Foto Andreas Eicker

Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht, Internationales Strafrecht und Kriminologie

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CV

Prof. Dr. Andreas Eicker hat Rechtswissenschaften mit strafrechtlicher Schwerpunktausbildung an der Universität Bremen studiert. In seiner Dissertation zum Thema "Transstaatliche Strafverfolgung" befasste er sich mit der Europäisierung, Internationalisierung und Fortentwicklung des Grundsatzes ne bis in idem und promovierte damit an der Universität St. Gallen. Er habilitierte sich 2009 an der Universität Bern mit einer Arbeit zur "Prozeduralisierung des Strafrechts". In seiner Habilitationsschrift behandelt er Fragen eines Paradigmenwechsels in der Steuerungsarchitektur des materiellen Strafrechts.

Vor seiner Berufung an die Universität Luzern war Andreas Eicker Vertreter des Lehrstuhls für Strafrecht an der Universität St. Gallen und Assistenzprofessor am Institut für Strafrecht und Kriminologie (ISK) der Universität Bern. Zudem war er dort als Dozent an der School of Criminology, International Criminal Law and Psychology of Law (SCIP) tätig. Bevor Andreas Eicker seinen wissenschaftlichen Werdegang in der Schweiz mit einer Assistenztätigkeit an der Universität St. Gallen begann, war er Mitarbeiter in Lehre und Forschung an der Universität Bremen. Dort realisierte er insbesondere ein Forschungsprojekt zur Untersuchung der Lebenswirklichkeit im Strafvollzug, wofür er von der Körber-Stiftung (Hamburg) ausgezeichnet wurde. Ausserdem war er Rechtsreferendar bei der Staatsanwaltschaft und dem Landgericht Oldenburg. Weitere Stationen führten ihn ans Bundesverfassungsgericht und an die deutsche Botschaft in der Türkei. 

Curriculum Vitae Andreas Eicker

Interviews

Interview in "cogito" Das Wissensmagazin der Universität Luzern

Ehre – länderübergreifend betrachtet

Sowohl vom Konzept Ehre als auch vom Schutz der Ehre könnenje nach kultureller und religiöser Prägung unterschiedliche Vorstellungen bestehen. Strafrechtsprofessor Andreas Eicker hat den Vergleich zwischen der Schweiz und der Türkei vorgenommen.

Interview: Simone Gebistorf vom 10. Dezember 2019 in cogito Das Wissensmagazin der Universität Luzern, 04/2019

Andreas Eicker, wie kam es dazu, dass Sie explizit zum Ehrbegriff forschen?

Andreas Eicker: Der Hintergrund ist, dass bereits in der Schweizer Rechtsordnung nicht ganz klar ist, was unter Ehre genau zu verstehen ist. So stellen sich im strafrechtlichen Bereich Fragen wie: Wer ist Träger des Rechtsgutes Ehre? Haben Unternehmen und juristische Personen eine Ehre? Ist nur die äussere oder auch die innere Ehre geschützt? Zudem wird das Rechtsgut Ehre oft nur im Zusammenhang mit Ehrverletzungsdelikten thematisiert, also Straftaten, welche die Ehre einer anderen Person gefährden oder verletzen.

Was gibt es denn noch?

Sogenannte «Ehrschutzdelikte», bei denen der Täter oder die Täterin Rechtsgüter anderer verletzt, um beispielsweise die eigene Ehre oder die Ehre der Familie etc. zu bewahren oder wiederherzustellen. Hierunter fallen Gewalttaten im Namen der Ehre, zum Beispiel Ehrenmorde. Unsere Rechtsordnung hat immer mal wieder mit solchen Fällen zu tun, aber andere Rechtsordnungen begegnen dem viel öfter. Mit Rücksicht auf solche Fragen wollte ich herausfinden, welche strafrechtliche Bedeutung der Begriff Ehre in Rechtsordnungen hat, denen man gemeinhin unterstellt, dass die Ehre einen höheren Stellenwert als hierzulande hat, und inwiefern Religion bei der Entwicklung des Ehrverständnisses eine Rolle spielt.

