Juden und Jüdinnen in der Schweiz

Zwei von Tausend SchweizerInnen sind jüdisch, dies entspricht 0,25 Prozent der Gesamtbevölkerung oder knapp 18.000 Personen. Relativ wie absolut gesehen hat die jüdische Bevölkerung der Schweiz jedoch in den Jahren seit dem Ersten Weltkrieg abgenommen: Während sich die Gesamtbevölkerung der Schweiz seit 1920 verdoppelt hat, ist die Zahl der Schweizer Juden leicht gesunken. Dies ist einerseits auf eine hohe Überalterung der jüdischen Bevölkerung, auf Mischehen und Assimilation sowie auf eine relativ hohe Emigrationsrate nach Israel zurückzuführen: In den letzten 50 Jahren sind ungefähr 3.000 Schweizer Juden und Jüdinnen nach Israel ausgewandert. Die jüdische Gemeinde in der Schweiz ist seit Mitte des vorigen Jahrhunderts mit der Zuwanderung von Muslimen, Buddhisten und Personen anderer Religionszugehörigkeit aus dem Nahen und Fernen Osten zahlenmässig zwar längst überflügelt worden; dennoch stellen Juden und Jüdinnen die älteste nichtchristliche Religionsgemeinschaft in der Schweiz: Bereits im Mittelalter lebten jüdische Menschen in der Schweiz. Zuvor schon waren jüdische Kaufleute mit den Römern im 3. und 4. Jh. in die Schweiz gekommen. 

Geschichte

Schriftlich bezeugt sind die Juden in der Schweiz zum ersten Mal in Basel im Jahre 1213. Im Laufe des 13. Jh. entstanden verschiedene jüdische Gemeinden in der Schweiz, darunter in Luzern, Bern, St. Gallen und Zürich. Die meisten dieser Juden kamen aus dem Elsass, aus Süddeutschland und aus Frankreich. Wie in den übrigen Teilen Europas waren auch die Juden in der Schweiz in mannigfacher Hinsicht diskriminiert: So mussten sie einen speziellen Hut tragen, durften keine sozialen Kontakte zu Christen pflegen und kein Handwerk ausüben. Sie waren gesetzlich dazu verpflichtet, den vom Papst den Christen untersagten Geldverleih auszuüben. Während es schon zuvor zu sporadischen Verfolgungen gegen Juden gekommen war, wurde das jüdische Leben in der Schweiz während der Pestepidemie 1348 vom Erlöschen bedroht: Unter dem Vorwand, sie hätten die Brunnen vergiftet und dadurch die Epidemie verursacht, wurden Juden in der Schweiz wie in ganz Europa verfolgt, ermordet oder vertrieben. 1348 wurden der grösste Teil der Juden der Stadt Bern auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Den Überlebenden gelang es zwar nach kurzer Zeit, in die Städte zurückzukehren, doch schon Ende des 14. Jh. kam es zu einer erneuten Vertreibungswelle aus den grösseren Städten (Basel 1397; Bern 1427; Zürich 1436). Bis an den Vorabend der Französischen Revolution konnten sich Juden nur noch in den Städten Lengnau und Endingen im Kanton Aargau niederlassen. Im Zuge der Französischen Revolution und der Helvetik erhielten die Schweizer Juden – nach langen politischen Auseinandersetzungen – 1866 das Recht auf freie Niederlassung sowie Gleichheit vor dem Gesetz, 1874 um das Recht auf freie Religionsausübung ergänzt. Zum ersten Mal konnten Juden und Jüdinnen in der Schweiz nun ihren Wohnort und ihren Beruf frei wählen. Dennoch ist die freie Religionsausübung bis heute durch das 1893 teilweise unter antisemitischen Vorwänden eingeführte "Schächtverbot" nicht vollständig gewährleistet.

