UniLU Zentrum Religionsforschung FORSCHUNGSBERICHT «Hallo, es geht um meine Religion!» Muslimische Jugendliche in der Schweiz auf der Suche nach ihrer Identität Martin Baumann, Jürgen Endres, Silvia Martens, Andreas Tunger-Zanetti 17.01.2017 «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 2 | 39 Zusammenfassung Ausgangspunkt des Forschungsprojekts «Imame, Rapper, Cybermuftis» war die Frage, an welchen Autoritäten und Angeboten sich muslimische Jugendliche und junge Erwachsene in religiösen Dingen orientieren und wie sie damit umgehen. Kernstück der Datenerhebung waren leitfadengestützte Inter- views mit 61 jungen Frauen und Männern im Alter zwischen 15 und 30 Jahren mit unterschiedlichem Migrationshintergrund und religiösem Profil. Das Interesse an religiösen Fragen zeigte sich bei einem Teil der Interviewpartner als eher plötzliche Hinwendung, bei anderen als gleichmässigerer Prozess, in dem sich dennoch Phasen aktiver Suche mit Zeiten relativer Distanz abwechseln. Während sie das eine Mal konkrete Auskunft auf bestimmte klar umrissene Fragen suchen, ist es das andere Mal eher das Bedürfnis nach Beratung oder nach emotionaler Ermutigung. Doch noch aus anderen Gründen nutzen die jungen Muslime die unter- schiedlichsten Angebote und Medien nebeneinander: Sie vergleichen oft unterschiedliche, ja sogar gegensätzliche Inhalte, um das für sie Passende zu finden. Insgesamt spielen Erklärungen und Meinungen von Eltern, Freunden und Vertrauenspersonen in Moscheegemeinden eine bisher unbe- achtete wichtige Rolle. Entsprechend kleiner als oft angenommen ist der Einfluss der Imame in den Moscheen oder von teils umstrittenen Internet-Predigern. Der persönliche Kontakt ist den jungen Mus- limen wichtig, gegenüber Angeboten im Internet hegen viele eine gehörige Skepsis. Im Verlauf ihrer Suche nach Angeboten entwickeln sie überdies zunehmend genauere Kriterien dafür, welche Angebote zu ihnen passen und wo sie diese am ehesten finden. Bei ihren Entscheidungen zieht die muslimische Jugend ihre Lebensumstände in der Schweiz stets in Betracht. Dazu gehört nicht zuletzt der raue gesellschaftspolitische Diskurs zum Thema Islam, der viele von ihnen erst zum vertieften Fragen nach ihrer Religion gebracht hat. Sie reagieren mit unter- schiedlichen Strategien. Manche beschränken alles Religiöse strikt auf den privaten Bereich, andere suchen bspw. am Arbeitsplatz pragmatische Lösungen von Fall zu Fall, wieder andere fordern die Möglichkeit zum Ausüben ihrer Praxis aktiv und öffentlich ein. Ihre Zukunft sehen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen fast ausnahmslos in der Schweiz, auch wenn sie ihr persönliches Verhältnis zur Schweiz wie zum Herkunftsland ihrer Eltern und Grosseltern durchaus verschieden empfinden und auch unterschiedliche Vorstellungen vom Schweizer Islam der Zukunft haben. Dabei zeigte sich auch: Organisationen, die öffentlich immer wieder kontrovers disku- tiert werden wie der Islamische Zentralrat Schweiz oder das Forum für einen Fortschrittlichen Islam, spielen für die allermeisten jungen Musliminnen und Muslime in der Schweiz keine oder eine kleine Rolle. Die Befunde des Forschungsprojekts widerlegen zwar etliche der öffentlich kursierenden Annahmen über junge Musliminnen und Muslime, fügen sich aber nahtlos ins Bild, das die jüngere Forschung von Angehörigen anderer, weniger kontroverser Migrationsreligionen in Westeuropa gewonnen hat. Auch dort finden sich die hier gezeigten Trends, die Religion der Eltern individueller, kritischer und eigenständig zu interpretieren. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 3 | 39 Inhalt Vorwort .................................................................................................................................................... 4 Einführung ............................................................................................................................................... 5 Das Projekt im Forschungskontext der Universität Luzern .............................................................. 5 Das weitere Umfeld: Öffentliche Debatten rund um Islam und um Integration ................................ 5 Das Forschungsprojekt: Vorgehen und Datengrundlage ........................................................................ 7 Projektdesign .................................................................................................................................... 7 Das Sample ...................................................................................................................................... 8 Auswertung ...................................................................................................................................... 9 Nach Projektende ........................................................................................................................... 10 Hinwendungsprozesse .......................................................................................................................... 11 Die muslimische Jugend in der Schweiz auf der Suche nach religiöser Identität .......................... 11 Muster der Hinwendung ................................................................................................................. 12 Schwankungen bei der Hinwendung.............................................................................................. 13 Auswirkungen der Hinwendung ..................................................................................................... 14 Diversität religiöser Profile und Bedürfnisse .................................................................................. 16 Autoritäten ............................................................................................................................................. 17 ‹Autorität› ........................................................................................................................................ 17 Typen von Autorität ........................................................................................................................ 19 Ermutiger ........................................................................................................................................ 21 Das Spektrum der Autoritäten ........................................................................................................ 21 Das Internet als Zugangsweg ........................................................................................................ 25 Umgang mit Orientierungsangeboten ............................................................................................ 26 Junge Muslime und Schweizer Gesellschaft ......................................................................................... 31 Die Gesellschaft der Schweiz als Erfahrungsraum für junge Muslime .......................................... 31 Wahrnehmung von Staat und Gesellschaft und Strategien des Umgangs.................................... 33 Verhältnis zu Staat und Gesellschaft der Schweiz ........................................................................ 34 Was junge Muslime von Autoritäten mit Blick auf die Gesellschaft erwarten ................................ 35 Einordnung ............................................................................................................................................ 38 Ausgewählte weiterführende Literatur ................................................................................................... 39 «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 4 | 39 Vorwort Ja klar, ich folge nicht meinen Neigungen und glaube ihnen nicht einfach so: ‹Ok, das glaub ich und fertig.› Nur weil irgendeiner das gesagt hat. Ich gehe die Sache schon vorsichtig an. Ich kann nicht einfach / Hallo, es geht um meine Religion! (Hajdar, m, 22) Ohne es zu wissen, setzte Hajdar in einem unserer ersten Interviews mit diesen Worten den Grund- ton. In den nachfolgenden Gesprächen des Forschungsteams mit muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen begegnete uns diese Grundhaltung immer wieder. Nicht alle jungen Muslimin- nen und Muslime sind religiös, und nicht alle, die religiös sind, sind es auf die gleiche Weise. Aber wenn sie in der Schweiz von heute mit Blick auf ihre Religion auf die Suche gehen, tun sie es umsichtig, denn beides ist ihnen wichtig: ihre Religion und ihr Leben in der Schweiz. Das Forschungsteam dankt an dieser Stelle allen jungen Musliminnen und Muslimen, die uns im Rahmen des Projekts in einem Interview Einblicke in ihr Leben und ihre Gedankenwelt gewährt haben. Die Namen sämtlicher Interviewpartner in diesem Bericht wurden anonymisiert. Das Signet des Forschungsprojekts Das Forschungsprojekt «Imame, Rapper, Cybermuftis» wurde finanziell gefördert von der Stiftung Mercator Schweiz. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 5 | 39 Einführung Das Projekt im Forschungskontext der Universität Luzern Religion und Religiosität in Westeuropa, insbesondere bei Immigranten, sind seit Jahren ein Schwer- punkt von Forschung und Lehre der Religionswissenschaft an der Universität Luzern. Aus diesem Interesse entstand 2011-2012 das Forschungsprojekt «Muslimische Jugendgruppen und Bildung von zivilgesellschaftlichem Sozialkapital in der Schweizer Gesellschaft», finanziert von der Jacobs Foun- dation. Daraus resultierte nicht nur eine Publikation Jung muslimisch, schweizerisch, sondern auch gleich ein Anschlussprojekt: In 33 Workshops vermittelte das Forschungsteam 2013-2014 seine Er- gebnisse an Fachleute aus den Bereichen Schule, Sozialarbeit, Integration und Zivilgesellschaft und diskutierte sie mit ihnen. 1 Bei der Arbeit im bis dahin kaum erforschten Feld muslimischer Jugendlicher in der Schweiz ergaben sich rasch weitere interessante Fragen: Wo suchen junge Muslime in der Schweiz religiöse Auskunft und Orientierung? Wie nutzen sie diese Angebote? Und wie wirkt sich dies auf ihre Einstellungen zur Gesellschaft aus? Diese Fragen standen im Zentrum unseres zweiten Forschungsprojekts «Imame, Rapper, Cybermuftis – Islamische Autoritäten, muslimische Jugendliche und gesellschaftliche Kohä- sion in der Schweiz». Für die Finanzierung liess sich wiederum eine private Stiftung gewinnen. Die Stiftung Mercator Schweiz förderte das Forschungsvorhaben. Der vorliegende Bericht gibt den ersten Überblick über die Forschungsergebnisse und richtet sich an die fachlich interessierte Öffentlichkeit. Vertiefende wissenschaftliche Publikationen sollen folgen. Wie nach dem ersten Forschungsprojekt sollen zudem auch dieses Mal Fachleute aus sozialen Berufen Gelegenheit bekommen, die Ergebnisse in halbtägigen Workshops detailliert zu erfahren. Die Ergeb- nisse können sie mit ihren eigenen Erfahrungen vergleichen und mit dem Forscherteam diskutieren. Parallel dazu geht an der Universität Luzern die Forschung zur Religion von Jugendlichen, deren Eltern als Migranten in die Schweiz kamen, weiter. Unter anderem laufen parallel zwei Dissertations- projekte, mit denen wir in regem Austausch standen. 2 Das weitere Umfeld: Öffentliche Debatten rund um Islam und um Integration Die Forschung an der Universität Luzern folgt wissenschaftlichen Kriterien. Dabei kann sie die öffentlichen Debatten um Islam-Themen und um die Integration religiöser Minderheiten nicht ignorie- ren. Zum einen wirken sich diese Debatten sehr deutlich auf Muslime aus. Zum andern ist unserer Meinung nach die Wissenschaft gerade bei solchen Themen der Gesellschaft auch Auskunft schuldig. Mit sachlichen, faktenbegründeten Aussagen will sie zur Debatte beitragen. Die öffentlichen Debatten haben ein Islam-Bild entstehen lassen, das viele Muslime, aber auch Wis- senschaftler wie Urs Dahinden, Vinzenz Wyss, Patrik Ettinger und Kurt Imhof als verzerrt und unfair einstufen. Medien berichten über Dinge, die den betreffenden Redaktionen aussergewöhnlich, kontro- vers, skandalös oder gefährlich erscheinen oder von Stimmen Dritter als das erklärt werden. Dabei fehlt es oft offensichtlich an Hintergrundwissen und der Kenntnis von der Vielfalt muslimischen Lebens. So entstehen generalisierte Annahmen, die sich aber lediglich auf den Einzelfall stützen, denen ein breiterer Augenschein aber rasch widersprechen würde. Bezogen auf das Thema unserer Studie lauten einige dieser meist impliziten Annahmen: ‹Imame haben grossen Einfluss auf ihre Zuhörer›, ‹Jugendliche sind leicht verführbar›, ‹Plötzliche Hinwendung «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 6 | 39 zur muslimischen Praxis deutet auf Radikalisierung›, ‹Muslimische Frauen sind von Vätern, Brüdern oder Ehemännern unterdrückt›, ‹Nur ein liberaler Islam ist verträglich mit der Schweiz› oder ‹Internet- prediger sind gefährlich›. Die Menge dieser unhinterfragten und oft unbelegten Annahmen bedeutet im Ergebnis, dass praktizierende Muslime in der Schweiz zahlreichen Vorurteilen und einem General- verdacht ausgesetzt sind. Dies hat negative Folgen für die Politik und das gesellschaftliche Klima. Es verhindert überdies die vollgültige Teilhabe der Muslime an der Gesellschaft. Manche dieser Diskurselemente wurden erst im Laufe des Jahres 2015 prominent, als junge Männer und vereinzelt auch Frauen, die aus der Schweiz nach Syrien ‹in den Dschihad zogen›, zum Medien- thema wurden. Die Frage nach den Motiven lag nahe, rasche Antworten waren gefragt und wurden von unterschiedlichen Stimmen angeboten. Unsere Studie zeigt, dass viele der gängigen Annahmen über junge Muslime falsch sind. In erster Linie wollten wir aber Antworten auf die schon 2014 for- mulierte Forschungsfrage finden. Bei der Darstellung unserer Ergebnisse konzentrieren wir uns im Folgenden auf drei Themen: Das Kapitel «Hinwendungsprozesse» zeigt, unter welchen Umständen junge Muslime sich eigenständig Fragen der Religion zuwenden und dieses Bemühen nach Zeiten des Nachlassens oder der Dis- tanzierung bisweilen auch erneuern oder neu ausrichten. Das Kapitel «Autoritäten» erläutert sodann verschiedene Aspekte dieser Suche nach Orientierungsangeboten. Es zeigt insbesondere, dass die Jugendlichen ganz unterschiedliche Kategorien von Autoritäten wahrnehmen und eigenständig mit deren Angeboten umgehen. Das dritte Kapitel, «Junge Muslime und Schweizer Gesellschaft», bettet die Haltung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei der Suche in das gesellschaftliche Umfeld ein. