3 Jahre Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin: Ein Gespräch mit dem Gründungsdekan

Am 1. Februar 2023 wurde das Departement für Gesundheits­wissenschaften und Medizin in eine Fakultät umgewandelt. In diesen drei Jahren hat sich in Lehre und Forschung viel getan und die Entwicklungen sind weiterhin im Gange. Im Gespräch reflektiert Gründungsdekan Stefan Boes über die vergangenen drei Jahre als GMF, über Zukunftsvisionen und darüber, wie die Fakultät ihr Leitbild tagtäglich lebt.

Dekan Stefan Boes an der Gründungsfeier 2023.

Drei Jahre GMF – was geht dir als Erstes durch den Kopf?

Stefan Boes: Vor allem Dankbarkeit – und Stolz. Dankbarkeit für die Menschen, die diese Fakultät mit Leben füllen: Studierende, Mitarbeitende, Dozierende, Forschende und unsere Partnerinstitutionen. Und Stolz darauf, was wir als junge Fakultät in sehr kurzer Zeit erreichen konnten.

Wenn du an die Aufbauphase zurückdenkst: Was war rückblickend die grösste Überraschung – und was war ganz typisch «Gründungsdekan-Alltag»?

Die grösste Überraschung war, wie schnell aus einer Idee ein funktionierender Fakultätsalltag werden kann – wenn viele kluge Köpfe gleichzeitig anpacken. Und typisch «Gründungsdekan-Alltag» war, dass man morgens über Vision, Strategie und Lehrplanung spricht und nachmittags in einer Berufungskommission am Profil der Fakultät schraubt. Das war zeitlich intensiv, und ich habe auch viel Neues über die internen Prozesse der Universität gelernt… Was mich aber wirklich freut: In den letzten sechs bis sieben Jahren haben wir die Zahl unserer Professuren und der sich neu immatrikulierenden Studierenden etwa verdreifacht. Das ist ein starkes Zeichen, dass wir nicht nur gewachsen, sondern auch besser und attraktiver geworden sind.

2023 bezogen Forschende der GMF den Standort Alpenquai.

Gab es einen Moment, in dem du dachtest: «Jetzt sind wir endgültig Fakultät»?

Ja – mehrere. Ein sehr eindeutiger Moment war, als wir unsere Räumlichkeiten am Alpenquai beziehen durften. Auch wenn wir uns natürlich nicht ganz vom Hauptgebäude trennen können, bietet das unseren Forschenden und Lehrenden einen gemeinsamen Ort für Austausch und Kreation. Ein anderer, als wir überlegen mussten, wie wir unsere Diplomfeier logistisch organisieren, denn die Zahl der Absolvierenden mit ihren Angehörigen übersteigt so langsam die Kapazität von Hörsaal 1. Oder als wir uns darüber gestört haben, dass im IT-System der Uni immer noch unter GWM und nicht GMF stand.

Spätestens da war klar: Wir sind angekommen. Nicht, weil alles immer reibungslos läuft – sondern weil wir Lösungen finden, auch wenn sie manchmal improvisiert sind. Und weil diese Mischung aus Professionalität und Pragmatismus unsere Entwicklung insgesamt sehr positiv getragen hat. Ach ja – und die Debatte über die mehr oder weniger gute Nutzung von ChatGPT durch Studierende gehört inzwischen vermutlich genauso zur Hochschulrealität wie die klassische Frage: «Ist das Prüfungsstoff?».

Gründungsfeier 2023

Wie blickst du auf die Positionierung der Fakultät – was ist deine Vision?

Unsere Vision haben wir im Leitbild definiert. Bewusst einfach und zugleich anspruchsvoll: Die Gesundheit, die Funktionsfähigkeit und das Wohlbefinden des Einzelnen und der Gemeinschaft zu fördern. Das ist mehr als eine medizinische Zielsetzung. Es ist ein gesellschaftlicher Auftrag. Funktionsfähigkeit bedeutet Teilhabe – in Familie, Beruf, der Gemeinschaft. Genau hier setzen wir an: interdisziplinär, praxisnah und mit Blick auf die Gesundheitsversorgung von morgen.

Und wie übersetzt du diese Vision in den Alltag der Fakultät? 

Die Übersetzung der Vision erfolgt über die Mission. Wir möchten zukunftsweisende Forschung fördern, die Disziplingrenzen überschreitet und international sichtbar ist. Eine forschungsbasierte, praxisorientierte und qualitativ hochstehende Lehre und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sind ebenfalls Prioritäten unserer Mission. Diese Punkte gehen jedoch Hand in Hand mit der Schaffung und Stärkung einer entsprechenden Kultur, die kritisches Denken und einen offenen Dialog, auch mit Politik und Praxis, ermöglicht.

Die Stärkung der Forschung ist eines der zentralen strategischen Ziele der Fakultät. Was bedeutet das konkret? 