Eine sehr schwierige und unsichere Zeit erlebten die Schweizer Juden während des Zweiten Weltkrieges: Sie wurden einerseits durch den Antisemitismus im In- und Ausland bedroht und andererseits durch die abweisende Flüchtlingspolitik der Schweizer Behörden den Juden gegenüber verunsichert. Jüdische Flüchtlinge, die trotz dieser Widerstände in der Schweiz Asyl fanden (ca. 25'000 Menschen), wurden in Arbeitslagern interniert. Eine Aufarbeitung dieser Epoche hat in der Schweiz erst in jüngster Zeit eingesetzt. Nach der Schoa kam der Schweiz für viele deutsche jüdische Intellektuelle und Schriftsteller eine besondere Bedeutung zu: es war ein deutschsprachiges Land, das von der Vergangenheit weniger belastet war als Deutschland.

In den Nachkriegsjahren hat sich die Situation der Schweizer Juden konsolidiert: Sie sind institutionell und gesellschaftlich als religiöse Minderheit anerkannt. Dennoch bleiben auf beiden Ebenen Probleme bestehen. Zu erwähnen sind beispielsweise das Schächtverbot sowie der auch in der Schweiz immer wieder aufflackernde Antisemitismus, etwa im Gefolge der Diskussion um die nachrichtenlosen Vermögen oder seit dem Ausbruch der zweiten Intifada.

Die aktuelle Situation

Das religiöse Spektrum der Schweizer Juden und Jüdinnen ist breit gefächert. Etwa drei Viertel der jüdischen SchweizerInnen gehören einer jüdischen Religionsgemeinde an. Es gibt zur Zeit 24 jüdische Gemeinden in der Schweiz. Von diesen sind 18 im gesamtschweizerischen Dachverband der jüdischen Gemeinden, dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) zusammengeschlossen. Vier orthodoxe Gemeinden - in Luzern, Lugano, Basel und Genf - sowie zwei liberale Gemeinden, in Zürich und Genf, sind nicht Mitglied des SIG. Die grössten jüdischen Gemeinden mit je ca. 2.000-3.000 Mitgliedern befinden sich in Zürich, Genf und Basel. In einigen Kantonen, so in Basel Stadt, Bern, St. Gallen, sind die jüdischen Gemeinden den Landeskirchen gleichgestellt. In anderen Kantonen sind sie Vereine, streben jedoch eine Gleichstellung an.

Die jüdischen Gemeinden verfügen nicht nur über eine Synagoge und andere religiöse Einrichtungen wie Friedhöfe, sondern auch über soziale Einrichtungen wie Altersheime, Kindergärten usw. In Zürich, Basel und Lausanne gibt es private jüdische Tagesschulen für die Primarstufe. Neben dem üblichen Lehrstoff werden jüdische Fächer gelehrt. In anderen Gemeinden besuchen jüdische Kinder neben den öffentlichen Schulen zusätzlich einige Stunden wöchentlich einen jüdischen Religionsunterricht. Es gibt in der Schweiz ausserdem höhere jüdische Bildungseinrichtungen: So gibt es seit 1967 (1958) in Kriens bei Luzern eine Talmudschule sowie ein Seminar für jüdische Mädchen und Frauen. Ausserdem gibt es ein breites Angebot an zionistischen und nichtzionistischen Jugendbünden, an Sportvereinen, an religiöser und allgemein-kultureller Erwachsenenbildung, an Bibliotheken und Restaurants.

Die Schweizer Juden leben fast zu hundert Prozent in den Städten in allen Teilen der Schweiz. Etwa zwei Drittel sind in der Deutschschweiz ansässig. Schweizer Juden und Jüdinnen sind in allen Berufsgattungen tätig, wobei ihr Anteil an freien Berufen - gemessen an ihrem geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung - relativ hoch ist. In absoluten Zahlen ausgedrückt machen Juden und Jüdinnen jedoch nur einen sehr geringen Anteil in diesen Berufen aus.

