Christoph Hoffmann in Zusammenarbeit mit Michael Hagner, Professur für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich; gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der Wissenschaften

Aufzeichnungen, Dokumente und Literatur gehören zu jeder Forschungsarbeit in allen Wissenschaftsbereichen. In einigen Fällen kommt solchem Schriftgut aber ein besonderer Status zu: Es bildet dann die (häufig einzige) Materialgrundlage für die Bearbeitung einer Forschungsfrage und die Gewinnung von Erkenntnissen. In unserem Projekt untersuchen wir, wie in der historischen Klimaforschung, der empirischen Sozialforschung und der Geschichtswissenschaft Schriftgut für Forschungszwecke zusammengestellt und ausgewertet wird, wie also zum Beispiel aus Wetterdiarien des 17. Jahrhunderts Daten für Klimarekonstruktionen hervorgehen, wie aus der Aktenabgabe einer Behörde zuletzt eine Quelle in einer historischen Untersuchung wird oder wie Umfragen durchgeführt und die erhobenen Angaben in Daten und wissenschaftlich robuste Aussagen transformiert werden. Uns interessiert dabei unter vergleichender Perspektive, (1) welche Herausforderungen sich in den einzelnen Kontexten im Umgang mit Schriftgut einstellen und welche Praktiken entwickelt werden, (2) welche Standards der Bewährung für die Konstitution und Auswertung von Schriftgut jeweils gelten und insgesamt (3) welche Konsequenzen die Gründung von Forschungsfragen auf Schriftgut für die Forschungspraxis und den Geltungsanspruch von wissenschaftlichen Erkenntnissen hat. 

Das Projekt wird in Form von drei Fallstudien zu den genannten Forschungszusammenhängen durchgeführt, in denen die Beobachtung der rezenten Praxis mit Sondierungen ihrer Geschichtlichkeit verbunden werden soll. Bei den untersuchten Unternehmungen handelt es sich um Forschungsfelder mit unmittelbarer alltäglicher Bedeutung. Empirische Sozialforschung wirkt mit ihren Ergebnissen zurück auf die Gesellschaft im Ganzen. Historische Klimaforschung liefert wichtige Inputs für die Untersuchung des Klimawandels. Die Geschichtswissenschaft formt entscheidend unser kulturelles Selbstbild. Insofern ist ein genaues Verständnis der Umstände und Bedingungen ihrer Forschungspraxis eine Voraussetzung dafür, Reichweite und Geltungsanspruch der gewonnenen Erkenntnisse einzuschätzen. Der Einbezug der Geistes- und Sozialwissenschaften in das Forschungsprojekt bildet für die Wissenschaftsforschung – mit ihrem traditionellen Fokus auf die Naturwissenschaften – eine neue Herausforderung. Die vergleichende Perspektive gestattet es ferner, Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den verschiedenen Bereichen des Wissenschaftssystems ‚von unten’ her zu akzentuieren. Von Interesse sind hier z.B. (neben einer Reihe von weiteren Aspekten) die jeweiligen Daten- bzw. Belegbegriffe in den untersuchten Unternehmungen und die damit verknüpften Vorstellungen vom Status des ausgewerteten Forschungsmaterials.

Material, Werkzeug, Infrastruktur
Kris Decker

Archivpraktiken. Produktion und Transformation von Archivmaterial im Schweizerischen Bundesarchiv (20. / 21. Jahrhundert
Flurin Rageth

Spuren der öffentlichen Meinung: Der Fragebogen in der empirischen Sozialwissenschaft
Anne-Marie Weist (ETH Zürich)