. Er enthält den Gottesdienstraum, die Talmudschule (Bet Hamidrasch) und das Bad (Mikwa). Am 14. Juni 1959 war es soweit: Die damals 250 Mitglieder der Luganeser Gemeinde konnten die neu errichtete Synagoge einweihen. 

Das Äussere der Synagoge solle man nicht überbewerten, findet Elio Bollag: «Die Formen einer Synagoge sind unwichtig. Sie fängt an zu leben, wenn Leute in ihr sind und man anfängt zu beten – das ist ihre Substanz. Wichtiger als das Gebäude sind Gebet und Studium.» 

Gesicht zum Gebäude

Elio Bollag, Sprecher der jüdischen Gemeinde von Lugano. Im Hintergrund der Thoraschrein.

Elio Bollag ist Sprecher der Comunità Israelita. Er sei religiös erzogen worden und innerhalb der orthodoxen Tradition aufgewachsen, erzählt er, jedoch nicht so streng, wie man sich dies vielleicht vorstelle: «Ich komme nicht jeden Tag, morgens und abends in die Synagoge. Ich komme am Samstagmorgen, das ist der wichtigste Moment – und natürlich für die Festtage.» Bollags Grossvater führte das erste koschere Hotel in Lugano, das «Hotel Kempler», und war einer der Initianten für den Bau der Synagoge. Von seinen Eltern übernahm Elio Bollag das Modegeschäft «Modabella», welches er bis 1998 führte. Danach wurde Bollag, der sich als «typischer Luganese» bezeichnet, bei der FDP Lugano aktiv, für die er acht Jahre im «Consiglio Comunale» (Gemeinderat) Politik machte. Daneben arbeitet er als freier Journalist. 

Nachbarschaft und Konflikte

Die Synagoge steht dicht an dicht mit den umgebenden Gebäuden und gegenüber einer Parkinganlage.
Blick in die wieder eingerichtete Bibliothek.

Am 13. März 2005 gegen Mitternacht brannte zum ersten Mal in der Schweiz eine Synagoge. Es geschah an der Via Maderno: Ein 58-jähriger im Tessin wohnhafter Italiener warf eine mit Brennstoff gefüllte Flasche ins Untergeschoss des Gebäudes. Ein grosser Teil der Innenräume, insbesondere die Bibliothek, wurde zerstört. In Brand gesteckt wurde auch das nahe gelegene Textilgeschäft «Buon Mercato». Es gehört einem Gemeindemitglied, dessen Vater, Leo Rubinfeld, einer der Hauptinitianten des Synagogenbaus gewesen war. Dennoch sahen sowohl das Gericht als auch Elio Bollag im Brandanschlag keine eindeutig antisemitische Handlung. Beim Täter wurde stark verminderte Zurechnungsfähigkeit festgestellt, so dass man eher von einem «irrationalen Antisemitismus» ausging. In der Folge des Brandes bekundeten zahlreiche Personen und Institutionen ihre Solidarität gegenüber der Comunità Israelita. Das Spektrum reichte von den Kirchen über die muslimische Gemeinschaft bis hin zu allen Parteien. 

 

Zwei Jahre vor dem Brand wurde die Synagoge mit Hakenkreuzen und antisemitischen Sprüchen verschmiert. Ansonsten habe die jüdische Gemeinde in Lugano jedoch nie Probleme gehabt, stellt Bollag fest. Er erklärt: «Die Juden haben sich immer angepasst.» Soweit es nicht um kultische, also gemeinschaftsinterne Vorschriften gehe, gelte für die Juden: «Das Gesetz des Landes, in dem du wohnst, wird dein Gesetz sein.»

Die Beziehung zur Nachbarschaft bezeichnet Elio Bollag als «perfekt», und mit der Gemeinde Lugano sei das Verhältnis noch besser. «Wir werden als Mitglieder der Stadt angesehen. Die Gemeinde Lugano respektiert uns sehr. Wenn es Kriege oder antisemitische Äusserungen in der Welt gab, hatten wir immer die Unterstützung der Polizei, die uns beschützte. Letztes Mal war das nach dem Brand der Synagoge, als man noch nicht wusste, welche Motive dahinter stecken.» Das offene Interesse der Luganeser Bevölkerung zeigte sich für Elio Bollag auch am Tag der offenen Tür: «Alle Plätze waren besetzt, es kamen 300 Leute um das Innere der Synagoge zu sehen.» 

Religiöse Tradition

Der Thoraschrein (Aron ha-Kodesch), in dem die Thorarollen aufbewahrt werden. Er befindet sich in der Regel an einer Wand, die Jerusalem zugekehrt ist.
An jeder Tür zu einem jüdischen Gebäude oder einem Haus, in dem Juden wohnen, hängt eine Mesusa (Thorakapsel).
Rückseite der Synagoge: Hier werden die Materialien für das jährliche Laubhüttenfest (Sukkot) gelagert. Mit der siebentägigen Feier im Herbst (15.-21./22. Tischri) soll der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten gedacht werden. Sukkot ist zugleich auch ein Erntefest.
 