Daher also die Türkei – Sie realisierten die Forschung zusammen mit vier türkischen Universitäten – als Vergleichsland?

Natürlich hätte es auch ein anderes Land sein können, jedoch habe ich Kontakte in die Türkei, die mir immer wieder von grossen Problemen mit Gewalttaten im Namen der Ehre berichteten. Es bot sich deswegen an, für eine allfällige Zusammenarbeit diese Kolleginnen und Kollegen zu kontaktieren. Zudem war mir bekannt, dass in der türkischen Sprache unterschiedliche Begriffe für Ehre benutzt werden.

Worin bestehen rechtliche Unterschiede im Ehrverständnis der Türkei und der Schweiz?

Was den Schutz der persönlichen Ehre anbelangt, gehen die schweizerische und die türkische Rechtsordnung nicht von grundlegend verschiedenen Konzepten
aus. Die individuelle Ehre ist auch in der Türkei geschützt, und Delikte wie der Ehrenmord sind dort sogar explizit als qualifiziertes – also besonders gravierendes – Tötungsdelikt unter Strafe gestellt. Davon wird in der Praxis aber sehr zurückhaltend Gebrauch gemacht. Meistens wird die Tat nur als einfache vorsätzliche Tötung gewertet, sodass dann sogar noch die Möglichkeit besteht, dass der Täter von einer Privilegierung profitiert, beispielsweise der ungerechtfertigten Aufreizung durch die Frau. Der Türkei ist es bis anhin nicht gelungen, die Zahl der Ehrenmorde zu reduzieren. Wie gesagt, gibt es im Türkischen unterschiedliche Ehrbegriffe, die sich auf gesellschaftliches Ansehen beziehen. Zudem kennt das türkische Strafgesetzbuch bei einer Beleidigung gegenüber der Religion spezielle Strafverschärfungsgründe, und die staatliche Ehre wird durch mehrere Straftatbestände explizit geschützt.

Wie sind Sie bei der Durchführung des Projekts konkret vorgegangen?

Ich habe, um ein Bild vom vorherrschenden Ehrverständnis und den Strafbedürfnissen zu erlangen, Erhebungen unter Studierenden der Universität Luzern und an den vier türkischen Universitäten durchgeführt. Anschliessend habe ich jeweils eine Vorlesung zum Thema Ehre und Strafrecht gehalten und bin sodann auf dieser Basis in eine Diskussionsrunde mit Studierenden und Dozierenden eingetreten, um die jeweiligen Standpunkte noch besser auszuloten.

Was sind Ihre bisher gewonnenen Erkenntnisse in Bezug auf religiöse Prägung beim Ehrverständnis?

Die Erhebungen haben gezeigt, dass sich die grössten Unterschiede erst ergeben, wenn man anstatt nach der Religion nach der kulturellen Herkunft differenziert. Man darf wohl den Schluss ziehen, dass nicht der Faktor Religion allein für das jeweilige Ehrverständnis ausschlaggebend ist, sondern vielmehr, in welcher Kultur beziehungsweise Gesellschaft und Rechtsordnung man sozialisiert wird. Das Ehrverständnis und damit verbundene Schutz- und Sanktionserwartungen entstehen in einem Zusammenwirken von Faktoren wie Erziehung, gelebtem Rollenverständnis, gesellschaftlichen Erwartungen, erlebter Rechtsordnung und so weiter. Allerdings muss man vorsichtig sein mit Schlussfolgerungen, da die vorgenommene Stichprobe für allgemeingültige Aussagen nicht gross genug ist. Wie erwartet, hat sich aber gezeigt, dass für Verhaltensweisen, die mit der eigenen, praktizierten Religion in Zusammenhang stehen, mehrheitlich kein Sanktionsbedürfnis gesehen wird.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir das Thema Beschneidung: Für die medizinisch nicht indizierte Genitalbeschneidung eines urteilsunfähigen Jungen – im Islam mitunter ein symbolischer Akt zu Ehren Gottes – bestand unter den befragten muslimischen Studierenden mehrheitlich kein Sanktionsbedürfnis. Dies im Kontrast zu den befragten Studierenden christlichen Glaubens in der Schweiz, welche die Beschneidung als Körperverletzung betrachteten und sich zu 94 Prozent für die Strafbarkeit aussprachen.