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 7 | 39 Das Forschungsprojekt: Vorgehen und Datengrundlage Das Projekt «Imame, Rapper, Cybermuftis – Islamische Autoritäten, muslimische Jugendliche und gesellschaftliche Kohäsion in der Schweiz» dauerte von November 2014 bis Januar 2017 und wurde von der Stiftung Mercator Schweiz mit 412’000 Franken gefördert. Es stand unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Baumann, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Luzern. Die Feld- forschung und Auswertung leisteten Dr. Jürgen Endres, Dr. Silvia Martens und Dr. Andreas Tunger- Zanetti. Wissenschaftlich begleitet wurde das Projektteam dabei von Prof. Sabine Strasser (Universi- tät Bern) und Dr. Eva Mey (ZHAW Zürich). Die Transkription der Interviews und gelegentliche Re- cherchen besorgten Guillaume Chatagny, Maria Ettlin, Melanie Eyer, Lea Schläfli und Sahra Strizzolo. Projektdesign Ziel des Projekts war es zu untersuchen, an welchen islamischen Autoritäten sich junge muslimische Frauen und Männer in der Schweiz orientieren, wie sie mit den Orientierungsangeboten der als Autoritäten erachteten Personen umgehen und wie sich diese Praxis auf ihre Selbstpositionierung und ihre Haltungen gegenüber Staat und Gesellschaft auswirkt. Wie schon im Vorgängerprojekt zu muslimischen Jugendgruppen setzte das Forschungsteam ‹Jugend› bewusst breit bei einem Alter von ca. 15 bis ca. 30 Jahren an. Dies entspricht jenen Phasen der Biographie, in denen sich junge Menschen zunächst in Bezug auf ihre Identität, später auch ökonomisch deutlicher von ihren Eltern lösen und in der Folge sozial und beruflich ihren persönlichen Platz in der Gesellschaft einnehmen. In diesen Phasen entwickelt der Heranwachsende u.a. intellektuelle und soziale Kompetenzen, ein Werte- und Normensystem wie auch ein ethisches und politisches Bewusstsein. Die wenige bisherige Forschung zu muslimischen Jugendlichen in der Schweiz hatte zwar bisweilen Fragen der Identitätsfindung, der Selbstpositionierung oder auch der Diskriminierung untersucht (vgl. S. 38 die weiterführende Literatur). Die Frage der genutzten Orientierungsangebote und der Aneig- nung von Religion wurde jedoch bisher einzig in Bezug auf Konvertiten gestellt, insbesondere von den Forscherinnen Susanne Leuenberger und Petra Bleisch. Bei der Frage nach den für die Jugendlichen relevanten Autoritäten gingen wir bewusst von der Perspektive der Jugendlichen aus: Sie sollten uns sagen, welche Orientierungsangebote für sie wichtig sind. Dabei ging es dem Forschungsteam nicht um die Inhalte dieser Angebote, sondern darum, wie die Jugendlichen sie nutzen. Bereits der Projekttitel «Imame, Rapper, Cybermuftis» ver- sucht anzudeuten, dass wir mit einem gewissen Spektrum an Autoritäten rechneten. Die tatsächliche Breite des Spektrums wie auch die hohe Zahl von über hundert genannten Autoritäten überraschte dann aber selbst uns. Methodisch gingen wir auf mehreren Ebenen vor: Während der ganzen Projektdauer unterhielten wir die Facebook-Seite Imra Cy und die eigene Webseite www.unilu.ch/imracy. Während die zweite der Selbstdarstellung diente, erlaubte uns die Facebook-Seite, mit zahlreichen jungen Muslimen in Kontakt zu treten, Hinweise auf Veranstaltungen und die aktuell vieldiskutierten Themen zu finden. Ausserdem besuchten wir während der ganzen Projektdauer verschiedentlich Veranstaltungen mit muslimischen Jugendlichen, um durch eigene teilnehmende Beobachtung weitere Kontakte zu knüp- fen und eigene Eindrücke zu gewinnen. Die Interviewpartner rekrutierten wir bewusst über mehrere Wege, um uns von keinem Zugang zu sehr abhängig zu machen: über Schlüsselpersonen an Mo- http://www.unilu.ch/imracy «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 8 | 39 scheen, Jugendtreffs und einer Berufsschule, durch direkte Ansprache, über Facebook-Kontakte, vereinzelt auch durch persönlichen Kontakt. Ab Frühjahr 2015 führten wir eine Serie von acht Gruppendiskussionen, um erste Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie muslimische Jugendliche und junge Erwachsene über Dilemmasituationen diskutieren, und um Ausgangspunkte für die Einzelinterviews zu gewinnen: Welche Handlungs- optionen sehen sie? Mit welchen Autoritäten, Werten oder Überlegungen legitimieren sie diese? Wie wägen sie die Optionen gegeneinander ab? Die kurz darauf mit Jugendlichen begonnenen Einzel- interviews dauerten zwischen 23 bis 240 Minuten, im Durchschnitt 82 Minuten. Ab Sommer 2015, vorwiegend aber 2016 interviewten wir ausserdem 18 Autoritäten, die uns in den Einzelinterviews als Orientierungsgeber genannt worden waren oder die wir als solche identifiziert hatten. Allein die 61 Einzelinterviews mit Jugendlichen machen fast 5000 Minuten Audioaufnahme aus. Für den vorliegenden Bericht dienen hauptsächlich die Einzelinterviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Datengrundlage. Sie wurden zunächst transkribiert und sodann mithilfe der einschlä- gigen Software Atlas.ti codiert und analysiert. Von Beginn der Transkription an haben wir die Namen der Interviewten durchgehend anonymisiert. Das Sample Bei der Auswahl der Interviewpartner und -partnerinnen konnte das Ziel nicht statistische Repräsentativität sein. Vielmehr ging es uns darum, ein möglichst breites Spektrum bedeutsamer Merkmale wie Geschlecht, Alter, Bildung, religiöses Profil oder Herkunftsregion der Eltern in genügend unterschiedlichen Kombinationen abzubilden. Neun Interviews wurden auf Französisch geführt, da wir die Romandie wenigstens ansatzweise berücksichtigen wollten, um zu erfahren, wo ggf. Unterschiede auszumachen sind. Das Sample (siehe Seite 9) deckt eine grosse Bandbreite ab. Dennoch seien einige Zahlen kom- mentiert: Der Anteil von 13 Interviewpartnern mit türkischem Hintergrund mag hoch scheinen, machen doch Muslime mit türkischem Hintergrund in der Schweiz nur rund 20% aller Muslime aus. Die hohe Zahl solcher Interviews rechtfertigt sich dadurch, dass es gerade im türkischen Diaspora-Islam zahl- reiche unterschiedliche, gut organisierte Richtungen gibt, von denen wir nun die meisten abgedeckt haben. Personen mit einem Bildungsabschluss auf Maturaniveau oder höher sind im Sample mit knapp der Hälfte übervertreten. Personen mit diesem Profil sind eher bereit, ein Interview zu geben bzw. werden von Mittelspersonen eher als Interviewpartner vermittelt als Personen mit Sekundarschul- oder Lehrabschluss. Trotzdem gehört etwas mehr als die Hälfte unserer Interviewpartner der zwei- ten Gruppe an. Sunniten machen im Sample wie auch in der Realität des Schweizer Islams die grosse Mehrheit aus. Bewusst haben wir dabei auch fünf junge Erwachsene mit salafistischen Auffassungen berücksichtigt. In der Realität des Schweizer Islams sind Salafisten eine kleine Minderheit. Die meisten Sunniten billigen den al-salaf aṣ-ṣāliḥ, ‹den tugendhaften Altvorderen›, d.h. den drei Grün- dergenerationen des Islams, eine Ehrenstellung zu. Wo aus dieser Ehrenstellung eine weit- reichende Verbindlichkeit für heute abgeleitet wird, spricht man von Salafismus. Ebenfalls ins Sample eingeschlossen haben wir Schiiten und Mitglieder der Ahmadiyya-Bewegung. Zwischen «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 9 | 39 der Minderheit der Schiiten und den Sunniten herrscht meist ein distanziertes Verhältnis. Die Ahmadis hingegen werden von vielen Muslimen als Anhänger einer häretischen Form des Islams betrachtet, obwohl sie praktisch durchweg die gleichen Normen wie die Sunniten anerkennen. Bewusst nicht berücksichtigt haben wir alevitische Jugendliche, da das Alevitum deutlich verschieden von den islamischen Hauptströmungen ist und sowohl von einem Grossteil seiner Anhänger als auch von der Wissenschaft und der Öffentlichkeit nicht dem Islam zugerechnet wird. Übervertreten sind im Sample praktizierende Muslime. Dies liegt in der Natur einer Untersuchung, die nach religiöser Orientierung fragt. Wir haben aber bewusst auch mindestens zehn Personen befragt, die nach eigener Auskunft oder unserer Einschätzung wenig bis gar nicht praktizieren. Sie selbst sehen sich dennoch als Muslime oder werden als solche wahrgenommen. Und auch unter den Praktizierenden üben nicht alle ihre Religion auf die gleiche Weise aus. Sie variieren bspw. er- heblich in der Teilnahme an Gemeinschaftsanlässen, aber auch z. B. im Interesse am Kennen- lernen weiterer religiöser Inhalte (vgl. unten S. 16). Das Sample der von uns interviewten jungen Muslime und Musliminnen setzt sich wie folgt zusammen: Merkmale des Samples Geschlecht Alter Zivilstand Aufenthaltsdauer in der Schweiz höchster Bildungsabschluss Frauen 28 Männer 33 bis 20 19 21-26 32 27 und älter 10 ledig 50 nur rel. verh. 1 zivil verheiratet 8 geschieden 2 mehr als Hälfte des Lebens 54 weniger als Hälfte des Lebens 7 Sek/Lehre 33 Gym./HF/Uni 28 Familiäre Sozialisation Herkunft der Eltern Religionsrichtung Hauptsprache bei rel. Suche beide Eltern muslimisch 57 ein Elternteil nicht-musl. 3 beide Eltern nicht-musl. 1 gemischt mit CH 3 gemischt ohne CH 4 Westbalkan 14 Türkei 13 Maghreb 12 östl. arab. Länder 4 Südasien 5 Ostafrika 5 übrige 1 Sunni (inkl. Salafi) 55 Nicht-Sunni 6 Arabisch 4 Deutsch/Franz. 25 Herkunftssprache der Eltern 9 2 oder mehr Spr. 20 unklar 3 Auswertung Die Datenbasis der vorliegenden Studie ist nicht nur sehr umfangreich. Das Material ist auch äusserst vielschichtig und bietet die Möglichkeit, die Aussagen auf unterschiedliche Fragestellungen hin zu «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 10 | 39 analysieren. In jedem Fall ist es eine Momentaufnahme der einzelnen Person. Bereits ein halbes oder ganzes Jahr später könnte derselben Person in einem Interview mit denselben Fragen womöglich ganz anderes wichtig und berichtenswert erscheinen. In manchen Fällen konnten wir an Interview- partnern, die wir später erneut antrafen, solche Akzentverschiebungen wahrnehmen. Diese Beobach- tung schmälert den Erkenntniswert der Interviews keineswegs. Sie soll uns aber davon abhalten, die interviewten Personen auf bestimmte Eigenschaften oder Aussagen zu reduzieren und dauerhaft fest- zuschreiben. Ohnehin ist die Untersuchung nicht an der konkreten Person X oder Y interessiert, sondern an den von ihr ausgedrückten Haltungen, wie sie zugleich bei vielen weiteren Personen ähnlich vorkommen. Ein Interviewpartner präsentiert dem Forschenden stets seine Sicht der Dinge. Seine Darstellung verfolgt zudem je nach Situation bestimmte Ziele: Der Interviewpartner versucht in gutem Licht zu erscheinen – vor der Forscherin oder dem Forscher, vor der von ihnen repräsentierten Öffentlichkeit, vor Glaubensgeschwistern, vor sich selber. All dies ist bei der Auswertung der Interviewaussagen zu berücksichtigen. Nach Projektende Mit der Publikation des vorliegenden Berichts ist das Projekt erst an seinem vorläufigen Ende. Ein Teil des Materials bleibt noch auszuwerten. Vor allem aber beabsichtigt das Forschungsteam, die Ergeb- nisse in einer Buchpublikation breiter und systematischer darzustellen und mit detaillierteren Belegen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In wissenschaftlichen Beiträgen beabsichtigen wir in den nächsten Jahren überdies weitere Einzelaspekte aufzugreifen und zu vertiefen. Wir hoffen, dass die Ergebnisse auch diesmal, wie beim Jugendgruppen-Projekt, wieder auf Interesse von Fachleuten in Schule, Sozial-, Jugend- und Integrationsarbeit, bei Behörden, in der Zivilgesell- schaft, in muslimischen Gruppen und Organisationen und auch bei Medienschaffenden stossen. Für diese Gruppen bereiten wir wiederum ein Vermittlungsprogramm vor. Geplant ist, unsere Erkenntnisse didaktisch aufzubereiten und in halbtägigen Workshops mit begrenzter Teilnehmerzahl vorzustellen und gründlich zu diskutieren. Entsprechende Ausschreibungen werden auf der Weiterbildungsseite des Zentrums Religionsforschung zu finden sein: www.unilu.ch/zrf/wb. http://www.unilu.ch/zrf/wb «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 11 | 39 Hinwendungsprozesse Die folgenden Kapitel stellen die wichtigsten Ergebnisse unserer Studie vor, die uns mit Blick auf die zu Beginn formulierten Forschungsfragen besonders relevant erscheinen. Im ersten Hauptkapitel geht es dabei um Fragen wie: Wann und ausgelöst wodurch bzw. unter welchen Bedingungen kommt es bei jungen Muslimen zu einer Auseinandersetzung mit dem Islam? Wie verlaufen Prozesse der religi- ösen Hinwendung bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen? Welche Auswirkungen haben Hin- wendungsprozesse auf ihr Verhalten und die sozialen Beziehungen zu ihren Mitmenschen? Welche religiösen Bedürfnisse stehen bei den jungen Muslimen im Vordergrund, wenn sie sich mit dem Islam beschäftigen? Die muslimische Jugend in der Schweiz auf der Suche nach religiöser Identität Die Minderheitensituation und der negative Islam-Diskurs in der Schweiz drängen zur Ausein- andersetzung mit der eigenen religiösen Identität. Sie sind somit ein wichtiger Impuls für die Hinwendung muslimischer Jugendlicher zum Islam. Die Adoleszenz ist eine Phase der Suche nach der eigenen Identität und nach Zugehörigkeit. So erfolgt eine erste bewusste Hinwendung zu religiösen Themen häufig in der Jugend, bei jungen Mus- liminnen und Muslimen wie auch bei Angehörigen anderer Religionen. Im Vergleich zu nicht-muslimi- schen Jugendlichen in der Schweiz und zu muslimischen Jugendlichen in Ländern mit einer mehrheit- lich muslimischen Bevölkerung sehen sich junge Muslime in der Schweiz stärker zu einer solchen Auseinandersetzung angehalten: einerseits dadurch, dass sie als religiöse Minderheit ständig mit anderen, in dieser Gesellschaft stärker vertretenen religiösen und weltanschaulichen Positionen kon- frontiert sind, und andererseits, weil sie wegen des negativen Islam-Bilds in ihrem nicht-muslimischen Umfeld vor sich selbst und vor anderen die eigene religiöse Position auch aktiv rechtfertigen müssen. Die Minarett-Debatte war in dieser Hinsicht für viele der befragten Muslime einschneidend; die gegenwärtigen Initiativen für kantonale und nationale Verhüllungsverbote (‹Burkaverbot›) dürften einen ähnlichen Einfluss haben. Neben der Identitätsbildung in der Adoleszenz und der gesellschaftlichen Diskussion können auch andere Faktoren eine vertiefte Beschäftigung mit dem Islam auslösen. Bei den von uns interviewten Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind das etwa Todesfälle oder Krankheit in der Familie, eine Sinnkrise oder Unzufriedenheit mit dem eigenen Lebensstil. Auch die Geburt und Erziehung von Kin- dern oder auch die Begegnung mit religiösen Menschen und Reisen in muslimisch geprägte Länder können Auslöser sein. Die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen religiösen Identität geht stark von den Jugendlichen selbst und ihren Bedürfnissen aus. Entgegen populären Annahmen haben mus- limische Institutionen, religiöse Autoritäten oder die Eltern höchstens am Rande einen Einfluss darauf. Bisweilen erfolgt die Identitätssuche gar in bewusster Abgrenzung zum Islam der Eltern. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 12 | 39 Muster der Hinwendung Hinwendungen können als graduell und kontinuierlich oder als biographischer Bruch erlebt werden. Die Mehrheit unserer Interviewpartnerinnen und -partner hat keine gezielte religiöse Erziehung in der Familie genossen. Ihre Eltern sind zwar religiös und praktizieren zumindest selektiv den Islam, verfü- gen aber überwiegend nicht über umfassende Kenntnisse über Glaubensinhalte, die sie ihren Kindern auf geeignete Weise weitergeben können. Einige dieser Eltern legen aber Wert darauf, dass ihre Kinder ein Grundwissen über den Islam erwerben und schickten sie deshalb in den Koranunterricht einer Moschee. Eine Minderheit der Eltern hat hingegen selbst eine fundierte religiöse Erziehung oder Ausbildung erfahren oder sich selbst im Erwachsenenalter im Glauben vertieft. Sie versuchen ihren Kindern ihr Wissen weiterzugeben und den Kindern zu helfen, eine emotionale Beziehung zum islamischen Glauben aufzubauen. Für einige unserer Interviewpartner war neben der religiösen Erziehung zu Hause und in der Moschee aber auch der Religionsunterricht an der Schule (mit muslimischer Lehrperson) prägend. Einige wenige junge Muslime in unserem Sample haben zuhause keinerlei religiöse Prägung erhalten. Je nach religiöser Sozialisation haben junge Muslime in der Schweiz als Jugendliche eine unter- schiedlich starke Beziehung zum Islam und einen unterschiedlichen Wissensstand. In unserem Sample finden wir zwei Hauptmuster der Hinwendung: Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in ihrer Kindheit durch die Familie schon in die reli- giöse Gemeinschaft eingebunden waren und im Elternhaus oder in der Moschee bereits eine islamische Bildung genossen haben, beschreiben Hinwendungsprozesse zum Islam in ihrer Bio- graphie in der Regel als graduell und kontinuierlich. Das heisst, sie berichten nicht von einem plötz- lich erwachten Interesse an religiösen Themen, sondern eher von einer dauerhaften Beschäftigung mit dem Islam. Typischerweise vertiefen sie in der Jugendphase die Auseinandersetzung, führen diese bewusster und ergründen spezifische Fragen mit gesteigertem Interesse, ohne dass dabei notwendig ein deutlicher Wandel von aussen beobachtbar wäre. Jugendliche und junge Erwachsene, die ihre Hinwendung zum Islam hingegen als biographischen Bruch oder deutlichen Sinneswandel beschreiben, sind meist als Kind kaum religiös sozialisiert worden. Sie beschreiben ein plötzlich aufkommendes starkes Interesse an religiösen Themen und den Wunsch ihren bisherigen Lebensstil zu ändern und auch deutlich nach aussen hin sichtbar zu markieren. Das erste Muster kann mit einem Zitat von einer jungen Tunesierin veranschaulicht werden: Ich habe immer gesehen, dass mein Vater fünf Mal am Tag betet, meine Mutter auch und meine älteren Geschwister auch. Es gab immer Eid, also Bayram. Und das ist mir schon als kleines Kind erklärt worden, was das genau ist. […] Ich habe auch nichts anderes gekannt. Und dann in der Pubertätszeit, so mit 15, 16, habe ich mich halt so ein bisschen gefragt: ‹Wieso bin ich Muslimin?› Oder ich habe mich auch erkundigt und wollte einfach wissen, was genau der Islam ist für mich oder wieso ist jetzt das meine Religion? […] Ich habe auch andere Religionen angeschaut wie Judentum, Christentum, Buddhismus. Halt all diese Sachen. Und ich habe dann einfach für mich gedacht: ‹Doch, dort, wo ich jetzt bin, ist eigentlich das richtig für mich.› […] Ich habe immer schon das Gespür gehabt, ja es gibt Gott. Oder ich hatte immer den Bezug, ja. (Huja, w, 21) Ein gutes Beispiel für das zweite Muster ist Djihan. Sie erinnert sich, dass der Islam in ihrer Kindheit und Jugend keine grosse Rolle gespielt hat und dass ihre Eltern sich zwar als Muslime verstehen, «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 13 | 39 aber ihre Religion nicht praktiziert haben. Als Jugendliche habe sie stark gegen die marokkanische Kultur ihrer Eltern rebelliert und ihre Freiheit erkämpft. Sie fand aber schliesslich in dieser Freiheit nicht Zufriedenheit oder Erfülltheit. Man kommt wie nicht aus dem raus. Aus dem Partyleben und aus dem.. aufhören zu rauchen. Und ich habe mit vielen Menschen sogar im Ausgang, stockbesoffen, wirklich, habe ich immer wieder die Frage gehabt: ‹Was ist unser Leben?› Das kling zwar blöd, aber das ist wirklich / ich habe immer gefragt: ‹Was bringt uns das ganze Leben so?› Und es hat ja niemand eine Antwort. Und auch nicht meine Eltern […]. Und für mich ist ein Mensch, der seinen Seelenfrieden gefunden hat, der strahlt das auch aus. Der lebt das auch. Der hat einen Frieden innerlich. Und ich (lachend) ich habe das irgendwie nie bei diesen Muslimen gesehen. […] Ich habe mich von der ganzen Welt abgeschottet. Von allen. Ich habe einmal gesagt: ‹Vorbei.› […]. Es ist der Tag gekommen, wo ich gesagt habe: ‹Jetzt, muss es sich ändern.› Und das ist einfach nach dem gekommen, wo ich Gott gefragt habe, ob er mich dann / ob er mir einfach den Weg zeigen könne, weil ich könne ihn ja nicht mehr alleine das machen. Und dann sind eben die Sachen passiert, die mir dann den Weg gezeigt haben. Und ja seit dann ist eigentlich meine Reise immer weitergegangen. Und so bin ich dann auch zum Wissen gekommen, was Islam überhaupt ist. (Djihan, w, 30) Schwankungen bei der Hinwendung Die Auseinandersetzung mit dem Islam erfolgt oftmals in sich abwechselnden Phasen der Hinwendung und Phasen der Distanzierung bzw. des geringeren Interesses an religiösen Themen. In den biographischen Erzählungen der jungen Muslime und Musliminnen in unserer Studie wurde sehr deutlich, dass Hinwendungen zu religiösen Themen dabei nicht geradlinig erfolgen. Vielmehr fol- gen Phasen der bewussten Hinwendung auf Phasen der Distanzierung oder des geringeren Interes- ses an Religion und umgekehrt. D.h. das Interesse an religiösen Themen und die Intensität, mit der sich die Interviewten mit dem Islam auseinandersetzen, schwankt über die Zeit. Eine geringere Beschäftigung mit dem Islam kann dabei ganz unterschiedliche Gründe haben. Häufig ist der Grund einfach, dass andere Themen während des jeweiligen Lebensabschnitts besonders viel Aufmerk- samkeit beanspruchen, so etwa in einer Phase mit starkem schulischen Druck oder in der Zeit des Berufseintritts. Eine Distanzierung vom Islam kann aber auch gewissermassen bewusst und gezielt erfolgen und gekennzeichnet sein von Zweifeln oder dem Hinterfragen der Religion und Kultur der Eltern. Auch eine allgemeine Religionskritik oder Kritik an spezifischen Glaubensinhalten des Islams oder an religiöser Autorität kann zur Distanzierung führen. Eine solche bewusste Distanzierung ist häufig angestossen durch islamkritische Haltungen im Freundeskreis oder den negativen Islam- Diskurs in Medien und Gesellschaft allgemein. Insbesondere in der Jugendphase wird von einigen Muslimen der Islam als Einschränkung empfunden und etwas, das sie aus den Aktivitäten ihrer nicht- muslimischen Peers ausschliesst und ihnen gewisse Erfahrungen vorenthält, so etwa Alkoholkonsum oder aussereheliche Sexualbeziehungen. Bei einigen Interviewpartnern stand eine Phase der Distan- zierung vom Islam bzw. der schwächeren religiösen Praxis mit negativen Erlebnissen in der Familie oder der Enttäuschung durch Vorbilder (Eltern, andere religiöse Vorbilder) in Zusammenhang. Besonders häufig wird hierbei Kritik an den religiös-kulturellen Praktiken der Eltern geübt. Eine Auflösung des Konfliktes und neue Annäherung an den Islam gelingt den Jugendlichen und jungen Erwachsenen dann häufig dadurch, dass sie die kritisierten Praktiken und Überzeugungen der Herkunftskultur der Eltern zuordnen und nicht als zum Islam gehörig bzw. jedenfalls nicht als vereinbar mit ihrem eigenen Islamverständnis erachten. Diese Strategie machen sich in unseren Interviews besonders häufig die jungen Frauen zu eigen: So führen sie etwa die Benachteiligung von Frauen in muslimischen Gesellschaften und auch unter Muslimen in der Schweiz nicht auf den Islam, «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 14 | 39 sondern auf kulturelle Einflüsse in den Herkunftsländern zurück. Sie fordern daher einen ‹entkulturali- sierten› Islam, den sie als zeitgemäss und passend für Muslime in der Schweiz erachten. Die Beobachtung, dass die Art und Intensität der Auseinandersetzung mit dem Glauben bei den jungen Muslimen über die Zeit schwankt, impliziert, dass unsere Interviews mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen als eine Momentaufnahme zu verstehen sind. Die gegenwärtige Positionierung der Interviewpartner lässt daher nur begrenzt Schlüsse über die zukünftige religiöse Praxis dieser Personen und ihre zukünftigen religiösen Einstellungen zu. Jugendliche, die zum Zeitpunkt des Interviews etwa mit einem salafistischen Islamver- ständnis sympathisieren, können nur wenige Monate später wieder Abstand davon genommen haben. Die zum Teil konfliktreiche Suche nach der eigenen islamischen Identität lässt sich gut am Beispiel von Metin illustrieren. Er bezeichnet sich selbst im Interview scherzhaft als ‹Salafufi›, demnach als Mischung aus Salafi und Sufi. Er erhielt in der Familie keine bewusste religiöse Erziehung, seine Eltern praktizierten den Islam nicht konsequent. Angestossen durch ältere Geschwister begann Metin im Alter von 15 Jahren sich mit dem Islam auseinanderzusetzen und das Gebet zu praktizieren. Zu dieser Zeit hatte er eine nicht-muslimische Freundin, was ihm zunehmend innere Konflikte bereitete. […] ich habe für mich ein Gottesbild geschaffen, das ein bisschen strenger ist. Und ich hatte einfach das Gefühl, er ist streng und er gibt sehr viel, aber er verlangt auch viel. Sozusagen. Einfach dieses Bild hatte ich. Irgendwann mal habe ich mich von meiner Ex-Freundin getrennt. […] Weil ich wusste, ich liebe sie und ich wollte mit ihr zusammen sein, aber ich darf nicht. Weil sie war Atheistin und sie hat nicht an Gott geglaubt. Und dann ist es für mich einfach ‹ich darf nicht›. […] und als ich mich von ihr getrennt habe, […] ich weiss auch nicht / aber dann habe ich mich automatisch auch vom Islam getrennt. Ich weiss nicht, ob ich dann auch so wie Gott die Schuld gegeben habe oder irgendwie ich weiss auch nicht, dem Islam die Schuld gegeben habe oder was auch immer. Oder mir die Schuld gegeben habe. Aber dann hatte ich keine Freude mehr und ich konnte es gar nicht mehr machen. Also ich konnte gar nicht mehr beten / also / ich hatte keine Lust mehr gehabt. All das, all die Motivation, die ich bis dann hatte, war einfach weg. (Metin, m, 25) Nach einigen Jahren der Distanz zum Islam suchte Metin schliesslich wieder mehr nach religiöser Praxis und der Beschäftigung mit religiösen Inhalten. Seine Beziehung zum Islam erlebt er heute als weniger konfliktreich und sein Gottesbild hat sich verändert. Gleichwohl hat er viele für sich noch ungeklärte Fragen und ist weiterhin auf der Suche nach dem für ihn passenden Islam. Auswirkungen der Hinwendung Die Hinwendung zum Islam hat nicht nur Auswirkungen auf das Verhalten der jungen Muslime selbst, sondern sie führt häufig zu einer veränderten Wahrnehmung durch das soziale Umfeld. Im Familien- und im Freundeskreis überwiegen positive Reaktionen, in der Schule, am Arbeits- platz und in der Öffentlichkeit eher die negativen. Machen muslimische Jugendliche ihr vertief- tes Interesse am Islam durch äussere Erscheinung oder Praxis sichtbar, so müssen sie mit Ausschlusserfahrungen und Diskriminierung rechnen. In den Interviews werden verschiedene Auswirkungen der Hinwendung zum Islam auf das eigene Verhalten, aber auch auf die Wahrnehmung der Interviewpartner durch ihr soziales Umfeld beschrie- ben. Hinsichtlich der Haltungen und des Verhaltens der jungen Muslime selbst bewirkt eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Islam zumeist, dass sie sich bemühen, ihren Alltag stärker als zuvor «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 15 | 39 entlang religiöser Normen zu gestalten. Das heisst, die Vertiefung der Kenntnisse im Islam ist bei Hinwendungsprozessen, wie sie uns im Projekt geschildert wurden, kein Selbstzweck. Sie dient ent- weder bewusst als Mittel zur Bestimmung dessen, wie rituell oder im Alltagsleben gehandelt werden sollte, oder beeinflusst jedenfalls vorhandene Einstellungen und Verhaltensweisen der Jugendlichen. Dabei muss die Suche nach solchen Kenntnissen nicht das anfängliche Motiv für die Ausein- andersetzung mit dem Islam gewesen sein. So wird Verhalten, welches bekannten islamischen Normen widerspricht, vermieden, so etwa Alkoholkonsum, Lästern und Fluchen oder als ‹sinnlos› erachteter Zeitvertreib. Der Freundeskreis wird gewechselt, wenn die bisherigen Freunde dem ge- wählten Lebensstil nicht entsprechen bzw. ihn nicht akzeptieren. Der innere Wandel wird z.T. auch durch eine äusserliche Veränderung markiert. Dies zeigt sich bei Frauen insbesondere durch den Entscheid für das Tragen des Kopftuches. 3 Männer unterstreichen diesen Wandel manchmal durch einen Bart oder ihre Kleidung. Eine Hinwendung wird mitunter kontextabhängig durch die häufige Verwendung islamischer Redewendungen gekennzeichnet. In ihren Familien erlebten junge Muslime aus unserer Studie zumeist positive Reaktionen auf ihre be- wusstere oder intensivere Auseinandersetzung mit dem Islam. Auch nicht-muslimische Familien- angehörige unterstützen ihre religiöse Orientierung. Ambivalenter ist die Reaktion auf äusserliche Veränderungen, z.B. im Kleidungsstil. Eltern zeigen sich etwa bei Mädchen und jungen Frauen, die das Kopftuch tragen wollen, häufig zunächst skeptisch und raten ihnen davon ab. Dieses nicht, weil sie das Kopftuch an sich ablehnen, sondern, weil sie ihre Töchter vor negativen Reaktionen und Nachteilen in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt und in der Öffentlichkeit schützen möchten. Gelegent- lich findet sich in der Verwandtschaft der jungen Muslime aber auch die Haltung, dass eine konsequente religiöse Praxis wie der Verzicht auf Alkohol, regelmässige Gebete und das Tragen des Kopftuchs erst im fortgeschrittenen Alter wichtig ist. Den Jugendlichen wird dann mit Unverständnis oder gar Spott begegnet, wenn sie Wert auf die Einhaltung religiöser Normen legen und sich dies in ihrem Verhalten und Aussehen niederschlägt. In der gesellschaftlichen Diskussion wird die Vielfalt religiöser Hinwendungsprozesse und religiöser Profile nicht wahrgenommen. So erscheint die Hinwendung zum Islam vielen Nicht-Muslimen und mitunter auch stark säkular orientierten Muslimen fast automatisch als eine Radikalisierung und jede Form sichtbarer Religiosität bei jungen Muslimen gilt als problematisch. Es überrascht daher nicht, dass unsere Interviewpartner und Interviewpartnerinnen von negativen Reaktionen Aussenstehender auf sichtbare äussere Veränderung berichten (siehe Kapitel «Junge Muslime und Schweizer Gesellschaft»). Besonders häufig wird diese Erfahrung von Frauen, die das Kopftuch tragen, im Interview angesprochen: Schul- und Arbeitskollegen, die zuvor einen freundlichen Umgang mit ihnen pflegten, gehen beispielsweise nach dem Entscheid zum Kopftuch auf Distanz; Arbeitgeber wollen die jungen Frauen mitunter nicht länger beschäftigen. Die Arbeitssuche mit Kopftuch wird als allgemein schwierig erlebt. Diese Frauen werden häufig von Arbeitgebern, Arbeitskollegen und Arbeitsvermitt- lern dazu aufgefordert, das Kopftuch abzulegen. Dies geschieht auch in Berufen und an Arbeits- plätzen, wo keine hygienischen Bedenken geltend gemacht werden können und der Kundenkontakt begrenzt ist. Junge Männer berichten seltener von Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Sie werden aber manchmal von Kollegen gestichelt, weil sie Muslime sind, oder sie erklären, das Thema Religion am Arbeitsplatz bewusst zu vermeiden, um Auseinandersetzungen vorzubeugen. Ein Teil der jungen Musliminnen und Muslime aus unseren Interviews versucht aktiv durch ein gezielt positives, kommunikatives Auftreten möglichen Vorurteilen durch Kollegen entgegenzuwirken. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 16 | 39 Diversität religiöser Profile und Bedürfnisse Obwohl die religiösen Profile und Bedürfnisse dieser jungen Leute durchaus sehr verschieden sind, vertritt der überwiegende Teil unserer Interviewpartner ein Islam-Verständnis, das mit der Schweizer Kultur und ihren Werten vereinbar ist. Das heisst auch, dass Praktiken und Vorstellungen in anderen Ländern den Jugendlichen nur bedingt als Vorbild für ihre religiöse Praxis in der Schweiz dienen. Wie schon eingangs erwähnt ist der Mehrheit unserer Interviewpartner gemeinsam, dass sie der Reli- gion eine hohe Bedeutung beimisst. Dabei wird der Islam von vielen als umfassende Religion, die in ihrem Alltag immer irgendwie präsent ist, beschrieben. So erklärt Yasmine: Der Islam ist halt eine Religion, die allgegenwärtig ist. Also der Islam ist immer da. Der Islam ist nicht eine Religion, wo man einmal in der Woche in die Kirche geht und dann ist gut, oder. Sondern der Islam begleitet mich eigentlich, man kann eigentlich sagen, bei allem. Also für mich ist Religion eigentlich die ganze Zeit da und egal ob ich jetzt arbeiten gehe, ob ich auf meine Kinder zu Hause aufpasse, ob ich jetzt koche oder wirklich in jeder Entscheidung ist die Religion ja da. (Yasmine, w, 26) Dennoch unterscheiden sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen darin, wie sie den Islam leben und worauf es ihnen dabei ankommt. Die Akzente können sich auch über die Zeit oder je nach Situation verschieben. Für eine Gruppe der interviewten Muslime ist der Islam vor allem eine Quelle für Kraft und Halt in schwierigen Zeiten, etwas, das sie emotional stützt. Für andere ist der Islam in erster Linie eine Richtschnur oder ein Wegweiser für ein gutes, moralisches Leben. Er liefert ihnen Grundwerte, an denen sie ihr Verhalten ausrichten. Ihre Alltagsentscheidungen treffen sie dann im Geiste dieser Werte. Sie haben nicht das Bedürfnis, für jede spezifische Situation, jeden Einzelfall eine passende islamische Quelle zu konsultieren. Auch die genaue Einhaltung islamischer Riten spielt für Muslime wie Kamilia eine untergeordnete Rolle. Ich habe das Gefühl, ich muss mehr wissen. Also ich habe das Gefühl, indem, dass ich gewisse Sachen hinterfrage, bin ich nicht grundsätzlich eine schlechte Muslima. Ich habe das Gefühl, der Islam will mehr von mir, als den Koran auswendig lernen und dass ich fünfmal am Tag bete. Weil Fakt ist, ich habe jetzt zwar gefastet, relativ viele Tage. […] Aber ich bete jetzt nicht. Jetzt kann man sich darüber streiten […], bin ich darum eine schlechte Muslima, komme ich darum in die Hölle? Ich glaube nicht. (Kamilia, w, 25) Demgegenüber ist für einen Teil unserer Interviewpartner der Islam eine Art Regelwerk, das genaue Handlungsanweisungen für die rituelle Praxis und/oder das Verhalten in der Gesellschaft vorgibt. Für sie ist es wichtig, für ganz konkrete Alltagssituationen aus islamischen Quellen Ratschläge und In- struktionen zu erhalten, die sie genau einhalten und umsetzen möchten. Die religiöse Gemeinschaft hat für die jungen Leute insgesamt einen unterschiedlichen Stellenwert: Einigen Jugendlichen geht es vor allem darum, für sich selbst eine religiöse Position zu finden und ihre persönliche Spiritualität auszuleben, ohne dass sie notwendigerweise den Austausch mit anderen Mus- limen und die Teilnahme an gemeinschaftlichen religiösen Praktiken wünschen. Anderen, zum Beispiel Fauziya, ist die religiöse Praxis in der Gemeinschaft mit anderen Muslimen ein Bedürfnis. Sie suchen gezielt den Austausch und das gemeinsame Erlebnis, das ihnen auch als eine Bestätigung für ihre Iden- tität als Gruppenmitglied und zur Bewältigung von Ausschlusserfahrungen in der Gesellschaft dient. Ja und wenn sie jetzt zum Beispiel Veranstaltungen haben, gehe ich sehr gerne hin, weil halt die Atmosphäre ist anders. Also es ist halt diese Bindung unter Muslimen, dass man wieder Geschwister sieht im Islam und dass man auch ein bisschen den īmān [Glauben] auch wieder ein bisschen hochpushen kann. Das ist einfach für mich wichtig. (Fauziya, w, 26) «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 17 | 39 Autoritäten ‹Autorität› Die vorliegende Studie fragt nach handlungsleitenden und prägenden Orientierungsangeboten für muslimische Jugendliche. Sie nimmt dabei konsequent die Seite der ‹Nachfrage›, d. h. der Jugendlichen, in den Blick und verwendet einen weiten Autoritätsbegriff. Unser Projekt gilt der Frage, an welchen islamischen Angeboten und Normen sich junge muslimische Frauen und Männer in der Schweiz orientieren, wie sie damit umgehen und wie sich dies auf ihre Haltungen gegenüber Staat und Gesellschaft auswirkt. Von der Ausarbeitung des Projektantrags bis zur vorliegenden Publikation begleitete uns dabei die Frage nach dem geeigneten Begriff für die Quellen dieses angenommenen Einflusses. Passt der Begriff ‹Autorität›? Und was macht Autorität aus? Zögern liessen uns sowohl der gängige Sprachgebrauch als auch die gängigen soziologischen oder politikwissenschaftlichen Theorien zu Autorität. In aktuellen Islam-Debatten begegnet einem die Vorstellung, der Koran lege direkt anwendbare Normen fest, hiesige Musliminnen und Muslime folgten bereitwillig den Empfehlungen des Imams an ihrer Moschee, und es seien agitatorische Reden von Internetpredigern, die instabile Jugendliche zum Aufbruch nach Syrien veranlassten. Irgendeine Form von starkem Einfluss wird dabei angenommen. In jedem Fall, so die gängige Vorstellung, hat das Wort der Autorität Gewicht für andere. In vielen Fällen verfügt Autorität über Mittel zur Durchsetzung des erwünschten und zur Sanktio- nierung abweichenden Verhaltens. Der Staat, vertreten durch eine Behörde (engl. ‹authority›), hat dank dem Gewaltmonopol solche Mittel. Wie aber steht es im Bereich der Religion? Zwar kennt zum Beispiel auch die römisch-katholische Kirche zahllose Mittel, die erwünschtes Verhalten belohnen und abweichendes Verhalten bestrafen können. Anwenden kann sie diese jedoch nur auf Personen, die sich dieser Kirche prinzipiell zugehörig fühlen. Andere religiöse Traditionen wie etwa die reformato- rischen Kirchen oder auch der Islam sind hier in der Theorie wesentlich weniger rigoros. So gibt es in den beiden genannten Religionen keine oberste Lehr- und Sanktionierungsautorität, die weltweit vom Gros der Gläubigen anerkannt wäre. Wo Religionen Sakramente wie in den reformatorischen Kirchen nur begrenzt oder wie im Islam gar nicht kennen, entfallen diese als Druckmittel. Die Religionen müs- sen also auf subtilere Formen der Überzeugung ausweichen. In Frage kommen insbesondere ‹Gottes Wille› und der Konformitätsdruck innerhalb der Gemeinschaft. Sollten wir im Kontext der Studie folglich lieber konsequent nur von ‹Orientierungsangeboten› sprechen? Auch wenn die Jugendlichen faktisch zwischen unzähligen Angeboten wählen können, ist uns dieser Begriff alleine zu konturlos, umfasst er doch auch Angebote, die kaum in Betracht kom- men. Das Wort der Autorität hat Gewicht, weil andere ihr wichtige positive Eigenschaften zuschreiben. Autorität ist somit an Beziehungen gebunden und beruht auf Zuschreibung. Arbeitsdefinition Aufgrund von Anhaltspunkten aus der pädagogischen und soziologischen Forschung sowie unseren Beobachtungen operieren wir in unserer Untersuchung mit einem weiten Begriff von Autorität. Wir verwenden die folgende Arbeitsdefinition: «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 18 | 39 Autorität ist jede Person, Organisation oder Instanz, deren Position vom Interviewpartner ernsthaft in Betracht gezogen wird bei der Suche nach für ihn bedeutsamen Auskünften, Erklärungen oder Handlungsempfehlungen. Autorität in diesem Sinn entsteht, weil andere Personen einer bestimmten Person, Organisation oder Instanz Kompetenz, Wissen und andere legitimierende Qualitäten zuerkennen. Sie ist daher wesent- lich von der ‹Nachfrageseite› abhängig, womöglich Schwankungen im Urteil der Nachfragenden unter- worfen, subjektiv, in ihrer Reichweite begrenzt und stark veränderlich. Mit dem Wort Nachfrage ist zugleich angedeutet, dass die Orientierungsangebote durchaus als Markt gedacht werden können. Autorität im Islam Was aber wird von den Jugendlichen nachgefragt? Dies hängt einerseits von den Umständen der Hinwendung zur Religion beim Einzelnen ab, wie das Kapitel «Hinwendungsprozesse» darstellte. Es lassen sich jedoch drei Bereiche ausmachen, in denen sich die Hinwendung insgesamt konkretisieren kann und später auch fortsetzt: die Suche nach Auskunft, nach Rat und nach Ermutigung. Diese Bedürfnisse lassen sich vermutlich auch bei Jugendlichen anderer religiöser Traditionen ausmachen. Was sind also die konkreten Merkmale der islamischen Tradition? Die islamische Tradition weist dem einzelnen Gläubigen grosse Eigenverantwortung für sein Heil zu. Er ist gehalten, die für seine Situation passenden Grundsätze zu erkennen und anzu- wenden. Dafür kann er sich an den Meinungen religiöser Spezialisten wie auch an der Praxis anderer Gläubiger orientieren. Islam bedeutet ‹völlige Hingabe›. Aus dieser Grundhaltung bildete sich seit der Entstehung dieser Religion im 7. Jahrhundert n. Chr. das Bestreben aus, für jede Situation des Lebens das angemesse- ne, gottgefällige, ‹richtige› Verhalten zu kennen, sowohl für den Kultus als auch für den Alltag unter den Menschen. Dieses Bestreben verfestigte sich im Lauf der Zeit zu expliziten Normen für alle mögli- chen Situationen des Lebens. Da sich aber sehr früh zeigte, dass gedankenlose Anwendung zu ab- surden Ergebnissen führt, hat die islamische Tradition zugleich Grundsätze für das Ableiten, Abwägen, Entscheiden und Anwenden wie auch einen volkstümlichen Umgang mit dem hohen Ideal ausgebildet. Nicht alle Menschen einer Gesellschaft sind Muslime, nicht alle Muslime nehmen das Ideal gleich wichtig, und nicht alle Bekenner des Ideals gelangen zu denselben Lösungen für sich. Der Koran als der Text mit der höchsten Geltung regelt relativ wenige Dinge klar. Da sich die Umstände nach Zeit und Ort wandeln, sind die Gläubigen gehalten, den Koran und die Hadithe, die äusserst vielfältigen Berichte über Worte und Taten des Propheten Muhammad, permanent zu interpretieren. Wer das nicht kann, ist auf Spezialisten angewiesen oder orientiert sich am lokal Gebräuchlichen. In fast allen Staaten gilt heute zumindest dem Buchstaben nach der Primat eines säkularen Rechts, auch wenn dieses gerade in vielen islamisch geprägten Ländern starke Einflüsse des religiösen Rechts aufweist. Doch selbst in einer Gesellschaft mit staatlicher Religionsbehörde, erst recht aber in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und unter Diaspora-Bedingungen treten die unter- schiedlichsten Interpreten dieser Religion und ihrer Normen auf. Diese Interpretationen gänzlich zu ignorieren ist ebenfalls eine Option. In der Schweiz sind die Umstände anders als in traditionell islamischen Ländern: Es gibt unter den Älteren relativ wenige Muslime mit vertieften Kenntnissen. Für die Kinder und Jugendlichen gibt es «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 19 | 39 selten einen Religionsunterricht, der über die für das Gebet notwendigen kurzen Suren hinausgeht. Der Staat bietet keine Unterstützung, die Gesellschaft eher noch Hindernisse und Unverständnis. An- stelle staatlicher Gängelung wie in etlichen Herkunftsländern der Eltern, erleben Eltern und Kinder hier auch in Religionsdingen ein maximales Angebot. Hinzu kommt das Aufeinandertreffen unterschied- licher muslimischer Diasporatraditionen. Muslimische Jugendliche suchen Auskunft, Rat und Ermutigung. Sie sind dabei stark auf sich allein gestellt und stehen einem vielfältigen Angebot gegenüber. In dieser Situation geht es oft einfach um die Suche nach präzisen Antworten auf eng begrenzte Fragen. Die Antworten sind durch Traditionen der Herkunftsländer oder der weltweiten islamischen Gemeinde zumeist längst verfügbar. Sie müssen dem Fragenden in der Schweiz aber erst einmal ver- mittelt werden. Je nach Situation fragt ein junger Mensch aber nicht (nur) nach fertigen Antworten, sondern sucht Rat und Beratung in einer schwierigen Entscheidung, sei es, weil zwischen unterschiedlichen islamischen Angeboten abzuwägen ist, sei es, weil die Umstände so sind, dass keine Antwort aus dem herkömmlichen Bestand zu passen scheint. Es kann auch sein, dass es sich um ein eher seelsorgerliches Problem handelt. Der junge Mensch, dessen Eltern oder Grosseltern in die Schweiz eingewandert sind, muss so seinen eigenen Weg als Muslim erst gestalten und dafür laufend selbst Entscheidungen treffen, die für ihn oder sie noch weniger vorgegeben sind als für die christlich oder konfessionslos sozialisierten Altersgenossen. Dass er auf diesem anstrengenden Weg und in einem rauen gesellschaftlichen Umfeld zusätzlich Stärkung, Ermutigung und Vorbilder benötigt, liegt auf der Hand. Welche Instanzen nennen die interviewten jungen Musliminnen und Muslime, die nach Ihrer Auffassung passende Angebote für diese vielfältigen Bedürfnisse haben? Typen von Autorität Für die Jugendlichen ist ein breites Spektrum an Autoritätstypen relevant: Personen aus dem persönlichen Umfeld, Funktionsträger in der Gemeinde, in geringerem Mass aber auch Organisationen und abstrakte Instanzen. Manche Personen, insbesondere Künstler, wirken vor allem ermutigend auf der emotionalen Ebene. Das Forschungsteam ist mit der Erwartung ins Feld gegangen, dass die jungen Musliminnen und Muslime neben den Imamen und einigen bekannten Internetpredigern noch andere Autoritäten und Orientierungsquellen nennen würden. Wir waren jedoch überrascht von der Vielfalt an Personen und Instanzen, die sie uns nannten. Die folgende Tabelle ordnet die genannten Autoritäten den Unterscheidungen aus der Arbeitsdefinition zu. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 20 | 39 Tabelle 1: Typen von Autorität Form Merkmale Beispiele Person Einzelperson, vom Interviewpartner als Individuum gefragt oder aufgesucht Elternteil, guter Freund, Vertrauens- person in der Moschee oder im muslimischen Bekanntenkreis Personale Instanz Person mit Bedeutung qua Amt, Funktion oder innermuslimisches Ansehen Imam, Frau des Imams, Prediger, Privatlehrer, Religionslehrer, Intel- lektueller, spiritueller Führer, Blogger Organisation formell oder informell verfasster dauer- hafter Personenverband, u. U. mit eigenem Informations- und Beratungs- angebot und mit wechselnden Bezugs- personen Diyanet, Islamologisches Institut, Schweizerische Islamische Gemein- schaft, Ahl al Bayt, Islamischer Zentral- rat Schweiz Abstrakte Instanz religiöses Kernkonzept, u.U. mit Textkorpus identisch oder verbunden (vermittelt durch personale Autoritäten) Gott, Koran, al-salaf aṣ-ṣāliḥ, Sunna, ʿulamāʾ, Prophet Muhammad, Klassikertexte Die in den Interviews entdeckten Autoritätstypen sind sehr unterschiedlich. Auffallend ist, wie häufig Personen aus dem Nahbereich der Jugendlichen genannt wurden: Familienangehörige, aber auch Personen aus einer muslimischen Gemeinschaft, die regelmässig aufgesucht wird. Oft genannt werden sodann personale Instanzen. Gemeint sind hier Personen, die ein Amt ausfüllen, am häufigsten das des Imams. Es können jedoch auch Einzelperson sein, etwa bekannte Prediger oder Intellektuelle, die häufig ihr Angebot über das Internet zugänglich machen. Auch die Frau des Imams oder die Religionslehrerin einer Moschee sind hier zu nennen. Benannt wurde schliesslich auch der Sufi-Scheich, der lokale spirituelle Führer eines mystischen Ordens. Unerwartet mag die Kategorie der abstrakten Instanzen erscheinen. Gott oder der Prophet Muhammad wurden uns aber in den Interviews tatsächlich vereinzelt genannt als jene ‹Person›, die man bspw. um Rat fragt. Instanzen wie ‹Gott› oder ‹der Prophet› sind im Sinn der Wissenschaft nicht unmittelbar zugänglich, sondern erschliessen sich dem Gläubigen in der Regel durch die Vermittlung personaler Autoritäten der ersten oder zweiten Kategorie oder aber durch die eigenständige Lektüre entsprechender Texte (Koran, Hadith, Prophetenbiographie) sowie das Gebet. Selbst diese Textquellen mit Autoritätsstatus bedürfen oft noch der Erläuterung und der Interpretation durch heu- tige Fachleute. Schildern Jugendliche