«Israelit» oder «Hebräer» lautet die ursprüngliche jüdische Selbstbezeichnung des Volkes Israel bis zum Babylonischen Exil (6. Jahrhundert v. u. Z.). Die Bezeichnung «Jude», auf alle Angehörigen des jüdischen Volks angewandt, geht auf die führende Stellung Judäas nach dem Exil zurück.

Als Jude gilt, wer von einer jüdischen Mutter abstammt oder nach orthodoxer Norm zur jüdischen Religion konvertiert hat. Bis zur Aufklärung wurden Nationalität und Religion stark verschränkt. Während heute liberalere Ausprägungen das Judentum ausschliesslich als Religion verstehen, stellen zionistische Richtungen den nationalen Aspekt in den Vordergrund. Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich eine Vielzahl von Bewegungen: Orthodoxe Strömungen suchten auf die Herausforderungen der Moderne eine Antwort, welche die veränderten Lebensumstände berücksichtigt und es zugleich erlaubt, die religiösen Gebote und Traditionen beizubehalten. Das konservative Judentum versuchte einen mittleren Weg zu beschreiten, indem es auf vorsichtige Weise den Wandel der Tradition befürwortet. Liberale Bewegungen begegneten der Moderne durch Reformen, wie z. B. der Gleichstellung der Geschlechter. In einer liberalen Gemeinde können also Rabbinerinnen und Kantorinnen den Gottesdienst leiten. Weitere Strömungen sind die etwa die amerikanischen «Reconstructionists», die den Gottesbegriff durch den Begriff des jüdischen «Volkstums» (peoplehood) ersetzen, oder die Chabad, die mystische Elemente aufweist. Diese Bewegungen unterscheiden sich sowohl im Kultus als auch in ihrer Haltung zu gesellschaftspolitischen Fragen.

Nach jüdischer Glaubenslehre hat Gott mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen und diesem seine Weisung (Thora) gegeben. Diese Weisung, verstanden als Gottes Wille, wird konkret in den 613 Mitzwot, den 365 Verboten und 248 Geboten, die sich in der Bibel finden. 

Die Bereitschaft nach Gottes Willen zu handeln, bildet das Zentrum jüdischer Existenz. Folglich werden Lebenspraxis und Verhaltenslehre stärker betont als die Glaubenslehre. Dies führte zu einem kontinuierlichen Nachdenken über «Gottes Weisungen», das u. a. im Talmud seinen Niederschlag gefunden hat. Der Talmud umfasst eine Sammlung der Diskussionen über die Auslegung und Anwendung der biblischen Gesetze sowie zahlreicher weiterer Themen und Fragen, die von den Rabbinern anfänglich in den Lehrhäusern Jerusalems und Babylons geführt und über Jahrhunderte fortgesetzt wurden. Das jüdische Gesetz, die «Halacha», ist eng verbunden mit der rabbinischen Auslegepraxis, welche die sich verändernden Lebensbedingungen fortlaufend einbezieht. Zu den Glaubensvorstellungen gehört auch die Verheissung eines kommenden davidischen Königs, des «Gesalbten» (Messias). Sie wird verbunden mit der Hoffnung auf eine Zeit des allumfassenden Friedens und der Herrschaft Gottes.

Bis zur Neuzeit entwickelten sich die jüdischen Gemeinden Osteuropas zu den zahlenmässig bedeutendsten jüdischen Siedlungszentren. Diese «Ostjuden», die Aschkenasim, haben, das Bild des Judentums stark geprägt. In Westeuropa war dieses Bild oft mit negativen Vorurteilen verbunden. 

In der Schweiz bilden Jüdinnen und Juden die älteste nichtchristliche Religionsgemeinschaft. Bereits für die römische Epoche ist ihre Anwesenheit durch archäologische Funde bezeugt. Im 13. Jahrhundert entstanden jüdische Gemeinden in Luzern, Bern, St. Gallen und Zürich. Wie im übrigen Europa wurden sie auch hierzulande in vielfacher Hinsicht diskriminiert. Sie mussten einen speziellen Hut tragen, durften kein Handwerk ausüben und waren gesetzlich dazu verpflichtet, den für Christen nicht erlaubten Geldverleih zu betreiben. Während des Zweiten Weltkrieges war die Flüchtlingspolitik der Schweizer Behörden stark abweisend, Flüchtlinge die dennoch in der Schweiz Asyl fanden (ca. 25'000), wurden in Arbeitslagern interniert.

Von allen Religionsgruppen in der Schweiz haben Jüdinnen und Juden mit 42,7 % den höchsten Anteil von Personen mit teritiärer Ausbildung (Gesamtbevölkerung: 19,2 %). Das Schweizer Judentum ist städtisch geprägt, alleine die Gemeinden in Zürich und Genf machen 42 % der zurzeit knapp 18'000 Menschen mit jüdischer Religionszugehörigkeit aus. Vier Fünftel davon (78,8 %) sind Schweizer Bürger. Seit dem Ersten Weltkrieg hat ihre Zahl sowohl relativ als auch absolut abgenommen. Weltweit zählt man 13,3 Millionen Juden und Jüdinnen, die meisten von ihnen (10,7 Millionen) leben in den USA und in Israel.