Was waren die Herausforderungen bei diesem Projekt?

Herausfordernd war, gegenüber türkischen Studierenden und Dozierenden darzulegen, weshalb in der Schweiz gewisse Diskussionen geführt werden. Schon die Frage, ob man das freiwillige Tragen eines Gesichtsschleiers verbieten und sanktionieren soll, war für die allermeisten überraschend. Es war und ist dann auch schwer zu begründen, welche Rechte respektive Rechtsgüter überhaupt strafrechtlich geschützt werden sollen, wenn der Schleier beispielsweise zum Schutz der eigenen Ehre tatsächlich freiwillig getragen wird. Man muss ja immer bedenken, wofür Strafrecht eigentlich gedacht ist: Strafrecht ist das schärfste Schwert, welches dem Staat zur Verfügung steht, und es ist als ultima ratio gedacht. Es hat mithin fragmentarischen Charakter und ist kein taugliches Mittel, um Verhaltensweisen, die möglicherweise von Einzelnen als irgendwie störend empfunden werden könnten, sanktionierend zu verbieten. Klar etwas anderes gilt, wenn eine Frau dazu gezwungen wird; dies wird aber sowieso schon vom Nötigungstatbestand im Strafgesetzbuch erfasst, insofern braucht es keine zusätzlichen Verbote und Sanktionen.

Was beeindruckte Sie während Ihrer Forschung?

Zu sehen, wie offen in der Türkei trotz des politischen Klimas seitens der Studierenden und Dozierenden über diese Themen diskutiert wurde. Nur an einer Universität wurde während meiner Vorlesung zwei, drei Male eingegriffen. Da hatte ich dann schon den Eindruck, dass noch etwas «richtiggestellt» werden sollte. Meine türkischen Kolleginnen und Kollegen und auch die Studierenden haben es aber sehr geschätzt, über diese Aspekte zu diskutieren.

Und so am Austausch teilnehmen zu können …

Genau. Denn im Moment ist in der Türkei das Problem, dass viele Tagungen und Veranstaltungen abgesagt werden. Damit werden die türkischen Kolleginnen und Kollegen im wissenschaftlichen Austausch isoliert. Viele trauen sich auch nicht mehr, so offen zu schreiben und zu formulieren wie früher. Sie sind vorsichtig geworden und fühlen sich kontrolliert. Deswegen wurde es allseits sehr geschätzt, dass ich gekommen bin und sie am wissenschaftlichen Diskurs partizipieren konnten.

Was ist als Nächstes geplant?

Nach einer abgehaltenen internationalen Konferenz inklusive Tagungsband im Rahmen des Forschungsschwerpunkts «FaMiGlia» mit Professorin Stephanie Klein und einer gemeinsamen Lehrveranstaltung geht es nun natürlich noch darum, die gewonnenen Erkenntnisse zu publizieren. Angedacht ist zudem, weitere Rechtsvergleiche anzustellen. Ich könnte mir eine Ausweitung insofern vorstellen, dass man nicht nur Studierende in der Türkei befragt, sondern noch weitere Länder hinzunimmt.

Interview der Studierendenorganisation der Türk Alman Üniversitesi (TAU/TDU)

Herr Prof. Dr. Eicker beantwortete Fragen nach seiner informativen Konferenz über die Grundzüge des schweizerischen Strafrechts im Anschluss an die Projekt-Tagungen zu "Ehre in Recht und Religion" in Istanbul und Antalya.

Interview: Ozan Emin Halhallı, Macide Nur Karataş, Erdem Küçüker vom 23. August 2018 in TAÜ PRO BONO HUKUK KULÜBÜ

Die Fragen über die Beziehungen mit den Studenten

Welche Situationen sind am schwierigsten in Ihrer Vorlesung für die Studenten? Sie haben vielleicht ein Beispiel darüber.