ihren Zugang zu diesen Instanzen als gleichsam direkt, ist ihnen die deutende Rolle der vermittelnden Instanzen, sei es ein Buch, ein Prediger, womöglich nicht be- wusst. Organisationen als autoritative Instanzen kamen in den Interviews unerwartet wenig und nicht sonderlich prominent vor. Ihr Wert liegt für einen Teil der Jugendlichen darin, dass man die Grund- ausrichtung des Gesamtangebots bereits akzeptiert hat und daher annehmen darf, etwas für seine Bedürfnisse Passendes zu finden. Vielfältig ist nicht nur der Ertrag unseres Projekts an Autoritätstypen und konkreten Autoritäten im ge- samten Sample. Vielfältig ist auch das Spektrum, das von den einzelnen Interviewpartnern angeführt «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 21 | 39 wird. Diese doppelte Vielfalt könnte erklären, warum die Jugendlichen selber keinen gemeinsamen Oberbegriff haben und auch selber nur in wenigen Einzelfällen das Wort ‹Autorität› überhaupt ver- wenden. Im übernächsten Abschnitt beleuchten wir die Autoritäten näher. Ermutiger Wo bleiben im Spektrum der Autoritäten nun die Rapper aus dem Projekttitel? In den Interviews kom- men rund ein Dutzend Einzelkünstler oder Gruppen vor, die einen Islam-Bezug in ihren Texten und in ihrem Musikstil aufweisen. Häufiger genannt werden einzig der libanesisch-schwedische Sänger Maher Zain und der äthiopisch-deutsche Rapper Ammar 114. Künstler nehmen jedoch, wie sich in den Interviews zeigte, nicht die Rolle einer Autorität ein. Eine Sonderstellung kommt bei zwei jungen Erwachsenen dem französischen Rapper Médine zu: Der redet über so schöne Themen und so wichtige Themen auch in meinem Leben, ich höre den so gerne und auch die Art, wie er redet und wie er Interviews gibt, der Charakter, den er hat. Ich bewundere sehr viel an ihm. Er ist so wie ein kleines Vorbild, so ein Mini-Vorbild. […] Das war meine Erziehung eigentlich sozusagen. […] Er hat mich ein bisschen auch beflügelt. […] Médine ist dann wirklich so ein Pfeiler geworden dann in meinem Leben […]. Und Médine hat ja auch einen Einfluss von Tariq Ramadan bekommen […] und auch in seinen Texten hat Médine Themen von Tariq Ramadan / nimmt er auf und tut die weiterentwickeln. […] so ein Tariq-Ramadan-Médine-Mosaik. […] Also von dem her habe ich Tariq Ramadan gerne, aber andere Sachen finde ich dann nicht so gut. Aber ja, auf jeden Fall Médine fand ich inspirierend und höre ich auch heute noch. (Clirim, m, 25) Die Kunstform der islamischen Rap-Musik ist allerdings nicht für alle Jugendlichen und jungen Er- wachsenen gleich attraktiv. Die einen finden sie ästhetisch nicht nach ihrem Geschmack, andere sehen diese Kunstgattung als unislamisch an. Diejenigen Jugendlichen, die islamischen Rap hören, tun dies eher aus emotionalen Gründen, nicht aber, weil sie sich von Rappern eine präzise konturierte Lehre erwarten. Man kann damit neben die kognitiv ausgerichteten Autoritäten eine zweite Kategorie stellen: die Ermutiger. Dies können neben Künstlern auch andere Persönlichkeiten aus anderen Be- reichen sein: etwa Sport, Unternehmertum, Mode oder Wissenschaft. Dabei ist nicht für jeden Jugendlichen wichtig, dass der Ermutiger ausdrücklich den Islam zum Thema macht. So verehrt einer der Interviewten den französischen Fussballer und Trainer Zinédine Zidane, obwohl dieser «nicht Muslim» sei. Zidane bezeichnet sich selber als nicht praktizierend. Muslimische Ermutiger sind für viele Jugendliche und junge Erwachsene wichtig als Vorbilder, denen sie nacheifern können, als Quellen zur Stärkung ihrer Identität oder schlicht als Bei- spiele dafür, dass man es auch als Muslim in einer westlichen Gesellschaft zu etwas bringen kann. Das Spektrum der Autoritäten Betrachten wir nun die Autoritäten näher entlang den oben (S. 20) eingeführten Typen. Personen Junge Musliminnen und Muslime orientieren sich massgeblich an Personen im eigenen Nah- bereich: Eltern und Geschwister, Freundeskreis, Vertrauenspersonen in der Moscheege- meinde. Unter den Imamen sind nur überzeugende Persönlichkeiten wichtig. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 22 | 39 Die personalen ‹Autoritäten› sind, wie die Ermutiger, für die Jugendlichen bisweilen wegen einer Vorbildrolle oder ihres ermutigenden Zuspruchs wichtig. In der Regel werden sie aufgesucht oder beachtet, weil der bzw. die Jugendliche Rat oder eine konkrete Auskunft sucht. Es kann auch sein, dass der Kontakt ohnehin häufig und im vertrauten Rahmen, z. B. in der Familie, stattfindet. Dazu gehören Eltern oder andere Verwandte, die im Herkunftsland religiöses Wissen erworben haben oder die den Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Personen mit einer lang andauernden Praxis und Erfahrung bekannt sind. Einige unserer Interviewpartner hatten in ihrer Kindheit einige Jahre in der Obhut der Grosseltern im Herkunftsland gelebt und dort vieles kennengelernt, während die Eltern bereits in der Schweiz arbeiteten. Andere Jugendliche kennen im weiteren persönlichen Umfeld oder in der Moschee eine Vertrauensperson, die ihnen Rat geben kann. Personale Instanzen Sehr häufig genannt wird der Imam. Meist ist er von einem Moscheeverein mit dem Amt des Vorbeters, Gemeindeleiters und Seelsorgers betraut und hat im Herkunftsland, evtl. zusätzlich in einem arabischen Land, eine Ausbildung absolviert, womöglich sogar an einer Hochschule studiert. Er ist die gegebene Ansprechperson. Wechselt in einer Gemeinde der Imam, fragt man für bestimmte Auskünfte eben einfach den Nachfolger. Ist das Amt in der Gemeinschaft gerade vakant, stehen in der Regel informelle Gemeindeälteste mit gutem religiösem Wissen oder bestimmten Begabungen zur Verfügung. Wo nicht der Imam selber Kindern die Gebetsformeln und anderes Grundwissen beibringt, tut dies oft eine Religionslehrerin, mit oder ohne Ausbildung, vergleichbar einer Katechetin in christlichen Gemeinden. Unter somalischen Familien ist es auch in der Schweiz verbreitet, diese Auf- gabe von einem externen Hauslehrer besorgen zu lassen. Manche jungen Erwachsenen pflegen auch nach Abschluss ihrer religiösen Grundbildung weiterhin den Kontakt zu ihrer früheren Religions- lehrerin und wenden sich dann wieder mit Fragen an sie. Eine besondere, aber seltene Ausprägung eines ‹Ältesten› als wichtiger Bezugsperson kennen die Sufi-Gemeinschaften. Speziell sind sie einer- seits, weil das Programm islamischer Mystik gerade darin besteht, die Dimension des Gefühls, der Hingabe und einer ‹Herzenserkenntnis Gottes› stärker zu entwickeln, als es im nicht-mystischen Mainstream üblicherweise geschieht. Anderseits pflegen die Sufis eine besonders intensive und aus- schliessliche Lehrer-Schüler-Beziehung. In den Interviews kommen über hundert öffentlich bekannte Autoritäten namentlich vor. Sie spielen aber meist die kleinere Rolle als die Autoritäten im persönlichen Umfeld. Während die Autoritäten im persönlichen Umfeld mehr oder weniger kontinuierlich zugängig sind, ist dies bei den öffentlich bekannten Namen grösstenteils anders. Hierzu sind Personen wie Pierre Vogel und Tariq Ramadan zu zählen, aber auch etliche Dutzend Namen, die ausserhalb muslimischer Krei- se kaum bekannt sind. Gemeinsam ist diesen über hundert Personen, dass sie gegenwärtig aktiv sind und ihre Angebote einem grösseren Publikum an den verschiedensten Orten zugänglich machen. Die meisten dieser Anbieter tun dies sowohl über das Internet (eigene Webseiten, YouTube-Videos) als auch auf Vortragsreisen, eine kleine Minderheit beschränkt sich auf einen einzigen Vermittlungsweg. Die dafür verwendeten Sprachen sind Deutsch, Französisch, Englisch, Albanisch, Bosnisch, Türkisch und Arabisch, in je einem Fall auch Urdu und eine westafrikanische Regionalsprache. Rund ein Zehntel der uns genannten Autoritäten wirken regelmässig in der Schweiz: Abdelhamid Chakir, Amir Zaidan, Bekim Alimi, Fehim Dragusha, Markus Klinkner, Mohammed Naved Johari, Muris Begovic, Nicolas Blancho, Qaasim Illi, Saïda Keller-Messahli, Tariq Ramadan. Ebenfalls rund ein Zehntel sind Frauen. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 23 | 39 Die Liste der Namen – dies ist zu betonen – kann wegen des begrenzten Samples interviewter junger Musliminnen und Muslime nicht als repräsentativ gelten. Zudem bringt der Bekanntheitsfaktor eine gewisse Verzerrung mit sich: Tendenziell nennen die Interviewpartner einen Namen, weil sie sich auf- grund seiner Bekanntheit am ehesten an ihn erinnern oder weil sie ihn beim Interviewer als bekannt voraussetzen. Etliche Jugendliche haben in den Interviews keinen der rund hundert Autoritätennamen genannt oder nur einen oder zwei. Dies hat zwei Gründe: Die einen Jugendlichen, insbesondere die nicht prakti- zierenden und nicht an Religion Interessierten kennen die Namen nicht. Für die anderen sind sie so unwichtig, dass sie ihnen nicht in den Sinn kommen, obwohl sie ihnen schon im Internet begegnet sind oder womöglich an einem Anlass teilgenommen haben. Ein sprechendes Beispiel ist der deutsche Salafist Pierre Vogel, der am häufigsten genannte Name. Nur in 15 der 52 Deutschschweizer Interviews kommt er überhaupt vor, davon lange nicht in allen positiv bewertet. So sagt etwa einer der selber salafistisch orientierten jungen Erwachsenen: Yasin: […] Ich halte nicht so viel von seiner Art. Ja, er hat.... Ich war natürlich schon / Also, ich lehne ihn absolut nicht ab. Ich stehe vollständig hinter ihm. Halt einfach da so persönlich spricht er mich gar nicht an. I: Und warum nicht? Yasin: So seine coole Art, die finde ich so ein bisschen.. die finde ich.. die spricht mich gar nicht an. (Yasin, m, 30) Auch nicht-salafistisch orientierte junge Erwachsene unterscheiden gerade bei Pierre Vogel zwischen Inhalten, die sie oft korrekt dargestellt finden, und seinem Stil, der sie nicht anzieht. Für wiederum an- dere ist jedoch auch der Inhalt nicht optimal: Und wenn man es jetzt nur von einer Seite beleuchtet, dann gehen all die anderen Perspektiven verloren und das ist ein Verlust vom Ganzen. Ja und ich denke, Pierre Vogel beleuchtet das / Er wird da zu kurzsichtig. Er beleuchtet das mit zu wenigen Perspektiven. (Clirim, m, 25) Nochmals deutlich weniger als Pierre Vogel werden genannt: der englischsprachige Prediger Nouman Ali Khan, Tariq Ramadan und Nicolas Blancho. Selbst praktizierende Muslime kennen die aus den Medien bekannten Namen der letzten beiden oft nicht oder können sie nicht einordnen. Einige wenige Interviewpartner nannte hingegen bis zu einem Dutzend oder mehr Namen. Zwei von ihnen bewegen sich dabei fast ausschliesslich in salafistischen Angeboten, während die übrigen den sunnitischen Mainstream aufnehmen. Selbst diejenigen Interviewpartner, die nur eine mittlere Anzahl von Namen nennen, führen bisweilen Personen mit klar entgegengesetzter Ausrichtung auf, so in einem Fall beispielsweise den salafistischen Internetstar Pierre Vogel, die beiden Vortragsreisenden Nouman Ali Khan (englisch) und Tariq Ramadan (französisch und englisch), die deutsche Bloggerin Betül Ulusoy sowie Ahmed Kalaja, einen albanisch sprechenden Freitagsprediger und Religionsfunk- tionär in Tirana. Diese wenigen Beobachtungen zeigen eines bereits deutlich: Die blosse Bekanntheit und häufige Nennung eines Namens lässt keinerlei Rückschlüsse da- rauf zu, wie sehr die Interviewpartner sich den Aussagen der betreffenden Persönlichkeit ver- pflichtet sehen. Wenn ein Name überhaupt erinnert wird, so steht er doch meist neben meh- reren anderen Namen. Vor allem aber stehen die hier genannten Namen durchweg neben Personen aus dem sozialen Nahbereich. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 24 | 39 Entscheidend ist letztlich, wie die Jugendlichen mit den Aussagen von Autoritäten umgehen (dazu unten ab S. 26). Organisationen Organisationen spielen eine deutlich kleinere Rolle als Personen. Aus der Sicht des Jugend- lichen helfen sie, im Sinne eines Filters rascher zum voraussichtlich passenden Angebot zu kommen, das aber dennoch nicht unbesehen akzeptiert wird. Am häufigsten wird die türkische Religionsbehörde Diyanet genannt, aber nur von den sechs Interviewpartnern, die deren Angebot regelmässig nutzen. Für Yalçuk ist die Reihenfolge bei der Suche klar: Also wenn ich im Internet Infos suche und ich finde es nicht, dann gehe ich zur Mutter oder sonst eben zum Imam. (Yalçuk, m, 26) Yalçuks Mutter «hat ein sehr grosses Wissen» und kommt deshalb als Quelle für ihn in Frage. Auch sie dürfte stark von der Diyanet-Tradition geprägt sein, doch ist diese in sich vielfältig. Vor allem schliesst die eine Tradition nicht aus, dass man sich auch einer anderen aussetzt, wie ein anderer junger Mann andeutet: I: Das heisst, Ihre religiöse Sozialisierung hat in einer Diyanet-Moscheen vorwiegend stattgefunden? Pekalp: Ja kann man sagen. Aber auch bei Millî Görüş. Kennen Sie diese? I: Ja. Pekalp: Genau. Also zum Beispiel mein Cousin, der ist […] bei einer Millî-Görüş-Moschee. Und andererseits habe ich auch Leute von Diyanet [in der Verwandtschaft]. (Pekalp, m, 30) Gegenüber dem IZRS findet sich bei manchen muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine gewisse Neugier: Clirim : IZRS macht ja auch so, wie sagt man, Jahreskonferenzen. Wollte mal auf eine, aber die wurde, glaube ich, abgesagt letztes Jahr oder so. I: Das stimmt, ja. Clirim: Genau und sonst vorher bin ich auch nicht in Kontakt gekommen mit dem IZRS so richtig. (Clirim, m, 25) Auch Fauziya, die an sich das Angebot des IZRS schätzt, relativiert ein wenig: Wenn ich jetzt über irgendwelche islamischen Urteile etwas wissen müsste, oder irgendetwas in diese Rich- tung vertiefter, kontaktiere ich halt dann diese Leute. Aber so, dass ich die jetzt jedes Wochenende sehen müsste, ist das nicht. (Fauziya, w, 26) Ohnehin geht es bei den Organisationen weniger um den sozialen Kontakt, sondern eher um das rasche Auffinden eines voraussichtlich passenden Inhalts und eine gewisse Qualitätsgarantie im Sinn der eigenen Präferenzen: Und weil das [die Internetseite der türkischen Religionsbehörde Diyanet] vom Staat aus gemacht wird, habe ich auch das volle Vertrauen dazu. Oder, ich gehe in eine Diyanet Moschee, zahle meinen Beitrag auch monatlich, und dann vertraue ich denen von der Türkei, die das alles regeln. (Yalçuk, m, 26) 4 «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 25 | 39 Das heisst jedoch keinesfalls, dass Yalçuk oder andere Jugendliche das konkrete Einzelangebot eines solchen Grossanbieters unbesehen akzeptieren. Abstrakte Instanzen Bleibt die Kategorie der abstrakten Instanzen. Die dort vorzufindenden Grössen sind auf sehr unterschiedlichen Wegen zugänglich und stehen auch nicht in direkter Konkurrenz zueinander. Sehr häufig genannt sind darunter Kernkonzepte des Islams: der Koran, Person und Vorbild des Propheten Muhammad (die sog. Sunna) sowie die Gruppe der Religionsgelehrten (arab. ʿulamāʾ). Während beispielsweise die Hälfte der Interviewpartner den Koran erwähnt und nur etwas geringere Anteile Sunna und ʿulamāʾ erwähnen, findet sich nur bei ganz wenigen Interviewpartnern ein Verweis auf bestimmte Klassiker der islamischen Religionslehre. Das Internet als Zugangsweg Das Internet spielt für die meisten muslimischen Jugendlichen eine wichtige Rolle als Zugangsweg zu den von ihnen bevorzugten Angeboten. Zugleich sind sich die meisten be- wusst, dass Internet-Inhalte von höchst unterschiedlicher Zuverlässigkeit und Qualität sind. Dass das Internet für junge Muslime und Musliminnen eine wichtige