Wir wollen unsere Forschung weiter profilieren – methodisch rigoros, thematisch offen und gesellschaftlich relevant. Dazu gehört auch die Gewinnung exzellenter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. In den kommenden 1–2 Jahren möchten wir die Fakultät gezielt weiter stärken – über neue Professuren in den Bereichen Learning Health Systems, Hausarztmedizin & Community Care sowie Blockchain & Health. Gleichzeitig verfolgen wir zwei Grossprojekte: im Bereich der Implementierung von Gesundheitssysteminnovationen sowie der frühkindlichen Gesundheit. Das wird uns als Gesamtfakultät stärken und wir erhoffen uns natürlich auch eine entsprechende Steigerung der Einwerbung kompetitiver Drittmittel.

Ein weiteres Ziel ist die Weiterentwicklung des Studienangebots. Du hast aber schon mehrfach betont, nur bedingt ausbauen zu wollen. Wie lässt sich dies miteinander vereinbaren?

Qualität ist unser Markenzeichen – und soll es auch bleiben. Für unsere Studiengänge in den Gesundheitswissenschaften bedeutet das, gezielt neue Themen, Methoden und Praxisfelder zu ergänzen und die Stärken des guten Betreuungsverhältnisses weiter zu nutzen. In der Medizin gilt das natürlich genauso. Hier ist zudem die nationale Lage sehr dynamisch, und eine Erhöhung der Studienplatzkapazität in Abstimmung mit unseren Partnerinstitutionen wäre zwar eine anspruchsvolle Aufgabe, aber auch eine zentrale Investition in die Versorgungssicherheit der Region, für die wir uns gerne einsetzen möchten.

Ein dritter Fokus liegt auf der Förderung von Nachwuchstalenten. Was ist dir hier besonders wichtig?

Nachwuchsförderung ist für uns kein «nice to have», sondern entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der Fakultät. Wir wollen jungen Forschenden Raum geben: durch Mentoring, Austausch, strukturierte Qualifikationswege und echte Entwicklungsperspektiven. Im kommenden Jahr möchten wir vor allem unser Doktoratsprogramm in Gesundheitswissenschaften neu ausrichten. Dies soll die wissenschaftliche Qualifikation stärken, aber auch für unsere Postdoktorierenden neue Möglichkeiten bieten.

Was bedeutet das hinsichtlich der Werte der Fakultät? 

Wir legen grossen Wert auf Diversität, Interdisziplinarität und Internationalisierung. Deren Mehrwert zeigt sich jeden Tag: Wenn Gesundheitswissenschaften und Medizin gemeinsam denken, entstehen bessere Fragen und bessere Antworten. Vor einigen Wochen haben wir das eindrücklich an unserer Mini Faculty Retreat gesehen. Interdisziplinarität soll noch mehr in unsere Kultur und unser Denken übergehen. Internationalisierung wiederum stärkt unsere Perspektiven: über Austauschprogramme und internationale Partnerschaften. Gleichzeitig kann die Fakultät ohne entsprechende Unterstützungsstrukturen weder wachsen noch funktionieren. Daher müssen wir auch hier umsichtig planen und entsprechende Ressourcen bereitstellen, um die Fakultät weiter zu stärken. 

Und welchen Mehrwert schafft die Fakultät für die Zentralschweiz?

Mitglied der GMF zu sein, bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Wir arbeiten in einem starken Netzwerk mit Akteuren des Gesundheitssektors zusammen. Diese Nähe zur Praxis ist eine Chance und ermöglicht Forschung und Lehre mit unmittelbarer Relevanz für die Gesellschaft. Gleichzeitig wollen wir unsere Sichtbarkeit weiter erhöhen: nicht als Selbstzweck, sondern damit unsere Erkenntnisse genau dort ankommen, wo sie auch einen Nutzen stiften. Neben der Stärkung unserer bestehenden Partnerschaften ist es durchaus unser Ziel, das Netzwerk auf die gesamte Zentralschweiz auszudehnen. Wir verstehen uns als Universität und als Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin für die gesamte Region.

Wenn du auf die nächsten Jahre blickst – was wünschst du dir für die GMF?

Ich wünsche mir, dass wir unseren Weg konsequent weitergehen: mit exzellenter Forschung, stabil hoher Qualität in der Lehre, wachsender klinischer und gesellschaftlicher Wirkung – und mit einer Fakultät, die als Gemeinschaft zusammensteht. Wenn uns das gelingt, werden die «terrible twos» rückblickend nur ein kleiner Schritt in einer langen, erfolgreichen Entwicklung gewesen sein, für die Universität Luzern, für unsere Partner und vor allem für die Gesundheit der Menschen, denen unser Engagement letztlich dient.

Leitbild und strategische Ziele 2025–2028

Newsbeitrag zur Gründung der Fakultät (27. Juni 2023)