Andreas Eicker:  Das ist eine Frage, die Sie eigentlich an meine Studierenden richten müssten. Ich stelle aber immer wieder fest, dass es für Studierende schwierig ist, vom konkret besprochenen Straftatbestand zu abstrahieren und zu erkennen, dass wir eine bestimmte Strafvorschrift gerade deshalb besprechen, weil sie eine bestimmte Rechtsfigur enthält, die dann in anderen Straftatbeständen wieder vorkommt, so dass das gelernte Wissen auf Neues übertragen werden kann und damit auch der Umgang mit Strafnormen möglich wird, die man in der Vorlesung noch nicht ausgiebig kennengelernt hat.

Ich glaube, diese Erfahrung haben auch die Studierenden der TDU während meiner Vorlesung gemacht. Sie konnten sehen, dass bestimmte Rechtsfiguren, die sie anhand des türkischen oder deutschen Strafrechts erlernt haben, ihnen helfen, sich z.B. das Schweizer Strafrecht zu erschliessen. 

Was erwarten Sie von Ihren Studenten?

Ich wünsche mir, dass die Studierenden begreifen, dass es immer nur um ein exemplarisches Lernen des Rechtsstoffes gehen kann und es wichtig ist, sich ein Handwerkszeug anzueignen, welches es sodann ermöglicht, mit neuen Problemen umzugehen, vielleicht sogar mit solchen Fragen, die in der Rechtswissenschaft und Rechtspraxis noch gar nicht gestellt und behandelt worden sind. Die Studenten sollen erfahren, dass sie nicht Rechtskunde, sondern Rechtswissenschaft studieren, also lernen sollen, das Recht kritisch zu hinterfragen und auch weiter zu denken. Dafür müssen sie sich das notwendige Rüstzeug aneignen. Insofern erwarte ich natürlich auch, dass sie sich mit der strafrechtswissenschaftlichen Fachliteratur befassen und nicht nur mit einem Vorlesungsskript.

Haben Sie eine besondere unvergessliche Erinnerung mit Ihren Studenten?

Ja, es ist immer wieder bereichernd, wenn ich sehe, dass es "Klick" macht in den Köpfen und die Studierenden insbesondere erkennen, dass es eigentlich nicht darum geht, das wiederzugeben, was in den Lehrbüchern steht oder vom Bundesgericht vertreten wird, sondern es vielmehr darum geht, eine eigene vertretbare Rechtsposition zu entwickeln. Natürlich muss dies dann vor dem Hintergrund geschehen, was in Lehre und Praxis bereits vertreten wird. Schön sind natürlich aus Seminare oder Veranstaltungen in Kleingruppen, wie ich sie z.B. auf Masterstufe im Verwaltungsstrafrecht durchführe, weil man viel mehr dazu kommt, miteinander zu diskutieren. 

Die Fragen über die juristische Perspektive

Sie haben an der Rechtsabteilung der deutschen Botschaft in Ankara gearbeitet. Was für eine Aufgabe hatten Sie dort als Jurist? Welche Fähigkeiten soll man erwerben, um an einem Konsulat als Jurist arbeiten zu können?

Ja, das ist nun schon eine Weile her, war aber in jeder Hinsicht eine tolle Erfahrung. Ich habe Ankara als eine interessante Stadt erlebt, gerade weil sie eigentlich ganz untouristisch ist. Ich war vor allen Dingen mit Fragen befasst, die den Aufenthalt in Deutschland und den Familiennachzug nach Deutschland betreffen. Daneben habe ich auch an Konferenzen teilgenommen und Prozessbeobachtung gemacht.  

In der Türkei verfolgt jeder Jurastudent einen gemeinsamen Lehrplan ohne Spezialisierungsmöglichkeiten? Welche Vor- und Nachteile sehen Sie bei einem Jurastudium mit einer Spezialisierung in einem besonderen Bereich, wie Sie z.B im Strafrecht gehabt haben?