Rolle spielt, war dem Forschungs- team aus der Vorgängerstudie bekannt: Die meisten muslimischen Jugendgruppen organisieren sich via Webseiten und Social Media. Persönlichkeiten wie Pierre Vogel oder Tariq Ramadan gründen ihre Bekanntheit auch auf ihre Präsenz im Internet mit Videos von Vorträgen sowie eigenen Webseiten mit breitem Angebot. Aus den Interviews geht klar hervor, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Internet vor- wiegend in zwei Funktionen nutzen: um Videos bestimmter Autoritäten zu finden und um Auskünfte zu einem Thema oder zu einer konkreten Frage zu finden. Für den zweiten Zweck stellt die islamische Tradition seit Jahrhunderten die Institution des Muftis bereit, des religionsrechtlichen Experten, der in der Lage und zumeist staatlich beauftragt ist, auf konkrete Anfrage hin ein Rechtsgutachten, eine Fatwa, zu erstellen. Heute werden Fatwas meist über Plattformen vermittelt, hinter denen ein Staat, eine grössere Organisation oder ein transnationaler Zusammenschluss von Gelehrten steht. Praktisch bieten Plattformen wie islamfatwa.de oder fatwa-online.com Online-Sammlungen an, in denen Nutze- rinnen und Nutzer thematisch suchen können. Selbst die praktizierenden unter den von uns befragten Jugendlichen nutzen diese Möglichkeiten offensichtlich so gut wie nie: weder um Anfragen zu stellen noch um nach Fatwas zu suchen. Der ‹Cybermufti›, mit dem unser Projekttitel noch gerechnet hatte, spielt keine nennenswerte Rolle. Wichtiger sind andere Internetplattformen und die YouTube-Kanäle, die von diversen Organisationen und Personen betrieben werden. Gerade salafistische Prediger sind auf diesem Weg in grosser Zahl und leicht zu finden. Doch auch andere Prediger wie der Schweizer Tariq Ramadan, der US-Ame- rikaner Nouman Ali Khan oder der Türke Nihat Hatipoğlu präsentieren sich auf diesem Weg. Da musli- mische Jugendliche und junge Erwachsene oft thematisch suchen, spielen die Suchmaschine Google und die Suchfunktion der Plattform youtube.com eine herausragende Rolle. So sagt etwa Xhevahire: Möchtest du etwas wissen, möchtest du etwas lesen, Google, YouTube. Also für die ganz Faulen ist es YouTube (lacht). (Xhevahire, w, 26) «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 26 | 39 Manche junge Erwachsene lehnen allerdings den Gebrauch von Google im Gebiet der Religion ab: Für mich hiesse es […] die Wahl, wie ich meine Religion ausübe, einer Suchmaschine zu überlassen, die deterministisch funktioniert und auf Faktoren beruht, die ich nicht kontrolliere. (Yahya, m, 23) Auch jene jungen Muslime, die Hilfsmittel wie Google nicht rundum ablehnen und ihre Skepsis nicht so präzise begründen können, sind überwiegend vorsichtig: Oder ich schaue selbst im Internet. Aber das Internet ist halt eben so.. man kann nie sicher sein, woher diese Leute die Informationen haben. (Huja, w, 21) Sie versuchen die Unsicherheit zumindest zu reduzieren, indem sie Meinungen vergleichen: Aber wenn ich so Themen, die mich interessieren und ich nicht ganz sicher bin, dann gehe ich sie googeln und schaue was im Internet steht. Aber nicht nur eine Seite. Ich vergleiche mehrere Seiten miteinander. (Yeliz, w, 25) So sehr die Anonymität des Internet für die Suchenden bisweilen ein Vorteil sein kann – die unter- schiedlichsten Angebote lassen sich unverbindlich testen –, so sehr ist dies zugleich ein Nachteil. Insoweit die jungen Muslime ihre Religion als verbindlich nehmen, suchen sie auch verbindliche Aus- kunft. Verbindlichkeit aber finden sie in erster Linie bei jenen Anbietern, die im persönlichen Kontakt zugänglich sind, den die meisten klar favorisieren. Umgang mit Orientierungsangeboten Die Themen, zu denen die Jugendlichen Auskunft oder Rat suchen, decken ein breites Spektrum ab. Viele Fragen drehen sich um die richtige, unter Schweizer Verhältnissen praktikable Anwendung isla- mischer Regeln, etwa die Einhaltung der Fastenregeln im Ramadan oder das Zinsverbot. An nächster Stelle folgen Themen der islamischen Theologie und Geschichte, z. B. das Gottesbild, schliesslich die Suche nach Rat und Lebenshilfe für eine bestimmte Situation. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die nachgefragten Themen oder gar die Angebote der Autoritäten inhaltlich zu analysieren. Da ohnehin entscheidend ist, was die Jugendlichen und jungen Erwachsenen selber aus den erhaltenen Antworten machen, wenden wir uns nun der Frage zu, wie sie die Orientierungsangebote nutzen und bewerten. Suchstrategien Wie bereits deutlich wurde, steht den Jugendlichen eine Vielzahl von Suchstrategien zur Verfügung. Die Wahl ist bestimmt durch mehrere Faktoren: Kontext der Suche (Auskunft, Beratung, Ermutigung) Erreichbarkeit des gesuchten Angebots, diese wiederum abhängig von ○ verfügbaren bzw. bevorzugten Sprachen ○ verfügbaren bzw. bevorzugten Ressourcen (Kommunikationsmittel, finanzielle Mittel) Empfehlungen des Umfelds Kontrastmeinungen Während sich zum Beispiel die Position der gelehrten Tradition bezüglich Tätowierung bequem und rasch im Internet auffinden lässt, wird sich ein junger Mensch mit dem Wunsch nach Beratung in «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 27 | 39 einem akuten Gewissenskonflikt eher an eine Person in der Nähe wenden. Eine Jugendliche schilderte uns ihre Suchstrategie folgendermassen: […] ich würde beim Imam anfangen, einfach dahin in erster Linie mit den Fragen gehen und eben auch zu seiner Frau und den anderen Zuständigen eigentlich. Der Frauenverein von der bosnischen Moschee ist extrem gut. Also die sind wirklich sehr gut organisiert und haben auch immer wieder so Vorträge zu Themen, zu wichtigen Themen. An sie sich zu wenden, fände ich wäre mein erster Reflex. Und durch das lernt man dann relativ schnell auch andere Muslimas kennen, vielleicht auch Frauen, die ähnliche Sachen sonst mögen und machen wie sie selber. Und dann halt so ein bisschen Kontakte knüpfen und dann aber auch Literatur suchen und bald mal auch anfangen, selber Koran zu lesen, Hadithe zu lesen. Auch ich finde, gerade so die Lebensgeschichten von verschiedenen Propheten 5 , finde ich, geben extrem guten Bezug zur Religion. (Ismeta, w, 18) Ein anderer unterscheidet ebenfalls schärfer zwischen Informationen und Meinungen: Nein, also ich, im Internet sucht man halt ein bisschen. Ich meine googeln kann man ja heutzutage alles. […] Wenn ich zum Teil offene Fragen über den Islam selber habe, frage ich eher den Imam oder / je nachdem schaue ich halt selber nach oder / aber eher so politische Sachen zum Beispiel, recherchiere ich lieber selber, weil es da halt auch um Meinungen und so geht […]. (Gökcan, m, 19) Die Aussage unterstreicht den kritischen Umgang mit dem Internet, jedoch auch die für den jungen Muslim klare Unterscheidung zwischen Islam und Politik. Sehr häufig findet auch eine andere Form der Beratung und Meinungsbildung statt: das zwanglose Diskutieren im Freundeskreis oder in einer Facebook- oder WhatsApp-Gruppe. Diese Zirkel umfassen häufig Angehörige unterschiedlicher Reli- gionen und auch Kollegen ohne religiöse Anbindung. Manche suchen zu einem Thema bewusst solche nicht-muslimischen Meinungen, obwohl sie in gewissen Fällen schon im Voraus annehmen, dass eine bestimmte islamisch orientierte Position dort nicht geteilt wird. Typisch etwa die Aussage von Pegah: Eben nur die Freunde, die sich auch dafür interessieren und auch / Also ich habe einige Freunde, die sich für alle sozusagen Religionen interessieren und denken, dass in jeder Religion etwas Wahres steckt und ich diskutiere sehr gerne mit ihnen, weil am Ende einer Diskussion ist dann niemand beleidigt, wenn jemand was gesagt hat oder. (Pegah, w, 24) Kriterien für Auswahl und Bewertung von Autoritäten und Angeboten Wird schon in der Suchstrategie eine gewisse Offenheit für herausfordernde Argumente und Positio- nen sichtbar, so bestätigt sich dies erst recht beim Umgang mit den Ergebnissen der Suche. Die jun- gen Muslime und Musliminnen müssen die Relevanz eines konkreten Angebots für sich selber be- werten. Zudem bewerten sie den Anbieter im Hinblick auf künftige Fälle: Lohnt es sich, bei derselben Adresse wieder zu suchen? Gefragt sind somit die Kriterien solcher Bewertungen. Die hier aufgeführten Kriterien gelten im Prinzip für alle Typen von Autorität und ihre Angebote; manche sind jedoch nur auf personale Autoritäten an- wendbar: Vertrauenswürdigkeit des Anbieters, gemessen an eigenen Kriterien wie persönliche Bekanntschaft, Ausbildung, Ruf, Stil des Auftritts Aussagen werden belegt mit Koran, Hadithen oder Aussagen anerkannter Gelehrter Übereinstimmung mit Aussagen anderer Quellen logische Stimmigkeit Anwendbarkeit auf die Situation in der Schweiz von heute «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 28 | 39 Unaufdringlichkeit des Angebots didaktisches Geschick persönliche Lebensführung, Vorbildcharakter Alle diese Kriterien lassen sich übrigens gut aus der islamischen Tradition ableiten und damit bei Bedarf religiös legitimieren. Sie lassen sich überdies grosso modo zwei Grundsätzen zuordnen: Damit Angebote prinzipiell akzeptabel sind, müssen ihre Aussagen zum einen belegt, ein- leuchtend begründet und nachprüfbar sein. Zum andern muss der Anbieter die freie Wahl der Suchenden respektieren; aufdringliches Werben gilt als unpassend und diskreditiert den An- bieter. Sowohl der kritisch prüfende Umgang als auch die autonome Entscheidung sind Werte, die nicht zuletzt in den Schweizer Schulen entwickelt und gefördert werden. Ein Wert wie Gehorsam hingegen bleibt abstrakt und im Hintergrund: Natürlich sehen sich gerade die praktizierenden jungen Musli- minnen und Muslime verpflichtet, bestimmte Gebote einzuhalten. Sie wollen jedoch wissen, warum: Und vielleicht ein Anderer würde es sofort akzeptieren und sagen: ‹Okay, das ist meine Religion, ich mache es.› Oder ein Anderer sagt: ‹Ah das macht keinen Sinn für mich, scheiss – Entschuldigung, wenn ich es so sage – egal.› Und dann lässt er es sein. Ich brauche einfach eine gute Begründung. Es muss für mich einfach Sinn machen. Dann fällt es mir umso leichter, das auszuführen. (Yalçuk, m, 26) Nicht jeder Jugendliche gewichtet die aufgeführten Kriterien gleich stark, nicht jeder hat sie von Anfang an zur Verfügung. Viele berichten, dass bestimmte Angebote sie in einer früheren Phase mehr angesprochen haben als jetzt, und können begründen, weshalb sie davon abgekommen sind. Modellhaft lässt sich das als Spiralbewegung darstellen: Die Suche nach Angeboten beginnt z. B. bei der ersten bewussten Auseinandersetzung mit dem Islam oder in einer späteren Phase der Hinwen- dung. Der Jugendliche stösst auf ein leicht zugängliches Angebot, z. B. eben einen bekannten, im Internet präsenten Prediger wie Pierre Vogel. Der eigene Anspruch, der Vergleich mit gesuchten oder zufällig verfügbaren Konkurrenzangeboten sowie der Austausch in Familie und Freundeskreis helfen dem Jugendlichen, sich klarer zu werden über seine Bedürfnisse (was brauche ich eigentlich?) und Kriterien (welche Merkmale sind mir besonders wichtig?). Die Bewertung des ersten Angebots wird bewusster, die nächste Suche verläuft schon ein Stück zielgerichteter. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 29 | 39 Suche Kriterien Bewertung Grafik: Verfeinerung der Suche nach dem passenden Angebot. Die Spirale verdeutlicht nicht nur, dass die Suche immer zielgerichteter verläuft. Sie verläuft auch öko- nomischer. Der Jugendliche sucht dort, wo er die für ihn brauchbare Information oder den passenden Ratschlag wahrscheinlich findet. Auch das eigene islamische Wissen wächst und erlaubt so, gezielter die bestehenden Lücken zu entdecken und zu füllen. Nur besonders diskutierfreudige Charaktere testen dann konträre Positionen noch systematisch. Die natürliche Meinungsvielfalt im Familien- und Freundeskreis oder unter Arbeitskollegen sorgt jedoch weiterhin dafür, dass das Wahrnehmen von Differenz und ein verträglicher Umgang damit eine Aufgabe bleibt. Junge Muslime und Musliminninnen prüfen dauernd die erhaltenen Angebote und Optionen anhand mehrerer Kriterien. Darüber, ob sie ein Angebot annehmbar finden, entscheiden letzt- lich die Antworten auf die Fragen: Passt dieses Verhalten oder diese Information zu meiner Situation hier und heute? Kann ich es verantworten, einer empfohlenen Richtung zu folgen? Fühle ich mich wohl dabei? Mit dieser Haltung können die muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei aller individu- eller Verschiedenheit wohl als typische Vertreter ihrer Altersgruppe gelten. Dies ist kein Zufall, teilen sie doch mit ihren nicht-muslimischen Peers nicht nur die Schulbank, den Alltag und oft den Migra- tionshintergrund. Zahlreiche Interviewpartner berichten, dass ihre engsten Freunde unterschiedlichen Religionen angehören oder auch religionsdistanziert sind. Auch mit ihnen diskutieren sie mitunter religiöse Fragen, da sie wissen, dass die Freunde ihre Religion respektieren. Verzicht auf eine breite Ausrichtung Während die Mehrheit der Interviewten mit religiöser und Meinungspluralität gelassen und kritisch umgeht, ja oft als Antrieb für das eigene Suchen nutzt, gibt sich eine kleine Minderheit mit einem eher «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 30 | 39 engen Ausschnitt des Spektrums zufrieden. Zum Zeitpunkt des Interviews sind sie beispielsweise ganz auf die spirituellen Leitfiguren eines Sufi-Ordens oder auf einen salafistischen Lehrer ausge- richtet. Auch bei den Ahmadis herrscht eine klare gemeinsame Ausrichtung vor. Dies hindert diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen dennoch nicht, im Berufs- und teils auch im Privatleben Kon- takte zu Menschen ausserhalb des Horizontes ihrer ganz persönlichen Überzeugungen zu pflegen. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 31 | 39 Junge Muslime und Schweizer Gesellschaft Das Verhältnis muslimischer Jugendlicher und junger Erwachsener zur Schweizer Gesellschaft wie auch das Verhältnis der Schweizer Gesellschaft zu den in ihr lebenden jungen Muslimen ist überaus vielschichtig und miteinander verwoben. Wie für alle anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen auch, ist für die in der Schweiz lebenden Muslime die Schweizer Gesellschaft der Kontext, in dem der Prozess jugendlicher Identitätssuche und Identitätsfindung verläuft. Die Gesellschaft der Schweiz ist, als Ort und Akteur, Rahmenbedingung und Teil dieses Prozesses und wirkt in vielerlei Hinsicht auf diesen ein. Dies geschieht etwa dadurch, dass muslimischen Jugendlichen Identität zugeschrieben wird: durch die Zuschreibung einer nationalen (Türke, Albaner, etc.) oder religiösen Identität (Muslim/ Muslimin), als Verneinung einer gesellschaftlichen Zugehörigkeit (Ausländer) oder als Aufforderung einer Identitätsanpassung, etwa der Integration. Darüber hinaus ist die Gesellschaft der Schweiz der Raum, in dem muslimische Jugendliche ganz konkrete alltägliche oder eher abstrakte Erfahrungen machen. Sei dies in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, im Freundeskreis oder im öffentlichen Raum oder durch den gesellschaftlichen und medialen Diskurs über den Islam und radikalisierte muslimische Jugendliche. All dies wirkt sich – wie anhand zentraler Aussagen aufgezeigt werden wird – auf das Verhältnis der jungen Musliminnen und Muslime zur Gesellschaft der Schweiz aus. Die Gesellschaft der Schweiz als Erfahrungsraum für junge Muslime Muslimische Jugendliche machen oft negative Erfahrungen in und mit der Schweizer Gesell- schaft, insbesondere im gesellschaftspolitischen und medialen Diskurs. Im persönlichen Kon- takt finden negative Erfahrungen vor allem im öffentlichen Raum oder in hierarchischen Settings statt, positive im direkten sozialen Umfeld. Zahlreiche unserer Interviewpartner und -partnerinnen schilderten in ihren biographischen Erzäh- lungen, ohne dazu explizit aufgefordert zu werden, ihre positiven und negativen Erfahrungen als junge Muslime mit der nicht-muslimischen Schweizer Gesellschaft. Positive Erfahrungen wie Akzeptanz und Unterstützung im Kontext von Religionsausübung waren dabei meist an konkrete Personen aus dem direkten sozialen Umfeld geknüpft, wie etwa an Freunde, Lehrpersonen und Jugendsozialarbeiter. Von negativen Erfahrungen wie Unverständnis, Ausschluss und Provokation wiederum wird in den meisten Fällen als Erfahrungen innerhalb flüchtiger Begegnungen auf der Strasse oder im Zug oder innerhalb distanzierter oder hierarchischer Beziehungen erzählt, etwa in der Schule, auf dem Arbeits- markt oder im Umgang mit Behörden. In verschiedenen Interviews fällt auf, dass die Interviewten ent- weder vorwiegend positive oder vorwiegend negative Erfahrungen schildern. Dies kann mit der jewei- ligen subjektiven Wahrnehmung der Erzählenden erklärt werden wie auch mit dem Versuch, die eige- ne Biographie positiv zu deuten oder eine ‹Opferidentität› zu betonen. Der Grossteil der geschilderten Erfahrungen ist jedoch negativ. Insbesondere besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen sichtbarer religiöser Identität und der Häufigkeit negativer Erfahrungen. Junge Frauen, die das Kopftuch tragen, sind davon am stärksten betroffen und berichten über Provo- kationen und Anfeindungen auf der Strasse, Unverständnis und Ausschlusserfahrungen auf dem Arbeitsmarkt. So schildert Wasima ihre Erfahrungen mit dem Kopftuch wie folgt: Ich habe auch vieles erlebt in meinem Leben, jetzt in dem Jahr, wo ich es trage. Ist sehr traurig, was ich muss / was ich erleben musste. Das Einzige war, ich hatte mich ohne Kopftuch beworben und dann hatte ich mich plötzlich mal entschieden, eines zu tragen und dann bin ich eingeladen worden. Und dann habe ich gedacht: «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 32 | 39 ‹Soll ich denen noch im Voraus Bescheid geben, dass ich jetzt ein Kopftuch trage und jetzt mit dem Kopftuch /› Und dann habe ich gesagt: ‹Nein komm, ist egal. Geh einfach mal so und schau mal, was sie dann sagen.› Und das (lachend) war die schlimmste Entscheidung, die ich treffen konnte. Also der Erste hat gerade gemeint: ‹Sie können gleich wieder raus.› Und dann war ich gerade mega schockiert und ich dachte: ‹Also, ich bin ja immer noch die Selbe. Was ist denn los? Es ist ja nur ein Stück Stoff auf dem Kopf.› Und ich meine, ich kleide mich ja auch nicht als, keine Ahnung, alles schwarz und lang und Burka oder (lachend) sonst irgendetwas. Ich fand es jetzt gerade ein bisschen heftig. Ich wollte den Grund wissen, warum, aber sie wollten mir einfach nicht zuhören. Sie wollten einfach: ‹Ja, wir haben Kundenkontakt, und das geht gar nicht und wir haben Kunden, die sind gegen das Kopftuch. Wir haben Mitarbeiter.› (Wasima, w, 21) Neben den konkreten Alltagserfahrungen wurde von der Mehrheit der Gesprächspartner auch der ge- sellschaftspolitische und mediale Diskurs über den Islam und den islamisch begründeten Extremismus angesprochen. Deutlich wurde dabei, dass viele junge Muslime die Darstellung des Islams und der Muslime als verzerrend und einseitig empfinden. Sie sehen sich aus diesem Grund oftmals genötigt, den Islam zu verteidigen und dem im medialen Diskurs vermittelten negativen Islambild ein positives Bild entgegenzustellen. Hinsichtlich der Berichterstattung über den islamisch begründeten Terroris- mus kritisieren die Jugendlichen meist eine undifferenzierte Berichterstattung, die jeden Muslim unter Generalverdacht stellt. Die daraus folgende Erwartung der Schweizer Gesellschaft, sich von Formen des religiös begründeten Extremismus zu distanzieren, können viele muslimische Jugendliche und junge Erwachsene einerseits verstehen. Andererseits argumentieren sie, dass der islamisch be- gründete Extremismus und Terrorismus aus einem falschen Islamverständnis resultiere oder nichts mit dem Islam zu tun habe. Vor diesem Hintergrund ergibt sich für sie kein Grund für eine persönliche Distanzierung. Die von aussen an sie gerichtete Erwartung, dies trotz alledem zu tun, wird deshalb als ungerechtfertigt und oftmals auch, wie in diesem Fall von Xhevahire, als belastend geschildert: Es ist nervig wirklich. Jeder Moslem muss sich rechtfertigen für andere Idioten wirklich. Ich sage denen Idioten, weil das sind keine Moslems […]. Für irgendwelche Idioten, die sich Islam nennen, und dann muss ich mich für die rechtfertigen und mich distanzieren und sagen: ‹Nein und dies und das.› Ich meine, das passiert am anderen Ende der Welt und ich hier in der Schweiz muss für die quasi reden, weil, ja, die werfen mich auch in einen Topf rein. Und das ist lästig, das ist wirklich sehr lästig. Also das nimmt mich wirklich sehr mit. (Xhevahire, w, 26) Deutliche Spuren hat zudem die Minarettverbots-Initiative und das Minarettverbot aus dem Jahr 2009 hinterlassen. Obwohl diese sieben Jahre zurückliegen, haben sie sich im Bewusstsein sowohl der praktizierenden als auch der nicht-praktizierenden jungen Muslime als wichtiges Ereignisse aus Kindheit und Jugend verankert. Sie sind für sie Symbole der vorherrschenden Stimmung gegenüber dem Islam und den Muslimen. Die Bedeutung des gesellschaftspolitischen und medialen Diskurses für die jungen Musliminnen und Muslime kann dabei kaum überschätzt werden. Auch wenn sie in ihrem direkten Umfeld oftmals auch positive Erfahrungen machen, prägt der Diskurs das Gefühl vieler massgeblich. Deutlich macht dies u.a. Ghodsi, die sich wie folgt dazu äussert: Manchmal sage ich mir: ‹Aber warum habe ich dieses Gefühl da, wo doch in meinem täglichen Leben alles so gut geht?› Warum sage ich mir, dass es manchmal schwierig ist, hier zu sein, wo doch konkret, in der Praxis / Nein, niemand greift mich an, niemand sagt mir irgendwas [Verletzendes]. Aber ich denke, .. wie soll ich es sagen? Die nationale Stimmung, die hat trotz allem grossen Einfluss auf mich. Ich habe Ohren, ich höre, ich habe Augen, ich sehe die Zeitung. Ich kann mich davon nicht abschotten. Heute wirkt es weniger auf mich, aber früher, weiss ich, da hat es mich total deprimiert. Die Sache mit den Minaretten, das war für mich die totale Depression. […] Ich empfinde eine Ablehnung auf der politischen Ebene. Dies verursacht ein Unwohl- sein. Aber sonst, das Alltagsleben, da hatte ich nie Probleme. […] Und ich bin mir jeden Tag dessen bewusst «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 33 | 39 und ich bin enorm dankbar, dass alle um mich herum, meine Lehrer, sehr respektvoll sind. (Ghodsi, w, 25) Wahrnehmung von Staat und Gesellschaft und Strategien des Umgangs Junge Muslime und Musliminnen nehmen Staat und Gesellschaft der Schweiz oftmals als Herausforderung wahr. Sie reagieren bezüglich ihrer religiösen Praxis darauf mit unterschied- lichen Strategien. Die zahlreichen negativen Erfahrungen, die gerade praktizierende und wegen ihres äusseren Erscheinungsbildes erkennbare muslimische Jugendliche und junge Erwachsene in ihrem Alltag im- mer wieder machen, führen dazu, dass Staat und Gesellschaft der Schweiz bisweilen als Herausfor- derung wahrgenommen werden. Dies gilt in besonderem Masse, wenn es um die Einhaltung religiöser Pflichten und Verbote, die Durchführung etwa der täglichen Gebete, und um religiöse Symbole geht. In einzelnen Fällen wird die wahrgenommene herausfordernde Situation religiös gedeutet und als ‹göttliche Prüfung›, der man sich stellen muss, interpretiert. Deutlich wurde in diesem Zusammenhang, dass viele der muslimischen Jugendlichen und jungen Er- wachsenen immer wieder abwägen, welche Reaktionen sie mit ihrer jeweiligen religiösen Praxis her- vorrufen und welche Konsequenzen damit einhergehen können. Die angenommene religiöse Pflicht wird in diesen Fällen den möglichen Handlungskonsequenzen entgegengestellt. In einigen Fällen führt diese Form von Abwägung dazu, dass junge Muslime sich entscheiden, eine Handlung, die sie eigent- lich als religiöse Pflicht empfinden, wie etwa das Tragen des Kopftuchs, nicht auszuführen oder auf- zuschieben. In anderen Fällen wiederum führt das Abwägen zum Festhalten an religiösen Pflichten trotz der zu befürchtenden Konsequenzen. Der Entscheidung, wie auch immer sie ausfällt, geht meist ein längerer Prozess voraus. Dies erläutert Qamar anschaulich: […], ich habe nicht den Mut gehabt, in die Schule zu gehen mit dem Kopftuch, in die Öffentlichkeit zu gehen mit dem Kopftuch. Wenn es eine muslimische Veranstaltung gehabt hat oder so und ich habe gewusst, dass es ein Raum voll sein wird mit muslimischen Frauen und Männern, ist es kein Problem, weil du bist einer von ihnen / Du fällst nicht auf. Aber wenn ich in der Klasse die Einzige oder in der Passerelle, wo es fast keine Muslime gibt und fast keine Ausländer allgemein, die Einzige bin, die dunkle Haut hat und nachher noch ein Kopftuch, das ist gerade viel gewesen für mich. Und nachher habe ich […] einfach gedacht: ‹Du machst es jetzt, […] sonst wird es wieder verschoben auf nächstes Jahr. […]› Weil das habe ich mir mein ganzes Leben gesagt. […] Und das hat einfach nicht funktioniert all die Jahre und dann habe ich gedacht, jetzt mache ich es anders. (Qamar, w, 22) Grundsätzlich lassen sich bei den jungen Musliminnen und Muslimen bezüglich der Religionspraxis und der Einhaltung religiöser Gebote zumindest vier unterschiedliche Umgangsformen und Hand- lungsstrategien unterscheiden Viele der praktizierenden jungen Muslime ziehen sich für ihre religiöse Praxis in den Bereich des Privaten zurück und achten darauf, dass ihre muslimische Identität in den alltäglichen Begeg- nungen mit der nicht-muslimischen Bevölkerung nicht allzu sehr in den Vordergrund gerät. Andere wiederum positionieren sich als Muslime in der Gesellschaft und bemühen sich darum, sich in ihrer religiösen Praxis stets an die Rahmenbedingungen der Schweiz anzupassen. Das Gebet wird dann beispielsweise nur verrichtet, wenn der Arbeitgeber damit einverstanden ist und man damit nicht auf Unverständnis stösst. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 34 | 39 Als weitere Strategie lässt sich zudem eine Betonung der religiösen Zugehörigkeit etwa durch das Verrichten des Ritualgebetes im öffentlichen Raum feststellen. Diese geht dann oftmals mit einem Einfordern der Möglichkeit von Religionsausübung einher. Für die nicht oder nur in sehr geringem Masse praktizierenden jungen Muslime und Musliminnen ist der Islam und die damit verbundene Praxis oftmals eine Art Zukunftsprojekt. Es existiert ein mehr oder minder diffuses Bewusstsein darüber, was man als Muslim tun sollte. Angesichts der Lebensphase Jugend wie auch der herausfordernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wird die Einhaltung religiöser Gebote und Verbote sowie die Ritualpraxis aber auf eine spätere Zeit verschoben. Diese Haltung wird oft als diejenige der Eltern berichtet, die es für sich gleich gehalten haben. Als herausfordernd wird von einigen der Interviewten auch die Teilhabe an jugendlichen Lebenswelten empfunden. Bestimmte Aspekte jugendlicher Freizeitaktivitäten wie etwa der offene Umgang zwischen den Geschlechtern, Alkoholkonsum, Tanzen, etc. und Freizeitorte wie Clubs, Bars und Diskotheken werden oftmals als mit den eigenen religiös begründeten Werte- und Verhaltensvorstellungen unver- einbar wahrgenommen und aus diesem Grund in verschiedenen Fällen auch gemieden. Die von mus- limischen Vereinigungen oder von den muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst organisierten religiös gerahmten Freizeitangebote stellen in diesem Zusammenhang dann eine Mög- lichkeit dar, an jugendtypischen Aktivitäten in islamkonformer Weise zu partizipieren. Verhältnis zu Staat und Gesellschaft der Schweiz Obwohl der Grossteil der von uns interviewten jungen Muslime mehr als die Hälfte ihres Lebens in der Schweiz gelebt hat, haben sie in den meisten Fällen ein ambivalentes Verhältnis zu Staat und Gesellschaft der Schweiz und fühlen sich nicht uneingeschränkt zugehörig. Deutlich wurde in fast allen Interviews, dass viele der jungen Musliminnen und Muslime ein zwiespäl- tiges Verhältnis zur Schweiz haben. Sie fühlen sich von Seiten der nicht-muslimischen Gesellschaft nicht als Teil der Schweiz wahrgenommen. Typische geschilderte Erfahrungen der Fremdzuweisung durch die Gesellschaft sind dementsprechend die religiöse Einordnung als ‹Muslim› – dieses auch in Fällen von Jugendlichen, die keinerlei religiöse Lebensführung aufweisen. Oder sie werden, trotz der Tatsache, dass viele der jungen Muslime in der Schweiz aufgewachsen sind oder die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzen, als ‹Ausländer› eingestuft. Oftmals ist diese Fremdpositionierung ver- bunden mit der Feststellung, nicht zur Schweiz zu gehören sowie mitunter dem Vorwurf, nicht inte- griert zu sein. Dieser, von den jungen Muslimen als ausgrenzend wahrgenommene Diskurs scheint sich zusammen mit dem medialen Diskurs über Islam und Muslime und den berichteten negativen Erfahrungen im Alltag unmittelbar auf die Selbstpositionierung in und zur Gesellschaft der Schweiz auszuwirken. Die meisten der Interviewten fühlten sich sowohl zu einem Teil als Schweizer als auch zu einem Teil als Mitglied der Herkunftsgesellschaft der Eltern. Diese doppelte Teilidentität findet sich in vielen Inter- views. Viele der Heranwachsenden verbringen lediglich ihre Sommerferien im Herkunftsland der Eltern und haben ausser den dort lebenden Verwandten nur noch wenig Anknüpfungspunkte. Teil- weise wurde dieses ‹Sowohl als auch› als keiner Gesellschaft eindeutig zugehörig und dement- sprechend als belastend interpretiert, teilweise auch als Chance, von beiden Gesellschaften das Beste für sich zu nehmen. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 35 | 39 Einige der muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen fühlen sich weder als Teil der Schweizer Gesellschaft noch als Teil der Herkunftsgesellschaft. Deutlich äussert sich in diesem Sinne etwa der 25-jährige Genc, dessen Eltern aus dem Kosovo stammen: Traditionell gehen wir jedes Jahr nach Kosovo, und es ist noch lustig, denn dort bin ich der Ausländer und hier bin ich auch der Ausländer. In dem Sinn bin ich, wenn man das so sagen will, im Nirvana, oder. (Genc, m, 25) Angesichts des wahrgenommenen Dilemmas scheint der Islam als Identitätsoption, also die Selbst- zuschreibung als Muslim oder Muslimin, für einige der Interviewten eine wichtige Funktion der Zuord- nung zu einer gesellschaftlichen Gruppierung einzunehmen. Deutlich macht dies u.a. Yllzana: Und darum, ich habe mich mit dem abgefunden, ich gehöre halt nirgends hin. Ich probiere einfach das Gute von der Schweizer Kultur und das Gute von der albanischen Kultur zu nehmen, und über dem ist der Islam. Und ich probiere einfach ein bisschen hin und her zu schwanken, weil, ich meine, man kann nicht mehr machen aus dem, was man hier jetzt hat. (Yllzana, w, 21) Nichtsdestotrotz zeigt sich in fast allen Interviews: Beinahe alle der interviewten jungen Muslime und Musliminnen sehen ihre Zukunft in der Schweiz. Sie verweisen darauf, dass sie durch das Aufwachsen in der Schweiz geprägt wurden und selbst auch typische ‹Schweizer› Eigenschaften besitzen. Darüber hinaus betonen fast alle der Interviewten, welche Chancen die Schweiz hinsichtlich Ausbil- dung, Beruf und Lebensstandard bietet, gerade auch im Vergleich mit der Situation im Herkunftsland: Wenn ich jetzt vergleiche, wo ich gelebt habe oder wo jetzt teilweise noch Leute leben, was für Möglichkeiten, sie dort haben und was ich hier habe. […] Ich bin sehr stolz und dann nachher auch sehr froh, dass ich in der Schweiz leben darf, dass ich da die Möglichkeit habe, mich auf jede mögliche Art zu entwickeln, in welche Richtung ich will. (Ramiz, m, 24) Hinsichtlich der Frage der gesellschaftlichen Zugehörigkeit wird von vielen jungen Musliminnen und Muslimen der Wunsch oder die Hoffnung geäussert, als muslimischer Teil der Schweizer Gesellschaft akzeptiert zu werden. Was junge Muslime von Autoritäten mit Blick auf die Gesellschaft erwarten Die Vorstellungen darüber, wie der Islam in der Schweiz gelebt werden sollte und welchen Platz er im gesellschaftlichen Zusammenleben einnehmen sollte, reichen von salafistischen Vorstellungen bis zu einem umfassend auf Schweizer Verhältnisse zugeschnittenen Islam. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Erwartungen junger Musliminnen und Muslime an die religiösen Autoritäten und Organisationen hinsichtlich der Frage der Integration. Das Spektrum an Erwartungen, die die Interviewten im Kontext des Zusammenlebens zwischen der Gesellschaft und dem muslimischen Teil der Schweiz an die muslimischen Autoritäten und Organisa- tionen richten, ist äusserst breit und in Teilen auch konträr. Es reflektiert die Bandbreite an religiösen Vorstellungen und Strömungen. An einem Ende des Spektrums steht das salafistische Bestreben, das als vorbildhaft gesetzte Verhalten des Propheten Muhammad und seiner Gefährten kontext- und zeitunabhängig zu imitieren. Am anderen Ende steht das Bemühen, Religion und religiöse Praxis an die gegenwärtigen Schweizer Verhältnisse bis hin zum Rückzug des Religiösen in den Bereich des Privaten anzupassen und umzuinterpretieren. Dementsprechend erwarten die einen von muslimi- «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 36 | 39 schen Organisationen und Autoritäten, sich dafür einzusetzen, dass islamisch begründete Regeln und Normen, etwa das Tragen des Kopftuchs oder der Verzicht auf den Handschlag zwischen Männern und Frauen, in der Schweiz in allen Bereichen umgesetzt werden können. Andere wiederum erhoffen sich von den Autoritäten eine an die Schweiz adaptierte Islaminterpretation und ein konkretes Engagement im Sinne einer Integration in die Gesellschaft. Demgemäss bewerten die jungen Muslime und Musliminnen den Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) ganz unterschiedlich. Einige schätzen ihn gerade wegen seiner lauten und kompromisslosen Vertretung muslimischer Interessen. So etwa auch Yasin, der den oftmals konfrontativen Kurs von Nicolas Blancho, dem medial präsenten Präsidenten des IZRS, begrüsst und den anderen muslimi- schen Organisationen in der Schweiz vorwirft, nicht konfrontativ genug zu sein: Ja da die klare Haltung von Nicolas Blancho. Dass er sich nicht wie da die anderen Verbände da in so einen Kuschelkurs reinbegibt. Dass er eine klare, vielleicht.. nicht dieser Gesellschaft entsprechende Haltung hat. Aber da / Ich habe gemerkt, mit Konfrontation kann man manchmal Sachen erreichen, die man durch Nichtkonfrontation niemals erreichen kann. Dass man den Leuten ganz klar und deutlich sagt: Das ist mein Weg, und ob es euch passt oder nicht. Da habe ich gemerkt, wenn man diese Haltung hat, kann man den Menschen viel besser erreichen, als wenn man den Kuschelkurs, oder das Unterwürfige da von vielen Muslimen leider, dass man da eben gar nichts erreichen kann. (Yasin, m, 30) Andere junge Muslime wiederum stehen dem IZRS skeptisch gegenüber und erachten insbesondere die von Seiten des IZRS verfolgte Strategie der Provokation als kontraproduktiv. Sie sehen das kon- frontative Auftreten als abträglich für das gesellschaftliche Miteinander zwischen Muslimen und Nicht- Muslimen. Zu ihnen gehört auch Fuat: Also wenn ich das so sagen darf, für mich sind das Leute, die über das Ziel hinausschiessen, die nicht wirklich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, für den gesellschaftlichen Frieden etwas beisteuern. Und wo, in meinen Augen, jetzt bin ich ganz böse, dem Islam mehr schaden, als dass sie nutzen. In der Schweiz. (Fuat, m, 29) Darüber hinaus wird immer wieder das durch den IZRS vertretene Islamverständnis als extrem, un- zeitgemäss und für die eigene Lebenssituation in der Schweiz als unpassend kritisiert. So unter anderem das äussere Erscheinungsbild einiger IZRS-Vertreter und die strikte Geschlechtertrennung an Veranstaltungen des IZRS. Mindestens genauso gespalten sind allerdings auch die Haltungen der jungen Muslime gegenüber muslimischen Organisationen und Akteuren, die ausnahmslos in einer radikalen Modernisierung und Anpassung des Islam an westeuropäische Verhältnisse eine Möglichkeit des Zusammenlebens zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen sehen. So wird beispielsweise Valentina Smajli, die Vizeprä- sidentin des Forum für einen Fortschrittlichen Islam (FFI) von einem ihrer Kritiker als «Säkuläriban» bezeichnet. Eine andere Interviewpartnerin hebt hingegen gerade die «Fortschrittlichkeit» und «Kom- promissbereitschaft» des FFI positiv hervor. Weder der Islamische Zentralrat Schweiz noch das Forum für einen Fortschrittlichen Islam können für sich in Anspruch nehmen, für die Mehrheit der jungen Muslime und Musliminnen in der Schweiz zu sprechen. Beide werden im öffentlichen Diskurs in ihrer Bedeutung deutlich überschätzt. Immer wieder betonten die interviewten Personen, dass im Zusammenhang des gesellschaftlichen Miteinanders zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen auch die muslimischen Gemeinschaften einen «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 37 | 39 wichtigen Beitrag leisten können und müssen. So wünschen sich einige eine stärkere Öffnung der muslimischen Gemeinschaften und Verbände sowie ein vermehrtes gesellschaftliches Engagement, das über die Grenzen der eigenen Glaubensgemeinschaft hinausgeht. Ismeta formuliert diesen Wunsch und die damit einhergehende Kritik an verschiedenen muslimischen Organisationen an- schaulich: Ja, ich würde mir auch wünschen, dass es mehr Aktionen gäbe, an denen man sieht, dass den Muslimen in der Schweiz auch daran liegt, dass es in der Schweiz, dass es der Schweiz gut geht. Sprich, Aktionen wie zum Beispiel zusammen irgendwo für eine Suppenküche mal kochen oder irgendwie so, Dienstleistungen erbringen, die wir auch so manchmal machen. Bei uns in der Moschee gibt es immer wieder Putzaktionen und dann melden sich jeweils 20, 30 Leute an. Ich fände es schön, mal so etwas zu sehen, aber dass es der ganzen Schweizer Gemeinschaft dient, damit man auch merkt, dass Muslime in der Schweiz zur Gemein- schaft gehören und nicht einfach DA sind. Dass es sie nicht nur gibt, sondern dass wir ein Teil der Ge- sellschaft sind. (Ismeta, w, 18) Dass im Hinblick auf das gesellschaftliche Miteinander auch den in der Schweiz agierenden Imamen eine besondere Bedeutung zukommt, macht insbesondere Pekalp deutlich; zugleich ist der Schluss des Zitats als deutliches Bekenntnis zur Schweiz zu verstehen: Ich brauche einen Imam, der sagt: ‹Es ist an der Zeit, sich zu integrieren, zu partizipieren und ein Teil dieser Gesellschaft zu werden. Und wir müssen uns da wirklich auch für die Schweizer engagieren.› Das ist für mich wichtig. […] Weil das ist eben unser Problem hier in der Schweiz. Wir sind nicht ein Teil dieser Gesellschaft. Wir sind noch nicht ein Teil dieser Gesellschaft, weil für mich ist wichtig bei der Integration, dass man ein integraler Teil davon wird. Wenn man uns einfach wegnimmt, sollten die Menschen hier in der Schweiz sagen: ‹Du, wir haben jetzt ein Problem, die Muslime sind nicht mehr da.› Und wenn das jetzt passiert, dann bin ich mir sicher, die meisten / Also wenn die Muslime jetzt auf einmal nicht mehr hier wären, ich wäre mir nicht sicher, wie viele Schweizer das sagen würden. (Pekalp, m, 30) «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 38 | 39 Einordnung Die selbstbestimmte Auswahl von religiösen Orientierungsangeboten und Autoritäten durch junge Musliminnen und Muslime ist nicht aussergewöhnlich, sondern typisch für Heranwachsende. Zahlrei- che jüngere Studien, sei es zu jungen tibetischen Buddhisten und Buddhistinnen in der Schweiz, jungen Sikhs in Grossbritannien oder jungen Muslimen in Norwegen, verweisen darauf, dass ihre Reli- gionsaneignung mit einer Um- und Neuinterpretation von Religion einhergeht. Die religiöse Neuinter- pretation ist jedoch nicht spezifisch an einen Migrationshintergrund gebunden: Vielmehr stehen all- gemein in den Gesellschaften Europas und Nordamerikas das Individuum und dessen Wahl- und Kon- summöglichkeiten nachdrücklich im Vordergrund. Bezogen auf religiöse Orientierungen bedeutet dies, dass Personen selbst entscheiden können, inwiefern sie sich mit einer religiösen Idee, Praxis und Autorität identifizieren und ein Gefühl der Verbundenheit zu einer religiösen Gemeinschaft teilen oder nicht teilen. Studien von Forschenden wie Peter Beyer, Christel Gärtner, Christoph Morgenthaler und anderen zeigen auf, dass ein Trend bei jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund be- steht, sich von religiösen Institutionen zu entfernen und Religion individuell anzueignen. Der domi- nante Individualisierungstrend ermächtigt und nötigt zugleich den Einzelnen, selbstbestimmt für sich zu entscheiden, welchen Stellenwert Religion im Leben einnimmt. Junge Muslime und Musliminnen sind insofern gleich wie junge tibetische oder vietnamesische Buddhisten und junge tamilische Hindus in hohem Masse angepasst an allgemeine Trends der Schweizer und europäischer Gesellschaften. Junge Heranwachsende mit Migrationshintergrund sind jedoch mit zwei Herausforderungen konfron- tiert: die gesellschaftliche Wahrnehmung kategorisiert aufgrund medialer Darstellung Personengrup- pen, Religionen und Kulturen in fremd-exotisch und faszinierend sowie fremd-gefährlich und bedroh- lich. Der gesellschaftliche Exotisierungsdiskurs auf der einen, und Gefährdungsdiskurs auf der ande- ren Seite stellt jeweilige Erwartungen an Heranwachsende, mit denen sie sich unweigerlich ausein- andersetzen müssen. Zweite Herausforderung ist, dass Jugendliche und Heranwachsende zumeist eng in die religiös-kulturelle Sinnwelt der immigrierten Eltern und kultureller Gemeinschaften einge- bunden sind. In diesem Zusammenhang weist der «Religionsmonitor» der Bertelsmann Stiftung von 2013 darauf hin, dass «Mitglieder einer ‹Migrationsreligion› durchschnittlich religiöser sind als Per- sonen ohne einen solchen Hintergrund». Der Grund ist, dass Herkunftsgesellschaften oft religiöser ge- prägt sind und religiöse Gemeinschaften im Aufnahmeland oft erste Kontaktstellen mit informellen sozialen Dienstleistungen für Neuankömmlinge sind. Zugleich gilt es für die Heranwachsenden, den vielfältigen Anforderungen der Gesellschaft in Ausbildung, Arbeitsleben und Freizeitgestaltung gerecht zu werden. Oft sprachlich und kulturell versiert in der Gesellschaft, in der man lebt, und der religiös- kulturellen Welt der Eltern, bemühen sich die Heranwachsenden einen eigenen Weg zu bestimmen. Dieses kann zu einer Abgrenzung zur oft rituell bestimmten und selbstverständlichen Gläubigkeit der Elterngeneration führen. Zugrunde liegt ein Verstehenwollen, das Begründungen und Bedeutungen religiöser Vorstellungen, Praktiken und Autoritäten hinterfragt und nach Erklärungen sucht. Wie die Forschungen des Projektes zeigen, trifft dieses ebenso in hohem Masse für junge Musliminnen und Muslime in der Schweiz und ihren Umgang mit religiösen Orientierungsangeboten zu. «Hallo, es geht um meine Religion!» Seite 39 | 39 Ausgewählte weiterführende Literatur Allenbach, Brigit; Sökefeld, Martin (Hg.) (2010): Muslime in der Schweiz. Zürich: Seismo (Sozialer Zusammenhalt und kultureller Pluralismus). Bleisch Bouzar, Petra: Gelebte und erzählte Scharia in der Schweiz. Empirische Studien zur Aneignung religiöser Normen durch zum Islam konvertierte Frauen (Freiburger Veröffentlichungen zum Religionsrecht, 33). Endres, Jürgen; Tunger-Zanetti, Andreas; Behloul, Samuel-Martin; Baumann, Martin (2013): Jung, muslimisch, schweizerisch. Muslimische Jugendgruppen, islamische Lebensführung und Schweizer Gesellschaft. Ein Forschungsbericht. Luzern: Universität Luzern. Leuenberger, Susanne (2013): «‹I have become a stranger in my homeland›. An analysis of the public performance onf converts to Islam in Switzerland». In: Samuel-Martin Behloul, Susanne Leuenberger und Andreas Tunger-Zanetti (Hg.): Debating Islam. Negotiating Religion, Europe, and the Self. Bielefeld: transcript (Globaler - lokaler Islam), S. 181–202. Müller, Monika (2013): Migration und Religion. Junge hinduistische und muslimische Männer in der Schweiz. Wiesbaden: Springer VS (Beiträge zur Regional- und Migrationsforschung). Ausserdem: diverse Schlussberichte des Nationalen Forschungsprogramms 58: www.nfp58.ch (Allenbach/Herzig/Müller; Dahinden/Duemmler/Moret; Ettinger/Imhof; Morgenthaler et al.; Rudolph/ Lüddeckens/Uehlinger; Dahinden/Wyss). 1 Die Workshops fanden unter den Titeln «Facebook, Klassenzimmer und Koran» bzw. «Mittendrin statt nur dabei» in der ganzen Deutschschweiz statt, einer auch in Genf. 2 «Bildungsentscheidungen adoleszenter Musliminnen der zweiten Generation in der Schweiz» (Nathalie Gasser, 2014- 2017), «Biographische Prozesse von religiöser Um- und Neuinterpretation» (Rebekka Khaliefi, 2016-2018). 3 Das Kopftuch wird nicht von allen Muslimen als religiöse Pflicht angesehen und auch darüber, ob nur das Haar oder auch das Gesicht verhüllt werden sollen, finden sich unterschiedliche Auslegungen. Ein Teil der Muslime leitet eine Verpflichtung der Frauen zur Bedeckung aus dem Koran ab. Allerdings benennen die Koranverse nicht eindeutig, welche Frauen was alles vor wem und in welchen Situationen verhüllt werden sollten. Auch der Blick in die Sunna, die Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Muhammad, lässt hier unterschiedliche Interpretationen zu. Gegenwärtig plädiert aber eine Mehrheit der muslimischen Gelehrten für das Tragen des Kopftuchs (nicht aber des Gesichtsschleiers), und viele junge Musliminnen betrachten das Kopftuch als ihre religiöse Pflicht. Diese Plicht hat jedoch nicht den gleichen Stellenwert wie etwa die Pflicht zum Gebet oder zum Almosengeben. 4 Alle Interviews fanden vor dem Putschversuch vom Juli 2016 und der darauf folgenden Repression gegen Regierungsgegner statt. 5 Im Islam gelten auch Adam, Noah, Abraham, Mose, Jesus und weitere Gestalten des Alten und Neuen Testaments als wichtige Propheten. http://www.nfp58.ch/ Zentrum Religionsforschung Universität Luzern Frohburgstrasse 3 Postfach 4466 6002 Luzern Tel. 041 229 56 00 imracy@unilu.ch Dieser Bericht steht zum Download zur Verfügung auf der Internetseite www.unilu.ch/imracy. Dort finden Sie auch weitere Informationen über das Forschungsprojekt sowie Hinweise auf Workshop-Angebote zur Vertiefung. mailto:imracy@unilu.ch http://www.unilu.ch/imracy