Die meisten in der Schweiz wohnenden Juden und Jüdinnen haben das Schweizer Bürgerrecht. Während die ältesten jüdischen Gemeinden im Mittelalter von Juden aus Deutschland oder Frankreich gegründet wurden, liessen sich Ende des 19. Jahrhunderts vermehrt auch Juden aus Osteuropa in der Schweiz nieder. Zwischen 1950 und 1980 fanden ausserdem Juden aus den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas eine neue Heimat in der Schweiz, so dass "die" jüdische Gemeinschaft in der Schweiz auch in ethnischer Hinsicht alles andere als homogen ist.

Zum Staat Israel haben die meisten Schweizer Juden und Jüdinnen ein spezielles Verhältnis: Viele Schweizer Juden sprechen von der Schweiz als "Vaterland", während Israel für sie das geistige und religiöse "Mutterland" darstellt. Das Land Israel ist von tiefer religiöser und emotionaler Bedeutung für sehr viele Juden und Jüdinnen. Die Gründung des modernen Staates Israel 1948 hat den Juden in der Schweiz wie den Juden auf der ganzen Welt nach der Schoa Zuversicht und neues Selbstvertrauen gegeben. Der erste Zionistenkongress im Jahre 1897 fand übrigens in Basel statt.

Entwicklungen der jüngsten Zeit verweisen auf gegenläufige Tendenzen: trotz erhöhter Sichtbarkeit in der Gesellschaft, etwa durch Medienberichte, nimmt die Zahl von Jüdinnen und Juden in der Schweiz ab und ein unterschwelliger antijüdischer Diskurs findet sich in allen Gesellschaftsschichten und über Parteigrenzen hinweg. Der numerische Rückgang ist der Auswanderung von meist jungen Jüdinnen und Juden nach Israel, gekoppelt mit einer Überalterung vieler Gemeinden, Mischehen sowie Assimilationstendenzen geschuldet. Der Historiker und Judentumsspezialist Simon Erlanger fragte daher jüngst, wie viel Zukunft den Juden in der Schweiz noch bleibe.  

 

Literatur

Dreyer, Philipp, Zwischen Davidstern und Schweizerpass, 24 Porträts jüdischer Jugendlicher, Zürich: Orell Füssli 1999.

Epstein, Ron, Die Synagogen der Schweiz. Bauten zwischen Emanzipation, Assimilation und Akkulturation, Zürich: Chronos 2008.

Erlanger, Simon, "Wie viel Zukunft bleibt den Juden in der Schweiz?", in Neue Züricher Zeitung, 20. Mai 2010.

Gisler, Andreas, "Die Juden sind unser Unglück", Briefe an Sigi Feigel 1997-98, Zürich 1999.

Kaufmann, Robert Uri, Juden in Luzern, hrg. vom Komitee für die Ausstellung "Juden in der Schweiz", Luzern 1984.

Kupfer, Claude und Ralph Weingarten, Zwischen Ausgrenzung und Integration, Geschichte und Gegenwart der Jüdinnen und Juden in der Schweiz, Zürich: sabe 1999.

Newman, Rafaël (ed.), Zweifache Eigenheit, Neuere jüdische Literatur in der Schweiz, Zürich: Limmat Verlag 2001.

Piatti, Livio, Schtetl Zürich, Von orthodoxen jüdischen Nachbarn, Zürich 1997 (Bildband).

Picard, Jacques, Die Schweiz und die Juden: 1933-1945, Schweizerischer Antisemitismus, jüdische Abwehr und internationale Migrations- und Flüchtlingspolitik, Zürich 1994.

Picard, Jacques, "Judentum in der Schweiz: zwischen religiöser, kultureller und politischer Identität", in: Martin Baumann, Jörg Stolz (Hg.); Eine Schweiz - viele Religionen, Bielefeld: transcript 2007, S. 177-192.

Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus, hrg. Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg, Bern 1999.

Weingarten, R., Schweizer Juden, Broschüre zur Wanderausstellung der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS) und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, Zürich 1998.

© Dr. phil. Simone Rosenkranz Verhelst