Ich halte es für richtig, sich im Studium nicht zu früh oder auch noch gar nicht zu spezialisieren. Wichtig ist, eine solide Grundausbildung zu erhalten, mit der Sie dann Anschlussfähig sind in den vielfältigen Themenbereichen, in denen Juristinnen und Juristen heute eingesetzt werden. Zentral ist – und damit schliesse ich an das an, was ich eingangs schon gesagt habe -, dass Grundfertigkeiten erworben werden, mit denen man sich später im Beruf neue juristische Themen rasch erschliessen kann. Es ist ohnehin eine Illusion, zu glauben, man könne an der Uni wirklich Spezialist in einem bestimmten Bereich werden. Die Spezialisierung muss jeder "on the job" dort bekommen, wo sie bzw. er konkret tätig ist. Es ist insofern meines Erachtens nicht die Aufgabe der Uni Spezialisten auszubilden. Neben der Lehre des juristischen Handwerkszeugs muss es der Uni vor allem auch um die Vermittlung eines rechtsstaatlichen Bewusstseins gehen. 

Sie waren an der School of Criminology, International Criminal Law and Psychology of Law (SCIP) zuständig. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Strafrecht und Psychologie?

Etwas von Psychologie zu verstehen, scheint mir, zumindest wenn man als Strafrechtler oder Strafrechtlerin in der Praxis tätig ist, als wichtig. Denn Vieles von dem, was geschieht, wird erst mit Blick auf die Psyche des Täters überhaupt verständlich bzw. begreifbar. Das kann dann wichtig werden bei Fragen der Schuld, der Strafzumessung, der Verhängung von Massnahmen usw. Auch für die Würdigung von Gutachten können psychologische Kenntnisse bedeutsam sein. Andernfalls läuft man Gefahr, dass bildhaft gesprochen der Gutachter auf der Richterbank Platz nimmt.

Haben Sie sich in Ihrem Jurastudium an jemandem als ein Beispiel genommen?

Ja, Vorbild war für mich insbesondere ein ehemaliger Leiter der Strafvollzugsanstalt in Bremen, wo ich studiert habe. Dieser Gefängnisdirektor hat einem Studienkollegen und mir ermöglicht, ein Projekt zur Untersuchung der Lebenswirklichkeit im Bremer Strafvollzug durchzuführen. Daraus sind ein Buch, Vorträge und weitere Publikationen entstanden. Schon damals wurde quasi mein Interesse für die Forschung geweckt. Zudem hat mir ein Professor die Gelegenheit gegeben, in der Lehre mitzuwirken, das hat mir auch viel Spass gemacht. Ich wusste daher früh, dass ich eine universitäre Laufbahn in Forschung und Lehre einschlagen wollte, was dann glücklicherweise auch Gelungen ist.

Die Fragen über das Rechtssystem

Ist "die Bahnung der Verwendung des Betäubungsmittels" strafbar in schweizerischem Strafrecht? Wenn es geregelt ist, finden Sie die Regelung zutreffend? Wenn es nicht geregelt ist, braucht man diese Regelung nach Ihrer Meinung?

Wenn Sie danach fragen, ob die "Anbahnung" von Betäubungsmittelhandel und auch der Verwendung von Betäubungsmitteln bereits strafbar ist, so ist mit Blick auf die Schweiz festzustellen, dass nach dem Betäubungsmittelgesetz bereits das sog. "Anstaltentreffen" zum Betäubungsmittelhandel unter Strafe steht. Es sind mithin schon reine Vorbereitungshandlungen strafbar, obwohl der sehr ausführliche Tatbestand ohnehin schon jegliche Form des Umgangs mit Betäubungsmitteln grundsätzlich unter Strafe stellt. Das ist vor dem Hintergrund, dass Vorbereitungshandlungen im Strafrecht eigentlich noch straflos sein sollten, nicht unproblematisch. Diese weitere Vorverlagerung der Strafbarkeit ist auch mit Blick auf den Bestimmtheitsgrundsatz und die Versuchsdogmatik nicht unproblematisch.

Heutzutage ist in der Türkei kontrovers diskutiert, ob die Kastration von Sexualtätern oder die Todesstrafe als Strafe geregelt werden soll. Was denken Sie darüber? Kann das Recht auf Leben oder auf körperliche Unversehrtheit verletzt sein, um den Straftätern auszureden?

Ich meine nicht, dass sich ein Mensch anmassen sollte über Leben und Tod eines anderen Menschen zu entscheiden. Die Todesstrafe passt auch nicht zu einem auf Resozialisierung angelegten Sanktionskonzept und sie führt offenbar, wenn wir auf die USA blicken, auch nicht zu weniger Straftaten. Eine chemische Kastration muss als massiver Eingriff in die körperliche Integrität von der Einwilligung des Betroffenen abhängig gemacht werden. Zu bedenken ist insbesondere, dass eine zwangsweise Kastration nicht in jedem Falle verhältnismässig wäre, da nicht jede Sexualstraftat aufgrund eines gesteigerten Sexualtriebs geschieht. In vielen Fällen ist der Wunsch nach einer intimen Beziehung, verbunden mit Wut, der Auslöser für ein Sexualdelikt. Durch die Kastration kann sogar das Aggressionspotential gesteigert werden. Man sollte daher vorsichtig sein mit verallgemeinernden und radikalen Lösungen.  

Interview mit dem Stämpfli Verlag in «Die Marginalie»

Wer ist Professor Eicker?

Interview: Erschienen in "Die Marginalie" Stämpfli Verlag 02/2010

Warum haben sie sich für das Jusstudium entschieden?

Andreas Eicker: Das war am Anfang sicher weniger eine emotionale als eine rationale Entscheidung. Mit Rücksicht auf persönliche Entwicklungsmöglichkeiten, Berufsaussichten usw. habe ich mich zum Jurastudium entschlossen. Richtig fasziniert hat mich die Materie aber erst, als ich bereits im Studium an der Universität Bremen die Gelegenheit bekam, ein grösseres Buchprojekt im Bereich Strafvollzug zu initiieren und zu realisieren, und auch als Assistent in der Lehre mitarbeiten konnte. Dort liegen quasi meine persönlichen Wurzeln für eine Tätigkeit in Forschung und Lehre. Die Begeisterung dafür hat mich durch das Studium getragen und kann sich in meiner heutigen Position nun weiter entfalten.

Worin liegt für Sie heute die Herausforderung, Recht zu praktizieren, Recht zu lehren oder über Recht zu schreiben?

In der Lehre sehe ich eine Herausforderung darin, auf die stetig wachsenden Erwartungen der Studierenden zu reagieren. Diesbezüglich hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Der Professor und die Professorin und der gesamte Lehrstuhl werden heute viel stärker als ganzheitlicher Dienstleister wahrgenommen. So berechtigt die damit verbundenen Erwartungen auch sind, darf meines Erachtens nicht vergessen werden, die Studierenden auch zum selbstständigen Recherchieren, Formulieren, Forschen, kreativen Denken usw. anzuregen. Der notwendige Freiraum dafür darf den Studierenden nicht durch zu viel vorgefertigte und abrufbare Dienstleistungen genommen werden. Nur aus Freiraum entsteht Kreativität. Dafür müssen wir die geeigneten Lehrgefässe und Lehrformen entwickeln und umsetzen. Über Recht zu schreiben ist, wenn man ein anspruchsvolles Thema wählt, wohl immer eine Herausforderung. Im Moment beschäftigt mich und meinen Lehrstuhl z.B. das Verwaltungsstrafrecht, welches in seinem Verhältnis zum StGB-Strafrecht mit seinem neuen Allgemeinen Teil und zur neuen StPO (ab 2011) in weiten Teilen ungeklärt scheint. Auch die «Prozeduralisierung des Strafrechts », welche Thema meiner gerade erschienenen Habilitationsschrift ist, wird für mich eine Herausforderung in der Forschung bleiben.

Auch das Recht ist dem steten Wandel der Zeit ausgeliefert. Was hat sich seit Ihrem Studium verändert?

Die Wahrnehmung des Rechts im Studium ist sicher eine andere, das Recht wird fragmentarischer wahrgenommen. Zwar hat das Strafrecht tatsächlich fragmentarischen Charakter, doch scheinen mir die Erwartungen, die an das Recht und insbesondere auch an das Strafrecht herangetragen werden, immer grösser zu werden. Der Gesetzgeber scheint unter diesem Eindruck geneigt, immer rascher und immer mehr Gesetze zu schaffen, die vermeintlich Probleme lösen und vielleicht letztlich doch nur Symbolik sind.

Gibt es ein berufliches Projekt, welches Sie noch nicht in Angriff genommen haben, aber an dem Ihnen viel liegt?

Ich würde mich gerne mehr mit dem Strafrecht aus mir fremden Rechtsordnungen befassen. Ich denke, das hilft, fremde Kulturen in ihrem Denken und in ihren Entscheidungen zu verstehen, und bereichert sicher auch das eigene Rechtsverständnis.

Gibt es neben Recht ein weiteres Gebiet, über das Sie gerne schreiben würden?

Wenn ich mir abends für meinen fast dreijährigen Sohn Geschichten ausdenke, habe ich schon einige Male überlegt, diese zu Papier zu bringen. Ein Renner ist die Geschichte vom rosaroten Elefant und der Giraffe, die durch die Savanne in Afrika streifen. Vielleicht ist diese Geschichte aber auch nur so beliebt, weil gerade ich sie ihm erzähle, und hätte in einer anderen Vater-Kind-Beziehung keinen Reiz.

Wie schaffen Sie sich einen Ausgleich zum spannenden, aber anstrengenden Berufsalltag?

Ganz sicher ist die Familie mein Rückhalt und mein Ausgleich. Aber ich arbeite sehr gerne, und der Spass bei der Arbeit ist in gewisser Weise auch ein Ausgleich für Verpflichtungen im Privaten; gerade Kindererziehung ist zwar eine bereichernde, aber auch eine enorm anspruchsvolle und auch anstrengende Aufgabe. Zudem versuche ich gerade an den Wochenenden die Schweiz noch besser kennenzulernen und habe durch meinen neuen Standort in Luzern tolle Ziele in der Zentralschweiz, die es zu entdecken gilt.

Über was können Sie lachen, was stimmt Sie traurig?

Am liebsten lache ich über meinen Sohn, der eben begonnen hat, eine interessante Mischung aus Schweizerdeutsch, Hochdeutsch und Spanisch (meine Frau ist Argentinierin) zu sprechen. Gelacht habe ich z.B. vor Kurzem, als er meinte, ich solle besser die Treppe «abbegumpe» ... Mir war dieses Wort bis dahin unbekannt, und ich habe mich gefreut, zu hören, wie selbstverständlich er im Schweizerdeutsch ankommt. Ich muss gestehen, dass ich befürchte, dass mir das – zumindest was das Sprechen anbelangt – wohl nicht gelingen wird. Traurig, auch wenn das sicher ein zu starkes Wort dafür ist, macht mich die zunehmende Anonymisierung des Alltags, die mir mit seiner zunehmenden Technisierung Einzug zu halten scheint. 

Projekte

Publikationen

Zeitschriftenartikel

Buchkapitel, Beitrag in Sammelband

Urteilsbesprechung

Weitere Forschungsleistungen

Vortrag auf Einladung

Preise, Auszeichnungen und Stipendien

Interessenbindungen

Mitgliedschaften

  • Erweiterte Universitätsleitung, Mitglied, Schweiz, 2019–
  • Senat der Universität Luzern, Mitglied, Schweiz, 2019–
  • Stiftung für Rechtsausbildung, Mitglied, Schweiz, 2017–
  • Zentrum für Recht und Gesundheit (ZRG), Mitglied, Schweiz
  • Deutsch-Türkische-Juristenvereinigung, Mitglied, Deutschland, 2007–
  • Berner Forum für Kriminalwissenschaften BFK, Schweiz, 2009–2022
  • Wirtschaftsstrafrechtliche Vereinigung e.V., Mitglied, Deutschland, 2009–2022
  • Deutscher Hochschulverband DHV, Mitglied, Deutschland, 2008–2022
  • Deutsch-Argentinische-Juristenvereinigung, Mitglied, Deutschland, 2007–2022

Funktionen und Dienstleistungen in anderen wissenschaftlichen Institutionen

  • Kommissionsmitglied, Schweizerische Maturitätskommission (SMK), Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), 2017–